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Lindenhof kriegt eine Million vom Land

Das Theater Lindenhof ist ein Unikum in der baden-württembergischen Bühnenlandschaft, ein Regionaltheater in dem nicht einmal 1000 Seelen zählenden Dorf Melchingen, das mit Aufsehen erregenden Inszenierungen, etwa 2016 einem Stück mit syrischen Geflüchteten, immer wieder weit ins Land hinaus wirkt. Seit langem allerdings stehen in dem 1981 gegründeten Theater umfangreiche Umbauarbeiten an, um die Standards für Zuschauer und Schauspieler auf ein zeitgemäßes Niveau zu heben, unter anderem einen barrierefreien Zugang zu gewährleisten.

Für dieses Vorhaben gibt es nun eine Förderung von einer Million Euro vom Land. Am Freitag überreichte Peter Hauk (CDU), Minister für den ländlichen Raum, Lindenhof-Intendant Stefan Hallmayer den Zuschussbescheid. Eine stattliche Summe, Hallmayer ist dennoch "nicht überrascht" über die Höhe. "Wir hatten ja Anträge in bestimmten Höhen gestellt, das ist alles vorbesprochen worden." Schon bisher wird das Theater von den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb, der Sitzgemeinde Burladingen und vom Land gefördert, insofern entsprächen auch der Finanzierungsmix für den Umbau dieser Konstruktion. Trotzdem ist der Intendant ungeheuer froh über die jetzt bewilligte Landesförderung, denn immerhin habe es über acht Jahre von den ersten Plänen bis jetzt gedauert, die Umbaufinanzierung sicher zu stellen. "Es hat schon viel Überzeugungsarbeit bedurft", sagt Hallmayer, und auch nach dem Wechsel vom früheren zuständigen Minister Alexander Bonde (Grüne) zu Peter Hauk nach der Landtagswahl 2016 habe man wieder neuen Anlauf nehmen müssen. "Aber wir haben gemerkt, dass von allen Fraktionen eine außergewöhnliche Wertschätzung für das Theater da war."

Nun kann sofort mit dem Bauen begonnen werden, "der Bagger ist schon da", so Hallmayer. An den auf 2,5 Millionen Euro veranschlagten Baukosten beteiligen sich auch die angrenzenden Landreise und die Gemeinde Burladingen, und mit 750 000 Euro Eigenmitteln auch die Stiftung Theater Lindenhof. "Einen Teil davon haben wir schon", sagt Hallmayer, "für einen Teil wollen wir noch Unternehmen als Partner werben." (23.7.2017)


Fahrverbote: Unterstützung aus Bayern

Es wird immer enger für Dieselfahrzeuge. Seit Monaten kämpft Winfried Hermann hinter den Kulissen gegen eine Aushöhlung des Konzepts zur Luftreinhaltung in der Landeshauptstadt und damit auch für Beschränkungen an Feinstaubtagen. Jetzt hat der grüne Landesverkehrsminister Unterstützung ausgerechnet aus Bayern bekommen. Eine „Karte des Grauens“ nennen nicht nur Umweltschützer das Gutachten zur Luftqualität in München. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), so der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH), hat es über drei Wochen zurückgehalten. Jetzt wurde es publik und offenbart, dass an 260 (!) Straßen im Stadtgebiet der Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wird. Darunter sind ein Viertel aller Hauptstraßen oder 123 von 511 Kilometern. An 50 Messstellen liegen die Werte sogar über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schon Anfang 2017 - nach einer Klage der DUH - ist der Freistaat nicht nur dazu verpflichtet worden, das Gutachten zu veröffentlichen, sondern auch ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung vorzulegen.

