Bild aus schönen Zeiten: das Überlinger Ufer vor dem Kahlschlag. Foto: Jürgen Gundelsweiler, BÜB

Ausgabe 308
Überm Kesselrand

Die Kahlschlag-Gartenschau

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 22.02.2017
"Nizza am Bodensee" wurde Überlingen einst genannt. Den Stadteingang schmückt eine mondäne Platanenallee. Die Bäume sollen jetzt weg. Für eine Landesgartenschau. Die Stadt hat getan was sie kann, um die Bürger gegen sich aufzubringen. Eine Posse vom Bodensee.

Am Erscheinungstag der heutigen Kontext-Ausgabe tagt der Petitionsausschuss des Landtags. Aber Dirk Diestel macht sich keine allzu großen Illusionen, dass noch etwas zu retten ist. Als Sprecher der Bürgergemeinschaft für Überlinger Bäume (BÜB) hat er im letzten Dreivierteljahr allzu oft erleben müssen, wie konstruktive Vorschläge mit Häme, Gesprächsangebote mit schroffer Feindseligkeit beantwortet wurden. "Das tut weh", sagt er.

Seit bekannt wurde, dass für die Landesgartenschau (LGS) 2020 in Überlingen 160 alte Bäume am westlichen Ortseingang fallen sollen, ist die halbe Stadt auf der Palme. 3400 Unterschriften hat Diestel in kürzester Zeit gesammelt, bei 22 000 Einwohnern. Das ist eine Menge. Doch der Gemeinderat hat das Bürgerbegehren aus juristischen Gründen abgewiesen.

Wenn es einen Leitfaden "Wie verärgere ich meine Bürgerschaft?" für die Verwaltung gäbe, er müsste folgende Empfehlungen enthalten: Bäume abholzen; Kulturdenkmäler zerstören; die Bürger über die Ziele im Unklaren lassen; Bürgerbegehren zurückweisen; den Dialog verweigern. Überlingen hat jeden dieser Punkte beherzigt. Und erntet damit weit über die Stadt hinaus Kopfschütteln. Dabei hat alles ganz anders angefangen.

Am Anfang waren sich alle einig 

2009 bewarb sich Überlingen erfolgreich um die Landesgartenschau 2020. Die Überlinger freuten sich. Drei Bürgerwerkstätten sammelten Ideen. 2013 votierten in einem Bürgerentscheid fast 60 Prozent für die Gartenschau. "Ich war einer der ersten, die in den Freundesverein eingetreten sind", sagt Dirk Diestel. Der Fotograf, der 25 Jahre lang für den "Südkurier" gearbeitet hat, kennt das zukünftige Gartenschaugelände gut. Er ist Vorstand der Tauchgruppe Überlingen, die dort ein kleines Ufergrundstück nutzt, das "Plätzle", denn wenige Meter vom Ufer entfernt geht es steil hinunter in die Tiefen des Bodensees. 

Die Stadt möchte das brachliegende ehemalige Gewerbegebiet hinter dem Bahnhof Therme in einen "Bürgerpark" verwandeln. Rechts ragt als 20 Meter hohe senkrechte Wand der Molassefelsen empor, ursprünglich die Steilküste des Bodenseeufers. Moderne Stadtvillen lugen oben über die Kante, ihre breiten Fenster bieten einen privilegierten Blick auf den See. Das gesamte Gelände davor wurde erst beim Eisenbahnbau aufgeschüttet, mit Material aus dem Eisenbahntunnel.

Mit der Eröffnung der Bahnlinie 1895 gönnte sich Überlingen auch einen mondänen Stadteingang. Der Autoverkehr spielte noch keine Rolle. Aber die Stadt begann den Tourismus für sich zu entdecken. Hinten an der Felswand führt die Bahnlinie schnurgerade auf den Bahnhof Therme zu. Die Platanenallee, die vorn in einem breiten Bogen der Uferkante folgt, trug zum Ruf Überlingens als "Nizza am Bodensee" bei. Die Straße soll jetzt nach hinten, neben die Bahnlinie verlegt werden. Darin sind sich alle einig. 

