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Freie Hand für neue Viren

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Mit ihrem Glauben, der Markt werde alles regeln, blamieren sich Neoliberale bis auf die Knochen. Besonders deutlich wird das am Versagen der Pharmabranche. Medikamente gegen unerforschte Erreger, wie sie auch der Klimawandel verbreitet, werden nur entwickelt, falls Profit winkt.

Die Corona-Pandemie dürfte einen Ausblick auf den Umgang mit künftigen Krankheiten und Pandemien bieten, die durch gesellschaftliche Erosionstendenzen und den Klimawandel zusätzlich befördert werden. Steigende Temperaturen etwa bilden längst einen Faktor bei der Ausbreitung sogenannter Tropenkrankeiten in Südwestdeutschland, sodass in südlichen Regionen Baden-Württembergs bereits Mückenjäger unterwegs sind, um gesundheitliche Gefahren einzudämmen. Der Hintergrund: Seit 2007 findet die wärmeliebende asiatische Tigermücke, potenzieller Überträger von Denguefieber und Zika-Virus, auch in Deutschland einen Lebensraum. Während der großen Hitzewelle 2018 wurde erstmals die Übertragung des Westnil-Fiebers – ausgelöst durch das tropische Westnil-Virus – in Deutschland nachgewiesen, das sogar von den heimischen Mückenarten verbreitet werden kann.

Das Baden-Württembergische Umweltministerium warnte schon 2016 vor neuen Krankheiten durch den Klimawandel. Die Hitzesommer der vergangenen beiden Jahre, die Mitteleuropa monatelang unter tropischen Temperaturen leiden ließen, scheinen das gehäufte Auftreten tropischer Erkrankungen in der Bundesrepublik zu einer bloßen Frage der Zeit zu machen, wie die Mückenexpertin Doreen Walther im vergangenen Jahr konstatierte: "Es hat noch nicht geknallt, aber die Wahrscheinlichkeit steigt. Je wärmer es in Deutschland wird, umso besser sind die Bedingungen dafür, dass sich die Viren in den Mücken vervielfältigen." Das Moskitonetz, einstmals ein exotisches Urlaubsutensil, könnte binnen der kommenden Jahre auch in Deutschland zu einem Alltagsgegenstand werden.

Zeitreise in die Krankheitsgeschichte

Unzählige weitere Gefahren, die zur Ausbreitung ungewohnter Krankheiten oder Pandemien beitragen könnten, befinden sich im gerade auftauenden Permafrostboden Sibiriens und Alaskas. Dort, wo aufgrund des sich beschleunigenden Klimawandels immer öfter Methangasblasen explodieren, da die im verschwindenden Permafrost befindliche Biomasse in Verwesung übergeht, liegt ein gigantisches tiefgefrorenes Reservoir von uralten Viren und Bakterien, die dort seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden verharren.

Es ist eine Art Zeitreise in die eigene Krankheitsgeschichte, die der Menschheit bevorstehen könnte. Der Klimawandel kann diese Krankheitserreger freisetzen, wie es sich schon bei einem lokal begrenzten Anthraxausbruch auf der nordsibirischen Jamal-Halbinsel im Jahr 2016 abspielte. Eine Person starb, rund 20 wurden mit dem auch für biologische Kampfstoffe verwendeten Milzbranderreger angesteckt, nachdem ungewöhnlich warmes Wetter die Sporen in Kadavern von Rentieren freigesetzt hatte, die vor rund 75 Jahren an der Krankheit verendeten. Wissenschaftler befürchten, dass Viren, die Zehntausende von Jahren alt sind und noch die Population der Neandertaler am Polarkreis dezimierten, im Zuge der sich entfaltenden Klimakrise freigesetzt werden könnten.

Externer Schock und innere Widersprüche

Der Verlauf von Krisen, die durch externe Schocks wie Pandemien oder Klimawandel ausgelöst werden, hängt aber entscheidend von den sozialen Strukturen, Dynamiken und Widersprüchen der betroffenen Gesellschaft ab. Der Spätkapitalismus stößt bereits bei der Eindämmung der Corona-Pandemie an seine Grenzen. Der "Lockdown", bei dem die gesellschaftliche Reproduktion auf das Nötigste heruntergefahren wird und der mit dem systemimmanenten Wachstumszwang mittelfristig unvereinbar ist, fungierte als ein Krisentrigger, der eine marode, instabile Weltwirtschaft zum Einsturz zu bringen droht. Die einsetzende Weltwirtschaftskrise, die darauf folgenden Verelendungsschübe insbesondere in den Vereinigten Staaten – sie rücken nicht nur die Klimapolitik in der politischen Agenda nach hinten, sie erschweren auch gesundheitliche Vorsorge.