Wie sich die Bilder gleichen: Seehofer und sein Südschienen-Partner Winfried Kretschmann (Grüne) möchten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern. Die Realisten hingegen, darunter vorsichtig auch Münchens SPD-OB Dieter Reiter, halten diese Maßnahme angesichts des Ausmaßes der Luftverschmutzung ohnehin für nur noch schwer abzuwenden. Und Winfried Hermann wiederholt gebetsmühlenhaft, dass Fahrverbote nicht vom Tisch sind. Die EU weiß er an seiner Seite: Am Freitag wurde bekannt, wie die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska alle manipulierten Fahrzeuge radikal aus dem Verkehr ziehen will – nicht irgendwann, sondern schon 2018. Zugleich nimmt die Polin die nationalen Prüfbehörden ins Visier und findet klare Worte: Die hätten versagt. (21.7.2017)


Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


AfD fühlt sich durch bunte Ballons angegriffen

Eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Rektor des örtlichen Schulverbunds sorgt seit gestern erneut für Turbulenzen in Burladingen. In einem Schreiben behauptet ein anonymer Verfasser, im Namen von zwölf weiteren Eltern zu sprechen, die sich gegen eine Luftballon-Aktion der Burladinger Schulen aussprechen. "Letztlich ging es hier um eine politische Aktion, die gegen die AfD gerichtet war", so der Text, das sei ein "klarer Missbrauch der Kinder für politische Zwecke".

Was war passiert? Am 28. Juni hatten sich mehrere Schulen, Kindergärten, das Theater Lindenhof und mehrere Privatpersonen an der Aktion "Burladingen ist bunt" beteiligt. Mit bunten Luftballons warben die Burladinger für Offenheit und Toleranz in ihrer Stadt, die derzeit gegen ihr rechtes Image kämpft (Kontext berichtete), erst recht seitdem der umstrittene Bürgermeister Harry Ebert Sympathiebekundungen für die AfD verlautbaren lässt. An der Aktion beteiligt waren alle drei Rektoren des Schulverbunds. Doch nur gegen Michael Linzner richten sich die anonymen Vorwürfe.

Für den zuständigen Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß in Albstadt ein ungewöhnlicher Fall. Noch nie habe ihn eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde erreicht, so Schultheiß gegenüber Kontext: "So habe ich ja niemanden, dem ich antworten kann." Ungewöhnlich auch, dass das Schreiben an das Kultusministerium in Stuttgart ging, an die beiden Lokalzeitungen und an das Tübinger Regierungspräsidium. Dringenden Handlungsbedarf sieht Schultheiß allerdings nicht. Kein Kind sei gefährdet, auf keinem der Ballons sei gestanden, "gegen die AfD", das ganze habe in der Pause statt gefunden und keiner habe die Kinder gezwungen, einen Ballon steigen zu lassen. Im übrigen sei Linzner seit Jahrzehnten als engagierter und erfolgreicher Lehrer bekannt, der für seine Überzeugungen stehe und kein Blatt vor den Mund nehme. "Interessant ist", schreibt der Schwarzwälder Bote, "dass Michael Linzner am Wochenende bei der Schulentlassungsfeier Kritik an Bürgermeister Harry Ebert geäußert hatte, weil dieser kurzfristig abgesagt hatte."

Die AfD-Landtagsfraktion sah sich heute zu einer Pressemitteilung herausgefordert: "Die Luftballon-Aktion, an der Michael Linzner als treibende Kraft beteiligt war, richtete sich laut anonymem Hinweis gezielt gegen die AfD". Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß sieht auch dies gelassen: "Sicher nutzen das manche nur, um auf sich aufmerksam zu machen." Initiiert hat die Aktion übrigens nicht der Rektor, sondern die Burladinger Bürgerin Tipsy Peucker. (13.7.2017)

Dazu: Rechtsabbiegen in Burladingen, Kontext-Ausgabe 323


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Ausgabe 151
Gesellschaft

Boomtown Stuttgart: Eine Stadt baut ab

Von Jürgen Lessat
Datum: 19.02.2014
In Stuttgart wird gebaut und gebuddelt wie in kaum einer anderen deutschen Großstadt. Mega-Bauprojekte wie der Tiefbahnhof Stuttgart 21 sowie neue Shoppingmalls machen die Schwabenmetropole zur größten Baustelle der Republik. Doch der Boom hat auch Schattenseiten: 18.000 Baustellen bremsen in diesem Jahr Autofahrer und S-Bahn-Fahrgäste aus. Während Immobilienmakler Milliardenumsätze machen, zahlen Pendler drauf. Das Schneckentempo in Deutschlands Stauhauptstadt kostet einen Durchschnittshaushalt laut einer Studie viel Zeit – und knapp 1.000 Euro im Jahr.

