Theodor. Ein junger Mann. Für immer ein junger Mann. Tausenden Menschen hat er in die Augen geschaut. Er hat nie weggeschaut, nie geblinzelt. Die Menschen konnten seinem Blick ausweichen, er ihrem nie. Auch dem von Thomas Stöckle nicht. Ihre erste Begegnung ist beinahe 30 Jahre her. Es war in Stöckles Büro, ein schmuckloser Raum in einem schmucklosen Haus, an einem Ort, der als Ende der Welt durchgeht, wenn das Ende der Welt auf einem Berg liegt und schön ist. Aus einer Akte auf seinem Schreibtisch, durch die Stöckle blättert, fällt ihm eine alte Schwarz-Weiß-Aufnahme in die Hände, vielleicht zog er das Foto auch einfach nur zwischen den Papieren hervor. Theodor. Eine Porträtaufnahme von ihm. Kein Lachen, nicht mal ein Lächeln. Aus den schönen dunklen Augen des jungen Mannes blickt der Ernst, er streift einen mit Melancholie. In der Ausstellung im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Grafeneck auf der Schwäbischen Alb hängt dieses Foto. Es ist um ein Vielfaches vergrößert, sodass die Besuchenden auf den jungen Mann zulaufen, ihm gegenüberstehen.
Theodor Kynast aus Göppingen litt an Schizophrenie. Er ist tot, seit dem 3. Dezember 1940. Und trotzdem ist er unsterblich. Und das muss auch so bleiben. Die Lebenden sorgen dafür, deshalb die Gedenkstätte, deshalb das Dokumentationszentrum. Denn Theodor steht für Emil, für Elvira und Max, für Rosa. Für 10.654 Menschen, die in der Tötungsanstalt Grafeneck ermordet wurden. Für Stöckle war Theodor der Erste, den er von ihnen allen kennenlernte, deshalb ist er etwas Besonderes, die anderen sind deshalb aber nicht weniger besonders, so ist das auf keinen Fall gemeint. Sie alle, jeder einzelne von ihnen, ist ein Teil von Stöckles Arbeit und Stöckles Arbeit ist er, das ahnt man schon beim ersten Händeschütteln, es wird noch klarer bei jedem Schritt über das Gelände. Stöckle hat all das aufgebaut. Und "all das" ist mehr als nur eine ausschweifende Geste mit dem Arm, die die Gedenkstätte und das Dokumentationszentrum umfasst. Deshalb muss man, um ihn kennenzulernen, Grafeneck kennenlernen. Denen begegnen, die hier leben, und denen, die hier starben, dann lernt man ihn kennen: den Menschen, den Historiker, den Gedenkstättenleiter. Sein halbes Leben ist Stöckle mit diesem Ort verbunden. Woanders hin wollte er nie, sagt er, warum auch?
Stöckle nennt das Schreckliche beim Namen
Thomas Stöckle wurde 1964 in Geislingen an der Steige geboren, er wuchs dort auf, ging dort zur Schule. Die Eltern seien politisch immer interessiert gewesen, aber keine Akademiker. Geislingen war damals stark industriell geprägt, mehrere Generationen einer Familie arbeiteten in den Werken der Württembergischen Metallwarenfabrik WMF, so auch die Stöckles, erst der Opa, dann auch der Vater, erzählt Stöckle. WMF, drei Buchstaben, die jeder kennt, vom Löffel, der Gabel, dem Topf. Zu WMF wollte Stöckle nicht. Schon in seiner Schulzeit interessierte er sich für Geschichte, Latein und Deutsch. Doch das war, wie er sagt, gar nicht der Grund, warum er an der Universität Stuttgart anfing, Geschichte zu studieren. Sondern: "Menschen sind das Spannendste, was es gibt", sagt Stöckle, "der Mensch und was er macht." Diese Neugier hat er gut brauchen können, als der heutige Gedenkstättenleiter 1996 als wissenschaftlicher Mitarbeiter seine Recherchen begann.
