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Zur Zukunft des Iran

Schah oder Mudschahedin?

Zur Zukunft des Iran: Schah oder Mudschahedin?
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Was folgt auf das Mullah-Regime? Kontext dokumentiert die Standpunkte von zwei Iranern, die seit Langem in Stuttgart leben – und sich sehr verschiedene Entwicklungen für ihre Heimat erhoffen.

"Hilfe ist mit Bedingungen verbunden"

Mehran Mirzaie kam 1986 nach Deutschland. Er lebt mit seiner Familie in Stuttgart und ist selbständig. Der 65-Jährige hat seine Heimat seit 40 Jahren nicht mehr besucht, das Regime lässt ihn nicht ins Land. Als Jugendlicher ging er zu den Volksmudschahedin, eine linke Gruppierung, die im Iran-Irak-Krieg gegen das Mullah-Regime gekämpft hat. Wegen Verfolgung durch das Mullah-Regime musste er über Pakistan fliehen. Seine Kameraden wurden festgenommen und hingerichtet. Mirzaie sieht sich als Muslim und lehnt das islamistische Regime ab. 

"Der Nationale Widerstandsrat Iran (NWRI) [ein Zusammenschluss oppositioneller Organisationen, d. Red.] unter der Führung von Maryam Rajavi ist die bessere Alternative zum Mullah-Regime. Rajavi hatte einen Plan aus zehn Punkten vorgelegt und kämpft für die Anerkennung als Regierung im Exil. Das Mullah-Regime zu stürzen ist die Aufgabe der Iraner, nicht von ausländischen Armeen. Die Iraner müssen die Aufgabe übernehmen. Während jahrelang alle Länder mit den Mullahs reden und Vereinbarungen treffen wollten, haben die Mudschahedin gegen das Regime gekämpft. 1987 wurden 30.000 von uns hingerichtet, weil man sie als Scheinmuslime betrachtete. 

Die Mudschahedin haben immer noch aktive Einheiten im Iran und wir wollen jetzt die Legitimation für den bewaffneten Kampf gegen die Mullahs. Die USA und Israel aber müssen sich zurückziehen. Wir wollen mit den Kurden, Balloushis und drei Millionen Arabern im Iran zusammen eine Demokratie aufbauen. Die Schah-Anhänger sind Chauvinisten, die die persische Identität verherrlichen.

Als im September 2022 Tausende Menschen im Iran unter dem Slogan 'Frau, Leben, Freiheit' protestierten, haben die USA die Menschen nicht unterstützt. Und der Schahsohn Reza Pahlavi war gegen diesen Slogan. Zur Zeit müssen alle sagen 'Es lebe der König' sonst bist du ein Linker – und das ist negativ konnotiert. Die USA haben keinen Plan für den Iran. Sie haben erwartet, dass das Volk auf die Straße geht, weil Pahlavi ihnen erzählt hat, dass er 50.000 Unterstützer in der Armee hat. Aber ich glaube, dass das nicht stimmt. Meiner Ansicht nach unterstützen ihn politisch vielleicht zehn Prozent der Bevölkerung im Iran. Seine Anhänger meinen, die Vergangenheit sei besser gewesen. Solche Leute gibt es überall, in Deutschland zum Beispiel bei der AfD.

Die Menschen, die jetzt den Schahsohn mit israelischen Flaggen feiern, nehmen eine Hilfe an, die mit bestimmten Bedingungen verbunden ist. Sie wollen eine Änderung im Iran, ohne einen Preis dafür zu zahlen. Wie die USA hat Israel aber eigene Interessen. Wir, der NWRI, sind für die Zweistaatenlösung, also für einen israelischen und für einen palästinensischen Staat.

Der NWRI lebt von Spenden aus der Diaspora, von Menschen wie ich, die aus Überzeugung Teile ihrer Einnahmen abgeben. Wir sind in mehreren Gruppierungen in Deutschland in mehreren Städten organisiert. Aber über unsere Proteste in Berlin hat die hiesige Presse nicht berichtet. Wir kämpfen für die Freiheit und gegen Ausbeutung und ich bin überzeugt, dass der Iran das einzige Land in der Region ist, in dem Fundemantalismus keine Chance hat, wenn es wirklich freie Wahlen gibt."

