KONTEXT:Wochenzeitung
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Trommelfeuer der Erinnerung

Trommelfeuer der Erinnerung
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Das neue Kontext-Buch "Der König weint" ist eines von vielen, das hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges erschienen ist. Warum es ein besonders ist, erklärt Herausgeber Wilhelm Reschl in der Einleitung zum Buch, die wir heute als Leseprobe abdrucken.

"Trommelfeuer der Erinnerung", "Materialschlacht der Dokumente","Erinnerungslawine" - so bezeichnen Historiker das Gedenken an 100 Jahre Erster Weltkrieg. Bücher, ungezählte Artikel in Magazinen, Zeitungen,aber auch Filme, Radiosendungen; viele umfangreiche Online-Auftritte. So ist also alles gesagt, gezeigt, beschrieben? Ja, eigentlich schon. Für die Historikerzunft ist wirklich alles be- und geschrieben worden.

Außerhalb dieser Gruppe, also der Menschen, die professionell Geschichte betreiben, als Forscher, Lehrer, Journalisten, für die interessierten Normalbürger, erst recht aber für "die Menschen draußen im Land" hat sich bei diesem Gedenken an den Ersten Weltkrieg ein neues, nicht unproblematisches Muster durchgesetzt.

Während vor 50 Jahren noch eine große Debatte um die deutsche Schuld am Ausbruch dieses Krieges tobte, die sogenannte Fischer-Kontroverse (siehe dazu den Artikel "Schuld und Bühne"), triumphiert in diesem Gedenkjahr der subjektive Faktor: der Krieg zum Schmecken und Riechen, aber vor allem Tagebücher, Frontbriefe, Erinnerungen, private Fotos aus allen Krieg führenden Ländern Europas. Alles Geschehen an der Front und in der Heimat wird aufgelöst in dieser weltweiten Gemeinschaft der Leidenden, der Opfer. Natürlich ist es richtig, an die vielen Millionen Toten, Verstümmelten,Versehrten zu erinnern, aber ausreichend ist es nicht. So haben wir versucht,eher vergessene und verdrängte Themen aufzugreifen: Rüstungsindustrie, Künstler, bürgerliche und sozialistische Gegner des Krieges.

Alle Artikel haben einen, mal starken, mal schwächeren, Bezug zum Südwesten Deutschlands. Vom Anspruch her sollten auch alle Themen kritisch behandelt werden. Nicht nur auf den ersten Blick sind das meist nur Nebenschauplätze des großen Krieges. Aber gerade dadurch soll ein neuer Blick möglich werden, jenseits der Schlachten, der Heldentaten. Die Titelgeschichte: "Der König weint". Dass er geweint hat, steht für mich außer Frage, obwohl offizielle Belege fehlen. Zeitzeugen, Offiziere und einfache Soldaten, haben von den Tränen des Königs berichtet, doch damals, vor hundert Jahren, hat man sich für den weinenden Oberbefehlshaber des württembergischen Heeres geschämt. Wie der König konnte weder die sozialistische noch die bürgerliche Friedensbewegung die Katastrophe aufhalten; selbst die kritisch-satirische Presse schwenkt rasch auf Kriegskurs um.

Bereits in den ersten Wochen des Krieges kam es in Belgien zu Kriegsgräueln gegen die Zivilbevölkerung des überfallenen, eigentlich neutralen Landes. Tausende Männer, Frauen, Kinder mussten sterben, die weltbekannte Universitätsbibliothek von Löwen ging in Flammen auf. Danach waren die Deutschen für die westallierte Propaganda nur noch die "Hunnen", die Barbaren. Dies machte auch Eindruck auf die Bürger der USA und war damit ein nicht unwesentlicher Grund für den späteren Kriegseintritt und die darauf folgende Niederlage des Deutschen Reiches.

Der zunächst beachtliche militärische Erfolg beruhte auch auf einer jahrzehntelangen militaristischen Erziehung, die freilich mit der des "Dritten Reiches" kaum verglichen werden kann. Es folgen drei Kulturthemen im engeren Sinn; der Krieg und die Expressionisten, der Spezialfall des weltberühmten Ernst Jünger und die Kriegs-/Antikriegs-Malerei. "Der Menschenfresser" zeigt das bittere Schicksal unserer Nachbarn im Westen, der Elsässer.

