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Uni-Projekt Tübinger Hausbesetzungen

Ein Zuhause gegen alle Widerstände

Uni-Projekt Tübinger Hausbesetzungen: Ein Zuhause gegen alle Widerstände
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Als 1979 die Lichter des ehemaligen Offiziershauses in der Tübinger Ludwigstraße 15 wieder angingen, ahnte noch niemand, dass dies der Anfang einer langen Geschichte sein würde. Der Geschichte einer solidarischen Utopie, welche gegen alle Widerstände verteidigt wird – bis heute mit Erfolg.

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Gerlinde war 1979 eine der ersten Bewohner:innen der Ludwigstraße 15, eines Gebäudes in der Nähe des Tübinger Sternplatzes. "Wir konnten zwei oder drei Tage nicht aufs Klo gehen", erzählt die Frau, die nur beim Vornamen genannt werden möchte. Die Wasserleitungen waren beschädigt und es kam kurz nach dem Neueinzug zum Rohrbruch, fließendes Wasser gab es nicht: "Aus der Not heraus sind wir dann immer zum benachbarten Handelshof gegangen, wie das heutige Kaufland früher noch hieß, wenn wir zur Toilette mussten. Das war natürlich alles kompliziert, könnt ihr euch denken, aber auch ein Abenteuer. Und am Ende hat es sich ja gelohnt!" (Gerlinde)

Uni-Projekt Tübinger Hausbesetzungen

Seit 1968 wurden in Tübingen Häuser besetzt. Die Münzgasse 13, die Schellingstraße 6 oder die Ludwigstraße 15, sie alle wurden – oft mithilfe des Mietshäuser Syndikats – dem Immobilienmarkt entzogen. Die Tübinger Verwaltung hat bei alldem eine rühmliche Rolle gespielt, denn im Gegensatz zu anderen Städten, die besetzte Häuser oft brachial räumen ließen, galt dort ab Ende der 1970er die "Tübinger Linie": Das Studentenwerk hat häufig die Trägerschaft für die Häuser übernommen, die Wohnraum boten oder aktuell noch bieten in einer Unistadt, in der günstiges Wohnen Mangelware ist. 

Elias Raatz, Tübinger Autor, Journalist und Medienwissenschaftler, hat 2025 zusammen mit dem Journalisten Lucius Teidelbaum ein Buch geschrieben über das Tübinger Epplehaus – einst besetzt, heute ein selbstverwalteter Jugendclub. Als Gastdozent am Institut für Medienwissenschaften hat er in Kooperation mit dem Tübinger Experten Marc Amann und der Kontext-Wochenzeitung im vergangenen Wintersemester ein ganzes Journalistik-Seminar zu Tübingens ehemals oder noch heute besetzten Häusern angeboten. Herausgekommen sind acht sehr gut recherchierte und geschriebene Texte, die die ganz eigenen Geschichten der einzelnen Häuser beschreiben und von den Träumen, Gedanken und Erfahrungen der Besetzenden und Bewohner:innen erzählen. Demnächst werden sie in ein zweites Buch gegossen. In den kommenden Wochen veröffentlichen wir jede Ausgabe einen gekürzten Beitrag daraus. Bereits erschienen: 

•  Menschenrecht auf Wohnen verteidigen
•  "Wir hol'n jetzt unser Haus!"
•  Gefängnisgitter im Keller  (red)

Nach dem Teilabzug der französischen Truppen aus Tübingen 1977 stand das ehemalige Offiziershaus bereits eineinhalb Jahre leer, bevor ihm seine neuen Bewohner:innen wieder Leben einhauchten: In einer geplanten und koordinierten Aktion besetzten sie das Haus, um sich einen Ort zum Leben zu erstreiten. 

Im Angebot nur "letzte Löcher"

Manfred, der wie Gerlinde nur beim Vornamen genannt werden möchte, war 1979 ebenfalls an der Besetzung der Lu15 beteiligt. Er beschreibt die damaligen Studierendenwohnungen als "letzte Löcher". Noch heute äußert er sich mit spürbarem Unmut über zahlreiche leerstehende Häuser, die damals trotz enormer Wohnraumknappheit ungenutzt zerfielen. In ganz Deutschland mussten sich Studierende zu der Zeit mit der beinahe unmöglichen Aufgabe herumschlagen, eine Bleibe für sich zu finden. Der Wohnungsmarkt war katastrophal.

Hausbesetzungen gab es ab Anfang der 1970er-Jahre in der ganzen Bundesrepublik. Auch in Tübingen entwickelte sich ein aus Studierenden, Auszubildenden und jungen Arbeiter:innen bestehender Widerstand. Der "AK Schöner Wohnen" traf sich ab Ende der 1970er-Jahre regelmäßig im Clubhaus in der Tübinger Wilhelmstraße und wollte dazu beitragen, eine breitere Öffentlichkeit für die Wohnungsnot zu sensibilisieren.

