Verwunderlich, dass sie noch fährt: Im gesamten Bahn-Vorstand gibt es keinen Eisenbahner mehr. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 300
Wirtschaft

Gipskeuper statt Montblanc

Von Winfried Wolf
Datum: 28.12.2016
Die Deutsche Bahn hat etwas Einmaliges geschafft: In ihrem Vorstand sitzen seit langem keine Eisenbahner mehr. Dafür Männer mit Managementerfahrung. Ronald Pofalla, 57, der neue Kronprinz, toppt alle – er hat weder das eine noch das andere.

Die aufregendste Personalie bei der Bahn im Jahr 2016 heißt Ronald Pofalla. Wir erinnern uns: Im Sommer musste er wegen teurer Schreibgeräte in Deckung gehen. Als CDU-MdB hatten er zwischen 2006 und 2009 Montblanc-Luxus-Füller im Gesamtwert von 14 722,32 Euro geordert, wofür er die "Bürokostenpauschale" des Bundestags eingesetzt hat, die für normale Büroarbeiten vorgesehen ist. Aber sei's drum, er hat die Affäre ausgesessen, und war für höhere Aufgaben bereit. Am 14. Dezember berief ihn der DB-Aufsichtsrat zum Kronprinzen von Bahnchef Rüdiger Grube und Nachfolger von Vorstand Volker Kefer.

Das ist einmalig in der 181-jährigen Geschichte der Eisenbahn in Deutschland. Seit 1835 und bis Mitte der 1990er Jahre hatten die unterschiedlichen Gesellschaften (zuletzt Bundesbahn und Deutsche Bahn AG) in ihrem Top-Team immer auch Eisenbahner. Heute gibt es keinen einzigen davon im gesamten Vorstand. Bei Heinz Dürr, Hartmut Mehdorn und Rüdiger Grube wurde argumentiert, sie hätten zwar keine Fachkenntnisse, seien aber Leute mit ausgezeichneten Managementerfahrungen. Erworben bei Daimler.

Und nun also Pofalla, der weder das eine noch das andere hat. Dafür einen rüden Umgangston. Als Kanzleramtschef brüllte er 2011 den CDU-MdB Wolfgang Bosbach an, als dieser nicht parteikonform abstimmen wollte, mit: "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen". Als Bosbach darauf entgegnete, es gehe bei seinem angekündigten Nein zur Aufstockung des Eurorettungsfonds um eine Gewissenfrage, er, Pofalla, möge doch mal "ins Grundgesetz schauen", antwortete der grobschlächtige Politkommissar: "Lass mich mit so einer Scheiße in Ruhe". Doch irgendwie passt das auch wieder. Als Vorstand für Technik und Infrastruktur ist er verantwortlich für Stuttgart 21. Das verspricht Großes für den Umgang mit Steuergeldern: Gipskeuper statt Montblanc.

Auch die beiden anderen Personalien lassen die Augen eher tränen. Schon im Juni habe ich in Kontext geschrieben: "Kefer lächelt und schwächelt". Jetzt lächelt er sich noch bis zum 31. Dezember durch. Dann verlässt er das angeschlagene Schiff. Was, wie die FAZ orakelte, "gravierende" Folgen für Stuttgart 21 haben würde. Irgendwie ist das stimmig. Da Kefer alles über S 21 weiß, weiß er auch, warum er geht. Und sein Chef Grube bleibt mit seiner Rede vor Bahnmanagern in Erinnerung, denen er erzählt hat, er habe das Projekt nicht gewollt und "so nicht gemacht". Ein Glück, dass ihm kurz danach die "Stuttgarter Zeitung" zur Seite stand, und Grube verkünden ließ, selbstverständlich stehe er zum unterirdischen Bahnhof. Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen: Der Mann will einerseits einen Freibrief für die Zeit danach, sollte Stuttgart 21 scheitern. Andererseits will er bei der Aufsichtsratssitzung am 30. Januar 2017 seinen Vertrag verlängert kriegen.