In der NS-Zeit hoben KZ-Häftlinge in der Felswand den Goldbach-Stollen aus, für die Rüstungsproduktion. Mit dem Abraum wurde das Gelände nach Nordwesten verlängert. Dort entstand nach dem Krieg der Campingplatz mit einer in den See vorgeschobenen "Bastion" als "Aussichtspunkt und Ruheplatz für Spaziergänger". Vor zwei Jahren musste der Campingplatz schließen. Wegen der Landesgartenschau.

Dann wurde der Kahlschlag bekannt

2012 wurde der Wettbewerb für das Gartenschaugelände ausgeschrieben. Maßgeblich mitgewirkt hat der renommierte Überlinger Landschaftsarchitekt Johann Senner, früher einmal Mitarbeiter von Hans Luz in Stuttgart. In seinem Büro Planstatt Senner mit Filialen in Stuttgart, München, Shanghai, Dubai und Mumbai hat er rund 50 Mitarbeiter. Vor zwei Jahren hat der Bund Deutscher Architekten in Stuttgart seine Arbeiten in einer Ausstellung vorgestellt: unter anderem die Interkommunale Gartenschau im Remstal 2019 und den Landschaftspark Neckar mit 200 Einzelprojekten in 27 Kommunen.

Hätte Senner selbst den Auftrag erhalten, es hätte keinen Streit gegeben. Denn der Ausschreibungstext enthielt deutliche Hinweise auf die Schutzwürdigkeit des Baumbestands und des empfindlichen Seeufers. Doch unter 27 Wettbewerbsteilnehmern entschied sich das Preisgericht ausgerechnet für den Entwurf des Stuttgarter Büros Relais Landschaftsarchitekten und damit für den einzigen, der die Platanenalle komplett abholzen will.

Dabei hatte Marianne Mommsen, Mitinhaberin dieses Büros, 2013 noch gesagt: "Wir haben uns eigentlich gefreut, wir haben einen wunderbaren Baumbestand, das ist für Landschaftsarchitekten immer eine unglaubliche Chance, weil der Park von Anfang an eine räumliche Atmosphäre hat. Wir werden versuchen, so viel wie möglich diese Bäume alle zu erhalten." Der volle Umfang des Kahlschlags kam erst im März 2016 ans Tageslicht: 160 Bäume sollen fallen.

Weg soll auch die drei Meter hohe, getreppte Trockenmauer, die im 19. Jahrhundert zur Befestigung des Geländes am Seeufer angelegt wurde. Sie reicht bis zum Rand des Campinggeländes, und genau hier befindet sich das "Plätzle" der Tauchgruppe. Die Mauer besteht aus Rorschacher Sandstein vom Schweizer Ufer des Bodensees und ist eine handwerkliche Meisterleistung. Riesige Bäume wurzeln unmittelbar an der Mauerkante, noch vor den Platanen der Allee, ohne dass diese in 120 Jahren Schaden genommen hätte. Mehr als 70 Pflanzenarten hat die BÜB an der Trockenmauer gezählt. Eidechsen und Ringelnattern, Käfer und Schmetterlinge fühlen sich hier wohl.

Nun steht die "Renaturierung" auf dem Programm, die "freie Zugänglichkeit des Sees" und die "ökologische Aufwertung des Ufers". Das Konzept der Wettbewerbssieger: Bäume weg und die Trockenmauer durch eine ebenso hohe Böschung aus riesigen grauen Granit-Wacken aus Südtirol ersetzen. Dass dadurch das Ufer kaum zugänglicher wird, ist den Bildern auf der Projektwebsite nicht anzusehen.

"Das Gesamtkonzept wird sich daran messen lassen müssen, wie sehr es dem Grundsatz der Unverwechselbarkeit, der Authentizität und dem ureigensten Charakter Überlingens entspricht", hatte Johann Senner im Ausschreibungstext festgehalten. Als 2016 bekannt wurde, dass Platanen und Trockenmauer verschwinden sollen, distanzierte er sich von dem Vorhaben. "Das wäre die erste Landesgartenschau, die mit der Fällung von Bäumen beginnt", meinte er und wandte sich an Diestel: "Da läuft was schief." 

