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Krieg im Libanon

Angst vor Israel und vor Bürgerkrieg

Krieg im Libanon: Angst vor Israel und vor Bürgerkrieg
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Seit 20 Jahren spaltet die Hisbollah die Libanes:innen. Nun erlebt der Libanon eine neue Eskalation im Konflikt zwischen der Hisbollah und Israel, die das Land in beispielloses Leid stürzt. Die Hilflosigkeit der in Deutschland lebenden Libanes:innen droht Spaltung und Radikalisierung weiter zu vertiefen.

"Die Welt interessiert sich nicht für das, was im Libanon passiert", schreibt eine befreundete Libanesin, die in Deutschland aufgewachsen ist. Man fühle sich so allein. Seit zwei Wochen herrscht wieder Krieg im gesamten Libanon, die Diaspora bangt erneut um Familienmitglieder in der Heimat und trauert in Stille.

Am 2. März, einen Tag nach dem Angriff von USA und Israel auf den Iran, feuerte die Hisbollah nach 15 Monaten Zurückhaltung Raketen auf Israel ab. Die israelische Antwort folgte kurz darauf mit massiven Bombardierungen in mehreren Regionen und riss die Menschen aus dem Schlaf. Wenig später irrten Hunderttausende im Süden des Landes auf der Suche nach Sicherheit durch die Straßen in Richtung Beirut. Mittlerweile hat Israel etwa 20 Prozent von Libanons Fläche als evakuierte Zone bezeichnet. Das erinnert an die zwei Jahre Krieg in Gaza.

Der Libanon ist das größte Flüchtlingslager der Welt. Er verfügt weder über Luftalarm- und Raketenabwehrsysteme noch über eine voll funktionsfähige Armee. Das Land erholt sich gerade erst von sieben Jahren Staatszerfall, einer verheerenden Wirtschaftskrise, der Hafenexplosion und dem Krieg von 2023/2024 mit Israel. 

Die israelische Armee hatte mittlerweile großflächige Evakuierungen in einem südlichen Vorort Beiruts und entlang der Südgrenze angeordnet. Die Evakuierungszone wird ständig nach Norden ausgeweitet. Bombardierungen von Wohnhäusern finden auch auf Ziele außerhalb der bezeichnete Zone statt und ohne Vorwarnungen. Bislang gibt es nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums 850 Tote und mindestens 2.000 Verletzte, darunter ganze Familien mit Kindern. 

Nun sind eine Million Menschen im Libanon Binnengeflüchtete – ohne Schutzräume, ohne Bunker. Manche übernachten in ihren Autos oder zelten am Strand. Schulen und Klöster sind zu Flüchtlingslagern umfunktioniert worden. Internationale Hilfe kommt langsam an, deckt aber nicht den enormen Bedarf. 

Deutschland meldet sich spät zu Wort

Libanes:innen in Deutschland fühlen sich unverstanden und alleingelassen. Die Berichterstattung in deutschen Medien blieb in den ersten Tagen spärlich und einseitig. Nach der Tötung eines Pfarrers und eines christlichen Helfers des Rotes Kreuzes im Süden letzte Wochen wurde mehr berichtet. 

Libanes:innen in Deutschland

Mit einer Fläche, die einem Drittel von Baden-Württemberg entspricht, zählt der Libanon etwa 5,5 Millionen Einwohner, 1,5 Millionen davon sind syrische und palästinensische Geflüchtete. Rund 150.000 bis 200.000 Menschen mit libanesischen Wurzeln leben in Deutschland. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Viele von ihnen kamen nach der ersten israelischen Invasion 1982 als Geflüchtete aus mehrheitlich schiitischen Familien aus dem Süden, viele standen der Kommunistischen Partei nahe. In dieser Zeit entstand Hisbollah im Süden als Widerstandsbewegung gegen die israelische Besatzung, die 2000 unter dem militärischen Druck der Hisbollah endete. Viele der Libanes:innen in Deutschland sehen daher in Hisbollah immer noch eine Befreiungsbewegung.

Die Wirtschaftskrise der letzten fünf Jahre hat dann viele Fachkräfte, hauptsächlich Ingenieure aus verschiedenen Konfessionen, zur Auswanderung nach Deutschland bewegt. 8.000 von diesen Neuankömmlingen leben und arbeiten heute in Baden-Württemberg. Von den 8.700 Libanesen, die an der Wahl 2022 von Deutschland aus teilgenommen haben, hatten mehr als 30 Prozent die Hisbollah gewählt, 40 Prozent deren Verbündete.  (ses)

Allerdings übernehmen viele deutsche Zeitungen wieder das Narrativ der israelischen Regierung: Israel bombardiere die Hisbollah. Diese Formulierung verschleiert, dass die Angriffe immer wieder auch die Zivilbevölkerung in vielen Regionen, palästinensische Geflüchtetenlager, Hotels, Rettungskräfte und die UN-Friedensmission UNIFIL treffen.