Cannes ist berühmt für seine Filmfestspiele. Doch noch bevor im Mai wieder die Stars über den roten Teppich wandeln, geben sich andere ein Stelldichein. Die Immobilienmesse MIPIM bringt Projektentwickler, Makler und Gewerbeansiedler aus aller Welt vom 11. bis 14. März an die Côte d'Azur. Bereits zum 17. Mal beteiligt sich auch die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart an der MIPIM, die als weltweit wichtigster Branchentreff gilt. "Die Immobilienwirtschaft ist ein für die Stadt Stuttgart bedeutender Wirtschaftszweig", begründet Stuttgarts Wirtschaftsförderin Ines Aufrecht die Teilnahme.

Dass die Schwabenmetropole momentan im Fokus der Investoren steht, verdeutlicht die Vielzahl der Bauprojekte in der Stadt. Fast an jeder Ecke wird gebaut und gebuddelt, gleich drei neue Shoppingmalls wachsen derzeit in den Himmel über der City. Zudem macht sich mitten im Stadtzentrum die größte Baustelle Europas breit: das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Für einen Investitionshype sprechen auch die Umsätze. "Mit einem Transaktionsvolumen von über einer Milliarde Euro erzielte der Stuttgarter Immobilieninvestmentmarkt 2013 erneut einen weit überdurchschnittlich hohen Wert", berichtet Colliers International im aktuellen Marktbericht. Das sei ein "fulminantes Ergebnis", jubelt die Maklergesellschaft. Bereits 2012 hatten die Immobiliendeals an Neckar und Nesenbach überdurchschnittlich zugelegt. Nach unterschiedlichen Angaben wechselten in dem Rekordjahr private und gewerbliche Gebäude für bis zu 1,6 Milliarden Euro den Besitzer. Im Schwabenland ist die internationale Finanz- und Immobilienkrise von 2008 vergessen, für internationale Investoren ist die "Großstadt zwischen Wald und Reben", so ein älteres Tourismusmotto Stuttgarts, Beton-Boomtown.

So viele Kräne wie sonst nirgends: Shopping-Center-Baustelle "Milaneo".
So viele Kräne wie sonst nirgends: Shoppingcenter-Baustelle "Milaneo".

Doch der Boom hat auch Schattenseiten. Die Stadt und ihre Bewohner kämpfen mit den Baustellen, die an vielen Stellen inzwischen mehr als nur das Stadtbild beeinträchtigen. In der City, wo nahe dem Rathaus mit dem Einkaufs- und Bürovorhaben "Dorotheen Quartier" gerade ein weiteres Großprojekt in Angriff genommen wird, haben die Behörden längst kapituliert. Vorschriften und Verordnungen, wie Bauplätze und Bauarbeiten vom alltäglichen Leben zu trennen sind, scheinen außer Kraft gesetzt. Baugruben und Rohbauten sprengen die Enge des Stuttgarter Talkessels, was zu chaotischen wie gefährlichen Situationen führt. Kinder müssen sich auf dem Schulweg durch Karawanen von Schwerlastern kämpfen, Fußgänger sich in den Einkaufsstraßen unter Baggerschaufeln hindurchzwängen, Radler auf Fahrradwegen über einen Hindernisparcours von Baumaschinen und Abschrankungen zirkeln, Autofahrer oft Verkehrsregeln ignorieren, um ihr Ziel jenseits von Abbruchbirnen und Betonmischern überhaupt noch zu erreichen.

Jahrhundertprojekt raubt Anwohnern den Schlaf

Nicht viel besser sieht es in den Außenbezirken aus, wo auch immer mehr Menschen von reger Bautätigkeit betroffen sind. Im Vorort Untertürkheim kämpft eine Bürgerinitiative gegen den Lärm, der von "vorbereitenden Arbeiten" für das Megaprojekt Stuttgart 21 ausgeht. Auf dem Papier schreibt die Planfeststellung zwar genau vor, wann und wie laut die Emissionen sein dürfen. Anfangs rissen nächtliche Rammarbeiten die Anwohner jedoch brutal aus ihrem Schlaf. Mit einer spontanen Baustellenbesetzung zwangen Betroffene damals die vorübergehende Einstellung der Arbeiten. Viel ruhiger ist es seitdem nicht geworden. Die Initiative verlangt, dass Aufsichtsbehörden wie das Eisenbahnbundesamt endlich einschreiten. Bislang vergeblich.

