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Alptraum Nicaragua

Vom Comandante zum Diktator

Alptraum Nicaragua: Vom Comandante zum Diktator
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Nicaragua war in den 1980er-Jahren das Sehnsuchtsland der Linken. An der Spitze stand und steht Daniel Ortega. Der Ex-Guerillero rechtfertigt Putins Krieg, steckt Oppositionelle in den Knast und macht auch vor alten Genossen nicht halt. Sein Ex-Vize Sergio Ramirez rechnet jetzt mit ihm ab.

Wladimir Putins Unterschrift unter der russischen Anerkennung der Gebiete Luhansk und Donezk im Osten der Ukraine war kaum trocken, als mit Absendedatum 21. Februar 2022 Post aus Managua in Moskau eintraf. Nicaragua, seit dem Jahr 2007 vom Präsidentenpaar Daniel Ortega (76) und Rosario Murillo (70) beherrscht, beeilte sich mit seinem Segen, der kurz danach auch für Putins Krieg galt. "Russland verteidigt sich einfach", befand der Comandante. Er sieht sich als Freund.

Seine Treue zu Moskau ist nicht schwer zu ergründen. Laut dem Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) erhielt das mittelamerikanische Land seit dem Jahr 2000 gut 90 Prozent seiner Militärausrüstung von Putin. An der Spitze der Liste: ausrangierte Panzer.

Das war nicht immer so. Als die Sandinistische Befreiungsbewegung FSLN am 19. Juli 1979 den damaligen Diktator Anastasio Somoza ins Exil schickte, erschien der Sozialismus sowjetischer Prägung keine Option. Gegen Waffen aus Moskau hatten die Comandantes allerdings schon damals nichts einzuwenden. Linke aus aller Welt zogen damals in den 1980er-Jahren nach Nicaragua, angelockt von einem Traum.

Einer von ihnen war Karl Jäger, Gärtner aus Rottweil. In den elterlichen Gewächshäusern war es ihm wohl zu eng geworden, auf ging’s 1985 nach Managua. "Die sandinistische Revolution versprach den dritten Weg jenseits des real existierenden Sozialismus der damaligen UdSSR und westlicher kapitalistischer Vorstellungen", erzählt der heute 67-Jährige. Er ist bis 1996 geblieben. Danach ist "Charly" weitergezogen mit ein paar Illusionen weniger im Kopf, hat viele Jahre für den inzwischen aufgelösten "Deutschen Entwicklungsdienst" (DED) gearbeitet in Indonesien, Zimbabwe, auf den Philippinen und ist seit zwei Jahren zurück in Rottweil. In seiner Gärtnerei zieht er zusammen mit seiner Frau Jutta Tomaten und Gurken, die Nachbarn bewirtschaften seine Beete für den Eigenbedarf, im Verein zur Förderung von Straßenkindern in Bolivien sitzt er im Vorstand. Sein Spanisch ist ihm hier nützlich.

Die Revolutionäre verzückten ihre Fangemeinde

Nach der Revolution sonnte sich das kleine Nicaragua im Glanz weltweiter Solidarität. Poeten und Politiker wie der katholische Priester Ernesto Cardenal verzückten, mit Ausnahme des Papstes, ihre internationale Fangemeinde. Aus Westeuropa und Nordamerika reisten junge SympathisantInnen zum Alphabetisieren und Kaffeeernten herbei. Nicht immer zur Freude der Einheimischen, die sich über die "Sandalistas" mokierten. Ihr Schuhwerk galt als "unmännlich", und ihre revolutionären Grundsätze nahmen sie oft ernster als die lokalen Kleinbauern. "Wir sind sandinistischer als die Nicaraguaner", hieß es damals in einem Brief an die taz.

Auf dem Bolzplatz der deutschen Schule in Managua an der Ausfallstrasse Carretera Sur trafen sich jede Woche Westdeutsche zum Fußballspielen samt anschließendem Umtrunk. Die munteren Sportsfreunde entdeckten schnell den Weg ins Hospital Carlos Marx, das von der DDR finanziert wurde und in dem zahlreiche ostdeutsche Ärzte tätig waren. Dort gab es Spezialitäten wie Bratwurst und Kohl. Dank der Sauerkraut-Connection gelang es sogar, zwei oder drei "Länderspiele" gegen Kicker zu organisieren, die aus der DDR als Helfer nach Nicaragua geschickt worden waren.

