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Billigfleisch

Tropensteaks auf Kosten des Klimas

Billigfleisch: Tropensteaks auf Kosten des Klimas
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Der Großhandelskonzern Metro verschachert brasilianisches Rinderfilet zum Schnäppchenpreis. Was Kunden freuen dürfte, verdirbt Umwelt- und Klimaschützern den Appetit: Im Herkunftsland des Fleisches verbrannten in diesem Jahr rekordverdächtig viele Urwälder und Savannen – meist um Weide- und Futteranbauflächen zu gewinnen.

Schon die Abbildung lässt einem das Wasser im Mund zusammenlaufen. Zwischen "Convenience Hühnerfrikassée" und der Dutzendpackung Riesen-Bockwurst sticht das satte rote Stück Fleisch ins Auge: feinstes brasilianisches Rinderfilet bietet der Düsseldorfer Großhandelskonzern Metro in dieser Woche in seinem "Food"-Verkaufsprospekt feil. Das beste Stück des südamerikanischen Schlachtrindes schätzen hiesige Gourmets und Köche als Premium-Fleisch, das sich perfekt für kurzgebratene Spezialitäten wie Steaks oder auch als Braten eignet. Es gilt als sehr zart, saftig und fettarm und lässt sich entsprechend gut weiterverarbeiten.

Und dazu dieser verführerische Preis: Nur 17,99 Euro netto verlangt Metro pro Kilo Köstlichkeit aus dem Samba-Land. Wer einen ganzen Karton mit rund 20 Kilo Fleisch in den Einkaufswagen wuchtet, macht ein noch geileres Schnäppchen. Für Großverbraucher, zu denen unter den Metro-Kunden vor allem Gastronomen zählen, reduziert sich der Preis um einen weiteren Euro pro Kilo. Da können deutsche Rindviecher kaum mithalten. In Metzgereien ist heimisches Rinderfilet selten zu Kilopreisen unter 50 Euro zu bekommen. Wurden die Tiere biologisch gehalten – also auf kräuterreichen Weiden und in luftigen Ställen sowie das ganze Leben ohne gentechnisch veränderte oder künstlich gedüngte Futtermittel – sind zehn bis zwanzig Euro mehr zu bezahlen. Nicht von ungefähr preist der Düsseldorfer Konzern sein Aktionsangebot, das es ab diesem Donnerstag in allen rund 100 deutschen Metro-Märkten gibt, als "Top-Hit" an.

Doch manchem Metro-Kunden könnte der Appetit auf die saftigen Braten längst vergangen sein. Wer ein gewisses Maß an Gewissen und Verantwortung besitzt, dem dürften die Entwicklungen im Herkunftsland des Metro Top-Hits übel aufstoßen. Seit Anfang 2019 regiert der rechtsextreme Populist Jair Bolsonaro das flächenmäßig fünftgrößte Land der Erde. In den Schlagzeilen steht der einstige Fallschirmspringer-Hauptmann derzeit vor allem wegen Corona. Ähnlich wie seinem großen Vorbild Donald Trump gelingt es ihm nicht, die Virus-Pandemie unter Kontrolle zu bekommen. Am vergangenen Wochenende stieg dort die Zahl der Menschen, die an dem neuartigen Erreger gestorben sind, auf mehr als 150.000. Nur in den USA gibt es mehr Tote. Ein paar Tage zuvor waren in Brasilien bereits mehr als fünf Millionen Infizierte registriert worden.

Rinder statt Regenwald

Der rechtsextreme Präsident verharmlost nicht nur Corona. Wie Amtskollege Trump schert er sich auch nicht um Umwelt- und Klimaschutz. Dabei sind Brasiliens ausgedehnte tropische Regenwälder im Amazonas-Becken gigantische Kohlendioxidspeicher – und damit von enormer Bedeutung für das Weltklima. Nach Jahren extremer Trockenheit loderten in der grünen Lunge der Erde tausende Feuer. Genauso wie in vielen anderen Landesteilen. So wüteten auch im Pantanal, einem der artenreichsten und größten Feuchtgebiete der Erde, riesige Brände. Die Flammen haben dort bereits eine Fläche von der Größe Belgiens zerstört. Rauchwolken verdüstern den Himmel selbst in entfernten Großstädten an der Atlantikküste, wie Fernsehreportagen zeigten.