Mit zwei Beiträgen wird das wichtige Kapitel Rüstungsindustrie abgehandelt. Die Kriegswirtschaft funktionierte im autokratischen Deutschen Reich längst nicht so gut, wie man meinen könnte. A la longue zeigten sich die Demokratien des Westens, trotz großer Anfangsprobleme, den "alten Monarchien" Deutschland, Österreich-Ungarn, Russland und Osmanisches Reich deutlich überlegen.

Dass diese Katastrophe wirklich ein "Weltkrieg" war, in dem Sinne, dass alle Kontinente der Erde ihren Beitrag leisten mussten, wird zum Beispiel am Schicksal der deutschen Kolonien deutlich. Neben dem Platz an der Sonne suchten deutsche Fürstenhäuser auch nach Thronen für überzählige Prinzen. Zugleich zeigt der Fall des "Beinahe-Königs" von Litauen auch die überhebliche Politik des wilhelminischen Deutschland gegen die Völker im Osten Europas.

Im Schlussteil beschäftigen wir uns zunächst mit Politikern: dem letzten Reichskanzler des Kaiserreichs, Prinz Max von Baden, dann dem herausragenden Staatssekretär Matthias Erzberger, Abgeordneter des katholischen Zentrums aus Buttenhausen auf der Schwäbischen Alb. Unübersehbar, dass in der Zeit des Niedergangs auffallend viele Persönlichkeiten aus dem Südwesten berufen wurden. Neben Prinz Max von Baden und Matthias Erzberger auch Friedrich Ebert, der erste Kanzler der deutschen Republik, der General Wilhelm Groener, Conrad Haußmann von den Liberalen.

Die beiden Schlussstücke widmen sich dem Erinnern: zunächst mit der scharfen geschichtspolitischen Debatte vor fünfzig Jahren. Dagegen ist die aktuelle Diskussion um "Die Schlafwandler" des australischen Historikers Christopher Clark nur ein schwacher Widerschein. Dann mit neuen Formen, den Krieg im Internet spielerisch nachzuempfinden; zumindest geben das die Erfinder der zahlreichen Ballerspiele so vor.

Die Kontext:Wochenzeitung - und damit auch das Buch - gehört zu einer nicht mehr ganz neuen Spezies selbst verwalteter Medienprojekte, also viel Engagement, aber herzlich wenig Geld. Dafür möchte dann jeder wenigstens sein "eigenes Ding" machen. So war es weitgehend auch bei diesem Buch. Deshalb sind die Autoren für ihre Arbeiten auch selbst verantwortlich.

Das neue Kontext-Buch "Der König weint" wird am 25. September im Rahmen einer Lesung offiziell vorgestellt. Kontext-Leser sind herzlich dazu eingeladen. Der Eintritt ist frei.

Inhalt und Örtlichkeit passen perfekt: Die Buch-Präsentation findet im Hauptstaatsarchiv Stuttgart des Landesarchivs Baden-Württemberg statt. Die Räumlichkeiten im ersten Stock des Gebäudes Konrad-Adenauer-Straße 4 bieten Platz für 200 Zuhörer. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr, der Eintritt ist frei. Nach der Lesung stehen der Herausgeber und Autoren zum Signieren und für Gespräche zur Verfügung. Anmeldung bitte über verwaltung@kontextwochenzeitung.de oder Telefon 0711- 66 48 65 48. Wir freuen uns über einen vollen Saal!

"Der König weint" kann ab sofort über die Redaktion bestellt und bezogen werden. Der 172 Seiten starke Band fasst in 18 Kapiteln die gleichnamige Serie über den Weltkrieg im Südwesten zusammen, die in der ersten Jahreshälfte in Kontext erschienen ist. Die Artikel-Sammlung, die von Kontext-Autor Wilhelm Reschl bearbeitet wurde und von dem studierten Historiker herausgegeben wird, kann ab sofort per Email über verwaltung--nospam@kontextwochenzeitung.de oder telefonisch unter 0711 - 66 48 65 48 bestellt werden.

Das Buch kostet 14.90 Euro zuzüglich Versandkosten, kann aber auch nach vorheriger telefonischer Absprache (Mo-Fr 10-17 Uhr) in der Redaktion (Hauptstätter Straße 57 in Stuttgart-Mitte) abgeholt werden.


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