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Sklaverei

Endlich vom Sockel

Sklaverei: Endlich vom Sockel
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Anmerkungen zur schönen englischen Stadt Bristol, die ihren Reichtum dem Sklavenhandel verdankt. Und die jetzt durch einen radikalen Statuensturz daran erinnert wird und sich einer Diskussion stellen muss.

"Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist nicht einmal vergangen." [William Faulkner]

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Diese Bilder gingen um die Welt, diese Bilder haben Geschichte gemacht! Auch kommende Generationen, die sich informieren wollen über die Ermordung von George Floyd in Minneapolis und über die globalen "Black Lives Matter"-Demonstrationen, danach werden auf Fotos und Videos stoßen, die zeigen, wie in Bristol der Sklavenhändler Edward Colston vom Sockel gerissen, über die Straßen gerollt und in den Hafen geworfen wurde. Nein, natürlich nicht Colston selbst, der ist schon seit 1721 tot, sondern "nur" seine Statue, die seit 1895 auf die Stadt herunterschauen konnte. Dieser Sturz war wie ein Signal, es folgten – in Wort und oft auch in Tat – Attacken auf andere Namen und Statuen, die Vergangenheit war plötzlich nicht mehr Historie, sondern brennend aktuell.

Aber warum wurde gerade Bristol, diese schöne, attraktive und lebendige Stadt im Südwesten von England, zum Brennpunkt des Protests? Diese selbstbewusste Stadt, nur eineinhalb Bahnstunden von London entfernt, wo man aber gar nicht nach London fahren muss, weil ja alles vor Ort ist. Das Old Vic zum Beispiel, für Daniel Day-Lewis das "schönste Theater von England"; der zum Kneipen- und Kulturzentrum umgebaute alte Hafen und seine Stadtfeste; die renommierte Universität mit dem Wills Building, einem neogotischen Prachtbau; die vom genialen Ingenieur Isambard Kingdom Brunel konstruierte und den Avon-Fluss überspannende Suspension Bridge, deren glitzernde Lichter man am besten von der Terrasse des Avon Gorge Hotel aus bewundern kann; oder die noch älteren Georgian Houses im Zentrum und in höher gelegenen vornehmen Vierteln wie Clifton und Redland, zu denen es die White Ladies Road hochgeht Richtung Black Boy Hill.

Im ältesten Gasthaus der Stadt, dem 1664 gegründeten (und erst letztes Jahr geschlossenen) Llandoger Trow, traf sich Daniel Defoe mit dem Seemann Alexander Selkirk, der den Schriftsteller zur Geschichte von "Robinson Crusoe" inspirierte. Und für Robert Louis Stevenson wurde der Llandoger Trow in seinem 1883 veröffentlichten Roman "Die Schatzinsel" zum Vorbild für das Gasthaus "Admiral Benbow". Von Bristol aus (und irgendwann im 18. Jahrhundert) ließ der Autor die Hispaniola mit ihren Schatzsuchern in See stechen und Richtung Karibik segeln. Und vielleicht sind Jim Hawkins, Long John Silver und die anderen dabei Schiffen begegnet, die aus der Karibik zurückfuhren nach Bristol. Schiffen von Edward Colston und Co., die im atlantischen Dreieckshandel unterwegs waren, die also Baumwolle, Zucker, Rum und Tabak nach England brachten, dort Waren wie Tuch oder Glasperlen aufnahmen und sie nach Westafrika transportierten, wo sie eingetauscht wurden gegen Sklaven, die wiederum in die Karibik verschifft und an Plantagenbesitzer verkauft wurden.

Colstons Statue wird zum Gegendenkmal

Beim Bristoler Ashton-Court-Festival 2004 hat der Musiker Kid Carpet den Jefferson-Airplane-Song "We built this City on Rock'n'Roll" umgedichtet und die Gründe für den Reichtum seiner Heimatstadt zusammengefasst: "We built this City on Slavery." Wer es wissenschaftlicher haben will: Die Vereinigung "Bristol's Free Museums and Historic Houses" arbeitet sich an der Lokalhistorie ab, auf der Homepage schreibt etwa der Geschichtsstudent Tayo Lewin-Turner, dass bei der 1750 eröffneten Old Bank (die später in der National Westminster Bank aufging) alle Gründer außer einem schwer in den Sklavenhandel investierten. Die Stadt habe vom Sklavenhandel auf viele Arten immens profitiert, "fast jede Ecke der Bristoler Gesellschaft" sei betroffen. Und Edward Colston? Er wurde von der Gesellschaft der Stadt nicht als Täter verdammt, sondern als Wohltäter gefeiert. Nach ihm, dem als Mäzen auftretenden Sklavenhändler, wurden Straßen, Plätze, Schulen und Konzerthallen benannt, wer sich durch Bristol bewegt, begegnet ihm auf Schritt und Tritt.