Protokoll: Silvana El Sayegh

"Dann sollte Pahlavi ran"

Birol, geboren in Teheran, kam 1985 nach Deutschland, nachdem er als Soldat im Iran-Irak-Krieg gekämpft hatte. Der 62-Jährige lebt mit seiner Familie in Stuttgart und ist selbstständig. Seinen echten Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, weil er befürchtet, wegen seiner Kritik am Mullah-Regime nicht mehr in den Iran zu seiner Familie reisen zu können. Birol, der islamisch aufgewachsen ist, sagt von sich selbst, er glaube an Gott, mit Religion aber habe er nichts am Hut.

"Ich halte zu Pahlavi, dem Sohn vom Schah, weil die Mehrheit der Bevölkerung ihn auf eine Weise akzeptiert hat und glaubt, dass er behilflich sein kann. Er hat gute Beziehungen in Amerika, und die Menschen wissen, dass der Iran nicht alleine existieren kann. Die Welt ist nunmal in Machtgebiete aufgeteilt und dann muss man sich entscheiden für ein Land, das wirtschaftlich und militärisch etwas anzubieten hat. In den USA leben fast 200 Nationen und sie sind auf eine Weise demokratisch – das haben sie hingekriegt. In China oder Russland ist das nicht so. Aber klar, ich weiß, dass die USA auch eigene Interessen haben. Genauso wie Israel. Ich glaube, jeder versucht die Oberhand zu haben. Und die Israelis haben gezeigt, sie sind viel klüger als die anderen. Jeder versucht, im Markt sein Geld zu verdienen. Wir reden nicht über die Menschlichkeit, wir reden über die Realpolitik. 

Wenn die Mullahs könnten, würden sie den Iran eher per Knopfdruck zerstören als die Regierung aufgeben. Davon bin ich überzeugt. Kaum noch jemand glaubt, dass das Regime reformierbar ist. 90 Prozent der Bevölkerung haben so einen Hass auf die – deswegen ist der Krieg jetzt eine Chance, das Regime zu stürzen. Und dann sollte Pahlavi ran. Ich weiß, dass auch die Mudschahedin im Iran mitmischen, aber die haben null Chance. Pahlavi sagt ja selbst, dass der Iran dann ein Parlament bekommen soll. Ich glaube, die Menschen vertrauen ihm, weil er in Amerika aufgewachsen ist, in einem demokratischen Land. Das spielt eine große Rolle: Wo man studiert, mit welchen Leuten man aufwächst. Allerdings muss eine Gesellschaft vorbereitet werden auf die Demokratie. Mit Pahlavi kann man sich der Demoratie wenigstens nähern. Sie muss nicht optimal sein. Aber es ist doch so: Viele Iraner hätten lieber eine Diktatur, in der sie zumindest ihre private Freiheit leben können – so wie in der Schah-Zeit. Unter diesem Mullah-Regime geht das nicht. 

Ich glaube, der Krieg dauert noch ein, zwei Wochen. Nicht weil Trump das sagt. Der will, dass die Leute nicht durchschauen können, was er vorhat. Das ist seine Politik. Ich glaube, die USA wollen jetzt die arabischen Länder irgendwie zusammenbringen. Kürzlich gab es im UN-Sicherheitsrat eine Resolution gegen den Iran. Russland und China haben kein Veto eingelegt, sondern sich enthalten! Das war ein großer Verrat für die Islamisten im Iran. Ich hoffe, dass die arabischen Staaten jetzt anfangen, gemeinsam gegen den Iran aufzutreten.

Vielleicht kann Iran eine Art anti-islamistisches Vorbild werden in Nahost. Schon wegen unserer Kultur. Die Muslime haben den Koran, die Iraner haben Schāhnāme (Nationalepos des persischen Dichters Abu l-Qasim Firdausi, 940 bis 1020). Und ich schwör's: Im Vergleich ist Schāhnāme ein Meisterwerk. Wenn die Israelis und die Amerikaner klug vorgehen, dann könnte Iran auf Grundlage der persischen Kultur ein Vorbild sein in Nahost."

Protokoll: Gesa von Leesen

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4 Kommentare verfügbar

  • Mussa
    vor 5 Stunden
    Antworten
    "Viele Iraner hätten lieber eine Diktatur". Dieser Satz sagt schon alles was man über die Pahlavi Bewegung wissen muss. Der Rest ist wie vom NWRI Unterstützer erwähnt, Chauvinismus pur. "Iran auf Grundlage der persische Kultur..." hören unsere Kurdischen, Azeri, Belutschischen und Arabischen…
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