Putin, den Sie anfangs genannt haben, agiert ganz anders.
Putin ist nicht so stark von Emotionen geschüttelt. Er agiert kälter und zielgerichteter. Wenn er halbnackt auf einem Pferd sitzt, will er seine Landsleute beeindrucken. Trump will sich selbst beeindrucken. Gemeinsam ist beiden das chronische Lügen. Putins Lügen sind zielgerichteter, manipulativer. Trump lügt chaotisch, dreist und grobschlächtig.
Laut "New York Times" hat er in seiner ersten Amtszeit 30.000-mal gelogen.
Ja, und er widerspricht sich ständig.
Diese Sprunghaftigkeit Trumps – ist sie krankhaft oder, was oft behauptet wird, eine politische Strategie? Sie macht uns ja ziemlich konfus. Wir versuchen jede Äußerung zu interpretieren. Ist diese Drohung ernst? Oder nur Theater? Zerbombt er den Iran tatsächlich, oder gibt’s doch noch Verhandlungen?
Trump hat keine politische Strategie. Die einzige Strategie ist seine Selbstinszenierung. Das Erratische seiner Äußerungen ist das Ergebnis seiner stark schwankenden Stimmungen. Eine Strategie würde Antizipation seines Handelns voraussetzen, Zielgerichtetheit und kühles Kalkül zu den Folgen politischer Entscheidungen, zudem Empathie in die jeweils beteiligten politischen Akteure. Davon ist nichts zu erkennen. Trump wird stark überschätzt, wenn man ihm eine wie auch immer geartete politische Strategie unterstellt.
In der ersten Amtszeit waren seine Amoralität und Bösartigkeit noch nicht so ausgeprägt. Hatte er sich damals besser unter Kontrolle?
Trump musste nach seiner ersten Präsidentschaft eine klare Wahlniederlage hinnehmen. Er hat diese Niederlage niemals eingestanden. Es war eine ungeheure Kränkung für sein Größenselbst. Daraus hat er eine elementare Schlussfolgerung gezogen: Revanche und Rache. Diese Revanche exekutiert er auf allen Ebenen. Deshalb ist er noch skrupelloser geworden. Deshalb feiert er seine Grandiosität und phantasiert über Einverleibungen von Kanada, Grönland und Kuba.
Den Anspruch auf Grönland hat er allen Ernstes damit begründet, dass er nicht den Friedensnobelpreis bekommen hat.
Das sind seine Verkennungen der Realität. In seinem Größenwahn verkennt er, was ein Friedensnobelpreis eigentlich bedeutet. Er verkennt, dass die Nato ein Verteidigungsbündnis ist und kein Angriffspakt. Psychopathen lügen und zimmern sich ihre Realität zurecht. Trump nennt seine selbst geschaffene Plattform "Truth Social", also die reine Wahrheit. Er ist aber mit seinen Lügen, das sollten wir nicht vergessen, durchaus erfolgreich. Ein nicht unerheblicher Teil der US-Bürger folgt seinen Aussagen. Dazu passt der Satz aus Grimms Märchen: "Als das Wünschen noch geholfen hat". Man kann die Realität durch Lügen manipulieren, für Trump eine großartige Methode.
Jetzt lässt er einen höfisch-feudalen Ballsaal bauen – pompös mit viel Gold und Glitzer!
Trump genießt pompösen Glimmer und die Nähe zu mächtigen autokratischen Machthabern als Ausdruck seiner Größe. Er ließ ja auch das "John F. Kennedy Center for the Performing Arts" umbenennen in "The Donald J. Trump and John F. Kennedy Center for the Perfoming Arts". Natürlich mit seinem Namen an erster Stelle. Das "United States Institute of Peace" wurde zum "Donald J. Trump Institute of Peace". Die Liste ließe sich fortsetzen. Ihm wird zurecht eine feudalistische Amtsausübung vorgeworfen.
Er hat aber noch ein anderes Gesicht: Nach hasserfüllten, beinahe apokalyptischen Botschaften ist er kurz darauf wieder ganz anders temperiert. Dann zeigt er sich jovial, fast charmant, macht Witzchen. Viele sagen, von ihm gehe eine eigentümliche Faszination aus.