Aber jetzt wird man zumindest nicht mehr konfrontiert mit seiner Statue! Nachdem diese gestürzt und versenkt wurde, schrieb David Olusoga im "Guardian", die Stadt Bristol habe zu lange einen Mann geehrt, der für die Royal African Company den Transport von geschätzt 84.000 Sklaven organisierte, von denen etwa 19.000 schon während und durch die unmenschlichen Umstände der Überfahrt starben. "Die Körper der Toten wurden ins Wasser geworfen, wo sie von Haien gefressen wurden, die während der Jahrhunderte des atlantischen Sklavenhandels gelernt hatten, sich Sklavenschiffe auszusuchen und deren blutigen Wegen über den Ozean zu folgen." Heute jedoch, so Olusoga, schlafe der Massenmörder Colston selber "bei den Fischen".

Musste das wirklich sein, nach so vielen Jahren? Wird da nicht Historie ausgelöscht, ist der Abbau von Statuen oder deren Umsturz nicht, wie der britische Premier Boris Johnson stellvertretend für so viele erklärte, "eine Lüge über unsere Geschichte"? Aber diese Statuen sind nicht Geschichte, sie verkörpern die Lügen über diese Geschichte, sie gehören mit ihrem "Verherrlichungspotenzial", so der Historiker Jürgen Zimmerer (in "ZDF-Kulturzeit") endlich "entheroisiert" und dekonstruiert. Zimmerer sieht in den Bildern des Colston-Sturzes schon jetzt ein Gegendenkmal, die Statue selbst hätte er gern horizontal gelegt, wahlweise auch auf den Kopf gestellt. Oder hätte man anders verfahren können, etwa durch das Anbringen von Plaketten mit einordnendem Text? Nun, in Bristol wurde letzteres jahrelang versucht, stieß aber immer wieder auf den Widerstand etwa der örtlichen Händlervereinigung, für die jede Formulierung eines Colston-kritischen Textes zu "scharf" war.

In der Musikszene der Stadt, die in den 1990ern mit dem Bristol Sound und Bands wie Portishead oder Massive Attack berühmt wurde, waren Colston und Co. schon immer verhasst. Massive Attack zum Beispiel hat sich stets geweigert, in der Colston Hall aufzutreten. Die Band Wild Bunch forderte in ihrem Song "Friends and Countrymen" schon 1987: "Remember Slavery!" Auch Peter Rose von der Band Smith & Mighty hat schon vor vielen Jahren dem Musikjournalisten Thomas Götz ("Stadt und Sound: Das Beispiel Bristol") erzählt, es gebe eine "Menge Schwingungen in der Stadt, aus der Vergangenheit, aus der Sklavengeschichte." Und Brother Nature, Mitglied der Band Afrosaxon, sagte: "Es ist fast schon ironisch: Heute leben wir auf jenem Boden, auf dem unsere Vorfahren gehandelt wurden. Aber der Geist von ihnen ist immer noch da, er ist Teil der Atmosphäre, die wir fühlen." Die Stadt aber wolle nicht, dass bei einem Festival über Sklavenhandel gesprochen werde, der sei für sie nur eine "Nebensache" gewesen.

Der schwarze Stadtteil St. Pauls schreibt Geschichte

Tatsächlich gab es in Bristol selbst wenige Sklaven, fast nur solche, die von den Händlern für den eigenen Haushalt mitgebracht wurden. (Einer von ihnen hieß Pero Jones. Nach ihm wurde 1999 – eine späte und rare Geste der Stadt – jene Fußgängerbrücke benannt, von der jetzt die Colston-Statue in den Hafen geworfen wurde.) Trotzdem hat Brother Nature recht, wenn er von seinen Vorfahren spricht. Denn Großbritannien suchte nach dem Zweiten Weltkrieg dringend Arbeitskräfte und ließ deshalb viele Nachkommen karibischer Sklaven ins Land. Wie in anderen britischen Städten wurde diese sogenannte Windrush-Generation, benannt nach dem Schiff, das sie über den Atlantik brachte, auch in Bristol diskriminiert und fand an Mietshäusern Schilder, auf denen "no blacks, no dogs, no Irish" zu lesen war. Der heruntergekommene Stadtteil St. Pauls wurde schließlich zum Schwarzenviertel. Und von dort aus wurde schon lange vor dem Statuensturz mehrmals Geschichte geschrieben.

Der erfolgreiche "Bus Boycott" etwa, mit dem sich Schwarze in Bristol 1963 dagegen wehrten, nicht als Busfahrer oder -schaffner arbeiten zu dürfen, führte zwei Jahre später zum britischen "Race Relations Act", einem Antidiskriminierungsgesetz. St. Pauls machte in den Jahren 1980 und 1987 dann Schlagzeilen, weil nach massiven Polizeirazzien "riots" ausbrachen: gewalttätige Revolten gegen das "Stop-and-Search-Gesetz", das der Polizei willkürliche Personenkontrollen erlaubte, und insgesamt gegen ein System, für das, so die Zeitung "Bristol live" 2017 in einem Rückblick, "Vorurteile, soziale Ungerechtigkeit, Armut, schlechte Bildung und schlechte Wohnungen" charakteristisch waren.

