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Stuttgarter CDU

Alarmierender Populismus

Stuttgarter CDU: Alarmierender Populismus
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CDU-Chef Friedrich Merz nennt seine Partei eine "Alternative für Deutschland mit Substanz". In Stuttgart kopieren die Christdemokrat:innen Inszenierungsstrategien von rechtsaußen und wollen jetzt keine Geflüchteten mehr aufnehmen. Obwohl sie wissen, dass die Stadt das gar nicht entscheiden kann.

Im Amtsblatt der Landeshauptstadt frohlockt die AfD, die "Stuttgart Altparteienfront" habe "in Sachen unbegrenzter Flüchtlingsaufnahme Risse bekommen". Wie nicht anders zu erwarten, wenn sich rechte Populisten zu Wort melden, enthält ein einzelner Satz eine Menge Unsinn. Angesichts der buchstäblich tödlichen Migrationsabwehr, mit der Europa seine Außengrenzen vor dem Andrang Schutzsuchender bewahrt, braucht es erstens eine Menge Chuzpe, noch immer das Gerücht von unkontrollierter Zuwanderung oder gar "unbegrenzter Flüchtlingsaufnahme" zu bemühen. Und zweitens setzt es eine beneidenswerte Kreativität voraus, in der Stuttgarter Kommunalpolitik eine "Altparteienfront" herbeizufantasieren. Eigentlich genügt ein Blick in den Gemeinderat und wie dort eine Diskussion über die angemessene Höhe von Parkgebühren zum ideologisch aufgeheizten Grundsatzkonflikt zwischen Linken und Liberalen, Grünen und Konservativen ausufern kann.

Zutreffend ist allerdings, dass ein bislang humanitärer Konsens seit vergangener Woche nicht mehr gilt. Als sich Stuttgart im April 2020 unter dem Eindruck der desaströsen Bedingungen im Massenlager von Moria zum "Sicheren Hafen" für Geflüchtete erklärte, war die CDU zwar dagegen und der heutige Bundestagsabgeordnete Maximilian Mörseburg unterstellte im Namen der Fraktion: "Wer die Legalisierung von Flüchtlingswegen über das Mittelmeer fordert, der lässt dabei außer Acht, dass er damit auch das Geschäft der Schlepper betreibt." Damals war es für ihn aber zumindest noch "vollkommen selbstverständlich, dass Deutschland weiter Menschen auf der Flucht aufnimmt". Heute sieht das anders aus. Alexander Kotz, Fraktionsvorsitzender der CDU im Stuttgarter Rathaus, hält die "Belastungsgrenze hinsichtlich der Integrationsmöglichkeiten und der sozialen Infrastruktur in unserer Stadt" für erreicht. Den Bau neuer Flüchtlingsunterkünfte in Stuttgart lehnt seine Partei daher ab.

So funktioniert Flüchtlingsunterbringung

Die Erstverteilung von Asylsuchenden auf die Bundesländer der Republik erfolgt nach dem Königsteiner Schlüssel, der neben der Bevölkerungszahl auch das Steueraufkommen berücksichtigt. Demnach ist Baden-Württemberg für die Unterbringung von etwa 13 Prozent aller Asylsuchenden verantwortlich. Zunächst kommen diese in einer von vier Landeserstaufnahmeeinrichtungen (Ellwangen, Karlsruhe, Freiburg, Sigmaringen) oder im Heidelberger Ankerzentrum unter. Dort erfolgen unter anderem eine erkennungsdienstliche Behandlung, Gesundheitsuntersuchungen und Aushändigung eines Ankunftsnachweises. In der Regel verbleiben Asylsuchende hier bis zur Ausstellung eines Gesundheitszeugnisses und bis zur Stellung ihres Asylantrags beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Anschließend, für die sogenannte vorläufige Unterbringung, erfolgt eine Verteilung auf die Stadt- und Landkreise Baden-Württembergs. Die Zuteilungsquote ergibt sich dabei aus dem prozentualen Anteil an der Gesamtbevölkerung. (min)