Auch die unkritische Übernahme israelischer Militärbegriffe wie "Pufferzone" oder "Evakuierungen" kaschiert eine Politik der systematischen Zerstörung und kollektiven Vertreibung, die den Druck auf die Hisbollah erhöhen soll. Bereits 2024 wurden libanesische Dörfer entlang der Grenze dem Erdboden gleichgemacht. Ein Wiederaufbau oder eine Rückkehr der Vertriebenen wurde seit dem Waffenstillstand Ende 2024 verhindert. 

Die Bezeichnung von Beiruts Vorort Dahiyeh als Hochburg der Hisbollah verbirgt eine wichtige Wahrheit. Es ist eine der am dichtesten besiedelten Regionen im Libanon mit Wohnhäusern, Geschäften, Schulen und vier Krankenhäusern. Auch das durch das Massaker vom September 1982 bekannt gewordene palästinensische Flüchtlingslager von Sabra befindet sich dort. Im damaligen Bürgerkrieg töteten christlich-libanesische Milizen unter Aufsicht israelischer Truppen zwischen 700 und 3.000 Zivilisten

In früheren Konflikten zwischen der Hisbollah und Israel, zum Beispiel 2006, hatte die deutsche Regierung noch vermittelt. Damals war Bundespräsident Walter Steinmeier (SPD) Außenminister. Deutschland beteiligt sich auch seit 2006 an der verstärkten UN-Friedensmission UNIFIL im Libanon mit einer Marine, die Waffenschmuggel über See verhindern sollte und die libanesische Marine ausbildet. Nach zweiwöchigem Schweigen hat sich die Bundesregierung nun angesichts der eskalierenden Lage im Libanon geäußert. Regierungssprecher Stefan Kornelius warnte Israel am Montag eindringlich vor einer größeren Bodenoffensive. Dies würde "die ohnehin angespannte humanitäre Lage weiter verschlechtern" und erneute Fluchtbewegungen auslösen. Die Bundesregierung forderte Israel auf, Zivilisten sowie die UN-Blauhelmmission UNIFIL nicht anzugreifen. Gleichzeitig verurteilte Kornelius die Hisbollah scharf und begrüßte mögliche Gespräche zwischen den Libanon und Israel.

Verhandlungen werden vorbereitet

Die libanesische Diaspora ist ebenso gespalten und hilflos wie die Menschen im Libanon selbst. Unabhängig von religiöser und politischer Zugehörigkeit verhärten sich die Fronten bei jenen, die im Land und vom Ausland aus mitansehen müssen, wie ihre Familien im Libanon schutzlos der Gewalt ausgesetzt sind. Israel hat den Waffenstillstand vom November 2024 nie eingehalten und fast täglich Ziele im Libanon bombardiert.

Der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich (Nationalreligiöse Partei – Religiöser Zionismus) sagte, dass Beiruts Vorort Dahiyeh bald wie die zerstörte Stadt Chan Yunis in Gaza aussehen werde. Israels Verteidigungsminister Israel Katz (Likud Partei) hat dem Libanon laut israelischen Medien mit Eroberung gedroht. Die Hilflosigkeit angesichts dieser existenziellen Bedrohung könnte schnell in Radikalisierung unter den Libanes:innen umschlagen – auch im Ausland. Die Hisbollah ist letztendlich mehr als nur eine Miliz. Sie ist eine politische Partei mit einer islamistischen Ideologie und wirtschaftlichen Netzwerken, die auch nach Europa reichen. Die Tötung Khamineis und Attacken auf den Iran sehen gläubige Schiit:innen als eine Attacke auf ihre Religion und heiligen Symbole.

Die libanesische Regierung erklärte die militärischen Aktionen der Hisbollah für unzulässig. Doch die Hisbollah ignoriert die Regierung und den Willen der Mehrheit der Libanes:innen. Ihre Medien werfen der Regierung Hochverrat vor und drohen, die libanesische Armee wie die israelische zu behandeln, falls sie versuchen sollte, die Hisbollah gewaltsam zu entwaffnen. 

Die Soldaten der libanesischen Armee stehen vor einem Dilemma. Sie leidet unter Waffenknappheit und der Wirtschaftskrise. Rund 30 Prozent ihrer Soldaten sind Schiiten aus dem Süden und Osten. Das sind ähnlich viele wie Hisbollahs 30.000 Kämpfer aus den gleichen Dörfern. Die Armeespitze befürchtet, ein Kampf gegen die schiitische Miliz würde die Armee spalten und zu einem Bürgerkrieg führen. In den kommenden Tagen wird die Staatlichkeit des Libanon und die Solidarität seines Volkes auf eine harte Probe gestellt. Auch für Deutschland könnte die Lage im Libanon mehr Geflüchtete und Sicherheitsbedrohungen bringen.

Mittlerweile hat die libanesische Regierung Israel zum ersten Mal seit 40 Jahren direkte Verhandlungen angeboten, allerdings nicht "unter Feuer". Israel erklärte, seine Angriffe fortzusetzen bis die Hisbollah militärisch besiegt sei. Erste Verhandlungen sind laut Medienberichten in Vorbereitung.

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