Und es war und ist ja noch nicht vorbei! Als die britische Innenministerin Theresa May von 2012 an die Einwanderungspolitik verschärfte und für die Betroffenen, so wörtlich, "a really hostile environment" (also ein extrem feindliches Umfeld) schaffen ließ, war auch die Windrush-Generation betroffen. Vor Jahrzehnten waren viele Schwarze aus der Karibik ohne damals nicht nötige Papiere eingereist, nun wurden diese nachträglich verlangt. Wer sie nicht vorweisen konnte, durfte kein Konto eröffnen, keine Wohnung mieten, fiel aus dem Gesundheitssystem heraus. Und wurde manchmal interniert und abgeschoben. Erst als der "Guardian" von 2017 an den Skandal anprangerte und auch einige Karibik-Staaten protestierten, musste die Innenministerin zurücktreten. Die hieß nun Amber Rudd, ihre Vorgängerin May hatte es inzwischen zur Premierministerin gebracht.

Auch die Vorfahren von Marvin Rees, dem derzeitigen Bürgermeister von Bristol, stammen aus der Karibik. Zum Colston-Sturz hat Rees gesagt: "Als gewählter Politiker kann ich Sachbeschädigung und Unruhen wie diese nicht unterstützen." Aber eigentlich ist es für ihn eine Genugtuung, denn die Statue eines Sklavenhändlers mitten in der Stadt, so zitiert ihn "Spiegel online", sei für ihn immer "ein persönlicher Affront" gewesen. Und jetzt ist in Sachen Colston und Co. sowieso Bewegung drin: Die Colston Hall löscht den Namen des Mannes, nach dem sie benannt ist ("eine vergiftete Marke"), Colston-Schulen denken über diesen Schritt nach. Und die Diözese von Bristol bedeckt oder entfernt sowohl in ihrer Kathedrale als auch in ihrer Kirche St. Mary Redcliffe die Colston gewidmeten Fenster und schreibt in einem Statement: "Der Fall der Colston Statue am 7. Juni war ein symbolischer Moment für die Stadt und ein Signal für Veränderung." Dass so ein Schritt nur ein Anfang sein kann, ist der Diözese klar: "Er verändert nicht die Geschichte und ändert nichts an der Tatsache, dass schwarze Menschen in Bristol, in Britannien und in der Welt immer noch Diskriminierung, Ungerechtigkeit und Rassismus ausgesetzt sind. Wir dürfen uns durch diesen Schritt nicht von der Arbeit ablenken lassen, die getan werden muss."

Inzwischen hat sich mal ein den Union Jack schwenkender weißer Mann mit tätowiertem nacktem Oberkörper auf den Sockel der Statue gestellt und gegen den "Antifa"-Abschaum angeschrien. Inzwischen war auf dem Platz über Nacht auch mal eine Plastik aufgetaucht, ein aus einer Mülltonne hervorquellender Kerl, der nur als Verhöhnung der rechten Nationalisten zu verstehen war und von manchen Banksy zugeschrieben wurde (ja, auch Banksy ist ein Bristolian!). Inzwischen ist die Statue selbst wieder aus dem Wasser geholt worden, aber noch weiß niemand, was mit ihr geschehen soll. Nur eines ist klar: Auf den Sockel heben wird die Stadt Bristol den Sklavenhändler Edward Colston nicht mehr.

Ein deutscher Epilog

In einer Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung heißt es: "Die wohl bekannteste deutsche Person, die im Zusammenhang mit Sklaverei ein Vermögen verdient hat, war Heinrich Karl von Schimmelmann." Der 1724 als Sohn eines Kaufmanns geborene Schimmelmann war ein Sklavenhändler, dem zu Ehren der Hamburger Stadtteil Wandsbek eine Büste gegenüber dem Rathaus errichten ließ. Und zwar im Jahr 2006! Die Büste wurde oft mit roter Farbe übergossen und 2008 entfernt. An ihr war eine den "Wohltäter" Schimmelmann erklärende Plakette angebracht: "Unter seiner Gutsherrschaft blühte der Ort auf. Auch durch den sogenannten Dreieckshandel (Kattun und Gewehre, Sklaven, Zuckerrohr und Baumwolle) zwischen Europa, Afrika und Amerika galt er als reichster Mann Europas." Man muss den Inhalt dieser Klammer nochmals lesen: "Kattun und Gewehre, Sklaven, Zuckerrohr und Baumwolle." Eine ungeheuerliche Reihung, in der Menschen im Jahr 2006 in der ehrbaren Kaufmannstadt Hamburg noch einmal und schon wieder zur Ware erklärt werden.


Unser Autor hat in den 1980ern zwei Jahre lang in Bristol gelebt und an der Uni als Lektor des Deutschen Akademischen Austauschdiensts gearbeitet.


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