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Schuster 21

Schuster 21
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Der Stuttgarter Gemeinderat hat dieser Tage dem Vorschlag zugestimmt, den Flughafen nach dem langjährigen Oberbürgermeister Manfred Rommel zu benennen. Wir haben noch eine prima Idee: Bitte den geplanten Tiefbahnhof auf Rommels Ziehsohn und Nachfolger Wolfgang Schuster taufen!

Zwar ist der Filder-Airport am Darben, und die Fluggastzahlen sind im Sinkflug begriffen, aber immerhin – und aufgemerkt, liebe Berliner! – finden dort Flugbewegungen statt. Ausgerechnet diese Auszeichnung Rommels, der im vergangenen November 84-jährig verstarb, durch jene Stadt, in der die Wiege des Automobils stand und in der bis heute Mercedes und Porsche beheimatet sind, würdigt die eher unbekanntere Seite von Rommels politischem Wirken: seinen unermüdlichen Kampf gegen den Autoverkehr.

1974 als CDU-Kandidat (weil es die Grünen damals halt noch nicht gab) zum Stadtoberhaupt gewählt, übernahm Rommel ein schweres Erbe: die autogerechte Stadt. Von wunderbaren vierspurigen Rennbahnen durchzogen, mit fünfmal mehr Parkhäusern als München gesegnet, die Autos überall oben, die Fußgänger in Unterführungen verbannt, damit ihnen nichts passiert. Freie Fahrt für freie Bürger!

In gerade mal 40 Jahren haben Rommel (1974 bis 1996) und Schuster (1997 bis 2013) diese sogenannten Nachkriegssünden wirksamst bekämpft. Indem das Vorhandene erhalten und neue Straßen, Tunnels und Parkhäuser gebaut wurden, die noch mehr Verkehr in eine Stadt brachten, deren Topografie dafür eigentlich denkbar ungeeignet ist. Trotzdem ist es gelungen, und wir sind heute – aufgemerkt, liebe Berliner! – unbestritten die Stau-Hauptstadt Deutschlands. Aber nicht nur das.

Wir sind auch die Blitzer-Hauptstadt Deutschlands, obwohl das ja ein Widerspruch in sich ist, aber wo der Verkehr noch fließt, sitzt hinter jedem zweiten Gebüsch ein Polizist und macht Jagd auf Temposünder. (Dass gleichzeitig unser Innenminister die Bevölkerung aufruft, angesichts der dramatisch steigenden Zahl der Wohnungseinbrüche bei gleichbleibend niedriger Aufklärungsquote einfach selber ein bissle besser auf sein Sach' aufzupassen, ist dem Umstand geschuldet, dass wir auch noch Protest-Hauptstadt sind, allwöchentlich montags den Autoverkehr blockieren und die Polizei zu Überstunden zwingen.)

Auch beim Dreck in der Luft macht uns ja keiner was vor. So sehr können wir Feinstaub-Hauptstädter den Verkehr gar nicht mehr verlangsamen, dass wir nicht schon an Ostern sämtliche Grenzwerte fürs ganze Jahr überschreiten. Da haben wir nämlich vorgesorgt durch demnächst 2400 zusätzliche Lkw-Fahrten pro Tag – bei bestehendem Durchfahrtverbot für Laster! – und citynahes Fällen gesunder Bäume, beides unabdingbar, um Europas größte Baustelle mitten in der Stadt betreiben zu können.

Baustellen-Hauptstadt sind wir übrigens auch, weil wir bald Einzelhandelsfläche-pro-Einwohner-Haupstadt werden. Zurzeit liegen wir mit 1,7 Quadratmeter relativ knapp vor München (1,4), aber wenn dann in Bälde die drei dringend benötigten Malls "Gerber", "Milaneo" und "Dorotheen Quartier" nahezu gleichzeitig eröffnen, dann kann das zwar ein paar zusätzliche Staus verursachen, aber es werden eben auch wieder neue Parkhäuser eröffnet. Dann ist es auch bis zur Parkraum-pro-Provinzpendler-Hauptstadt nicht mehr weit.

Wenn wir heute schneller nach Frankfurt fliegen als – egal womit – von Feuerbach nach Vaihingen fahren, dann ist das nicht zuletzt Manfred Rommel zu danken. Und wenn wir eines Tages schneller mit dem Zug in Ulm sind, als wir von Untertürkheim nach Uhlbach laufen, dann ist das vor allem auch Wolfgang Schusters Werk.

Und da kann es nach unserer Ansicht gar kein Vertun geben: Obwohl Schuster noch lebt und der Tiefbahnhof noch nicht fertig ist, und gerade weil schwer vorherzusagen ist, ob der eine das andere erlebt, muss der Stuttgarter Hauptbahnhof jetzt umbenannt werden!

Wie wär's mit Schuster 21?

 

 

Die Fotos von Walter Steiger zeigen Stuttgarts Ehrenbürger Wolfgang Schuster am Freitag, 25. April, morgens um 9 Uhr bei einem seiner Kontrollgänge durch die Baustelle des künftigen Konsumtempels "Dorotheen Quartier".Bei dem, was er zu sehen bekam, wurde es Schuster offenbar so warm ums Herz, dass er sich seines Jacketts entledigte – bevor er sein Institut für nachhaltige Stadtentwicklung (I-NSE) erreichte.

Info: i-nse.org


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9 Kommentare verfügbar

  • Roland B.
    am 05.05.2014
    Antworten
    Wers Auto erfunden hat ist so unwichtig und nebensächlich wie Fußball. Ich kanns nicht glauben das sich erwachsene Menschen erbnsthaft über so was ernsthaft streiten/Gedanken machen.
    Mit dem Auto werden die Bürger heutzutage nur noch abgezockt (Erwerb eines Autos, Ölkonzerne, Versicherung,…
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