Alltäglicher Stau am Gebhard-Müller-Platz, einem Hauptverkehrsknoten Stuttgarts.
Alltäglicher Stau am Gebhard-Müller-Platz, einem Hauptverkehrsknoten Stuttgarts.

Während es im Bausektor rasant vorangeht, stockt es auf den Straßen. Stuttgart ist mittlerweile die Stauhauptstadt Deutschlands. Im Schnitt benötigen Autofahrer für ihre Fahrten ein Drittel länger, als es bei ungehindertem Verkehrsfluss möglich wäre, ermittelte der Navigationshersteller TomTom. Während der Rushhour am Morgen und Abend braucht es noch mehr Geduld. Wer üblicherweise eine halbe Stunde bis zur Arbeit hat, steht im Jahr so geschlagene 85 Stunden auf verstopften Straßen nutzlos im Stau.

"Stuttgart liegt an hoch belasteten Autobahnen, und durch die Stadt führen zwei stark frequentierte Hauptachsen", erklärt Ralf Thomas von der städtischen Verkehrsleitzentrale die Malaise. Wenn es auf der Autobahn klemmt, würden viele Autofahrer durch die Stadt ausweichen. "Das macht unser Straßennetz dann nicht mehr mit", so Thomas. Doch Schleichfahrten allein erklären das tägliche Schneckentempo nicht. Es ist Stuttgarter Realität, dass immer mehr Baustellen auch immer stärker den Verkehr in der City ausbremsen, bestätigt das städtische Ordnungsamt. Beeindruckende Zahlen untermauern dies. So verdoppelte sich die Zahl der Baustellen zwischen 2005 und 2011 nahezu, von 8476 auf 14 777. In diesem Jahr rechnet das Ordnungsamt mit rund 18 000 Baustellen im Stadtgebiet. Straßensperrungen, Umleitungen, Fahrbahnverengungen, Tempobeschränkungen – das volle Stauprogramm hat derzeit Hochkonjunktur.

Kanalverlegung soll Fahrstreifen kosten

Ironischerweise beschert den Schwaben das milliardenschwere Tiefbahnhofprojekt Stuttgart 21, das als neues Herz Europas dereinst mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene bringen soll, vielleicht bald den endgültigen Verkehrskollaps. Vor Kurzem kündigte die Bauherrin Bahn an, am Gebhard-Müller-Platz, einem der wichtigsten Verkehrsknoten der Stadt, mehrere Fahrspuren sperren zu wollen, um den Hauptabwasserkanal der Stadt unter den künftigen Tiefbahnhoftrog verlegen zu können. Dabei verlangt die Planfeststellung, sprich die Baugenehmigung für die neue Zugstation, explizit, dass während der Bauzeit alle Fahrspuren beibehalten werden.

Umleitung auch für Bahnkunden: Die S21-Baustelle am Stuttgarter Hauptbahnhof.
Umleitung auch für Bahnkunden: die S-21-Baustelle am Stuttgarter Hauptbahnhof.

Die Planfeststellung verpflichtet die Bahn auch, im Innenstadtbereich öffentliche Straßen für Bautransporte zu meiden. Auf einer eigenen Baulogistikstraße sollen in Spitzenzeiten täglich 2400 Lkw Gestein und Material zwischen der Bahnhofsbaustelle und einem Umschlagplatz mit Schienenanschluss im Stuttgarter Norden hin- und herkarren. Doch von Förderbändern und Fahrwegen ist bislang kaum etwas zu sehen. Stattdessen karren seit Monaten Dutzende Schwerlaster täglich Aushub vom künftigen Südportal des Tiefbahnhofs quer durch die Stadt zu ausgeräumten Steinbrüchen im Landkreis Rottweil, rund 80 Kilometer südlich von Stuttgart. Erst Mitte des Jahres soll der Lkw-Verkehr über die Logistikstraße fließen.