Wie sehr krisenbedingte Armut und die Erosion gesellschaftlicher Strukturen mit der Ausbreitung von Krankheiten einhergeht, machte das nach Ausbruch der Eurokrise kaputtgesparte Griechenland deutlich. Laut Studien hat die weitgehende Zerrüttung des griechischen Gesundheits- und Sozialsystems im Zuge der maßgeblich von Wolfgang Schäuble geprägten Austeritätsprogramme zur Zunahme von Infektionskrankheiten, einer besonders hohen Mortalitätsrate bei Influenza-Epidemien sowie dem Auftreten von Malaria und dem Westnil-Virus geführt. Besonders krass tritt der Zusammenhang zwischen Verelendung und Krankheit aber in den Flüchtlingslagern in Hellas zutage, wo inzwischen die Krätze wütet.

Diesem regelrechten Katastrophenkapitalismus wohnt die Tendenz inne, die sozialen Folgen externer Krisen zu verstärken, die er mitunter – wie im Fall der Klimakrise – selber erzeugt. Nirgends wird diese destabilisierende soziale Dynamik, die dem marktvermittelten Zwang zum höchstmöglichen Profit innewohnt, deutlicher als im Fall der Pharmaindustrie, die eigentlich eine zentrale Rolle bei der Prävention und Bekämpfung von Pandemien spielen müsste. Eigentlich.

Gesundheit muss sich lohnen

Inzwischen fragen sich selbst konservative Blätter wie die FAZ, wie die Pharmabranche angesichts des absoluten Desasters bei der Pandemieprävention staatlich reguliert werden müsste, damit sich "eine solche Epidemie" auf keinen Fall wiederhole. Die gegenwärtige Pandemie fiel nämlich nicht vom heiteren Himmel. Vor rund siebzehn Jahren brach in Gestalt des Sars-Virus die erste Pandemie mit einem Coronavirus aus. Danach ist zwar die Entwicklung eines Impfstoffes eingeleitet worden, doch wurde diese wenig später eingestellt, nachdem die Eindämmungsmaßnahmen erfolgreich waren.

Der damalige "Schock der Sars-Epidemie" sei, wie in der FAZ ausgeführt wird, schnell verflogen, für die kostspielige Medikamentenentwicklung gab es kein Geld mehr. Die Vorsorge sei "ein lausiges Geschäftsmodell", wenn es um "steigende Margen und Aktienkurse" gehe. Diese Maxime scheint die Pharmaindustrie auch fleißig zu befolgen, gelten deren Konzerne – gleich nach der IT-Branche – im Schnitt als die größten Profitmaschinen auf dem Weltmarkt. Im Vergleich zu 400 Großunternehmen aus diversen Industriezweigen, die im US-Aktienindex S&P-500 zusammengefasst seien, hätten die börsennotierten 35 Konzerne der Pharmabrache "in allen ökonomischen Erfolgskennzahlen" im 21. Jahrhundert im Schnitt doppelt so gut abgeschnitten, erläuterte die FAZ.

Kann man hier überhaupt von einem Marktversagen sprechen? Eigentlich findet die kapitalistische Logik, die auf Gewinnmaximierung abzielt, in der strategischen Ausrichtung der Pharmaindustrie ihre Vollendung. Das Ideal ist die Krankheit, die nie geheilt werden wird. Die Branche konzentriert sich bei ihrer Forschungstätigkeit zumeist auf chronische Krankheiten, bei denen Medikamenteneinsatz die Symptome lindert, ohne die Krankheit zu heilen. Die Krebsforschung bildet folglich einen der Schwerpunkte der Investitionstätigkeit der Pharmabranche.

Nachhaltige Geschäftsmodelle

2018 brachte ein Bericht der Investmentbank Goldman-Sachs diese Logik auf den Punkt, in dem provokant die Frage aufgeworfen worden ist, ob die "Heilung von Patienten ein nachhaltiges Geschäftsmodell" darstellen könne. Die Bank setzte sich in ihrem Bericht mit dem Beispiel eines Pharmaunternehmens auseinander, das ein sehr erfolgreiches Medikament zu Behandlung von Hepatitis C auf den Markt brachte – mit dem Ergebnis, dass nach einem Jahr mit sehr guten Umsätzen diese rasch einbrachen und nur noch einen Bruchteil an Profiten generierten. Das urkapitalistische Problem, das den Hintergrund dieser Erwägungen bildet, ist somit recht simpel: Erfolgreiche Medikamente zerstören die Märkte der Pharmaindustrie.

