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Rüstungsindustrie und Klima

Grüner Sprit, graue Realität

Rüstungsindustrie und Klima: Grüner Sprit, graue Realität
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Die Rüstungsindustrie formuliert zunehmend Klimaziele und setzt auf neue Technologien. Gleichzeitig wächst der Druck zur Aufrüstung. In der Praxis verschieben sich damit die Prioritäten.

In Karlsruhe baut Ineratec Anlagen, die aus CO₂ und Wasserstoff synthetischen Kraftstoff herstellen. Bislang war das Unternehmen vor allem in zivilen Branchen aktiv: Luftfahrt, Schwerlastverkehr, Chemieindustrie. Jetzt rückt ein neues Feld in den Vordergrund: die militärische Versorgung. Das passt in ein Bundesland wie Baden-Württemberg, in dem die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie laut Wirtschaftsministerium "eine bedeutende Rolle" spielt, nicht zuletzt in einer Phase, in der zentrale Industrien wie der Automobilsektor unter Druck stehen.

Gemeinsam mit dem Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall arbeitet Ineratec daran, solche Anlagen auch für militärische Zwecke nutzbar zu machen. Die Idee: Streitkräfte sollen ihren Treibstoff künftig näher am Einsatzort selbst herstellen können, unabhängig von langen Lieferketten und von Ölimporten. In einer Zeit, in der Energieversorgung wieder als strategische Schwachstelle gilt, bekommt das zusätzlich Bedeutung.

Technisch ist das Konzept modular gedacht. Ein Produktionsmodul könne innerhalb von etwa sechs Monaten errichtet werden, sagt das Unternehmen. Erste kommerzielle Anlagen hat Ineratec bereits umgesetzt, weitere könnten folgen. Auch ein Ausbau am Standort Karlsruhe sei möglich. Die Technik sei da. Jetzt gehe es darum, wo sie eingesetzt wird.

Treibstoff als strategisches Risiko

"Die größten Risiken liegen in der Kraftstoffversorgung", sagt Ineratec-Sprecherin Isabel Fisch. In militärischen Einsätzen könne Treibstoff extrem teuer werden. Sie verweist auf Afghanistan, wo zeitweise bis zu 200 Euro pro Liter gezahlt worden seien. In solchen Situationen spielen Kosten eine untergeordnete Rolle. Klimafreundlichere Kraftstoffe könnten damit wirtschaftlich weniger an ihrer Effizienz gemessen werden, sondern daran, ob sie verfügbar sind.

Diese Logik prägt auch den Umgang mit der Technologie. Im zivilen Bereich wirbt Ineratec mit "CO₂-neutralen" Kraftstoffen und setzt auf grünen Wasserstoff und Zertifizierung. Im militärischen Kontext verschiebt sich der Fokus: Hier geht es vor allem um Versorgungssicherheit. "Wir sind agnostisch gegenüber den Ausgangsstoffen", sagt Fisch. Entscheidend sei, dass Kraftstoffe flexibel und auch unter schwierigen Bedingungen produziert werden können, auch mit Wasserstoff aus fossilen Quellen. Klimafreundlichkeit kann so entstehen, muss aber nicht.

Damit verschiebt sich auch der Zweck: weg vom Klimaschutz, hin zur strategischen Unabhängigkeit. Ein Muster, das sich auch bei großen Rüstungsunternehmen zeigt. Klimaziele spielen dort inzwischen eine Rolle, stehen aber selten im Mittelpunkt.

Rheinmetall etwa sagt, man strebe "eine klimafreundliche Produktion unserer Rüstungsgüter" an. Emissionen in den eigenen Werken sollen sinken, mittelfristig auch die entlang der Lieferketten. Gerade dort entsteht der größte Teil der Emissionen in der Rüstungsindustrie: nicht in der Produktion selbst, sondern bei Zulieferern – etwa in der Metall-, Elektronik- oder Chemieindustrie. Ein erheblicher Teil der Emissionen entsteht zudem erst im Einsatz, etwa durch den Treibstoffverbrauch von Fahrzeugen, Flugzeugen oder Schiffen.

Entsprechend rückt die Lieferkette stärker in den Fokus. Die Rheinmetall-Lieferanten müssten bei neuen Aufträgen angeben, ob sie über einen Fahrplan zur Dekarbonisierung verfügen. In einigen Fällen würden bereits CO₂-Daten für Produkte abgefragt. Perspektivisch könnten solche Daten zu einem festen Bestandteil von Beschaffungsentscheidungen werden, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit.

Viele Daten – wenig Transparenz

Wie groß dieser Anteil ist, zeigt ein Blick auf Hensoldt. Das Rüstungsunternehmen mit Sitz im bayrischen Taufkirchen emittierte 2025 rund 732.000 Tonnen CO₂-Äquivalente, der überwiegende Teil davon entfällt auf Scope-3-Emissionen, also Treibhausgase, die nicht direkt vom Unternehmen erzeugt werden. Allein die eingekauften Waren und Dienstleistungen machen rund 79 Prozent aus. Die eigentliche Produktion in den Werken fällt demgegenüber kaum ins Gewicht.