Nun gehört das Wissen um die Zuständigkeiten bei der Unterbringung von Geflüchteten zu den Grundkenntnissen kommunalpolitischer Arbeit. Die Stadt Stuttgart hat keinerlei Entscheidungskompetenz darüber, ob und wie viele Geflüchtete sie aufnimmt. Nach einem Vorschlag der Verwaltung sollen an fünf Standorten 950 neue Plätze geschaffen werden. Und CDU-Oberbürgermeister Frank Nopper kommentiert die Forderung der CDU-Fraktion: "Wir sehen keine rechtliche Möglichkeit, dass die Landeshauptstadt Stuttgart die Aufnahme von Flüchtlingen verweigert." Die Alternative zum Bau neuer Unterkünfte sei daher "die Belegung von Turn- und Versammlungshallen oder von anderen öffentlichen Einrichtungen – was wir Ihnen nicht empfehlen können".

In ihrer Pressemitteilung zur "Integrationsgrenze" schreibt die CDU-Fraktion hingegen: "Für uns ist die Unterbringung nicht nur eine Frage der Quantität, eben gerade nicht nur Raum und Bett, sondern auch der Qualität. Es geht vor allem um das soziale Miteinander und die Integration in unsere Gesellschaft." Wie passt das zu einem Abstimmungsverhalten, das auf Notunterkünfte und Massenlager in Turnhallen hinausläuft und damit Schulsport verhindern würde? Eine Anfrage der Redaktion, ob diese Variante wirklich bevorzugt wird, lässt der Fraktionsvorsitzende Kotz unbeantwortet, auf ein Gesprächsangebot reagiert er nicht.

Wahlkampfmanöver statt Sachpolitik

Viel spricht dafür, dass es der CDU mit ihrer Verweigerungshaltung weniger um lösungsorientierte Sachpolitik geht als um ein Wahlkampfmanöver, das auf mangelhafte politische Bildung der Allgemeinbevölkerung setzt. "In der Konkurrenz um die Öffentlichkeit haben Politiker Professionalität in der Platzierung und Inszenierung von Ereignissen wie auch in der Sachinformation entwickelt. Im Verlauf dieser Metamorphose wandelt sich sachbezogene, auf verbindliche Entscheidungen bezogene Politik zunehmend in symbolische Politik", lautete eine Diagnose aus dem bereits 1995 erschienenen "Bericht zur Lage des Fernsehens", den Bundespräsident Richard von Weizsäcker in Auftrag gegeben hatte. Der politische Auftritt verlange zudem "darstellerische Qualitäten, die in keinem notwendigen Zusammenhang zu politischen Leistungen stehen, aber über den politischen Erfolg entscheiden", während umgekehrt "politische Leistungen [verblassen], sobald das Talent zur Media Performance fehlt".

Anknüpfend daran schrieb der Politikwissenschaftler Thomas Meyer 2004 in einem Essay: "Die Regeln der medialen Politikdarstellung – unterhaltsam, dramatisierend, personalisiert und mit Drang zum Bild, allesamt der Darstellungskunst des Theaters entlehnt – greifen auf das politische Geschehen selbst über." Dabei vollziehe sich ein folgenreicher Rollenwechsel: "Während in der Parteiendemokratie die Medien die Politik beobachten sollen, (...) beobachten in der Mediendemokratie die politischen Akteure das Mediensystem." Entscheidend sei dabei die Frage, "ob das, was es dabei zu besichtigen gibt, noch Information über Politik, einen Einblick in ihr tatsächliches Geschehen erlaubt und auf diesem Wege mündige Entscheidungen über sie möglich macht".

Zwei Jahrzehnte nach Meyers Ausführungen haben sich die benannten Tendenzen nicht nur verschärft. Mit dem heutigen Stellenwert sozialer Netzwerke haben sich ganz neue Inszenierungsmöglichkeiten ergeben. Nicht nur weil Würdenträger auf Tiktok herumhampeln, um am Puls der Jugend zu bleiben. Sondern insbesondere, weil es inzwischen bedeutend leichter ist, politische (Pseudo-)Inhalte zu verbreiten, ohne dabei auf das Fernsehen oder eine Zeitung angewiesen zu sein.