Seit der Überlinger Gemeinderat vor einem Jahr den Rahmenplan der Landesgartenschau beschlossen hat – ohne die Details des Entwurfs überhaupt zu kennen – ist viel passiert. Als klar war, dass die Platanen weg sollen, hat Senner ein Gutachten zur Vitalität der Bäume in Auftrag gegeben, das Kontext vorliegt. Ergebnis: Die zwischen 45 und 75 Jahre alten Bäume an der Südseite der Allee könnten mindestens noch 30 Jahre stehen bleiben, die an der Nordseite, zwischen 110 und 130 Jahre alt, haben eine Reststandzeit von mindestens 15 bis 20 Jahren, deutlich mehr, wenn der Boden entsiegelt würde.

Martin Walser und Erwin Teufel können es nicht fassen

In den Platanen haben die Gutachter einen Waldkauz und andere brütende Vögel sowie Kokons von Käferlarven entdeckt. Fazit: "Nach Paragraph 44 des Bundesnaturschutzgesetz dürfen die Bäume nicht gefällt werden." Das Landesdenkmalamt, von der Stadt erst im Mai 2016 befragt, stellte nach kurzer Prüfung fest: Die Platanenallee ist ein Kulturdenkmal. Der Maler Hans Fähnle (1903-1968), dessen Werk in der ihm gewidmeten Galerie oben auf dem Molassefelsen zu besichtigen ist, hat sie mehr als zehnmal gemalt, Martin Walser ihr ein Gedicht gewidmet. Walser selbst meldete sich im "Südkurier" zu Wort, Goethe zitierend: "Man möchte rasend werden ..."

Der frühere Ministerpräsident Erwin Teufel schrieb einen Brief an die Oberbürgermeisterin Sabine Becker: "Ich bin ein großer Freund von Landesgartenschauen und habe sie vor Jahren mit eingeführt, stets unterstützt und viele eröffnet. Meine ganze Erfahrung ist, dass man bei Landesgartenschauen Bäume pflanzt, aber nicht gewachsene Bäume fällt." Der Präsident der Landesarchitektenkammer, Markus Müller, bot an zu vermitteln.

An der Oberbürgermeisterin prallte dies alles ab. Die Stadt kämpft mit harten Bandagen, hat gegen Diestel Strafanzeige gestellt wegen unerlaubten Betretens des Baugeländes, auch wenn die Staatsanwaltschaft nicht tätig wurde. Der Baubürgermeister Michael Längin verkündete, ein Kulturdenkmal könne auch abgerissen werden. Nachdem der Gemeinderat im Oktober den Bebauungsplan verabschiedet hat, ist Sabine Becker im November abgewählt worden: wohl auch wegen ihrer unnachgiebigen Haltung.

Aber aus Sicht der Baumfreunde hat die Stadt damit nur den Teufel gegen den Beelzebub getauscht. Denn der neue OB Jan Zeitler ist sozusagen mit der Gartenschau verheiratet. Beim Grünprojekt Horb 2011 lernte er seine Ehefrau, die Landschaftsarchitektin Anette Stoll-Zeitler kennen. Er war Bürgermeister, sie leitete die "kleine Landesgartenschau", wie die Grünprojekte auch genannt werden. Nun sollte sie LGS-Geschäftsführerin werden. Erst Presseberichte veranlassten die Landschaftsarchitektin, auf den Posten als Geschäftsführerin zu verzichten, eine Formalie: an der Gartenschau arbeitet sie weiterhin mit.

Mittlerweile sind die Bastion und der Campingplatz geschleift. Die grauen Granitwacken sind in ihrer ganzen Monstrosität bereits zu besichtigen. Und auf einmal gibt sich das Landesdenkmalamt mit einer Dokumentation der Platanenallee zufrieden, anstatt sie zu erhalten. Eine Woche vorher hatte das Verwaltungsgericht Sigmaringen einen Eilantrag der Bürgergemeinschaft für Überlinger Bäume zurückgewiesen.

Dirk Diestel könnte nun Einspruch erheben. Aber das Verfahren hat die BÜB bereits 5000 Euro gekostet. Für eine groß angelegte Spendensammlung ist es zu spät. Es bleibt kaum noch Hoffnung für die Platanenallee. Immerhin eines hat die Bürgerinitiative erreicht: Weitere 49 Bäume an der Uferpromenade im Stadtzentrum, die das Büro Relais ebenfalls hatte abholzen wollen, bleiben erhalten.


