Allerdings übernehmen viele deutsche Zeitungen wieder das Narrativ der israelischen Regierung: Israel bombardiere die Hisbollah. Diese Formulierung verschleiert, dass die Angriffe immer wieder auch die Zivilbevölkerung in vielen Regionen, palästinensische Geflüchtetenlager, Hotels, Rettungskräfte und die UN-Friedensmission UNIFIL treffen.
Auch die unkritische Übernahme israelischer Militärbegriffe wie "Pufferzone" oder "Evakuierungen" kaschiert eine Politik der systematischen Zerstörung und kollektiven Vertreibung, die den Druck auf die Hisbollah erhöhen soll. Bereits 2024 wurden libanesische Dörfer entlang der Grenze dem Erdboden gleichgemacht. Ein Wiederaufbau oder eine Rückkehr der Vertriebenen wurde seit dem Waffenstillstand Ende 2024 verhindert.
Die Bezeichnung von Beiruts Vorort Dahiyeh als Hochburg der Hisbollah verbirgt eine wichtige Wahrheit. Es ist eine der am dichtesten besiedelten Regionen im Libanon mit Wohnhäusern, Geschäften, Schulen und vier Krankenhäusern. Auch das durch das Massaker vom September 1982 bekannt gewordene palästinensische Flüchtlingslager von Sabra befindet sich dort. Im damaligen Bürgerkrieg töteten christlich-libanesische Milizen unter Aufsicht israelischer Truppen zwischen 700 und 3.000 Zivilisten.
In früheren Konflikten zwischen der Hisbollah und Israel, zum Beispiel 2006, hatte die deutsche Regierung noch vermittelt. Damals war Bundespräsident Walter Steinmeier (SPD) Außenminister. Deutschland beteiligt sich auch seit 2006 an der verstärkten UN-Friedensmission UNIFIL im Libanon mit einer Marine, die Waffenschmuggel über See verhindern sollte und die libanesische Marine ausbildet. Nach zweiwöchigem Schweigen hat sich die Bundesregierung nun angesichts der eskalierenden Lage im Libanon geäußert. Regierungssprecher Stefan Kornelius warnte Israel am Montag eindringlich vor einer größeren Bodenoffensive. Dies würde "die ohnehin angespannte humanitäre Lage weiter verschlechtern" und erneute Fluchtbewegungen auslösen. Die Bundesregierung forderte Israel auf, Zivilisten sowie die UN-Blauhelmmission UNIFIL nicht anzugreifen. Gleichzeitig verurteilte Kornelius die Hisbollah scharf und begrüßte mögliche Gespräche zwischen den Libanon und Israel.
Verhandlungen werden vorbereitet
Die libanesische Diaspora ist ebenso gespalten und hilflos wie die Menschen im Libanon selbst. Unabhängig von religiöser und politischer Zugehörigkeit verhärten sich die Fronten bei jenen, die im Land und vom Ausland aus mitansehen müssen, wie ihre Familien im Libanon schutzlos der Gewalt ausgesetzt sind. Israel hat den Waffenstillstand vom November 2024 nie eingehalten und fast täglich Ziele im Libanon bombardiert.
Der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich (Nationalreligiöse Partei – Religiöser Zionismus) sagte, dass Beiruts Vorort Dahiyeh bald wie die zerstörte Stadt Chan Yunis in Gaza aussehen werde. Israels Verteidigungsminister Israel Katz (Likud Partei) hat dem Libanon laut israelischen Medien mit Eroberung gedroht. Die Hilflosigkeit angesichts dieser existenziellen Bedrohung könnte schnell in Radikalisierung unter den Libanes:innen umschlagen – auch im Ausland. Die Hisbollah ist letztendlich mehr als nur eine Miliz. Sie ist eine politische Partei mit einer islamistischen Ideologie und wirtschaftlichen Netzwerken, die auch nach Europa reichen. Die Tötung Khamineis und Attacken auf den Iran sehen gläubige Schiit:innen als eine Attacke auf ihre Religion und heiligen Symbole.
Die libanesische Regierung erklärte die militärischen Aktionen der Hisbollah für unzulässig. Doch die Hisbollah ignoriert die Regierung und den Willen der Mehrheit der Libanes:innen. Ihre Medien werfen der Regierung Hochverrat vor und drohen, die libanesische Armee wie die israelische zu behandeln, falls sie versuchen sollte, die Hisbollah gewaltsam zu entwaffnen.
Die Soldaten der libanesischen Armee stehen vor einem Dilemma. Sie leidet unter Waffenknappheit und der Wirtschaftskrise. Rund 30 Prozent ihrer Soldaten sind Schiiten aus dem Süden und Osten. Das sind ähnlich viele wie Hisbollahs 30.000 Kämpfer aus den gleichen Dörfern. Die Armeespitze befürchtet, ein Kampf gegen die schiitische Miliz würde die Armee spalten und zu einem Bürgerkrieg führen. In den kommenden Tagen wird die Staatlichkeit des Libanon und die Solidarität seines Volkes auf eine harte Probe gestellt. Auch für Deutschland könnte die Lage im Libanon mehr Geflüchtete und Sicherheitsbedrohungen bringen.
Mittlerweile hat die libanesische Regierung Israel zum ersten Mal seit 40 Jahren direkte Verhandlungen angeboten, allerdings nicht "unter Feuer". Israel erklärte, seine Angriffe fortzusetzen bis die Hisbollah militärisch besiegt sei. Erste Verhandlungen sind laut Medienberichten in Vorbereitung.
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