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6 Kommentare verfügbar

  • Aufgewachter
    am 09.01.2017
    Ohne Chip zur Manipulation der Abgaswerte sieht es in den USA so aus
    https://aufgewachter.wordpress.com/2015/10/06/ohne-chip-zur-manipulation-der-abgaswerte-sieht-es-in-den-usa-so-aus/
  • Chris
    am 09.01.2017
    Eines haben solche "Fachkräfte" gemein, die des "infantilen Nichtwissens"!Aber schaut im Allgemeinen auf die politische Bühne, Profilierungsneurotiker in Hülle und Fülle. Postenschacherei, Korruption, Schmiergelder, und alles auf unsere Kosten. Dennoch breche ich eine Lanze für diejenigen, welche Sachkenntnis und Umsetzungsvermögen haben. Nur die trauen sich nicht, unter wenigen Ausnahmen, ihr Veto einzulegen, da soziale und monetäre Nachteile entstehen könnten. Ihr Lemminge! Ihr steuert alles, aber auch alles an die Wand oder in den Abgrund.

    Mit gebührender Verachtung!
  • Kuno Klecksel
    am 04.01.2017
    Der Bericht von Herrn Wolf ist sehr gelungen , er trifft den Nagel auf dem Kopf .

    Ronald Pofalla gehört zu denen die von der Eisenbahn überhaupt keine Ahnung haben .

    Die Bahn sollte besser 40 Fahrdienstleiter für das Stellwerk in Mainz ausbilden die dem sicheren , pünktlichen und zuverlässigen Bahnbetrieb meistern würden anstatt das Geld einem nicht Techniker und nicht Eisenbahner hinterschmeißen.

    Mehdorn hatte einigen seiner Lieblinge aus der Luftfahrt Posten bei der Bahn verschafft unter anderem Anna Brunotte die 2002 das neue Preissystem PEP entwickelte und der Bahn ein riesigen Imageschaden der bis heute noch der Bahn schadet eingebracht.

    Hans Gutav Koch und Christoph Franz beide aus der Luftfahrt wollten den Speisewagen abschaffen . Wie gut das sie sich damit selbst abgeschafft haben und weg vom Fenster sind .

    Bei der Bahn tummeln sich Kapazitäten herum mit einem derartigen geistigen Unvermögen , da kann das nichts mehr werden den Karren aus dem Dreck zu ziehen .

    Es fehlen noch Teppichverkäufer und Uhrmacher die den Konzern im Vorstand aufhübchen .

    Dann dient nicht dazu Züge pünktlich zu fahren und zu rangieren .
  • Thomas A
    am 28.12.2016
    Unfähigkeit ist Vorraussetzung für diesen Job. Während Grube die gefährlichen (BRHberichte) Papiere nicht zur Kenntnis nehmen darf, kann Pofalla solche Papiere sogar durchlesen. Ob Zustandsbericht von Schienen , Telefonbuch oder Rezept, Pofalla würde immer darin lesesn, dass bei S21 alles läuft.
  • Schwabe
    am 28.12.2016
    Was passt besser in eine "postfaktische" Zeit als eine völlig sachbefreite personelle Besetzung von Spitzenpositionen des vom bürgerlichen Staatsapparat kontrollierten DB-Konzerns?! Nur so lassen sich - unter dem Deckmantel von Demokratie und Privatisierung - die zerstörerisch betriebswirtschaftlichen, profitorientierten Kräfte und Interessen des Staatsapparats (nicht zu verwechseln mit den Interessen der Bürger/Fahrgäste) zum Abbau des öffentlichen Personen Nah- und Fernverkehrs effektiv einsetzen.
    Da der Rückbau des Schienennetzes (S 21 ist ein solcher Rückbau) gesetzlich verboten ist müssen die Herrschenden bürgerlichen Politiker zu solchen "Umgehungslösungen" mit willigen/gefügigen Lakaien (Diener/Fußsoldat) greifen.
  • pebo
    am 28.12.2016
    Dass solche abgehalfterten Politiker wie Pofalla in den Bahnvorstand gelangen, passt mit dem ganzen Gebaren der DB,

    so Verspätungen, Streckenstilllegungen, Wegfall von überregionalen und regionalen Zugverbindungen, regelmäßige Preiserhöhungen, defekte WC's, überlaute Güterzüge ohne Flüsterbremsen, defekte Türen, versagende Stellwerke, fehlende Gleise, Personalmangel wegen Sparmaßnahmen etc. etc.,

    dafür aber überbezahlte Vorstände, Aufsichtsräte und ein Milliardenloch in Stuttgart

    zusammen.

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