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23 Kommentare verfügbar

  • Schwabe
    am 26.02.2017
    zu Annemarie König, 25.02.2017 17:57
    "Die Stadt - hier stellvertretend für alle an Entscheidungen Beteiligten, zieht sich zu jedem Zeitpunkt auf die Behauptung zurück, alle diese Details seien erkennbar gewesen,..."

    "Die Stadt" meines Erachtens hier stellvertretend für "die Politik"! Und "Die Stadt" bzw. "die Politik" gibt mit obigem Satz quasi zu das sie 1. Hauptverantwortlich ist und 2. bewußt diese Abholzung alter Baumbestände betreibt und 3. deutet ein solches Argumentieren darauf hin, dass immer bei evtl. kritischen Entscheidungen versucht wird zu verschleiern. Denn "...alle Details seien ERKENNBAR gewesen,..." - wenn man/frau sich nur genug anstrengen würde. Typisch bürgerlich neoliberales Durchregieren!!
  • Kornelia
    am 25.02.2017
    Sowas kommt von sowas
    "....aber pünktlich zur Bundesgartenschau in Riem 2005 war das 20,6 Millionen Euro teure Projekt abgeschlossen."

    http://www.sueddeutsche.de/muenchen/probleme-am-vorzeigeobjekt-pfusch-am-kirchenbau-1.3233899

    "Rund 15 Jahre ist es her, da wuchsen auf dem Gelände des 1992 stillgelegten Flughafens im Münchner Osten die ersten Wohnblocks in die Höhe. Bald wird mit dem vierten von fünf Bauabschnitten begonnen, am Ende sollen in der Messestadt rund 16 000 Menschen leben.()
    Angekündigt gewesen sei ein „sozialdemokratisches Musterstadtviertel“, sagt CSU-Stadtrat Georg Kronawitter. „Heute wird das Viertel immer nur problematisch dargestellt.“
    https://www.merkur.de/lokales/muenchen/ost/riem-wird-messestadt-sozialen-ghetto-2784602.html

    Was kann also Show leisten?
    Damals ja, aber heutzutage?
  • Kornelia
    am 25.02.2017
    Vieles was im vorvorigen Jahrhundert richtig (Innovativ) gut war, war im letzten Jahrhundert noch so gerade gut und ist jetzt einfach total falsch gewickelt!

    Gartenschauen, Olympia, Fussballverbände, Parteien, Parlamente, Medien, Universitäten etc sind irgendwie im letzten Jahrhundert stehen geblieben und/oder auf den massiven Rückschritt gen Mittelalter!
    Analog Pispers Beschreibung von Merkel: "erst guckt sie sich das ne Runde an, dann dreht sie sich um und sagt alle stehen hinter mir!"
    Rückschritt wird seit Millenium als Fortschritt verkauft!

    Fragen:
    Warum gibt es so wenige kritische Auseinandersetzungen zu Schauen? Kosten-Nutzen Analysen?
    Wären die Entwicklungen nicht auch möglich ohne große EventShows? (Sind da nicht zuviele unnütze Esser mit am Tisch?)
    Ist mit diesen vielen Zusatzessern eigentlich eine behutsame dem Dorf, der Stadt, der Region angepassten Entwicklung möglich? Können diese Mainstream-Macher, Planer eigentlich ausserhalb ihrer Hamsterräder, ihrer Echokammern, noch "planen"?
    Können Politiker und Burokraten noch Erbsensuppe essen, wenn sie mit Champagner und Austern geködert werden?
    Kann in einer Zeit in der der Zeiger auf wegwerfen-neu, abholzen-neu, entlassen-neu, etc steht, also auf eine entartete, asoziale und vernichtende Unkultur.... kann da eigentlich Gutes für morgen entstehen?

    Mit Mitmüttern habe ich mal gelästert: eigentlich müssten wir unsere Kinder ab 3Jahren in die Tonne hauen, denn die Gesellschaft unterstützt nur "Neuanschaffungen".

    Bei einem Stuttgarter Bildungsevent mit Gottschalk schrieb ein Lehrer: "das Geld und die nur für die Show-Veranstaltungsmoglichkeiten hätte ich gern im Alltag, dann könnte ich auch genialen ChemieUnterricht machen!"

