Protestkundgebung am 14.12.2016 in Stuttgart gegen die Unterdrückung der Pressefreiheit in der Türkei. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 300
Überm Kesselrand

Im Land der Säuberungen

Von Susanne Stiefel
Datum: 28.12.2016
Sie verstehen sich als laizistisch, europäisch und demokratisch: Kurz nach dem Putsch haben zwei Türkinnen und zwei Türken in der Kontext-Redaktion über ihr Heimatland gesprochen, das zum Willkürland geworden sei. Heute, sagt einer von ihnen, herrschten dort Bürgerkriegszustände.

Das Gefühl, etwas verloren zu haben, hat sich seit August verstärkt. Die Heimat, die Freiheit, wählen zu können, ob sie in Deutschland oder in der Türkei leben wollen. Vier Monate und viele Verhaftungen und Anschläge später hat sich in der Türkei nichts zum Besseren gewendet. Das Land ist gefangen in der Spirale der Gewalt, von Anschlägen und willkürlichen Entlassungen. Erdogans Säuberungen gehen weiter. "Ich bekomme immer mehr deprimierende Nachrichten von meinen Freunden und Verwandten aus der Türkei", sagt der Mann, der sich Erdal nennt und seit vielen Jahren in Deutschland lebt. Immer weniger trauten sich auf die Straße, hätten den Mut, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. 

Einer von Erdals Freunden war an diesem verhängnisvollen Samstag im Stadion von Besiktas. An der Stelle, wo kurz danach am 10. Dezember eine von zwei Bomben explodierte, die knapp 40 Menschen in den Tod riss. Viele von Erdals Freunden spielen mit dem Gedanken, nach Deutschland auszuwandern. Doch so einfach ist das nicht. Weder politisch, noch privat – viele haben Kinder in der Schule, die man nicht so einfach aus ihrem Leben reißen kann. Und auch ein Erwachsenenleben lässt sich nicht so einfach verpflanzen.

Bürgerkriegszustände seien das inzwischen in der Türkei, sagt Erdal. Den Friedensprozess mit den Kurden hat Erdogan aufgekündigt, die Antwort waren immer weitere grausame Bombenanschläge, zu denen sich militante Kurden bekannten. Und wer Frieden will, gilt schon als subversiv. Zehntausende Wissenschaftler, Lehrer, Soldaten und Richter wurden Opfer von Erdogans Säuberungen. Mehr als 35 000 Verdächtige sind in Untersuchungshaft. 121 Journalistinnen und Journalisten im Gefängnis, 168 Zeitungen, Zeitschriften und andere Medien zwangsweise geschlossen, über 2500 Journalistinnen und Journalisten entlassen, berichtet die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in Baden-Württemberg, die am 14. Dezember zur Demo gegen die Unterdrückung der Pressefreiheit in der Türkei aufgerufen hat.

"Es wird fast wöchentlich schlimmer", sagt Erdal. Auch die gegenseitige Bespitzelung von Nachbarn. So verstünden viele den Aufruf Erdogans, dass nun jeder Bürger seine Pflicht zu erfüllen habe. 

Die Menschen würden in diesem Spannungsfeld ein bisschen verrückt, brauchten ein Ventil für diese Anspannung, glaubt Erdal, "sie verlieren ihre Tassen, sagt man so." Auf der vielbefahrenen Brücke über den Bosporus, so Erdal, hat sich eine lebensgefährliche Marotte entwickelt: Menschen halten mitten auf der Straße für ein Selfie. Erst kürzlich ist bei diesem lebensgefährlichen Sport ein Poser von einem LKW erfasst und getötet worden. Wo sich der Staat nicht mehr an Gesetze hält, scheinen auch Verkehrsregeln nicht mehr zu gelten.



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2 Kommentare verfügbar

  • andromeda
    am 30.12.2016
    Weitere Empfehlung : Ungangssprachlich Krieg

    Schönes Buch zu Afghanistan mit verschiedenen Autoren :
    Die USA haben dort schon ein halbes Jahr vor dem Einmarsch Rußlands aus Waisenkindern Taleban ausgebildet.

    Ähnlich schöne Zitate amerikanischer und deutscher Politiker zu Sinn und Zweck des westlichen Engagements .
    Die Frauenrechte waren es nicht .

    Im Hintergrung laufen ununterbrochen Hegemonial und Rohstoffkriege .Syrien und die Türkei , ebenso wie die Ukraine
    und noch immer Afghanistan sind die aktuellen Dominosteine .
  • era
    am 30.12.2016
    Die Türkei ist ein Mauerstein in der NATO Grenzarchitektur seit 1945. Zusammen mit den damaligen Diktaturen in Portugal, Spanien, Griechenland. Und den antikommunistischen Anschlägen in Italien.

    Zwischen 1950 und 1979 wurden 19193 Türken von den Amerikanern in verdeckter Kriegsführung ausgebildet. Ausbildungsinhalte: Sabotage, Attentate, Vorgehen gegen politische Gegner, Unterwandern von linken Gruppen, Vorbereitungen von Staatsstreichen.
    Kommentar von Jimmy Carter nach dem 3.Staatstreich 1980:
    "Nach der Intervention in Afghanistan und dem Sturz de iranischen Monarchie war die Stabilisierung (!) der Türkei eine Erleichterung für uns."

    1977 versammelten sich 500 000 Menschen am 1. Mai auf dem Taksim Platz. Am Abend wurden sie von Scharfschützen von den Dächern der umliegenden Gebäuden unter Feuer genommen. Die Polizei schritt nicht ein. 38 Tote, hunderte Verletzte.
    Kommt einem bekannt vor!?
    Aufzeichnungen über diese Vorgänge verschwanden.

    Allein 1978 sind 3319 faschistische Übergriffe mit 831 Todesopfern verzeichnet. 3121 Verletzte.
    Für die 70er Jahre geht man von über 5000 Toten aus.

    1980 gab es etwa 200 000 Mitglieder der Grauen Wölfe (Ausbildung siehe oben) und etwa 1 Mio Sympahtisanten.

    Drei Staatsstreiche durch faschistisch, rechtsterroristische, pantürkische Guerilla/Geheimdienste/Graue Wölfe.

    Exekutionen (Fesseln, Schüsse in den Kopf), Folterungen durch diese Gruppen und Dienste werden routinemäßg durchgeführt.

    1981 wurde die der politische Arm dieser Kreise, die rechtsextreme MHP verboten, viele Mitglieder verhaftet. Aber nur, um sie für den Kampf gegen die (linke) PKK einzusetzen. Dieser Kampf kostete auf beiden Seiten etwa 25 000 Todesopfer. Millionen von Kurden mußten umsiedeln. Ankara wurde für diesen Kampf von den USA mit Handfeuerwaffen, Hubschraubern und Jagdflugzeugen unterstützt. Parallel bezeichnete Bill Clinten die Türkei "wegen ihrer kulturellen Vielfalt als ein leichtendes Beispiel für die Völker".

    etcetc.

    Heute, 2016?
    Alles gut? Verläßliche Partner? Nur kleine "Unregelmäßigkeiten"? Die Türkei als EU Beitittskandidat? Wieviel Augen muß man haben, die man zudrücken muß?

    Alle Quellen sind in Ganser, NATO Geheimarmeen in Europa 2008 angegeben

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