Dies gilt insbesondere für Infektionskrankheiten, die eine Herausforderung für die Rentabilität der Pharmabranche darstellen. Dies gilt aber auch für die Entwicklung von Impfstoffen neuer Antibiotika, deren Forschung schon seit vielen Jahren stagniert – was zur Ausbildung immer neuer Resistenzen führte und viele Menschen schlicht das Leben kostete. Mit Antibiotika kann man keinen beständigen Pool von Patienten aufbauen, die immer wieder mit Medikamenten versorgt werden können. Impfstoffe sind schlicht ein unkalkulierbares unternehmerisches Risiko, da nie klar ist, ob sich die Investitionen rentieren werden. So lassen die 20 größten Pharmakonzerne laut Schätzungen rund 50 Prozent ihrer Forschungsmittel in die Krebsforschung fließen – während in die Erforschung von Corona-Viren bis kurz vor dem Ausbruch der Pandemie keinerlei Mittel aufgewendet wurden, obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon nach Ausbruch der Sars-Empidemie deren Erforschung empfahl. Zudem haben die Konzentrationsprozesse in der Pharmabranche dazu geführt, dass sich auch im Impfgeschäft ein Oligopol herausbildete, bei dem nur vier Großunternehmen den 43 Milliarden US-Dollar umfassenden Markt kontrollieren.

Diese Vernachlässigung von Infektionskrankheiten durch die profitorientierte Pharmaforschung ist auch weiterhin gegeben, trotz Corona. Die derzeit anlaufenden Forschungsbemühungen werden hauptsächlich von öffentlichen Geldern getragen oder von Stiftungen wie der Gates-Foundation. Die Wirtschaft hält sich, aus wohlverstandenem betriebswirtschaftlichen Kalkül, auch weiterhin zurück. Die Lizenzdeals, die bei Wirkstoffen zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten 2019 abgeschlossen worden sind, umfassten gerade mal 280 Millionen Dollar. Bei Krebswirkstoffen waren es hingegen 31,4 Milliarden – dieser Markt ist somit mehr als hundertmal so groß.

Das neoliberale Laissez-faire der globalen Märkte lässt somit den munter mutierenden Viren und Bakterien weitgehend freie Hand. In einer Situation, in der ökologische und ökonomische Krisenentfaltung das Aufkommen unbekannter Krankheiten befördert, in der die Welt laut Michael Ryan, dem Exekutivdirektor des WHO-Notfallprogramms, in eine "neue Phase hochwirksamer Epidemien" eintrete, beseitigte das blinde Profitkalkül des Kapitals alle Sicherungsmechanismen, die den Krisenverlauf eindämmen oder auch nur abmildern könnten. Einen Hoffnungsschimmer gibt es zumindest für die Menschen im globalen Süden, die besonders unter tropischen Krankheiten und vermeidbaren Todesfällen leiden. Da diese Märkte bislang kaum profitabel waren, spielte deren Erforschung in der Pharmabranche ebenfalls kaum eine Rolle. Mit dem Vorrücken tropischer Krankheiten in die Wohlstandszentren des Weltsystems könnte sich dies zumindest etwas ändern.


Tomasz Konicz befasst sich seit vielen Jahren mit Krisenanalyse und Ideologiekritik, er verfasste mehrere Bücher dazu. Im März erschienen: "Klimakiller Kapital – Wie ein Wirtschaftssystem unsere Lebensgrundlagen zerstört", Mandelbaum Verlag, 376 Seiten, zu haben für 20 Euro.


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4 Kommentare verfügbar

  • Aras Peux
    vor 2 Wochen
    Antworten
    Den Tunnelblick der Pharmaindustrie legt dieser Artikel leider nicht ab. Er ist nur pseudokritisch und verlässt nicht die von der FAZ vorgegebenen Bahnen.

    Die Virologen kritisieren den Kapitalismus ein bißchen, wenn es ihnen nutzt, weil sie sich mehr davon versprechen, ihre…
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