    Also wäre doch endlich mal eine überregionale Tagung zum Thema:
    Sinn und Unsinn von XY wichtig!
    Innehalten für die Zukunft! Morgen! - Jetzt!


    Aber dafür müssten einige Gehirnareale umdekodiert werden! (Bes.bei sog.VIPs)
  • Annemarie König
    am 25.02.2017
    man möchte um Hilfe rufen, denn es geht nicht um die Landesgartenschau an sich, dazu gab es einen Bürgerentscheid, der respektiert wird.
    Es geht um nur nach und nach erkennbare Einzelheiten der Planung. Die Stadt - hier stellvertretend für alle an Entscheidungen Beteiligten, zieht sich zu jedem Zeitpunkt auf die Behauptung zurück, alle diese Details seien erkennbar gewesen, Meine persönliche Beobachtung ist, dass viele Überlinger sich eine Situation erhofften, ähnlich der Promenade von Yachtclub zum Osthafen, oder entsprechend der außerordentlich gelungenen Lösung im Kreuzlinger Uferpark. Wer sich wirklich interessiert, kann unter www.bueb-ueberlingen.blogspot nachlesen, wie gründlich recherchiert wurde ( das geht an mira ! aus überlingen ), wie groß zu jedem Zeitpunkt die Bereitschaft zum friedlichen26619
    Dialog war und wie kleinmütig und starr die Reaktion der Stadtverwaltung, der Planerin Mommsen, der LGS GmbH war.
    Und das ist doch der Punkt: es geht nicht um das Herzblut der
    Frau Mommsen, es geht um das Herzblut der Überlinger.
  • mira
    am 25.02.2017
    Dazu kann ich als Überlingerin nur sagen: nicht sauber recherchiert.
    Z. B. fallen nur 43 Platanen, die jedoch durch Ebereschen und Mehlbereeren setzt werden. In diesen können, im Gegensatz zu den Platanen, Vögel nisten. Außerdem waren es 2000 und keine 3000 Unterschriften.
    Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger hat sich für den Entwurf von Frau Mommsen entschieden und diese demokratische Entscheidung sollte 3 Jahre später weiterhin anerkannt werden.
  • Schwabe
    am 24.02.2017
    @Heike V., 22.02.2017 23:27
    "Wie kann man als "Landschaftsarchitekt" sowas planen? Wie kann man als politisch Verantwortlicher sowas zulassen?"
    Hallo Heike V.,
    aus meiner Sicht stimmt die Reihenfolge nicht - ausschlaggebend ist immer die politische Entscheidung und damit ist die Hauptverantwortung zugewiesen!
    Auch Entscheidungen von Preisgerichten werden immer nochmal politisch diskutiert und können selbstverständlich gekippt werden.
  • PeterG
    am 24.02.2017
    Allein die Landschaftplaner zu kritisieren greift zu kurz. Zuerst hat die Stadtverwaltung eine Aufgabenbeschreibung verfasst, welcher der Stadtrat zustimmen muss. Dann hat ein aus Fachpreisrichtern und Politikern bestehende Preisgericht eine Arbeit ausgewählt. Wer als Wettbewerbsteilnehmer hier solide Lösungen liefert hat in diesem Verfahren kaum eine Chance. Es muss ja neu, innovativ und einzigartig sein. Wobei unter neu auch fällt was 50 Jahre als „nicht funktionierend“ verworfen wurde. Nicht das erste mal dass eine "unkonventionelle" aber wenig funktionale Lösung den ersten Preis erlangt (s. S21, Killesberg, ...) . Und diese Entscheidung wird mit Klauen und Zähnen von den oben genannten Protagonisten vereidigt, denn jede Kritik am Entwurf ist eine Kritik an den Entscheidern. Und ein Politiker gibt nie einen Fehler zu.
  • Martina Poll
    am 24.02.2017
    Ich habe heute eine kleine Protestmail an dieses Landschaftsarchitektenbüro Relais in Stuttgart geschrieben mit folgendem Wortlaut:

    "Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich bin über Ihre Planungen am Bodensee sehr entsetzt. Ich selbst komme vom Bodensee, aus Radolfzell, weshalb diese Landschaft für mich Heimat bedeutet.