Doch statt alles zu tun, um die Brände einzudämmen, schaut Bolsonaro dem Inferno fast schon wohlwollend zu. Umweltschützer werfen dem brasilianischen Präsidenten vor, die Brände im Regenwald und in den noch weitgehend unberührten Savannen aus wirtschaftlichen Gründen hinzunehmen. Im Wahlkampf brüstete er sich damit, das Amazonasgebiet stärker erschließen zu wollen. Indem er "Schutzgebiete für Landwirtschaft und Bergbau" eröffnet, können Konzerne sich auf Regenwaldgebieten ausbreiten. Großgrundbesitzer eignen sich seit Jahren illegal neues Land im Regenwald an, der Raum indigener Bewohner wird zerstört. Auf dem brandgerodeten Urwaldland stehen statt kohlenstoffspeichernden Baumriesen dann methanfurzende Rinder, die nach ihrer Aufzucht als Export-Schlachtvieh enden. Abgebrannte Savannen werden zu Anbaugebieten für Soja, das an Rinder und Schweine in aller Welt verfüttert wird.

Inzwischen leben in dem südamerikanischen Land mehr Rinder als Menschen: 215 Millionen Wiederkäuern stehen 210 Millionen Brasilianer gegenüber. Und kein Land exportiert mehr Rind- und Geflügelfleisch als Brasilien: 2018 verkaufte es 1,64 Millionen Tonnen Rindfleisch auf dem Weltmarkt; das waren elf Prozent mehr als 2017 und entsprach neuem Rekord. Laut Verband der brasilianischen Fleischexporteure (ABIEC) lag der daraus erzielte Gesamterlös bei 6,57 Milliarden US-Dollar. Gegenüber 2017 wurde eine Steigerung um acht Prozent erzielt.

Wichtigste Abnehmer brasilianischen Rindfleisches auf dem globalen Markt waren dem Verband zufolge Hongkong und China. Die Ausfuhren nach Hongkong erhöhten sich mengenmäßig um elf Prozent auf 394.856 Tonnen und wertmäßig um sechs Prozent auf 1,44 Milliarden US-Dollar, die Exporte nach China bei der Menge sogar um 53 Prozent auf 322.414 Tonnen und im Wert um 60 Prozent auf 1,49 Milliarden US-Dollar.

Bezogen auf den Umsatz blieb die Europäische Union 2018 der drittwichtigste Absatzmarkt für die brasilianischen Rindfleischexporteure. Hier wurde ein Plus von drei Prozent auf 728 Millionen US-Dollar (640 Millionen Euro) verzeichnet. Die Absatzmenge vergrößerte sich sogar um neun Prozent auf 118.317 Tonnen. Gemessen an der Fleischmenge nahm wieder Ägypten Position drei ein, mit einer um 18 Prozent auf 180.811 Tonnen erhöhten Lieferung bei einem nahezu unveränderten Umsatz von 526 Millionen US-Dollar (463 Millionen Euro).

Bolsonaro ignoriert die Brände in Amazonien

Dennoch ist dies keine Erfolgsstory, meint das Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP) in einer kürzlich erschienenen Studie mit dem Titel "Ausbeutung frisch auf den Tisch". Denn das brasilianische Agrarsystem habe deutliche Schattenseiten: Von schlechter Entlohnung der Arbeiter in den Schlachthöfen und nicht-kostendeckender Bezahlung der Vertragskleinbetriebe über viele Arbeitsunfälle, ungesunde Arbeitsbedingungen, hohen Antibiotika-Einsatz in der Tiermast bis hin zu Sklaverei-ähnlichen Arbeitsverhältnissen in der Rinderzucht.

Ehrlich gemeint oder Greenwashing?