Aus Lateinamerika fanden gescheiterte Tupamaros aus Uruguay, Regimegegner der argentinischen Militärs und Linke aller Schattierungen, die in Chile den Terror der Pinochet-Diktatur überlebt hatten, eine neue Heimat. Aus Hollywood kam Bianca Jagger. Wichtige Führer der Befreiungsbewegung FMLN, die im benachbarten El Salvador in einen blutigen Krieg gegen das Militär verwickelt war, erholten sich in Managua. Gleichzeitig baute die DDR-Stasi gemeinsam mit Kuba den Staatssicherheitsapparat der Sandinisten auf.

Aus dem Ober-Comandante wird ein Diktator

Daniel Ortega, der Ober-Comandante, entsprach freilich so gar nicht dem Bild eines feurigen Revolutionärs. Charisma war nicht zu erkennen, bei Interviews gab er sich muffig bis gelangweilt. Er spulte sein bekanntes Pathos ab. "El pueblo nunca sera vencido", verkündete er in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre, das Volk werde nie besiegt. Die wirtschaftlichen Probleme, die immer größer wurden, entschuldigte er mit Hinweis auf die rechtsgerichteten Contras, die mit US-Unterstützung einen Sabotagekrieg gegen Managua führten. 1990 endete seine erste Regierungszeit. Der als Kampfhahn ("Gallo") in den Wahlkampf Gezogene scheiterte krachend.

Fast 17 Jahre sollte es dauern, bis Ortega nach der Pleite wieder in der Präsidentenpalast einziehen konnte. Im November 2006 wurde er zum zweiten Mal gewählt, seitdem noch zwei weitere Male – und zunehmend nahm seine Herrschaft diktatorische Züge an. Mittlerweile macht der FSLN-Chef gemeinsam mit seiner Ehefrau und Vize-Präsidentin Rosario Murillo keine Anstalten, den Würgegriff der Macht zu lockern – wie andere Diktatoren auch. "Die Linke in Lateinamerika hat die gleichen ethischen Probleme wie die Rechte", sagt der Epidemiologe Leonel Arguello, der in den ersten zehn Jahren nach Nicaraguas Revolution im Gesundheitsministerium arbeitete, "einmal an der Macht vergessen sie alle ihre Prinzipien."

Schlimmer noch: Hinter seiner revolutionären Fassade verbarg Ortega während all dieser Jahre ein finsteres Geheimnis. Im März des Jahres 1998 enthüllte seine damals 30jährige Stieftochter Zoilamerica bei einer Pressekonferenz in Costa Rica, dass er sich jahrelang an ihr vergangen hatte. Zum ersten Mal im Alter von elf Jahren – im ersten Jahr der Suche nach dem "neuen Menschen", wie die Sandinisten damals propagierten.

"Ortega ist ein kalter Mann, Ehefrau Murillo seine emotionale Ergänzung", so beschrieb mir Nicaraguas bekanntester Schriftsteller Sergio Ramirez jüngst den Mann, den er aus persönlicher Erfahrung wohl besser kennt als die meisten Comandantes aus der einstigen Führung der FSLN. Als Vize-Präsident und Stellvertreter Ortegas von 1985 bis 1990 pflegte er fast täglichen Umgang mit dem Sandinisten-Chef.

Ortegas Ex-Stellvertreter rechnet ab

Ramirez brach im Jahr 1996 mit Ortega, nachdem sein Versuch scheiterte, Wähler für eine alternative, eher sozialdemokratische Option zur FSLN zu begeistern. Seither schlüpft Ramirez in die Rolle eines Chronisten des nicaraguanischen Niedergangs. Mitte Mai wird sein neuestes Buch "Tongolele no sabia bailar" (Tongolele konnte nicht tanzen) auf dem deutschsprachigen Markt erscheinen: im Züricher Verlag edition 8, übersetzt von Lutz Kliche, dem Ex-Berater Ernesto Cardenals und Mitarbeiter im Tübinger "Grupo Sal Kulturbüro", das einst mit Dietmar Schönherr Aufbauhilfe leistete.

