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Gandalf am Bahnhof

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Mittlerweile ist es ziemlich schwer, noch jemanden mit Abstrusem zu Stuttgart 21 hinterm Ofen hervorzulocken. Die Kapazität der Tiefhaltestelle ist noch verheerender als befürchtet – ja, isses wahr! Das Projekt soll nochmal ein paar Milliärdchen teurer werden – gibt's auch mal was Neues? Und wegen all der Mängel kommen noch ein paar irrsinnig teure Ergänzungsprojekte oben drauf – schnarch.

Ob sich das jetzt ändert? Egal, ein veritabler Skandal ist es auf jeden Fall, was Kontext-Autor Jürgen Lessat in dieser Ausgabe beschreibt: Für den Fildertunnel, den längsten und steilsten Tunnel des Projekts, hat die Bahn trotz gegenteiliger Behauptungen nie eine Tunnelevakuierung bei einem Brandfall simuliert. Der Simulation eines Rettungsszenarios lag offenbar nur ein "kaltes Ereignis" zugrunde. "Kaltes Ereignis", das nur zur Erklärung, soll bedeuten, dass ein Zug liegen bleibt, ohne dabei zu brennen. Der Brandfall ist dann, Sie ahnen es, ein "heißes Ereignis". Willkommen im Euphemismen-Wunderland, Sektion Bahn.

Warum aber nur ein "Kaltereignis" und kein heißes? Fragt sich da der Laie. Die Antwort des Bahn-Anwalts sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen: "Es ist … bereits nicht sehr wahrscheinlich, dass ein brennender Zug überhaupt im Tunnel zu stehen kommt. Dass gleichzeitig noch der Ausgang versperrt sein soll … muss nicht betrachtet werden. Denn es ist nicht erforderlich, alle nur irgendwie denkbaren Risikoszenarien kumuliert zu betrachten." Kurz: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Na, da sind wir ja beruhigt. Auch darüber, dass dies allen zuständigen Behörden offenbar herzlich schnuppe ist. Dass wir dieses konkrete Problem gar nicht hätten, wenn nicht die Deutsche Bahn seit ihrer Privatisierung in einen grotesken Tunnelbau-Wahn verfallen wäre, ist eine weitere Facette des Schienen-Irrsinns, dem sich Winfried Wolf in dieser Ausgabe widmet.

Die Simulations-Tricksereien entdeckten Mitglieder des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, darunter der ehemalige Richter Dieter Reicherter, durch eingehende Analyse von Bahn-Dokumenten. Sie stellten ihre Ergebnisse neben Kontext auch den Kollegen des ARD-Politmagazins "Report Mainz" zur Verfügung, deren Beitrag dazu am gestrigen Dienstag lief. 

Einer der ersten, die schon Mitte der Neunziger vor den Risiken von Stuttgart 21 warnten, war Gangolf Stocker. "Bis in diesem Tunnelbahnhof mal Züge fahren, wird Gangolf noch in vielen Punkten seiner früh erarbeiteten Kritik bestätigt werden", schreibt der frühere Grünen-Politiker Werner Wölfle in dieser Ausgabe. Er wird es nicht mehr erleben; Stocker ist am vergangenen Freitag gestorben. Aus dem aktiven Protestgeschehen hatte er sich schon lange zurückgezogen, schwer krank war er zudem seit mehreren Jahren. Eine zentrale Figur des Protests gegen S 21 bleibt er, auch wenn er so viel mehr war als nur der Kämpfer gegen ein missratenes Großprojekt.

An die verschiedenen Facetten des Menschen Gangolf Stocker erinnern in dieser Ausgabe Kontext-Redakteur Josef-Otto Freudenreich und viele seiner früheren WeggefährtInnen . Dazu hier noch eine kleine Anekdote: Als das Stadtmagazin Lift 2009 in einem Schwerpunkt über Bürgerinitiativen auch Stocker porträtierte, machte Fotografin Angelika Grossmann aus ihm kurzerhand "Gandalf Stocker". Und ja, eine ganz leichte Ähnlichkeit mit dem Zauberer aus "Herr der Ringe" ist vorhanden, kämpfte der eine auch um Mittelerde, der andere um seine Stadt. Für Gangolf ist das Kämpfen nun zu Ende. Vergessen werden wird er nicht – dafür hat er in Stuttgart zu viel in Bewegung gebracht. Adieu.

Erinnern ohne Erlaubnis?

Nachdem vor einem Jahr neun junge Menschen durch rassistischen Terror in Hanau ermordet wurden, brachten AktivistInnen von "Stuttgart gegen rechts" am 19. Februar, dem Jahrestag der Tat, eine Gedenktafel am Rathaus an. Insbesondere die AfD – aber auch die CDU – störte sich daran, angeblich weil die Montage ohne Erlaubnis erfolgt sei; die von Rechtsradikalen durchsetzte Partei erkundigte sich gar bei der Stadtverwaltung, ob eine Strafanzeige gegen die Täter geplant sei. Die linke "FrAktion" im Stuttgarter Gemeinderat sprach sich dafür aus, die Tafel trotz illegaler Anbringung beizubehalten. Auch der Bezirksbeirat Mitte plädierte dafür, sie am Rathaus zu belassen, zumindest bis ein alternativer Ort gefunden sei.

Doch am 25. März schritt das Kulturamt zur Tat und entfernte die Gedenktafel – um das Rathaus vor "generellem Missbrauch" zu bewahren. Die Stadtverwaltung wählte eine etwas taktvollere Rhetorik und betonte, die Tafel sei "aus Gründen der Gleichbehandlung zunächst entfernt" worden, die Stadt sei aber bemüht, den Erinnerungsdiskurs zu erweitern. "Stuttgart gegen Rechts" dazu: "Es ist leider bezeichnend, dass die von uns angebrachte Tafel nötig war, um einen Diskurs im parlamentarischen Teil der Stadtgesellschaft anstoßen." Gerade weil sie nicht "auf langwierige politische Prozesse warten wollen", seien die AktivistInnen selbst aktiv geworden, denn Lippenbekenntnisse würden in Zeiten rechten Terrors schon lange nicht mehr reichen: "Nicht Rathäuser müssen vor Gedenktafeln geschützt werden, sondern Menschen vor Rassisten."


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