"Das Thema Nachhaltigkeit haben wir bei Metro Deutschland zu einem Maßstab unseres unternehmerischen Handelns erhoben. Ein Prinzip, das wir fest in unserem Alltagsgeschäft verankert haben. Auf diese Weise tragen wir durch unser tägliches Handeln zu einer ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltigen Wertschöpfung bei", verkündet der Großhändler auf seinen Internetseiten. Zudem schreibt der Konzern einen "Metro-Preis für nachhaltige Gastronomie" aus.

"Metro betreibt Greenwashing", glaubt Klaus Schenk von Rettet den Regenwald e.V. Metro sollte ein Zeichen setzen und kein Rindfleisch aus Brasilien verkaufen, solange dort die Tropenwälder und artenreichen tropischen Savannen im großen Stil für die Anlage von Rinderweiden abgeholzt und in Brand gesteckt werden, fordert er. Rindfleisch aus Südamerika sei aus ökologischer (Regenwaldrodung, Transportdistanz per Tiefkühllaster in Brasilien und per Kühlschiff nach Europa sowie vom Hafen bis zum Supermarkt) wie sozialer Sicht (Arbeitsbedingungen, Vertreibung von Indigenen von ihrem angestammten Land) kritisch zu beurteilen. "Rinder werden auch bei uns gehalten", betont Schenk. Es sei nicht lebenswichtig, Fleisch aus den Tropen zu importieren. Generell gelte: Weniger Fleisch essen. Denn dessen ökologischer und klimatischer Fußabdruck sei gigantisch, so Schenk.  (jl)

Darüber hinaus hat die wachsende Fleischindustrie in ihrem Hunger nach immer mehr Anbauflächen für Futtermittel einen riesigen ökologischen Fußabdruck. Die Entwaldungen und Degradierungen des Bodens im Amazonasgebiet führten bereits zu großräumigen klimatischen Veränderungen, die sich in den aktuellen Dürren manifestierten. Deren negative Folgen wiederum wirkten auch auf entfernte Großstädte wie São Paulo. "Geht die Versteppung infolge von Rinderweiden in Amazonien in dem jetzigen Maße weiter, werden die sogenannten 'Fliegenden Flüsse Amazoniens', die Regen in den Süden des Kontinents tragen, in Zukunft versiegen – und der Wassermangel birgt dann sozialen Sprengstoff", warnt die in Washington und Berlin ansässige Nichtregierungsorganisation (NGO) IATP.

Präsident Bolsonaro ficht dies nicht an. Stattdessen bezeichnete er vor kurzem Umweltschutzorganisationen als "Krebs", den er gerne ausrotten würde. Grund für den Zornausbruch ist die Kampagne Defundbolsonaro.org. Mit ihr rufen Umweltgruppen potenzielle Investoren dazu auf, ihr Engagement in Brasilien von einer Verpflichtung des Staates zum Schutz des Amazonas-Regenwaldes abhängig zu machen. Die NGOs hätten ihm nichts zu sagen, wetterte Bolsonaro auf Facebook, die "Bastarde" beschuldigten ihn zu Unrecht, "den Amazonas in Brand zu stecken".

Schon früher hatte Bolsonaro Berichte über Brände im Amazonasgebiet als Lüge bezeichnet. Doch die Satellitenaufnahmen des nationalen Instituts für Weltraumforschung INPE (Instituto Nacional de Pesquisas Espaciais) zeigen, dass allein im August über 29.000 Feuer im Amazonasgebiet loderten. Laut INPE wurde im ersten Quartal 2020 mehr als doppelt so viel abgeholzt wie im Vorjahreszeitraum – rund 1.200 Quadratkilometer. In der Corona-Krise hat Jair Bolsonaro zudem die Zahl der Umweltbeamten, die für die Kontrollen zuständig sind, massiv reduziert und damit illegalen Holzfäller und Plünderern weiter Tür und Tor geöffnet.