Im Zentrum der Handlung stehen die Proteste und Unruhen gegen die Herrschaft der Ortegas im Frühjahr 2018, die von dem einstigen Guerillero mit brutaler Gewalt niedergeschlagen wurden. 350 Menschen kamen bei der "Schlacht um den Frieden" - so Ortegas Originalton - ums Leben.

Schriftsteller Ramirez, der 2017 den angesehenen spanischen Cervantes-Literaturpreis erhielt, greift auf das Mittel des Krimis zurück. In diesem Genre könne man die Wirklichkeit "mit dem nötigen Abstand beschreiben", begründet er den Griff zur "Novela Policiaca". Die Hauptfigur ist der ehemalige Polizeiinspektor Dolores Morales, der wegen seiner professionellen Gründlichkeit aus dem Staatsdienst gefeuert wird. Er verliert während der Revolution von 1979 als sandinistischer Freiheitskämpfer ein Bein und humpelt seither - wie das ganze Land - am Stock. Sein Gegenspieler ist der gefürchtete Geheimdienstchef Tongolele.

"Ein Besenstiel tanzt besser" mokiert sich Morales über den allmächtigen Schergen. Gemeint ist: Tongolele versteht Nicaraguas Volksseele ebenso wenig, wie er in der Lage ist, seine Hüften zur Salsamusik kreisen zu lassen. So ist das Buch voller witziger Dialoge und doppeldeutiger Anspielungen, die in Nicaragua jeder versteht. Dass es eine knallharte Abrechnung mit dem System Ortega-Murillo ist, begreifen aber auch diejenigen, die sich nur flüchtig mit dem kleinen mittelamerikanischen Land beschäftigt haben.

Auch alte Weggefährten bangen um ihr Leben

Autor Ramirez brauchte nach der Veröffentlichung der spanischen Fassung nicht lange auf die Quittung zu warten. Im September vergangenen Jahres erfuhr er vom Plan des Regimes, ein Verfahren wegen Geldwäsche sowie "Provokation, unsittlichen Angeboten und Verschwörung" gegen ihn einzuleiten. Auf Druck seiner weitsichtigen Ehefrau packte er die Koffer und floh nach Madrid. "Zum ersten Mal in meinem Leben lebe ich im erzwungenen Exil", erzählt der knapp 80-jährige Ex-Revolutionär, der mir Ende der 1980er-Jahre noch von der rosigen Zukunft seines Landes vorgeschwärmt hatte.

Heute muss, wer sich dem Diktator widersetzt, nicht nur um seine Freiheit bangen, sondern auch um sein Leben. Mitte Februar starb der frühere Brigadegeneral und FSLN-Untergrundkämpfer Hugo Torres im Alter von 73 Jahren nach monatelanger Haft im berüchtigten Knast El Chipote. Er hatte im vergangenen Jahr kein Blatt vor den Mund genommen und erklärt: "Ich glaube, Ortega hat den früheren Diktator Somoza übertroffen. Er hat sich den ganzen Machtapparat zum Untertanen gemacht. Somoza hat das nie geschafft. Ortegas Unterdrückungsapparat ist größer als alles, was Somoza einmal hatte." Torres’ Tod unter immer noch nicht ganz geklärten Umständen rief selbst den ansonsten schweigsamen Humberto Ortega auf den Plan. Er verlangte von seinem Bruder und dessen Ehefrau Murillo die sofortige Freilassung aller 179 politischer Gefangenen. Dora Maria Tellez, die 1974 in einem gewagten Kommando-Unternehmen in Managua die Freilassung von Daniel Ortega aus der Gewalt der Somoza-Diktatur erpresste, wurde im Februar ebenfalls zu 15 Jahren Haft verurteilt.

Schriftsteller Ramirez hegt wenig Hoffnung auf ein baldiges Ende der Tyrannei. "Niemand kann ewig gegen die eigene Bevölkerung regieren", sagt er, "aber es ist unmöglich vorherzusagen, wann das Herrscherduo gestürzt wird."


Willi Germund (67) arbeitete ab 1980 als Korrespondent in Managua, angezogen von der Idee des "Dritten Wegs". Nach der Wahlniederlage der Sandinisten wechselte er 1990 ins südliche Afrika, es folgten Indien und Thailand, wo er sich heute am Strand erholt.


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