Die AfD hat sehr früh erkannt, wie sich die Mechanismen der Mediendemokratie ausnutzen lassen – und ihr Wahlvolk scheint sich von der phänomenal schlechten Performance der Partei in den Parlamenten nicht wirklich abschrecken zu lassen. Für die Inszenierung hingegen ist Realität mitunter völlig unerheblich. Diese Strategie, für die der Tatsachenbezug zweitrangig ist, hat für die Stuttgarter CDU offenbar Vorbildcharakter. Als es im November 2022 große Aufregung um Tampon-Spender auf den Herrentoiletten des Stuttgarter Rathauses gab, versuchte die konservative Fraktion einen Beschluss zu skandalisieren, für den sie selbst gestimmt hatte. "Wir machen uns bundesweit zum Gespött", sorgte sich damals Stadtrat Kotz. Jüngst erließ die Verwaltung unter Oberbürgermeister Nopper eine Allgemeinverfügung gegen Klimakleber, die verbietet, was bereits verboten ist – aber einen entschiedenen Einsatz im Sinne der Autofans vorgaukelt. Und im Fall der Flüchtlingsunterbringung tut die Stuttgarter CDU nun so, als ob sie etwas verweigern könnte, das sie nicht verweigern kann.

Kirchen gegen die CDU

Letzteres ist besonders destruktiv, denn es erfolgt nicht nur auf Kosten von Menschen, die auf der Suche nach Schutz ihre Heimat und ihr bisheriges Leben aufgeben mussten. Es ist auch ein Faustschlag ins Gesicht all der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die sich abseits der großen Öffentlichkeit tagtäglich dafür einsetzen, das Leid und die Not der Geflüchteten zu lindern.

Spärlich besetzte Pressebänke

Dass der kommunalpolitischen Inszenierung teils ein höherer Stellenwert eingeräumt wird als der sachlichen Arbeit, könnte auch daran liegen, dass die inhaltlichen Debatten in Fachausschüssen und im Gemeinderat medial kaum noch begleitet werden. "Schon seit längerem stellen wir fest, dass die Pressebank bei Gremiensitzungen spärlich besetzt ist und kaum noch Berichterstattung folgt", schrieben fünf Landräte aus der Region Stuttgart Anfang 2022 in einem Brandbrief. Und wiesen darauf hin: "Pressemitteilungen und Behörden-Webseiten können die Recherche unabhängiger Reporter nicht ersetzen." Ihr Schreiben hat nur wenig mediale Resonanz erfahren (Kontext berichtete). (min)

"Ich hätte nie gedacht, einmal Systembauten und Containern das Wort zu reden", sagte der evangelische Asylpfarrer Joachim Schlecht am vergangenen Freitag. Denn dort seien die Unterbringungsbedingungen schon kaum zumutbar. Doch schon heute gebe es mehrere hundert Geflüchtete in der Stadt, die in überfüllten Notunterkünften ohne jede Privatsphäre auf Feldbetten schlafen, beispielsweise in den Nebenräumen der Schleyer-Halle im Stadtteil Bad Cannstatt. Dass die CDU nun mit populistischer Schaufensterpolitik auf Stimmenfang gehe, nannte der Kirchenmann "unfassbar billig". Auch von katholischer Seite wurde Kritik laut. Christine Göttler-Kienzle von der Kirchengemeinde Stuttgart-Mitte nannte es eigentlich unvorstellbar, "dass eine Partei mit einem C im Namen so etwas macht".

