Ausgabe 218
Zeitgeschehen

Konstanzer Kameraden

Von Holger Reile
Datum: 03.06.2015
Er war ein Säulenheiliger der Uni Konstanz: Hans Robert Jauß (1921–1997), weltweit bekannter Romanistik-Professor. Seine Nazivergangenheit ist jetzt auch wissenschaftlich belegt – sehr zum Ärger ehemaliger Unirektoren. Der amtierende Chef, Ulrich Rüdiger, hat Mut und hält dagegen.

Nicht, dass die SS-Geschichte des Hans Robert Jauß am Bodensee unbekannt gewesen wäre. Schon in den 1970er-Jahren tauchte sie auf, nur in Konstanz wurde sie lange gedeckelt und heruntergespielt. Ein öffentliches Thema wurde sie erst, als sie der Autor Gerhard Zahner am 19. November 2014 auf die Konstanzer Bühne brachte. (Siehe dazu den Artikel "Die Schule als Waffe".) Zuvor hatte Rektor Rüdiger den Potsdamer Historiker Jens Westemeier mit weiteren Recherchen beauftragt. Heraus gekommen ist eine 138-Seiten-Dokumentation, die sich auf Archive in Tschechien, Polen und Serbien stützt – und das Denkmal Jauß vom Sockel holt.

Jauß, so Westemeier, war "politisch hoch ideologisiert" und schon bei der Hitlerjugend durch seine "Führungsqualitäten" aufgefallen. Im Alter von 17 Jahren trat er der SS bei, wurde 1941 zum SS-Untersturmführer befördert und somit innerhalb kurzer Zeit Mitglied im inneren Zirkel des SS-Führercorps. 1942 kämpfte Jauß mit der Freiwilligen Legion Niederlande an der Ostfront und war Teil der Heeresgruppe Nord, die über zwei Jahre lang die Stadt Leningrad blockierte und aushungerte, wobei über eine Million Einwohner ihr Leben verloren. Später erklärte Jauß, von den Vorgängen habe er damals nur "mitunter" etwas aus diversen Mitteilungsblättern erfahren, aber von Kriegsverbrechen durch die Waffen-SS habe er nichts gewusst.

Eine Bilderbuchkarriere im NS-Staat

Im Herbst 1943 führte Jauß eine Kompanie in Kroatien im sogenannten Partisanenkampf. Seine Gruppe war nachweislich beteiligt an Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung. Vier Dörfer wurden niedergebrannt, Menschen starben, eine ganze Region wurde von der SS verwüstet und ausgeplündert. Eine individuelle Tatbeteiligung, beispielsweise bei Deportationen oder Massakern, so Westemeier, könne man Jauß zwar nicht nachweisen, "aber er hatte Führungsverantwortung, wusste, was geschah und war vorne mit dabei". Noch vor Ort wurde der schneidige SS-Mann am 9. November zum Obersturmführer, ein Jahr später zum SS-Hauptsturmführer ernannt. Mit knapp 23 Jahren, was in diesem Alter nur ganz wenigen gelang. Eine Blitz- und Bilderbuchkarriere im NS-Staat.

Nach Kriegsende im Herbst 1945 wollte sich Jauß an der Bonner Universität immatrikulieren lassen, legte aber, so die Recherchen Westemeiers, "gefälschte Dokumente" vor. Er versuchte, seine SS-Zugehörigkeit zu verschleiern, und "log hartnäckig". Im Dezember 1945 stellte sich Jauß den britischen Besatzungsbehörden und wurde interniert. 1947 verurteilte ihn eine Spruchkammer zu einer "Sühne" über 2000 Reichsmark, da er "Angehöriger einer verbrecherischen Organisation" gewesen sei. Westemeiers Fazit: Hans Robert Jauß "war kein normaler Soldat", vielmehr "Mitglied einer Terrorgruppe", stets "ein aktiver Führer" mit einer "stimmigen und stringenten SS-Karriere".

Westemeier hielt seinen Vortrag im Audimax der Uni – vor versammelter ehemaliger Prominenz: den Altrektoren Horst Sund und Bernd Rüthers sowie dem Althistoriker Wolfgang Schuller. Alle glaubten, Unheil abwenden zu müssen von ihrem ehemaligen Kollegen. Schuller kritisierte Westemeiers Vortrag und zweifelte an dessen Seriosität. Rüthers, Jahrgang 1930, geißelte das Gehörte als "postmortale Persönlichkeitsverletzung", und Sund, Jahrgang 1926, erinnerte sich an seine eigene Zeit bei der Hitlerjugend, die er zur allgemeinen Verwunderung des Publikums mit der heutigen Pfadfinderbewegung verglich. Politisch sei die HJ seiner Erinnerung nach nicht gewesen: "Wir waren viel draußen und haben eigentlich nur Sport getrieben."

Fataler Korpsgeist

Die alten Kameraden sehen eine "Vorverurteilung" von Jauß. Einige dieser Altvorderen hatten bereits lautstark protestiert, als die Universität zeitgleich mit Zahners Stück im November 2014 eine Stellungnahme an die Presse verschickte, aus der eindeutig herauszulesen war, dass Jauß als führendes Mitglied der Waffen-SS alles andere war als nur ein "normaler" Soldat. Sund, Rüthers und auch Schuller beschwerten sich im Dezember 2014 beim Senat darüber, dass Zahners Lesung an der Uni aufgeführt worden sei, bevor Westemeiers Gutachten vollständig vorgelegen habe.