S-21-Tunnel blockiert Stuttgarter Cityring

Autofahrer müssen sich auf weitere Behinderungen während der mehrjährigen S-21-Bauphase einstellen. Unter anderem durch ein Tunnelbauwerk, das am Rande des neuen Europaviertels in offener Bauweise errichtet werden muss. Der S-Bahn-Tunnel wird den autobahnähnlich ausgebauten Cityring kreuzen – und sich um mehrere Meter über das heutige Straßenniveau erheben. Über Jahre bleibt das Hindernis nur über eine steile und enge Rampe umfahrbar. "Die Rampe wird zu einem Nadelöhr", warnen Projektkritiker schon heute. Auch in einigen Außenbezirken der Stadt müssen während der mehrjährigen Bauzeit von Stuttgart 21 Straßen gesperrt und Fahrbahnen verengt werden. Die Lkw-Karawanen benützen dort öffentliche Straßen. "Beste Voraussetzungen, Staus bereits an der Stadtperipherie zu generieren", monieren die Kritiker.

Unzuverlässig wie noch nie: Stuttgarts S-Bahnen.
Unzuverlässig wie noch nie: Stuttgarts S-Bahnen.

"Wir werden von den größten Bauarbeiten nicht viel mitbekommen, da sie fast ausschließlich auf Bahngelände oder im Tunnel stattfinden", hatte dagegen der damalige Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU), ein bekennender Tiefbahnhof-Befürworter, im Dezember 2009 in einem Interview in den "Stuttgarter Nachrichten" behauptet. Schusters Versprechen erwies sich wenig später für Millionen Fahrgäste des öffentlichen Nahverkehrs als schlechter Witz: Kurz nach dem offiziellen Baustart von Stuttgart 21 im Februar 2010 demontierte die Bahn an einem S-Bahn-Gleis überstürzt ein Signal, was zu monatelang zu chaotischen Zuständen im Schnellbahnsystem mit Verspätungen und Zugausfällen führte.

Signalstörungen & more: S-Bahnen fahren Fahrplan hinterher

Weitere Baupannen mit teils dramatischen Folgen für den Nah- und Fernverkehr im Großraum Stuttgart folgten. In der Umbauphase des Gleisvorfelds entgleisten mehrfach Intercity-Züge. Zeitweilig war der Stuttgarter Hauptbahnhof auf der Schiene nicht erreichbar. Immer wieder bringen Gleissperrungen, Signal- und Weichenstörungen den Regional- und Fernverkehr aus dem Takt. Erst am vergangenen Montag sorgte wieder eine Signalsteuerung am Stuttgarter Nordbahnhof für ein Chaos im abendlichen Zugverkehr. Tags darauf bestätigte die Bahn, dass Erdarbeiten für Stuttgart 21 Auslöser der Panne waren, bei denen ein Signalkabel durchtrennt wurde. Projektkritiker vermuten die schon länger auch bei früheren Störungen.

Rot heißt unpünktlich, grün (nahezu) fahrplanmäßig. Quelle: s-bahn-chaos.de
Rot heißt unpünktlich, grün (nahezu) fahrplanmäßig. Quelle: s-bahn-chaos.de

Bis heute hat das Stuttgarter S-Bahn-System seine frühere Zuverlässigkeit nicht wiedergewonnen, wie auch Statistiken der Deutschen Bahn zeigen. Neben den S-21-Bauarbeiten und einer offensichtlich maroden Infrastruktur trug zuletzt auch die mangelhafte Türtechnik einer neuen Fahrzeuggeneration dazu bei, dass die Pünktlichkeit der S-Bahn seit 2010 kontinuierlich zurückging.

Geduldsprobe: S-Bahnen verspäteten sich am 17.2.2014 bis zu 65 Minuten. Quelle: s-bahn-chaos.de
Geduldsprobe: S-Bahnen verspäteten sich am 17. 2. 2014 bis zu 65 Minuten. Quelle: s-bahn-chaos.de