"Um etwas über die Menschen herauszufinden, die hier ermordet wurden, musst du immer an den Anfang gehen", sagt er. Stöckle wollte das Schreckliche, das hier passierte, beim Namen nennen – bei den Namen, denn die hatten die Nazis vernichtet wie die Menschen, zu denen sie einst gehörten. So wie Theodor, dessen Leben als unwert galt. Er, kein Leistungsträger, stattdessen nur Last für das gesunde Volk, das schwer an ihm und den anderen tragen muss, deshalb musste er sterben und die anderen auch. "In den vielen Pflegeanstalten des Reichs sind viele unheilbar Kranke jeder Art untergebracht, die der Menschheit überhaupt nicht nützen. Sie nehmen nur anderen gesunden Menschen die Nahrung weg und bedürfen oft der zwei- und dreifachen Pflege", Worte einer Ansprache von Viktor Brack (1904 bis 1948), Wirtschaftswissenschaftler und einer der Hauptorganisatoren der "Aktion T4", dem Massenmord durch Giftgas an Menschen mit geistiger, körperlicher, seelischer oder psychischer Erkrankung im Deutschen Reich. Die Nazis versuchten ihr Töten zu vertuschen, sie schrieben Briefe voller Lügen an die, die zurückblieben. Theodor wurde am gleichen Tag, als er nach Grafeneck gebracht wurde, vergast. Die Nazis aber schrieben an dessen Vater über den Tod des Sohnes: "Dieser ist nun zu unserem Bedauern am 3. Dezember 1940 ganz plötzlich an Lungentuberkulose mit anschließendem Blutsturz verstorben."
Stöckle erzählt, dass einige Angehörige, wenn sie die Gedenkstätte und das Dokumentationszentrum besuchen, um mehr über ihre Verwandten zu erfahren, eine Hemmschwelle hätten auszusprechen, was ihrem Bruder, ihrer Schwester, der Tante oder dem Vater hier passiert ist. Als wäre es zu drastisch auszusprechen, wofür es eigentlich gar kein Wort gibt, das drastisch genug wäre. Die Hemmschwelle ist oft so hoch, dass Stöckle den Angehörigen drüber helfen muss: "Sie wurden ermordet", sagt er dann.
Die Gedenkstätte mitten im Heute
Stöckle war Student bei Eberhard Jäckel, einem der Experten der Nationalsozialismus- und Holocaust-Forschung. Jäckel wurde zu seinem Wegbereiter und Wegbegleiter. Denn er war es, der Mitte der 1990er-Jahre Stöckle als Mitarbeiter für die Gedenkstätte Grafeneck vorschlug. Mitarbeiter klingt, als wären da neben Stöckle noch andere gewesen, so war es aber nicht, zehn Jahre lang gab es nur ihn. Stöckle stand alleine vor der Frage, blickte an ihr hoch, weil sie viel größer war als er: Wer waren die über 10.000 Opfer, die hier in Grafeneck getötet wurden? Antworten fanden er und später auch seine Mitarbeitenden in mühevoller Kleinarbeit, in Patienten- und Verwaltungsakten der Heil- und Pflegeanstalten, aus denen die Patientinnen und Patienten kamen, in Nachlässen, auf Transportlisten. Heute liegt ein dickes Buch mit Namen, die in alphabetischer Reihenfolge sortiert sind, in einer Schublade unter Plexiglas neben dem offenen Eingang der Gedenkstätte aus. Rund 9.800 Namen stehen inzwischen darin und es kommen immer wieder neue hinzu. 365 Tage im Jahr kann man nach Grafeneck kommen, bis zu 40.000 Besucherinnen und Besucher tun das jährlich, auch internationale Gruppen. Projekte sind entstanden mit Menschen mit Handicap, die diejenigen ohne darin unterstützen, Bücher in leichter Sprache zu verfassen, damit alle sie verstehen können, alle sich erinnern müssen und keiner vergisst. "Die Menschen leben hier mit der Geschichte und manche helfen uns in der Vermittlungsarbeit", sagt der Gedenkstättenleiter. Circa 70 Menschen mit Handicap leben hier oben in den Häusern der Samariterstiftung, gegenüber dem Dokumentationszentrum inmitten von Grün, in Sichtweite das Schloss Grafeneck. Stöckle, so kann man sagen, hat es gemeinsam mit der Samariterstiftung geschafft, dass eine Gedenkstätte mitten im Leben ganz normal ist.




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