Deshalb ist es so schwer, erfolgreiche Psychopathen als solche zu erkennen. Bei Trump allerdings ist das inzwischen klar. Viele Psychopathen zeichnen sich durch oberflächlichen Charme aus, sie bewegen sich gut auf öffentlichem Parkett, sie sind wandelbar in ihrem Auftreten, das ist das erratische Moment bei Trump. Er kann charmant und gewinnend wirken, fast schon zurückrudernd, um im nächsten Augenblick einen Wutausbruch zu haben.
Woher rühren diese Schwankungen?
Seine Persönlichkeitsorganisation bewegt sich auf einem sogenannten Borderline-Niveau. Das heißt nicht, dass Trump eine Borderline-Störung hat. Aber seine innere Organisation unterliegt extremen emotionalen Schwankungen durch die Nicht-Integration von Widersprüchen. Er denkt nur in Gut-Böse-Kategorien ohne Ambivalenzen. Und was er überhaupt nicht kann, ist die Integration in eine Gruppe. Deshalb verhandelt er am liebsten mit Einzelpersonen. Internationale Treffen verachtet er, verlässt sie frühzeitig, nachdem er sich zuvor rücksichtslos in den Vordergrund drängt. Ein Einfühlen in verschiedene Persönlichkeiten und deren Interessenlagen gelingt Psychopathen nur sehr schwer oder überhaupt nicht.
Wie begegnet man solchen Menschen? Die politischen Führer müssen mit Trump verhandeln, zumal er die Welt mit dem Irankrieg in Geiselhaft genommen hat?
Es ist keinesfalls hilfreich, einen Kotau zu machen. Das führt nur zur Verachtung. Psychopathen lieben mächtige Menschen, und sie verachten die schwachen. Erinnern wir uns, wie sehr Trump den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-Un umgarnt hat, oder wie gut er sich mit Putin versteht. Man darf sich nicht unterwerfen, man muss gelassen bleiben.
Diese Woche wütet Trump, nach der Kritik am Irankrieg, gegen Kanzler Merz. Er bestraft ihn mit Truppenabzug, dem Rückzieher bei den Tomahawks und: Deutschland sei ein "kaputtes Land", sagt er. Muss man das ernst nehmen?
Trump "bestraft" Friedrich Merz für seine unbotmäßigen "Widerworte". Waren Merz und Trump eben noch best buddies, löst jede autonome, also von Trump unabhängige, eigenständige Äußerung oder Handlung narzisstische Wut mit Racheimpulsen aus. Das gilt für jede Person oder Institution, also auch für inneramerikanische Politiker oder Gerichte. Dabei ist Trump jedes Mittel recht, selbst wenn es langfristigen US-Interessen schadet, denn Trump geht es um Trump, nicht um die Nato, nicht um internationale Beziehungen und auch nicht um die Pflege persönlich-politischer Bindungen. Die Äußerungen über Deutschland würde ich als Trump-Folklore abtun. Wir befinden uns auf Sandkastenniveau eines emotional Dreijährigen. Doch auf der realpolitischen Ebene muss man den Rückzieher der Tomahawks durchaus ernst nehmen.
Besteht bei einer konfrontativen Strategie nicht die Gefahr, dass er komplett bösartig und aggressiv wird?
Das wird er. Zunächst. Weil er so schwankend ist, wird er das Gegenüber aber auch als stark erleben und achten. Man muss in Ruhe einen klaren Standpunkt einnehmen und in Kauf nehmen, dass er einem womöglich mit Hasstiraden begegnet. Weicht man zurück, werden Psychopathen noch aggressiver. Man gibt einen Raum frei, in den sie vordringen.
Jetzt läuft es richtig schlecht für den US-Präsidenten: Schwache Umfragewerte, Dauerstress mit Epstein-Akten, galoppierende Benzinpreise und Inflation, die Zölle werden von der Justiz kassiert, die Wirtschaft läuft schlecht, Maga-Leute wenden sich ab, der Iran bleibt hartnäckig. Trump wird zum Loser. Was macht das mit ihm?