    Der gesamte Bodensee ist seit ich denken kann geprägt durch alte Platanenalleen und Trockenmauern. Auch in Radolfzell wurde in der jüngsten Vergangenheit Vieles zerstört im Rahmen von angeblichen „Renaturierungskonzepten“. Dass man nun auch in Überlingen eine Jahrhunderte alte Kulturlandschaft zerstören will, kann ich nicht fassen. Und das auch noch für eine „Landesgartenschau“…..Dieser Sachverhalt stellt für mich die Legitimität dieser Schauen für die Zukunft in Frage, denn das Vorgehen aller Palnungsbeteiligten legt den Verdacht nahe, dass es wieder einmal nur um das große Geschäft und um die Eitelkeit einzelner geht. Dass Sie sich als Planer und damit Verursacher der Auseinandersetzungen weit über Überlingen hinaus, nicht äußern, ist in meinen Augen ein Armutszeugnis.



    Mit unfreundlichen Grüßen

    ....."

    Die Pressesprecherin von Überlingen hat mir geantwortet. Kann ich nur jedem empfehlen.
  • Simone Heiland
    am 23.02.2017
    Wir fechten zurzeit in Heilbronn einen ähnlichen Kampf aus, sind mit der BuGa ein Jahr vor der LGS dran. Wo vorher Grün war, ist jetzt Asphalt und Beton. Ein Paradies für Sprayer, die schon in den Startlöchern sitzen und auf weitere landschaftsgärtnerische Neuerungen warten. Die Ignoranz und Arroganz der verantwortlichen schreit zum Himmel. Aber es nützt nichts. Ich habe gestern nach Versenden eines Brandbriefs an ca. 100 einflussreiche Heilbronner von einem Stadtrat eine E-Mail bekommen mit dem schönen Zitat: "Wer in der Vergangenheit lebt, hat keine Zukunft" und dem Hinweis, ich möge es nicht persönlich nehmen. Sie machen, was sie wollen. Gegen die Menschen und die Menschlichkeit. Es war immer so und es wird so bleiben. Und auch ich könnte kotzen.
  • Bernd Lange
    am 23.02.2017
    Es wird von Tag zu Tag erschreckender, wie der Mensch als solcher mit unserer Welt umgeht. Wahrscheinlich muss man fast die gesamte Menschheit erst zum Teufel scheren, damit die Erde m Leben bleibt. Ich könnt kotzen!
  • Martina Poll
    am 23.02.2017
    Die Umweltzerstörung nennt sich heutzutage "Renaturierung" und Landesgartenschau. Damit ist offenbar ein gutes Geschäft zu machen. Und die gutbezahlten Bürokraten in den Amtsstuben sind dabei gerne behilflich.
    Der Kardinalfehler dürfte gewesen sein, ein Stuttgarter Büro zu beauftragen - denn in dieser Stadt sind schon seit Längerem jegliche Maßstäbe verrutscht.
    Leider verwenden viele "Landschaftsarchitekten" ihre ganze Eitelkeit darauf, eine möglichst seelenlose und menschenfeindliche Mondlandschaft zu kreieren, um ihre persönliche "Handschrift" zu hinterlassen. Die Zeiten der englischen Landschaftsgärten sind leider längst Vergangenheit. Nicht nur heutige sondern auch künftige Generationen werden über diese Geschmacklosigkeiten den Kopf schütteln und dem Verlust an gewachsener Kultur- und Naturlandschaft nachweinen.
  • Peterwmeisel
    am 23.02.2017
    Eine "Garten Schau" ??
    Die Geburt der Philosophie im Garten der Lüste. Das Paradies -Das Geschützte / Eingezäunte hätte ohne schattenspendenden Baum nicht existiert. Schaut auf die Gärten im Zweistromland.
    Daraus folgte die Erkenntnis der Menschen. (s. Maturana + Varela: Der Baum der Erkenntnis, die biologischen Wurzeln
    menschlichen Erkennens." Dort steht u.a. "Wir sehen nicht, was wir nicht sehen. Das zeigt und das Wegschauen bei den Kriegen und bei der "Rückführung" von Flüchtlingen in Kriegsgebiete.
    Wo ist unsere menschliche Bildung, wo bleibt unsere emotionale Intelligenz? Ist der Baum in unserem Paradies überflüssig? Dann wurden wir daraus vertrieben.
    Die Überlinger werden die Bäume vermissen?
    Zhuangzi (380 v.Chr.) hat uns mitgegeben: Bewahrung des Leben: Folge der Natur!
  • Heike V.
    am 22.02.2017
    Wie pervers ist das denn?
    160 alte Bäume abholzen für eine "Garten"schau?
    Statt sie zu integrieren.
    Nicht zu fassen!
    Wie kann man als "Landschaftsarchitekt" sowas planen? Wie kann man als politisch Verantwortlicher sowas zulassen?
    Schade, Überlingen hat mir immer gut gefallen. Zum Glück gibt es noch andere idyllische Orte am Bodensee, wohin man dann ausweichen kann...
  • by-the-way
    am 22.02.2017
    ... eine "Landesgartenschau" für die ein Kulturdenkmal , bestehend aus alten Platanen abgeholzt werden soll?