Dabei spiegeln die offiziellen Bahndaten aus Kritikersicht nur ungenügend die Realität vieler Berufspendler mit Verspätungen und Zugausfällen wider. "Die Bahnstatistiken zur Pünktlichkeit sind eine Mogelpackung", sagt Matthias Lieb, Landesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Gemeinsam mit den Betreibern der Internetplattform "S-Bahn-Chaos.de" berechnet der Club selbst eine Verspätungsstatistik, die die Zahl der Fahrgäste der einzelnen Züge berücksichtigt. Das Ergebnis verdeutlicht: In der Hauptverkehrszeit fährt bereits jede vierte S-Bahn dem Fahrplan um drei Minuten und mehr hinterher. Da alle Bus- und Bahnanschlüsse auf eine Drei-Minuten-Pünktlichkeit abgestimmt sind, bedeutet dies für viele S-Bahn-Berufspendler verpasste Anschlüsse.  "Das sind dann nicht mehr nur drei Minuten, sondern gleich 15 oder oft 30 Minuten Verspätung", sagt Lieb mit Hinweis auf längere Taktzeiten der Anschlusslinien.

Besserung ist nicht in Sicht. Vielmehr droht der Stadt neben der S-Bahn-Misere bald auch ein Stadtbahnchaos, weil für den Bau des Tiefbahnhofs auch die Stadtbahnhaltestellen Staatsgalerie und Türlenstraße verlegt werden müssen. Bis voraussichtlich 2019 bleiben dafür wichtigste Tunnelstrecken der Stadtbahn gesperrt, Bahnen und Fahrgäste erreichen derweil nur über zeitraubende Umwege ihr Ziel. Während der Provisorien droht am Hauptbahnhof, dem zentralen Umsteigeknoten von Bussen und Bahnen, der Kollaps. Die unterirdische Klett-Passage, die als Verteilerebene zwischen den Verkehrssystemen dient, ist schlicht zu klein für den erwarteten zusätzlichen Ansturm an umgeleiteten Fahrgästen. Zumal während des Tiefbahnhofsbaus wichtige Zugänge der Passage wegfallen. "Die Beeinträchtigungen für die Bürger entstehen in erster Linie während des Umbaus der beiden Stadtbahnhaltestellen", hatte selbst Stuttgarts Ex-OB Schuster im Zeitungsinterview 2009 prophezeit.

Muss verlegt werden: Stadtbahnhalt Staatsgalerie.
Muss verlegt werden: Stadtbahnhalt Staatsgalerie.

Doch was sagt die örtliche Wirtschaft zu Megastaus und Schneckentempo, verpassten Anschlüssen und verspäteten Mitarbeitern? "Nur mit einem hohen Maß an Mobilität können Wirtschaftsstandorte heute erfolgreich sein. Die Region Stuttgart mit ihren exportorientierten Unternehmen kann ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit für die Zukunft nur dann sichern, wenn die notwendige Verkehrsinfrastruktur mit den Anforderungen der gewerblichen Wirtschaft Schritt hält", heißt es in einem Positionspapier der Stuttgarter Industrie- und Handelskammer (IHK). Doch Kritik am Bahnprojekt Stuttgart 21 ist damit nicht gemeint. "Mit dem kompletten Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofes und dem Ausbau der Schnellbahntrasse nach Ulm (Stuttgart 21) wird bis zum Jahr 2019 ein wichtiger Meilenstein zur Sicherung des Wirtschaftsstandortes im europäischen Wettbewerb realisiert werden", lobpreist die IHK das Megaprojekt auf ihrer Website, auch wenn das Fertigstellungsdatum längst Makulatur ist. Während einer IHK-Sondersitzung am vergangenen Dienstag wurde eine Diskussion über Behinderungen des Einzelhandels in der Stuttgarter Innenstadt durch Baumaßnahmen durch trickreiche Geschäftsordnungsanträge unterbunden.

Stuttgarts Staus kosten jährlich knapp eine Milliarde

Dabei generieren Stau- und Stopp-and-go-Verkehr enorme volkswirtschaftliche Schäden. "Verkehrsstaus verursachen für Haushalte in den 22 größten deutschen städtischen Gebieten pro Jahr 7,5 Milliarden Euro zusätzliche Kosten – das sind 509 Euro pro Haushalt, die durch direkte und indirekte Staukosten entstehen", beziffert eine aktuelle Studie vom Centre for Economics and Business Research (Cebr) die wirtschaftlichen Folgen. Die Forscher haben auch den Schaden im Großraum Stuttgart untersucht, wo werktäglich fast eine Million Menschen mit dem Auto zur Arbeit fahren.