Sie befürchteten, damit würde die Universität Schaden erleiden. Viel besser wäre es doch gewesen, die Diskussion über die Vergangenheit von Jauß intern zu führen. Schuller verstieg sich gar zu dem Vorwurf, der Vorgang erinnere ihn an eine "nachträgliche Gesinnungsprüfung". Rüthers erklärte außerdem, man leiste einer "Vorverurteilung des Kollegen Jauß" Vorschub.

Vereint in wohl auch altersbedingtem Starrsinn verweigerte die Riege hartnäckig jeden Erkenntnisgewinn und übte sich in schwer erträglicher Bagatellisierung. Man dürfe, so beispielsweise Karlheinz Stierle, dessen Doktorvater Jauß war, nicht vergessen, was die Uni Jauß zu verdanken habe. Zudem verbiete es sich nachhaltig, ihn "moralisch zu beurteilen", denn der Nationalsozialismus sei eben " gerade für junge Menschen eine Verlockung" gewesen.

Ungeachtet dessen planen Unirektor Rüdiger und Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke weitere Veranstaltungen über die "zwei Leben" des Hans Robert Jauß.

 

Info:

Die Dokumentation von Jens Westemeier ist unter diesem Link zu finden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

5 Kommentare verfügbar

  • Frank Schnekenburger
    am 08.06.2015
    Die Auseinandersetzung mit diesem Thema sehe ich als ausgesprochen wichtig an. Es hilft aber nicht weiter ehemalige Rektoren als Altvodere, Gesinnungstäter oder Alte Kameraden abzuqualifizieren. Die früheren Rektoren sehen ihre Tätigkeit in ihrer Zeit und im Sinne ihrer Universität, die sie voranbringen und nicht beschädigen wollen. Das ist zunächst nicht verwerflich. Und eben ganau dies macht auch der derzeitige Rektor. Er greift dieses Thema auf, in dieser Zeit und sorgt für eine schonungslose Aufarbeitung. Das ist sehr gut so und wird die Universität Konstanz weiterbringen. Vielleicht hat Jens Westermeier im einen oder anderen Punkt nicht exakt recherchiert, aber im Kern hat er recht und der Universität und den Studenten einen großen Dienst erwiesen. Ulrich Rüdiger wird wohl wissen, dass das Verdrängen und Verschweigen in unserer Zeit keinen Platz mehr finden darf.
  • kalo
    am 06.06.2015
    Es liegt genug vor, um ein scharfes Urteil zu fällen, da wären Übertreibungen nicht nötig: als "SS-Untersturmführer" war er nur etwas wie der Leutnant in der Wehrmacht, der niedrigste Offiziersdienstgrad, aber nicht schon "Mitglied im inneren Zirkel des SS-Führercorps". Und ein "SS-Obersturmführer" war dann das Äquivalent zum Oberleutnant; daß er das schon mit knapp 22 Jahren wurde, ist nicht so ungewöhnlich, es war Krieg, da avanciert man ebenso schnell, wie man tot sein kann.
    (Daß er später SS-Obersturmführer "der Reserve" geworden, aber zugleich in der Truppe gewesen sein soll, ist übrigens unverständlich. Man ist nicht in der Reserve, während man aktiv dient. Zum Reservestatus paßte dann auch nicht die Rückkehr an die Ostfront, sehr gut dagegen der Status als Inspekteur ab Mai '44. Irgendwie paßt auch nicht zusammen, daß er September '44 noch immer Inspekteur, aber zugleich Erster Generalstabsoffizier gewesen sein soll, was mit der Bemerkung zu seinem Status als "Ia" angedeutet wird. Daß er dann im November '44 SS-Hauptsturmführer "der Reserve" wird, paßt wieder sehr viel besser zu seinem fortgesetzten Status als Inspekteur, also Offizier im Hinterland - und dem kaum bei einer Kampftruppe möglichen Besuch der Uni Prag. Hoffentlich sind die anderen Recherchen Westemeiers besser fundiert.)

    Und, pardon, another nitpicking: die Causa Jauß wurde schon 1995 zum ersten Mal publik, nicht erst 2014.
  • Hans Paul+Lichtwald
    am 05.06.2015
    Weitere "Veranstaltungen" der Uni zur "Causa Jauß"? Ich hatte mir von Albrecht Koschorke bei der Veranstaltung den 6. Juni notiert. Dann hörte ich nichts mehr. Meine Nachfrage bei der Presse-Stelle der Uni ergab: 6. Juli um 18.45 Uhr "universitätsöffentlich". Mir wurde zugesichert, dass ich als Journalist kommen könne. "Juni" hatte meine Tochter live auch gehört. Also: Schaun mer mal! Jetzt soll es ja um die Konsequenzen für die "Konstanzer Schule" gehen - also ums Eingemachte.
  • Rolf Steiner
    am 03.06.2015
    Sie haben bis heute nichts dazugelernt: die "alten Kameraden". Die Betrügereien bei seiner Immatrikulation sagen m.E. mehr über den Charakter dieses Mannes aus als jedes noch so geschönte "Zeugnis" seiner derzeitigen Noch-"Verteidiger".
  • Tillupp
    am 03.06.2015
    Dieser Professor konnte Nachkriegs-Studenten manipulieren und das wirkt noch zig Jahre nach: 1.) durch Lehrinhalte, 2.) indem gesinnungstreue promoviert wurden und 3.) andere durch Prüfungen fielen. Es wird noch Jahrzehnte dauern bis diese Rechtverschiebung bei Akademikern ausgeglichen ist. Die nationalsozialistischen Kriegsverbrechenheimkehrer waren und sind allesamt potentielle Schläfer und Nazi-Seilschaften werden auch vererbt.

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!