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Wie beim Tell

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Bei Menschen, die mit analogem Fernsehen im deutschen Südwesten aufwuchsen, dürften die kurzen Äffle-und-Pferdle-Clips zu den besonders hartnäckigen Erinnerungsfetzen gehören. Das liegt auch an ihrer Kürze und Prägnanz. Die Filmchen mit den von Armin Lang gezeichneten Figuren liefen immer in den Werbepausen des Süddeutschen Rundfunks, Weg-Zappen war damals (drei Programme!) nur wenig verbreitet, und so prägten sie sich ein. Und wenn der schwäbelnde Gaul etwa einen durch Pfeilbeschuss auf seinem Kopf gelandeten Apfel mit dem Satz "Wie beim Tell, gell?" kommentierte, dann war die Suche nach dem Sinn vielleicht auch ein Einstieg in die Welt der deutschen Klassiker. Ambivalent dagegen andere: Wenn die beiden Figuren mit übers Gesicht gezogenen Sombreros eine Siesta machen, gerade noch die Worte "Mir schaffet heut nix meh" herausbringend, dann können das Gutwillige als erfrischend selbstironische Auseinandersetzung mit dem schwäbischen Arbeitsethos interpretieren; weniger Gutwillige sehen darin die stumpfe Reproduktion nationaler Stereotype in Tateinheit mit kultureller Aneigung: Sombrero, klar, Mexikaner, verunglimpft als arbeitsscheue Tagediebe, pfui!

Neben dem schwäbischen Idiom zeichnet die Figuren eine gewisse sympathische Trotteligkeit und Grundheiterkeit aus. Und hier kommt Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) ins Spiel, der am vergangenen Samstag mit den Äffle-und-Pferdle-Figuren um die Wette strahlte. Den Anlass fürs gemeinschaftliche Grinsen lieferte die Einweihung der ersten Äffle-und-Pferdle-Ampel: am Arnulf-Klett-Platz in Stuttgart, nahe des halbabgebrochenen Bonatzbaus am Hauptbahnhof. Ein Pferdle-und-Äffle-Club aus Heidenheim hatte sich viele Jahre mit einer solchen Rührigkeit und Penetranz dafür engagiert, dass irgendwann die unerbittliche Bürokratie, die auf Ampeln keine nicht-menschlichen Symbolfiguren dulden mochte (Kontext berichtete), die Waffen streckte.

Wobei, das ist nicht ganz richtig. Vielmehr wurde eine Parallelstruktur gefunden: Es gibt nun beides, die gewöhnliche Ampel und direkt daneben eine mit Pferd und Affe. Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), ebenfalls zugegen, nannte dies eine "geniale Idee", die Lösung sei "ein historischer Kompromiss und ein schönes Beispiel, wie man Probleme lösen kann". Klar, Hermann, der Fuchs, hatte da wohl noch eine andere Parallelstruktur im Hinterkopf, den Stuttgarter Hauptbahnhof, dessen momentan in Bau befindliche Tieferlegung und Verkleinerung, ginge es nach Hermann, noch durch einen Ergänzungskopfbahnhof angereichert werden sollte, um die Kapazitätsreduktion in Grenzen zu halten. Ob der erklärte Ergänzungsstationsgegner Nopper diesen Wink verstand, ist nicht überliefert.

Wo ist da der Unterschied?

Und noch mehr Nachrichten aus der Welt des Verkehrs: Manchmal falle es schwer, noch auseinanderzuhalten, wo die Autoindustrie aufhört und wo die deutsche Regierung anfängt. So beschrieb es jedenfalls die "New York Times" 2017 – und während es reihenweise Anlässe gäbe, zu diesem zeitlos gültigen Urteil zu gelangen, waren es damals der Dieselskandal, der politische Umgang damit und natürlich die nahtlosen Übergänge zwischen Ministeramt und Lobby, die den Stein des Anstoßes darstellten. Fünf Jahre später hat nun das ZDF-Format "Die Anstalt" enthüllt, wie der Porsche- und designierte VW-Chef Oliver Blume bei einer Betriebsversammlung geprahlt haben soll: Sein Unternehmen habe als "Haupttreiber mit ganz engem Kontakt" einen "sehr großen Anteil" daran, dass die Nutzung von synthetischen Kraftstoffen für Verbrennungsmotoren weiterhin legal bleibt, zudem habe ihn ein eifriger Christian Lindner "fast stündlich auf dem Laufenden gehalten", wie sich die Koalitionsverhandlungen entwickelten.

Natürlich handelt es sich bei seinen "überspitzten" Aussagen um ein Missverständnis, rudert Blume später zurück. Einflussnahme habe es keine gegeben, Ehrenwort. Und auch die FDP betont, dass ihr Chef (und Porschefahrer) schon lange vor den Koalitionsverhandlungen E-Fuels-Fan war und zur Bewältigung der Klimakrise stets für Technologieoffenheit plädiert hat. Allerdings haben Fachleute längst klar gemacht, dass sie die synthetischen Kraftstoffe für ineffizienten Unsinn halten, wie Jürgen Lessat in Kontext-Ausgabe 588 ausführlich beschrieben hat. Ein nettes Detail: Im Süden Chiles baut Porsche aktuell für 70 Millionen Euro eine Pilotanlage, die bis 2026 stolze 550 Millionen Liter E-Fuels produzieren soll, um sie sehr klimafreundlich – hust, hust! – per Tanker nach Deutschland zu schippern. Und es wäre ja wirklich zu schade, wenn eine regulationswütige Politik diese tolle Investition in ein Verlustgeschäft verwandelt und die deutsche Wirtschaft Schaden nimmt.


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5 Kommentare verfügbar

  • gerhard manthey
    vor 2 Wochen
    Antworten
    schreibt sich aber mit "y"- Das ist keine Prophezeiung!
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