Gesprochen hatten die beiden, neben vielen anderen, auf einer kurzfristig anberaumten Kundgebung der Stuttgarter Grünen, unterstützt von einem breiten Bündnis. Etwa 300 Menschen hatten sich unter dem Motto "Stuttgart bleibt solidarisch" versammelt, um vor dem Rathaus gegen den Kurs der Stuttgarter CDU zu protestieren. Afina Albrecht aus der Ukraine erzählt den Tränen nah, wie die Flucht für sie seit dem russischen Angriffskrieg zum alles überschattenden Thema wurde und sagt, nach jedem Besuch in einer der Notunterkünfte müsse sie sich betäuben, um schlafen zu können. Mit dabei ist auch der ehemalige Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne), der bestätigt, dass es sich um seinen ersten politischen Auftritt seit dem Ende seiner Amtszeit 2021 handelt. Das Thema war ihm wichtig, das Verhalten der CDU nennt er alarmierend. Da Polemik seine Sache nicht ist, "bittet" er die Fraktion, "ihre Haltung noch einmal zu überdenken".

Nopper, der Rebell

Erst kürzlich sorgte der CDU-Chef Friedrich Merz für Irritationen, indem er zuerst sagte, er sei für einen pragmatischen Umgang mit der AfD auf kommunaler Ebene: "Wenn dort ein Landrat, ein Bürgermeister gewählt wird, der der AfD angehört, ist es selbstverständlich, dass man dann nach Wegen sucht, wie man dann in dieser Stadt weiter gemeinsam arbeiten kann." Wenig später behauptete er dann: "Ich lasse mich von niemandem in der Klarheit überbieten, dass eine Zusammenarbeit mit der AfD nicht in Frage kommt."

Zwischenzeitlich gab es in der CDU eine Welle der Distanzierungen von einer möglichen Kooperation auch auf kommunaler Ebene. So erläuterte Manuel Hagel, Fraktionsvorsitzender im baden-württembergischen Landtag: "Für uns Christdemokraten in Baden-Württemberg gilt ganz einfach: Keine Zusammenarbeit mit Extremisten, keine Zusammenarbeit mit der AfD – egal wo. Das galt immer, das gilt auch weiterhin. Da gibt es doch gar kein Vertun." Und der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann versicherte, der CDU-Innenminister und Landesvorsitzende Thomas Strobl habe ihm "zugesagt, dass die CDU in Baden-Württemberg alle Zusammenarbeit mit der AfD rigoros ablehnt". Kretschmann kenne auch "keinerlei Vorkommnisse aus Baden-Württemberg, die mich daran zweifeln lassen".

Da lohnt sich ein Blick in die Landeshauptstadt. Denn einen vom Mainstream der Partei abweichenden Standpunkt vertritt Frank Nopper. Der Oberbürgermeister erklärte am vergangenen Dienstag gegenüber der "Stuttgarter Zeitung", dass "Kommunalpolitik in allererster Linie Sachpolitik" sei und Entscheidungen "nach sachlichen Erwägungen von Einzelfall zu Einzelfall gefällt werden" sollten. Daher habe er "schon Vorschlägen aller Fraktionen und Fraktionsgemeinschaften zugestimmt – von ganz links bis ganz rechts".

Ein kleiner Trost: Mit ihren zwölf Stadträt:innen ist die CDU im 60-köpfigen Gemeinderat sogar dann von einer Mehrheit entfernt, wenn sie zusammen mit dem Oberbürgermeister und den vier Herren der AfD votiert. Wie die Abstimmung über zusätzliche Unterbringungsplätze im Gemeinderat ausgeht, lässt sich am heutigen Mittwoch ab 16:30 Uhr im Rathaus beobachten.


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11 Kommentare verfügbar

  • Bewilderling
    am 30.07.2023
    Antworten
    Oh Mann, wenn man die Stellungnahmen bis Ergüsse hier liest, wird einem als pragmatischen Menschen schwindelig. Nopper hat recht, auch ich finde Anknüpfungspunkte bei allen Parteien. Das Grundrecht auf Asyl gilt, richtig. Es muss aber genau hingeschaut werden, ob wirklich Bedürftigkeit besteht. Wenn…
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