Das Ergebnis ist vernichtend: Stuttgarter verbringen im Schnitt jedes Jahr mehr als 59 Stunden im Stau. Autofahrern entstehen so etwa eine Milliarde Euro direkte und indirekte Kosten – das sind etwa 981 Euro pro Stuttgarter Pendlerhaushalt im Jahr und damit fast doppelt so viel wie im bundesweiten Durchschnitt. Höhere Lebenshaltungs- und Betriebskosten führen dazu, dass die Kosten für Arbeitsstunden in der baden-württembergischen Landeshauptstadt ebenfalls höher als im großen Rest der Republik sind, so die Cebr-Forscher. 

Staus werden damit zum Standortnachteil. Die Gefahr wächst, dass Firmen und Unternehmen Stuttgart den Rücken kehren. Namhafte Konzerne verlassen bereits die Landeshauptstadt: Die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young geben ihren Standort im Stuttgarter Norden in direkter Nachbarschaft zu einem S-Bahn-Halt auf und beziehen außerhalb des Stadtgebiets am Flughafen einen Neubau. Und der französische Technologiekonzern und Bahnausrüster Thales wechselt von Stuttgart-Zuffenhausen auf die grüne Wiese nach Ditzingen, Autobahnanschluss inklusive. Zahlen bestätigen den Trend: Zwischen 2009 und 2012 registrierte Stuttgart ein negatives Wanderungssaldo bei Firmenumzügen (minus 115), während die Region insgesamt mehr Zu- als Wegzüge verzeichnete.

Trotz Bauboom schwächelt der Arbeitsmarkt

Stuttgarts Wirtschaftsförderin Ines Aufrecht sieht alles weniger dramatisch. "Wegzüge sind immer der mangelnden Flächenverfügbarkeit anzulasten", sagt sie. Stuttgart habe die geringste Leerstandsquote deutscher Großstädte bei Büroflächen. "Wenn also Unternehmen Stuttgart verlassen, so folgt eine Kompensation durch andere Unternehmen, sonst hätten wir sicher mehr Leerstand", argumentiert Aufrecht. Im Fall Thales seien die geforderten Flächen kurzfristig nicht verfügbar gewesen.

Stadt und Region Stuttgart: Schlusslicht bei Entwicklung der Arbeitslosenrate. Screenshot: spon
Stadt und Region Stuttgart: Schlusslicht bei Entwicklung der Arbeitslosenrate. Screenshot: SPON

Weitere Statistiken bestätigen die Bedenken. So entwickelt sich etwa die Erwerbstätigkeit in Stuttgart zuletzt auffällig verhaltener als in anderen Städten und Regionen. Landesweit stieg die Zahl der Erwerbstätigen 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 1,6 Prozent. Im Stadtkreis Stuttgart nahm ihre Zahl dagegen nur um 1,3 Prozent zu. Eine schlechtere Performance in der Region Stuttgart lieferte lediglich der Kreis Böblingen (+ 0,4). Bei längerfristiger Betrachtung schneidet die Landeshauptstadt noch bescheidener ab. Seit dem Jahrtausendwechsel legte die Erwerbstätigenzahl hier nur um 1,7 Prozent zu, was ihr einen der hinteren Plätze im landesweiten Ranking beschert. Landesweit zählten die Statistiker seit der Jahrtausendwende dagegen 5,5 Prozent mehr Erwerbstätige. Den Spitzenplatz belegt der Bodenseekreis mit 17,6 Prozent Zuwachs. Selbst der Kreis Böblingen konnte mit 4,6 Prozent zulegen.

Auch eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), die analysiert, wie gut die Regionen von dem Boom nach der Wirtschafts- und Finanzkrise vor fünf Jahren profitieren konnten, bringt ein schlechtes Ergebnis. Auch hier hält Stuttgart mit einem Erwerbslosenzuwachs von 0,6 Prozent die rote Laterne, gleichauf mit strukturschwachen Regionen im Ruhrgebiet.

Die Statistiken verdeutlichen: Viele Bagger und Kräne, kleine und große Jahrhundertprojekte und ein boomender Immobilienmarkt in einer Stadt sind noch lange keine Garanten für den Wohlstand ihrer Bürger. Doch das ist kein Thema auf der kommenden Immobilienmesse MIPIM in Cannes.


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