Gleichzeitig steckt die Erfassung dieser Emissionen noch in den Anfängen. Hensoldt sei mit seinen Lieferanten zwar im Austausch, verpflichte sie bislang aber nicht zur Offenlegung konkreter Klimadaten. Erst in den kommenden Jahren sollen solche Informationen systematischer erhoben werden.

Auch bei anderen Unternehmen der Branche ist es ähnlich. Airbus verweist auf wissenschaftsbasierte Klimaziele für den gesamten Konzern. Bis 2030 sollen die direkten Emissionen deutlich reduziert werden, auch die Lieferketten würden einbezogen. Gleichzeitig arbeite der Konzern an effizienteren Flugzeugtechnologien, die den Treibstoffverbrauch senken sollen – Entwicklungen, die auch im militärischen Bereich eine Rolle spielen.

In den Antworten der Unternehmen zeigt sich dabei ein wiederkehrendes Muster: Energieeffizienz gewinnt an Bedeutung, aber oft aus mehreren Gründen zugleich: geringerer Verbrauch, größere Reichweite, bessere Einsatzfähigkeit. Klimaschutz taucht in diesem Zusammenhang auf, aber selten als alleiniger Treiber.

Auffällig ist, was fehlt. Die Unternehmen berichten über Emissionen, über Ziele und Maßnahmen. Aber sie können oft nicht genau sagen, wie stark ihr militärisches Geschäft zum CO₂-Ausstoß beiträgt. Rheinmetall veröffentlicht Emissionsdaten für den Gesamtkonzern, ohne sie nach militärischen und zivilen Bereichen aufzuschlüsseln. Airbus erklärt, eine solche Trennung sei aufgrund der Struktur des Unternehmens nicht möglich. Auch bei Hensoldt bleibt offen, welcher Anteil der Emissionen direkt auf militärische Produkte entfällt.

Dabei geht es nicht um kleine Größenordnungen. Schätzungen zufolge verursachen Militär und Rüstungsindustrie weltweit rund 5,5 Prozent aller Treibhausgasemissionen. Wäre das Militär ein Staat, wäre es noch vor Russland der viertgrößte Emittent der Welt und damit etwa doppelt so groß wie der zivile Luftverkehr. Die Zahl ist mit Unsicherheiten behaftet, vor allem, weil die Datenlage lückenhaft ist. Viele Staaten melden militärische Emissionen nur teilweise oder gar nicht.

Zwischen Technik und Politik

Für den Friedensforscher Patrick Flamm vom Peace Research Institute Frankfurt ist das kein Zufall. Militärische Emissionen seien lange Zeit aus internationalen Klimaregeln ausgeklammert gewesen, heute würden sie meist nur auf freiwilliger Basis erfasst. Gleichzeitig beobachtet er, dass mit der aktuellen Aufrüstung auch emissionsintensive Produktion zunimmt und damit neue Abhängigkeiten entstehen können, etwa bei Rohstoffen oder Energie. Mehr Waffenproduktion braucht mehr Stahl, Energie und seltene Rohstoffe. Alles Ressourcen, die auch für den Ausbau erneuerbarer Technologien benötigt werden.

Technologische Veränderungen hält er für möglich. Gerade in der militärischen Luftfahrt könnten nachhaltige Kraftstoffe oder effizientere Designs eine Rolle spielen. "Hier scheint vieles möglich", sagt Flamm. Gleichzeitig verweist er auf die Bedingungen, unter denen solche Entwicklungen stattfinden: militärische Anforderungen, industriepolitische Interessen, geopolitische Spannungen.

Organisationen wie das Conflict and Environment Observatory oder Scientists for Global Responsibility setzen an einem anderen Punkt an. Sie sehen zwar Spielräume bei der Umstellung von Infrastruktur – etwa bei Gebäuden, Basen oder Logistik. Schwieriger werde es bei den Systemen selbst: Kampfjets, Kriegsschiffe, gepanzerte Fahrzeuge. Ein großer Teil der Emissionen entsteht zudem erst durch Kriege selbst, etwa durch Zerstörung und späteren Wiederaufbau von Infrastruktur.

Auch die Politik bleibt zurückhaltend. In Baden-Württemberg können Unternehmen der Rüstungsindustrie grundsätzlich an Programmen zur industriellen Dekarbonisierung teilnehmen. Spezifische Förderprogramme für klimafreundlichere Verteidigungsproduktion gibt es laut Landesumweltministerium nicht. Gleichzeitig betont die Landesregierung die wirtschaftliche Bedeutung der Branche, die eng mit anderen Industriezweigen verflochten ist.

In Karlsruhe zeigt sich, wie sich die Gewichte verschieben. Technologien wie die von Ineratec entstanden in einer Zeit, in der Klimaneutralität noch als zentrales Versprechen galt. Eingesetzt werden sie nun in einem Kontext, in dem andere Fragen dominieren: Versorgungssicherheit, strategische Unabhängigkeit, militärische Einsatzfähigkeit. Das verändert nicht die Technik, aber ihren Zweck. Klimaschutz bleibt möglich – entscheidend ist er nicht mehr.

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