Er externalisiert und bezeichnet den britischen Premier als Loser. Alle anderen sind die Loser. Er spürt, dass ihm seine Anhängerschaft verloren geht. Wir müssen damit rechnen, dass er noch unberechenbarer wird. Dennoch wäre jeder Kotau die falsche Strategie. Man muss ihm, wie es der ehemalige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gesagt hat, in einfachen Hauptsätzen die Lage erklären. Komplexe Zusammenhänge überfordern Trump vor allem emotional. Deshalb: Keep it simple!
Zu den Trump-Symptomen gehören auch sein reduzierter Wortschatz, auf Viertklässler-Niveau, Wortfindungsstörungen, Verwechslungen, haarsträubend falsche Fakten. Dann schläft er in Kabinettssitzungen ein. Oder er nuschelt auf einer Pressekonferenz plötzlich fünf Minuten lang völlig verquast über die Vorzüge seines Sharpie-Schreibstifts.
Er zieht sich zurück auf kleine und kleinste Dinge. Er ist extrem belastet, da ist sein Stift eine willkommene Erholung, da fühlt er sich sicher. Man darf neben der Psychopathie auch eine hirnorganische demenzielle Erkrankung unterstellen, wie es einige meiner amerikanischen Kollegen getan haben.
Der angesehene Harvard-Professor und Psychotherapeut John D. Gartner ist davon überzeugt, dass Trump neben seinem Narzissmus unter einer schnell fortschreitenden Vorderlappen-Demenz leidet.
Dafür gibt es einige Anzeichen, aber mit einer Demenz allein lassen sich viele Verhaltensweisen von Trump nicht erklären. Eine hirnorganische Entwicklung würde die Psychopathie aber verstärken.
Trotz allem ist er in der Lage, im Fernsehen eineinhalb Stunden am Stück zum Volk zu sprechen.
Das muss uns nicht erstaunen. Er liest eineinhalb Stunden vom Teleprompter ab. Zu demenziellen Entwicklungen gehören, gerade in der Anfangszeit, viele intakte Momente mit einem noch ausreichenden Funktionsniveau. Man kann aber auch, wie Mediziner gern formulieren, Flöhe und Läuse haben. Es kann also tatsächlich sein, dass inzwischen eine fronto-temporale Demenz zu seiner ohnehin bestehenden Psychopathie hinzugekommen ist. Da jene jedoch einen in der Regel tödlichen Verlauf innerhalb von acht Jahren hat, erklärt dies nicht seine bereits in seiner ersten Amtszeit – also vor mehr als acht Jahren – unverschämt-aggressiven Verhaltensweisen und auch nicht, dass seine Nichte ihn schon in der Kinder- und Jugendzeit als – salopp gesagt – extremen Stinkstiefel beschrieben hat.
Herr Hilgers, die ganze Welt fragt sich, wie es weitergeht mit Donald Trump. Worauf müssen wir uns gefasst machen?
Ich vermute, dass sein Realitätsbezug noch ausreicht, dass er zu irgendeiner Form von Friedensschluss oder Abkommen mit dem Iran kommt, um bei den Midterms, den Wahlen im November, nicht noch stärker einzubrechen. Er wird weiterhin versuchen, großartig zu erscheinen und vielleicht als nächstes auf Kuba losgehen. Die aus seiner Sicht schwachen Europäer wird er weiterhin verprellen.
*Unter "Größenselbst" wird eine Form der narzisstischen Persönlichkeitsstruktur verstanden, bei der eine Person ein stark überhöhtes Selbstbild entwickelt, sich viel großartiger und mächtiger vorkommt, als sie ist. Der Begriff geht auf den Psychoanalytiker Heinz Kohut (1913 bis 1981) zurück.
1 Kommentar verfügbar
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Nachdem ich den Artikel gelesen haben kam mir sofort der Gedanke an die erste Amtszeit und der Moment als damals Angela Merkel das erste mal bei Trump war. Wie er ihr nicht die Hand schütteln wollte und er nach den Fernsehbildern so viel kleiner wirkte als sie. Kann es sein, dass er in dem Moment…
Kommentare anzeigenBane B.
vor 4 Stunden