Die Organisation des AK beschreiben die Zeitzeug:innen Gerlinde und Manfred als in zwei "Kreise" geteilt. Zum einen den äußeren Kreis, der Demonstrationen organisierte und PR-Arbeit leistete, um auf Wohnungsnot aufmerksam zu machen. Die meisten Mitglieder des "AK Schöner Wohnen" wussten jedoch nichts Konkretes über den inneren Kreis, der für die Planung einer Hausbesetzung verantwortlich war.

Die Mitglieder des AK entwickelten einen ausgeklügelten Plan. Die erste, kleinere Gruppe hatte sich in der Nähe der Ludwigstraße im Haus eines Bekannten getroffen und wartete darauf, dass es Nacht wurde. Zeitgleich fand in der Neuen Mensa in der Wilhelmstraße ein Fest statt. Als musikalischer Act wurde die Band "Die 3 Tornados" geholt. Das im Jahr 1977 gegründete, anarchistische West-Berliner Kabarett-Trio trat unter anderem auch auf Demonstrationen gegen den Bau des Kernkraftwerks Brokdorf auf und regelmäßig in autonomen Jugendzentren, Kneipen und nicht zuletzt bei Hausbesetzungen.

Einzug in die ehemaligen "Franzosenwohnungen"

Während das Fest voll im Gange war, verschafften sich die Leute aus der ersten Gruppe Zutritt zum ehemaligen Offiziersgebäude in der Ludwigstraße 15. In der Mensa wurde zeitgleich öffentlich bekannt gegeben: Die Türen stehen offen. So wurde das Fest kurzerhand in die Ludwigstraße 15 verlegt. Etwa 150 Menschen übernachteten schließlich im Haus. "Es war richtig spannend, wie solche Offizierswohnungen funktionierten, denn es gab in jeder Wohnung noch einen Kronleuchter und Samtvorhänge. Außerdem gab es jeweils einen Schalter, mit dem die Dienstboten, die unterm Dach gewohnt hatten, angeklingelt werden konnten." (Gerlinde)

Über unsere Zeitzeug:innen 

Gerlinde (*1958) und Manfred (*1954) waren 1979 bei der Besetzung der Lu15 dabei und unterstützten uns bei den Recherchen. Manfred kam zum Studium nach Tübingen und hatte durch seine Mitarbeit in der Fachschaft viel Kontakt zu anderen Studierenden und damit auch zum Thema Wohnungsnot. Er war Gründungsmitglied des "AK Schöner Wohnen" und einer der ersten Lu15-Bewohner:innen. Er lebte dort 25 Jahre lang und besucht auch heute noch gerne die hauseigene Bar. Gerlinde brachte ebenfalls ein Studium nach Tübingen. Zum Projekt Lu15 kam sie durch Manfred und weil sie immer schon in einer WG wohnen wollte, diese Art des Wohnens damals aber noch nicht so verbreitet war. Sie lebte 20 Jahre im Haus und unterstützte den Hauskauf mit einem Direktkredit.  (ma/vb)

Die Polizei war natürlich ziemlich schnell vor Ort, unternommen hat sie in dieser Nacht jedoch nichts. “Wir haben zur Selbsthilfe gegriffen" – mit diesen über Flugblätter verbreiteten Worten stellten die Besetzer:innen der Lu15 – so wurde das Projekt nach dem Gebäude in der Ludwigstraße 15 bald benannt – klar, dass bei ihrer Aktion weder Gewalt noch Zerstörung im Vordergrund stünden. Stattdessen liege der Fokus auf der Nutzung und dem Erhalt sowie auf der Umsetzung echter Selbstverwaltung. “Wir, die Besetzer der Ludwigstr. 15, brauchen, um uns häuslich einzurichten, noch Haushaltsgegenstände aller Art, insbesondere Matratzen, Geschirr, Kühlschränke, Lampen, Decken, Stühle, Sofas, alte Radios, Tische, Schreibmaschine, Pfitzaufformen, evtl. alte Waschmaschine usw. Wir holen die Sachen auch gerne bei Ihnen ab." (Flugblatt der Besetzer:innen)

Schnell wurden alle benötigten Gegenstände gespendet, das Wohnprojekt erfreute sich breiter Solidarität der Tübinger:innen. Zunächst wurde im Haus der Alltag organisiert, nach einer Vorstellungsrunde mit anschließender Diskussion wurden die Wohnungen und Zimmer gemeinsam vergeben und die einzelnen Wohngemeinschaften bezogen. 

