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Katherina Reiche boykottiert Solarenergie

Mehr Energiewende statt fossile Fesseln

Katherina Reiche boykottiert Solarenergie: Mehr Energiewende statt fossile Fesseln
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Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche will offenbar die erneuerbaren Energien schwächen. Würden ihre Pläne verwirklicht, schaden sie Klima, Wirtschaft, Sicherheit und Bürgerschaft. Ein Appell an die Vernunft von Sebastian Sladek, Vorstandsmitglied der Elektrizitätswerke Schönau.

Die Energiewende ist längst kein Projekt der Zukunft mehr. Sie findet statt, nicht nur bei den großen Energieunternehmen, sondern auch sichtbar auf den Dächern von Wohnhäusern, in Bürgerwindparks und in Nahwärmenetzen, die Menschen zunehmend mit klimafreundlicher Wärme versorgen. Unternehmen wie der genossenschaftlich organisierte Ökostromversorger Elektrizitätswerke Schönau eG (EWS) zeigen seit vielen Jahren, dass Klimaschutz praktisch, dezentral und wirtschaftlich tragfähig ist. Menschen übernehmen Verantwortung, wenn ihnen die Möglichkeit dazu gegeben wird. Klimaschutz wird dadurch greifbar, gleichzeitig entsteht Wertschöpfung vor Ort, Arbeitsplätze bleiben in der Region, und das Engagement vieler Einzelner bildet das Fundament für gesellschaftliche Akzeptanz.

Umso irritierender ist es, dass in der Gestaltung der Energiepolitik nun in vielerlei Hinsicht ein Rückwärtskurs droht. Zentrale Instrumente wie der europäische Emissionshandel geraten ins Wanken. Zuletzt setzte die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wieder auf die Atomkraft. Klar tut sie das auch vor dem Hintergrund der sich verändernden Sicherheitslage. Aber mit Blick auf die Stromversorgung ist die Atomkraft eine Sackgasse, von der wir glaubten, dass wir sie zumindest in Deutschland endgültig verlassen hätten, denn nichts spricht dafür. Atomstrom ist die teuerste, risikoreichste und umweltschädlichste Form der Energieversorgung. Die Entsorgung des Atommülls ist ungeklärt, die Kühlung wird – siehe Frankreich – in Zeiten der Klimaerwärmung problematisch, die notwendigen Uran-Brennstäbe verfestigen weiter die Abhängigkeit von autoritären Regimen und ohne hohe Subventionen tragen sich Atomreaktoren wirtschaftlich niemals.

Foto: Bernd Schumacher

Sebastian Sladek, geboren 1977, ist Sohn der bekannten Stromrebellen und EWS-Mitgründer Ursula und Michael Sladek. Er studierte zunächst klassische Archäologie. Seit 2008 arbeitet er für die EWS. 2015 wurde er Vorstandsmitglied der EWS Elektrizitätswerke Schönau eG.  (red)

Die jüngst bekanntgewordenen Ideen des Bundeswirtschaftsministeriums von Katherina Reiche (CDU) und Teilen der Bundesregierung verdeutlichen die Gesamtproblematik ebenfalls. Vorgaben für klimafreundliches Heizen werden gestrichen, ohne dass gleichwertige Alternativen bestehen. Die von der Ampelregierung eingeführte 65-Prozent-Regel fällt gegen jeden gesunden Menschenverstand weg, und es dürfen nun weiterhin neue Gas- und Ölheizungen eingebaut werden. Damit kann aus unserer Sicht das Ziel der Klimaneutralität 2045 nicht erreicht werden.

Dazu kommt das geplante Netzpaket, mit dem – nach allem, was wir bislang wissen – der etablierte Anschlussvorrang der erneuerbaren Energien an das Stromnetz eingeschränkt, die Entschädigung von Anlagenbetreibern bei Anlagenabschaltungen wegen Netzüberlastung zurückgefahren und die Anlagenbetreiber übermäßig finanziell am Ausbau des Netzes beteiligt werden sollen. Unsere Sorge ist groß, dass all diese Maßnahmen in der Gesamtschau, den notwendigen Ausbau der erneuerbaren Energien massiv ausbremsen, einfach weil er zu teuer wird. Dabei brauchen wir einen ambitionierten Ausbau der erneuerbaren Energien und der Stromnetze, um die Klimaziele zu erreichen.