    Zitat: "entschied sich das Preisgericht ausgerechnet für den Entwurf des Stuttgarter Büros Relais Landschaftsarchitekten und damit für den einzigen, der die Platanenalle komplett abholzen will."

    Hier handelt es sich offensichtlich nicht um "Landschafts"architekten, sondern um ein Stuttgarter-Kahlschlags-Archtekten-Büro.
    Kein Wunder, was will man von "Archtekten" aus dieser lebensfeindlichen Beton-Unstadt auch anderes erwarten?

    Diese Landesgartenschau würde damit zur Unkultur und Kulturschande und damit sollte von einem Besuch dieses Kulturverbrechens großer Abstand genommen werden.

    Und der gesamte Gemeinderat in Haftung genommen werden, denn für ein solches Kulturverbrechen haben sie kein Mandat!
  • Eugen Noll
    am 22.02.2017
    Warum müssen Bürgerentscheide immer angegriffen werden, die eindeutig von den Bürgern mehrheitlich so entschieden wurden.
    Beispiel Stuttgart 21. Ich finds zum kotzen, immer den eigenen Vorteil nutzen zu wollen und die Mehrheit nicht akzeptieren zu wollen. Allen voran Diesel, der Taucher. Ich finde es gut dass die Stadt die Maßnahme durchzieht. BÜB kann ich nicht mehr hören.
  • Rita Winter
    am 22.02.2017
    Ihren Angaben zufolge lebt Martin Walser in Überlingen, was längst nicht mehr der Fall ist, da er seit geraumer Zeit in München residiert. Und was die Bäume angeht, wird mir ganz schlecht. Immer und immer wieder lassen es die Bürger zu, dass einige wenige über ihre Köpfe hinweg Maßnahmen ergreifen, die zum Himmel schreien. Lasst um Gottes Willen diese Bäume stehen!
  • Monika Spiller
    am 22.02.2017
    Es ist eine himmelschreiende Kulturschande, was hier an Zerstörungswerk durch Amtsträger angerichtet wird, die von außerhalb kommen und alsbald auch wieder gehen und die keinen Funken Sensibilität für den Charme dieser Stadt mit ihrer bald 1250-jährigen Geschichte und ihrer historisch gewachsenen Struktur entwickelt haben. Ja, es geht um knallharte wirtschaftliche Interessen. Ja, wir sind nicht in Sizilien. Aber nicht nur Martin Walser rief, Goethe zitierend, empört aus: "Man möchte rasend werden". Ob sich der jetzt erreichte Triumph der Befürworter dieser LGS 2020 um jeden Preis nicht doch noch als Pyrrhussieg herausstellen wird?
  • Bernd Kruczek
    am 22.02.2017
    Wenn man das liest bleibt einem die Luft weg. Nur weiter so Überlinger Stadtverwaltung, so treibt man Wähler in die Arme der AfD
  • Julius Hauck
    am 22.02.2017
    Es ist für mich nicht verständlich wie man derart Ignorant gegenüber der Seele einer Stadt sein kann. Überlingen lebt von deiner Beschaulichkeit und den vielen Jahren in der die Stadt gewachsen ist. Dazu gehören auch, vielleicht sogar gerade alte Gemäuer, Bäume die dort schon immer standen und das bewahren dessen, was die Stadt ausmacht.