Die Besetzung der Ludwigstraße 15 stellte sich schnell als erfolgreich heraus: Über Mietverträge wurden die Bewohner:innen "legalisiert", die Zimmer nach strengen basisdemokratischen Prinzipien vergeben. Das Bundesvermögensamt als Eigentümerin des Gebäudes, stimmte dem Vorschlag der Besetzer:innen zu, zehn Jahre in Selbstverwaltung leben zu dürfen. Doch so friedlich die Besetzung auch ablief, so kompliziert waren die späteren Eigentumsverhältnisse. 

Und: Nicht alle Nachbarn waren begeistert davon, dass es nun ein Wohnprojekt in ihrer Gegend gab. Das lässt sich noch heute in Polizeiberichten aus den Jahren 1980 bis 1983 nachlesen: Immer derselbe Nachbar verständigte regelmäßig die Polizei und ließ sich jedes Mal einen anderen Grund einfallen. 1980 gab es darüber hinaus Berichte über Infektionen mit der ansteckenden Gelbsucht innerhalb der Wohngemeinschaft. Auch der damalige Inhaber einer noch heute existierenden Apotheke schrieb unter anderem mehrere Beschwerdebriefe an die Stadt, dass das Haus überbelegt sei – und dass Pappeln nicht in die Gärten von innerstädtischen Häusern gehörten.

"Pörtner will die Eskalation"

1989 übernahm das Tübinger Studierendenwerk Anstalt des öffentlichen Rechts (AdöR) das Gebäude. Dessen Vorsitzender Rudolf Pörtner plante, die Lu15 innerhalb von fünf Jahren zum Studierendenwohnheim umzumodeln und ihren Garten mit drei Wohnblocks zu bebauen. 

Alle Gespräche, Verhandlungen und Proteste nützten nichts: Am 16. September 1989 teilte Rudolf Pörtner den Bewohner:innen schriftlich mit, dass er am 25. September den Garten räumen lasse, um eine Woche später mit der Bebauung zu beginnen. Ein am Infostand der Lu15 ausgehängtes Flugblatt trug den Titel "Pörtner will die Eskalation". Die Bewohner:innen errichteten eine 25 Meter lange Barrikade aus zusammengeschweißten Schrottautos, um Zeit zu gewinnen und "auf das Anrücken der ersten Polizei-/Baufahrzeuge ruhig und geschlossen zu reagieren". Im Garten wurde ein großes Festzelt aufgestellt, in dem Konzerte, Theater und Feste stattfanden.

Die Polizei rückte am Tag der Räumung um kurz vor neun Uhr mit über zweihundert Mann an. Keiner der Bewohner:innen hatte mit einer derart groß angelegten Polizeiaktion gerechnet, da zu diesem Zeitpunkt noch Verhandlungen zwischen den Bewohner:innen und dem Studierendenwerk stattfanden. Die Polizei – zum größeren Teil mit Helm und Schlagstock bewaffnet –hatte nicht nur den Hinterhof für die Baufahrzeuge abgeriegelt, sondern auch den Eingang des Hauses. Die Bewohner:innen beschlossen daraufhin, das Gebäude friedlich und gemeinsam zu verlassen. 

Gegen elf Uhr zog der erste Teil der Polizist:innen wieder ab, um die Mittagszeit wurde das Haus mit einem Bauzaun vom Garten abgetrennt. Doch die Bewohner:innen ließen sich dadurch nicht einschüchtern. Bereits am Tag nach der Räumung des Gartens zog ein Teil der Bewohner:innen mit Transparenten und Trommeln durch die Stadt, die Demo endete im Garten der Lu15: Auf der einen Seite des Bauzauns standen die Demonstrant:innen, auf der anderen dicht an dicht die Polizei. 

Gerlinde erinnert sich noch genau an diesen Moment "hochexplosiver Stimmung". "Wir dachten wirklich, jetzt geht's los, also egal von welcher Seite." Als die Stimmung schon so geladen war, dass man förmlich das Knistern hören konnte, fing einer der Demonstrierenden an, auf seiner Gitarre zu spielen und zu singen. Die drohende Eskalation verblasste mit jedem Mal, das der Gitarrist über die Saiten strich. An diesem Tag blieb alles friedlich. 

Verlängerung der Mietverträge und spätere Kündigung

Der Barrikadenbau und der Mietboykott hinterließen Spuren: Das Studierendenwerk war dazu bereit, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Die Mietverträge der Lu15-Bewohner:innen wurden verlängert, die Selbstverwaltung blieb erhalten. Zumindest für 14 Jahre.