Ministerin Reiche schädigt Private und Unternehmen

Ein weiterer zentraler Baustein der bürgernahen Energiewende, der durch die neue Energiepolitik in Mitleidenschaft gezogen wird, sind kleine Dach-Photovoltaikanlagen. In Deutschland sind viele Dachflächen noch ungenutzt und könnten – gerade durch private Investitionen von Bürgerinnen und Bürgern – entscheidend zum Klimaschutz beitragen. Statt hier zu unterstützen, soll nach den bekanntgewordenen Plänen des Reiche-Ministeriums das für Kleininvestoren, wie beispielsweise die Bürgerenergie, so unkomplizierte System der fixen Einspeisevergütung gestrichen werden. Hausbesitzer mit PV-Anlagen sollen stattdessen ihren Öko-Strom selbst vermarkten. Wie das funktionieren soll, bleibt offen.

Eine Studie der EWS gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) zeigt aktuell, dass eine solche Streichung den Zubau von kleiner Dach-PV massiv bremsen könnte, insbesondere weil Strukturen für eine wirtschaftliche Vermarktung von Strom aus Kleinanlagen bislang nicht ausgeprägt sind. Dabei sind kleine PV-Anlagen weit mehr als nur Stromerzeugungsanlagen. Sie sind wirkmächtiges Symbol und Motor der Energiewende von unten, schaffen Akzeptanz, ermöglichen Teilhabe und machen Klimaschutz sichtbar im Alltag. Wird ihre wirtschaftliche Perspektive unsicher, verliert die Energiewende einen bedeutenden Treiber.

Ja, die vor einem Monat an die Öffentlichkeit geratenen Pläne für ein neues Erneuerbares Energiegesetz, EEG-Leak genannt, sieht auch vor, dass statt Kleinanlagen künftig mehr Solarparks gebaut werden sollen. Rein energiesystemisch betrachtet mag das sogar Sinn machen. Wir warnen jedoch vor dieser verengten Perspektive, denn wir sehen heute schon, dass auch Solarparks zunehmend mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen haben, wie es bei der Windenergie leider seit Jahren schon der Fall ist. Hier muss man sich also auf Verzögerungen, Projektklagen, etc. einstellen. Die kleine PV hat derartige Probleme nicht.

Gas und Öl machen abhängig von Diktaturen

Die Folgen einer entschleunigten Energiewende hierzulande gehen dabei weit über Umwelt- und Klimafragen hinaus. Fossile Abhängigkeit ist längst auch ein Sicherheits- und Wirtschaftsthema. Die Krisen der letzten Jahre haben dies verdeutlicht: Der russische Angriff auf die Ukraine und aktuell auch der Irankrieg zeigen, wie verletzlich uns Energieimporte machen. Energie wird geopolitisch als Druckmittel eingesetzt, Preise für Öl und Gas schwanken stark, steigende Kosten für Haushalte und Unternehmen sind die unmittelbare Folge. Man fragt sich: Haben wir denn wirklich gar nichts aus den zahlreichen globalen Energiepreiskrisen der letzten Jahrzehnte gelernt? Wer heute noch in fossile Heizsysteme und Stromerzeugung investiert, bindet sich an Risiken, die über Jahrzehnte wirken. Auch die sozialen Folgen könnten immens sein, denn insbesondere Mieterinnen und Mieter sind den Kosten und Risiken wehrlos ausgesetzt.

Erneuerbare Energien verringern die fossilen Abhängigkeiten, stabilisieren Kosten und stärken die regionale Wirtschaft. Sie sind kein Luxusprojekt, sondern Notwendigkeit. Entscheidend sind klare politische Leitplanken und Rahmenbedingungen. Halbgare Maßnahmen, vage Ankündigungen oder Zögerlichkeiten gefährden nicht nur den Klimaschutz, sondern verunsichern Menschen und Unternehmen, die aktiv mitgestalten wollen.

Die Bundesregierung trägt hier eine besondere Verantwortung: Sie muss für Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen Planungssicherheit schaffen, Instrumente wie Solar- und Wärmepumpenförderungen verlässlich gestalten und den Umstieg auf erneuerbare Technologien wirtschaftlich absichern.

Wir befinden uns in einem Transformationsprozess, den man nicht künstlich zurückdrehen kann. Das zeigt sich lokal und global. Es ist die Aufgabe der Politik, den Rahmen dafür so zu gestalten, dass Wirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Sicherheitsinteressen und nicht zuletzt gesellschaftliche Teilhabe wirksam ineinander greifen. Nur mit dieser klaren Ausrichtung können wir die Zukunft enkeltauglich gestalten.

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2 Kommentare verfügbar

  • Sela
    vor 4 Stunden
    Antworten
    Strunzdumm oder korrupt oder beides? Das ist hier die Frage.
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