KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Im Namen der Kirchen

Im Namen der Kirchen

Datum:

Frau Ramsauer tauft, Frau Kretschmann, Frau Schmid (die vom Nils) und Frau Dietrich (nicht die vom Wolfgang) und die Pfarrer spenden den Segen Gottes, den SPD-Schmiedel schon hat. Das gilt insbesondere für die Bahntunnel, die für Stuttgart 21 und die Schnellzugstrecke nach Ulm gegraben werden müssen. Und die heißen dann Susanne, Gerlinde, Tülay und Beate. Wie heißt eigentlich die Gattin von Herrenknecht?

Nun ist die Taufe eigentlich eine ernste Sache. Wenn wir sie richtig verstanden haben, geht es darum, das zu taufende Subjekt in die Gemeinschaft der Christen einzugliedern und /oder ein öffentliches Glaubensbekenntnis abzulegen - im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Was aber hat ein Tunnel in der Kirche zu suchen? Kriegt der Wasser über den Kopf oder wird der untergetaucht? Der Frage sind jetzt fachkundige Kräfte, sprich Theologen, nachgegangen, und sie sind zu dem Ergebnis gekommen: Tunnel taugen nicht zum Taufen. Sie sprechen von "Unfug", einer "religiösen Überhöhung" und gar von "Gotteslästerung".

Darüber ist in der evangelischen Landeskirche ein heftiger Streit entbrannt, weil deren Chef Frank Otfried July früher mal gesagt hat, sein Verein sei in der Angelegenheit Stuttgart 21 strikt neutral. Also weder dafür noch dagegen. Das ist natürlich Unfug, weil die Kirche, egal ob evangelisch oder katholisch, noch nie neutral war.

Zuletzt entzündet hat sich der Glaubenskampf am Auftritt des Pastoren Markus Bauder, der den "Beate-Tunnel" in Stuttgart-Wangen gesegnet hat. Am Tag der Heiligen Barbara und "im Namen der Kirchen". Da war Bauder in gewisser Weise großzügig, weil er als Leitender Pastor der evangelisch-methodistischen Kirche in Esslingen gar nicht auf Julys Payroll steht. Aber bei der übergeordneten Bedeutung des Bahnprojekts, hat er das wohl als selbstverständlich vorausgesetzt.

Im Übrigen ging es ihm nicht um die Erdröhren, betont er, sondern um die Menschen, die sie graben. Um die Mineure und Arbeiter, die den Segen und Schutz Gottes bei der "gefährlichen Arbeit im Berg" benötigen. Dafür hat er den Psalm 91 vorgetragen, der so eine Art Rundumsorglos-Paket bietet. Vorausgesetzt, der Mensch begibt sich unter den "Schutz des Höchsten".

Dann geschieht folgendes:

a) Er rettet dich aus der Schlinge des Jägers und aus allem Verderben

b) Dir begegnet kein Unheil, kein Unglück naht deinem Zelt

c) Du schreitest über Löwen und Nattern, trittst auf Löwen und Drachen

d) Du brauchst dich vor dem Schrecken der Nacht nicht zu fürchten, nicht vor der Pest, die im Finstern schleicht

e) Du wirst es sehen mit eigenen Augen, wie den Frevlern vergolten wird.

Das wird der Mineur alles brauchen können. Genauso wie die Heilige Barbara, die von Bauders Amtsbruder aus dem katholischen Lager, Peter Maile, geweiht wurde. Ihre Schutzpatronin bringe Standfestigkeit, "wenn die Beine schlottern", versprach der Betriebsseelsorger. Im Namen der Kirchen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


7 Kommentare verfügbar

  • Rolf Steiner
    am 28.12.2013
    Antworten
    " Du schreitest über Löwen und Nattern, trittst auf Löwen und Drachen" - genau so geht es uns als Tunnel-, NBS- und S-21-Gegner.

    Wer die kleinen Frevler hängen will, sich aber freut, wenn die Großen einander laufen lassen, braucht auch den Schutz der Hl. Barbara. Doch wenn sie dereinst ihren…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!