Das 25-jährige Bestehen der Lu15 feierten die Bewohner:innen im November 2004 noch ausgelassen, doch wenige Wochen später flatterte ein "Mietaufhebungsvertrag" ins Haus: Die Lu15 sollte für eine Sanierung einvernehmlich geräumt werden. Die Bewohner:innen bekamen das Gefühl, dass sie dem aktuellen Geschäftsführer des Studierendenwerks Eberhard Raaf offensichtlich ebenso ein Dorn im Auge waren, wie zuvor Rudolf Pörtner, und dass nun mit etwas Verspätung der einstige Plan von 1989 umgesetzt werden sollte. 

Während der Verhandlungen wurde auch klar, dass sich ihr Gesprächspartner in einem Aspekt als kompromisslos positioniert: Die Selbstverwaltung sollte endgültig gekippt werden. Denn, so hieß es seitens des Studierendenwerks, mit der steigenden Zahl an Erstsemestern könne ohne die Lu15 der Anfrage nach neuen Wohnungen nicht mehr nachgekommen werden. Das Gebäude sei zudem stark beschädigt. Von den Bewohner:innen eigens angeheuerte Handwerker:innen waren sich jedoch sicher, dass Heizung und Fassade noch in Ordnung seien. 

Für das Studierendenwerk stand jedoch fest: Bis zum 31. Mai 2006 sollte das Haus entmietet sein. Im September 2005 folgten Kündigungsschreiben an die Mieter:innen. Als direkte Reaktion darauf organisierten die Bewohner:innen an einem Samstag ein "Wohn-Out" auf dem Tübinger Marktplatz: Mit Sofas, Sesseln, Kuchen und Schokomuffins verwandelten sie den Platz kurzerhand in ein Wohnzimmer. 

Es lohnt sich, für Wohnraum zu kämpfen

Aber der Protest lief ins Leere, und so stand für die Lu15 im Mai 2006 die medial groß angekündigte Zwangsräumung vor der Tür. "Die Bewohner:innen haben das Haus nie besessen, sie haben es gemietet", argumentierte Eberhard Raaf in einem Pressestatement. Genau dieses Argument wurde zum Anlass für den bisher größten und wichtigsten Schritt in der Geschichte der Lu15: Die Hausgemeinschaft entschloss sich dazu, das Haus mit Hilfe des Mietshäusersyndikats selbst zu kaufen. Weil das Angebot der Bewohnenden durchaus ernst gemeint war und auch so kommuniziert wurde, wurde die Räumung tatsächlich auf Eis gelegt. 

Durch viele Unterstützer:innen, Spenden und Direktkredite konnte im Jahr 2007 der Kauf des Hauses schließlich gesichert werden. 525.000 Euro zahlte die Gemeinschaft im Jahr 2009 und damit endeten die Streitereien und das seit 30 Jahren existierende Wohnprojekt blieb weiter bestehen.

Das Mietshäuser Syndikat war bereits an über 30 erfolgreichen Projekten beteiligt und kann als Mitgesellschafter einen Weiterverkauf des Hauses verhindern, indem es von seinem Vetorecht Gebrauch macht. Dadurch wird sichergestellt, dass die Immobilie Lu15 immer im Besitz ihrer (teilweise regelmäßig) wechselnden Bewohnerschaft verbleibt. Alle Bewohner:innen sind Mitglied im Hausverein, der wiederum Mitgesellschafter der LUtopia GmbH ist, wodurch die Bewohner:innen selbst über ihr Gebäude bestimmen können. In dieser Konstellation ist die Lu15 bis heute organisiert.  (ma/vb)

Die Bewohner:innen treffen nach wie vor alle Entscheidungen gemeinsam und verstehen sich als Gemeinschaft mit Verantwortung für ihr Umfeld. Ein beliebtes Angebot der Lu15 sind auch die Hausbar und die VoKü (Volksküche). Es gibt sogar eine kleine Boulderwand. Auch die Sanierungsarbeiten haben die Bewohnenden in die eigenen Hände genommen. Die Außendämmung wurde erneuert, eine neue Heizung eingebaut und das Warmwasser von Solarthermie unterstützt, um den Energieverbrauch zu reduzieren.

Solidarischer, selbstverwalteter Wohnraum, in dem statt Finanz- und Renditeinteresse der Mensch mit seinem Grundbedürfnis Wohnen im Mittelpunkt steht, kann also funktionieren. Auch aus einem Haus mit Rohrbruch kann ein Gebäude werden, wo soziales Wohnen und Solidarität ineinander übergehen. Die Lu15 hat Umständen getrotzt, bei denen andere aufgegeben hätten. Sie zeigt, dass es sich lohnt, sich aufzulehnen und um das Recht auf bezahlbaren Wohnraum zu kämpfen.

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