Selbst dem Handel geht's zu weit

Eine aktuelle INPE-Studie zeigt zudem, dass die Klimafolgen der Amazonas-Abholzungen weitaus größer als bisher angenommen sind. So blieben in der Berechnung der CO2-Emissionen bislang die Randbereiche zwischen Brandrodungs- und Urwaldflächen unberücksichtigt. In diesen Waldränder verändert sich das Mikroklima: Sie sind mehr Winden und Sonneneinstrahlung ausgesetzt, was zum Anstieg der Temperatur und Rückgang der Feuchtigkeit im Wald führt. Dieser Prozess beschleunigt die Sterblichkeit der Bäume, was insgesamt die Fähigkeit vermindert, Kohlenstoff zu speichern. Laut INPE-Messungen ist die Entwaldung im Amazonasgebiet zwischen 2001 und 2015 für einen Verlust von 2,6 Milliarden Tonnen Kohlenstoff verantwortlich. Hinzu kommt ein zusätzlicher Verlust von 947 Millionen Tonnen durch den erstmals berechneten Randeffekt.

Inzwischen regt sich im europäischen Lebensmittelhandel Widerstand. Ausgelöst durch ein Gesetz, das Bolsonaro im vergangenen Dezember einbrachte und die illegale Abholzung und unrechtmäßige Besetzung von öffentlichem Land vor 2018 nachträglich legalisieren sollte. Im diesem Juni drohten zunächst britische Supermarktketten, brasilianische Produkte aus ihren Regalen zu nehmen, sollte das Gesetz angenommen werden, das "zu weiterem Landraub" im Amazonas ermutige. Während internationale Proteste Bolsonaro bislang eher kalt ließen, schien der wirtschaftliche Druck zu wirken: Einen Tag nach der Boykottdrohung strich der brasilianische Kongress das Gesetzesvorhaben von der Tagesordnung.

Wenige Tage später folgten Deutschlands größte Lebensmittelhändler dem britischen Vorbild. In einer gemeinsamen Deklaration forderten sie einen Stopp der Entwaldung und Zerstörung der einheimischen Vegetation. Das neben Aldi-Nord, Aldi-Süd, EDEKA, Kaufland, Lidl, Netto Marken-Discount auch von der Metro AG unterzeichnete Schreiben richtete sich allerdings nur an die brasilianischen Sojahändler in der Cerrado-Savanne.

"Die Anlage von Rinderweiden ist der Motor der Urwaldrodung in Brasilien", betont dagegen Klaus Schenk von Rettet den Regenwald e.V. "Rindfleisch aus Brasilien ist kein Top-Hit, sondern ein Armutszeugnis. Das ist zynisch, unverantwortlich und facht die Abholzungen und Brände weiter an", so der Wald- und Energiereferent des Vereins.

Auf Anfrage nach Herkunft des Angebotsfleischs, Preisgestaltung und ethischer Vertretbarkeit des Verkaufs brasilianischen Rindfleischs antwortete die Metro AG kurz vor Redaktionsschluss ausführlich, aber unkonkret. "Metro arbeitet bereits seit 20 Jahren aktiv an Nachhaltigkeits-Themen und für den Umweltschutz", schreibt das Unternehmen. Es gehöre zu seinen Grundsätzen, ausschließlich Produkte zu führen,"die den höchsten Ansprüchen an Qualität und Sicherheit genügen". Zudem arbeite es derzeit mit seinen Fleischlieferanten daran, "Entwaldung aus unserer Lieferkette auszuschließen. Zurzeit laufen die Arbeiten an einer entsprechenden Einkaufspolitik zu Fleisch, die noch im Laufe dieses Jahres veröffentlicht werden soll."
 


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2 Kommentare verfügbar

  • Jürgen Enseleit
    vor 1 Woche
    Antworten
    Warum schauen wir immer wieder in die Ferne? Haben wir diesbezüglich nicht genug eigenen „Dreck“ vor unserer Haustür?
    Wie sieht es mit unserer exportorientierten Landwirtschaft aus? Wieviel bäuerliche Existenzen werden dadurch in anderen Ländern zerstört?
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