    Die Allee abzuholzen ist ein Verbrechen an Stadt und Bürgern sowie eine Schändung an allem was eine Gartenshow sein sollte.
  • Oliver Eisele
    am 22.02.2017
    Bei diesem Bericht entsteht der Eindruck, als würde hier in Überlingen ein Stück Natur zerstört, alles zu betoniert werden und es nur um Wirtschaftsinteressen gehen.
    Es scheint wirklich sehr seltsam, dass Bäume gefällt werden für eine Landesgartenschau, jedoch werden mehr weit mehr gepflanzt als alte, kurz vorm Sterben befindliche Bäume gefällt werden.
    Oftmals muss etwas zerstört werden damit was Neues entstehen kann. Es soll aber etwas besseres entstehen und das ist hier ganz genau der Fall! Das Gelände sieht, abgesehen von der Platanenallee gelinde gesagt katastrophal aus. Die Straße muss nach hinten verlegt werden und die Flächen um das ehemalige Baumarkt Gelände ist ein Schandfleck. Die Trockenmauer hat mit Natur nichts zu tun - das sie Tiere beherbergt ist nur ein Zeichen dafür, dass sich die Natur alles zurückerobert, wenn man ihr Zeit gibt Das gerade die Touristen, die am wenigsten Geld in die Gastronomie bringen, den besten Platz am See haben sollen ist für viele Bürger unverständlich. Dem Campingplatz trauert kein Bürger hinterher.
    Das der Sprecher der Bürgerbewegung den Tauchplatz schützen will ist verständlich, spricht er doch auch für die Taucher - das hat aber nichts mit Naturschutz zu tun - hier vermuten viel Mitbürger, dass hier nur Eigeninteresse herrscht und die Landesgartenschau verhindert werden soll um möglichst bequem tauchen gehen zu können.
    Zu den erwähnten Unterschriften - es gab knapp über 3000 Unterschriften, davon waren aber über 1000 ungültig. Mit welchem Wissen die 2000 Bürger unterschrieben lässt sich nur mutmaßen - vermutlich gegen das Abholzen - ohne das ganze Wissen.
    Überlingen ist wirklich in Gefahr ein hässliches und verwechselbares Retortenstädtchen zu werden - hierzu zählen die vielen Abrisse der schönen Villen, wozu diejenigen direkt neben der Therme gehört, die im Zuge des neuen Parkhausbaus fällt. Ganz vergessen werden die vielen Grünflächen die der Verdichtung in der Stadt zum Opfer fallen, das sollte Freunde von Baudenkmälern und Naturfreunde traurig stimmen. Denn gerade alte Gärten mit altem Baumbestand sind ein Hort von vielen Insekten und Singvögeln - vor den neuen Quadern werden hauptsächlich pflegeleichte Steingärten angelegt.
  • Philipp Horn
    am 22.02.2017
    unglaublich :(
  • Dirk Diestel
    am 22.02.2017
    Es geht nur um Umsätze und um Geld. Nur dort, wo bestehende Strukturen (teuer) beseitigt werden, können die Mitgliedsbetriebe der rein privatwirtschaftlichen BWGrün Aufträge für neue Strukturen bekommen. Es geht um Millionen! Wer es nicht glaubt, was für massive wirtschaftliche Interessen hinter der "Landesförderungsgesellschaft für baden-württembergische Landesgartenschauen mbH" tatsächlich stecken, sollte mal hier nachlesen:
    http://www.bueb-ueberlingen.blogspot.de/2017/01/was-ist-eigentlich-die-bwgrunde-gmbh.html
  • Markus Hitter
    am 22.02.2017
    Diese Hochnäsigkeit kenne ich nur all zu gut. "Wie kann man nur gegen was Neues sein". Es grenzt an Gotteslästerung. Veränderung und Geld ausgeben um jeden Preis, auch wenn's Murks ist.

    Was die Überlinger Planer offensichtlich völlig übersehen: man besucht die Stadt nicht wegen ihrer Urbanität, sondern wegen des genauen Gegenteils: wegen ihrer Idylle. Will man städtisches Flair, fährt man nach Singen. Aber wer will das schon am Bodensee?

    Will man die ganze Geschichte unbedingt positiv sehen, kann man nur sagen: gut für die umliegenden Gemeinden wie Sipplingen, Meersburg, Radolfzell. Dort bleibt die Idylle erhalten. Zumindest vorerst.

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