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Provinzposse wegen Regionalkrimi

Nichts für die Tourist-Info

Provinzposse wegen Regionalkrimi: Nichts für die Tourist-Info
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 Fotos: Julian Rettig 

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Die Stadt Horb hat ihren ersten Regionalkrimi. Was andere Kommunen freuen würde, stößt im Gemeinderat auf Unbehagen. Und so hat die Verwaltung verboten, das Buch von Stefan Dreher in der städtischen Tourist-Info zu verkaufen. Darin geht es um Mafia, Geldwäsche und Kommunalpolitik.

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Stefan Dreher kann sich freuen. Der 71-Jährige hat sein erstes Buch geschrieben: "Disneyland am Neckar" heißt es, Untertitel: "Ein Horb-Krimi". Die lokale Presse lobt es, wer sich für politische Krimis und Kommunalpolitik interessiert, ist hier gut aufgehoben. Und die literarische Qualität stimmt auch.

Was nicht selbstverständlich ist. Regionalkrimis gibt es wie Sand am Meer, aufgeschrieben und verfilmt. Gute sind eher selten. Ermittelt wird am Bodensee, in Flensburg, der Eifel, in Münster, im Allgäu, den Alpen, im Taunus, im Erzgebirge, auf der Schwäbischen Alb. Und die Regionen, in denen das kleine oder große Verbrechen sich fiktiv austobt, freuen sich in der Regel darüber. Es gibt Krimiführungen, Krimirätseltouren, Krimidinners – kurz: Regionalkrimis sind auch ein Marketinginstrument.

Anders in Horb. Bislang war die 25.000-Einwohner:innenstadt im Nordschwarzwald noch kein Hort des literarischen Verbrechens. In "Disneyland am Neckar" spinnt Stefan Dreher nun ein Szenario, in dem eine Mafiafamilie aus Norditalien ein System entwickelt hat, ihr Geld zu waschen, dabei vordergründig legal weiteren Reichtum anhäuft – und sich so nahezu eine gesamte Stadt aneignet. Weil Deutschland bekanntlich ein Paradies für Geldwäsche ist, ist das idyllische Horb am Neckar der ideale Ort für die Familie Vitale. Systematisch wertet sie aus, welche Kommune finanzielle Schwierigkeiten hat, auf welche in absehbarer Zeit noch größere Geldprobleme zukommen und welches Potenzial die Stadt aufweist. Die Recherche führt nach Horb: Schulden, Klinikdefizit, Leerstand in der Oberstadt, mittelalterliche Bauten, schöne Umgebung. Und dass der Ort nach Fertigstellung der Horber Hochbrücke nicht mehr durch so viel Schwerlastverkehr belastet sein wird, birgt lohnende Entwicklungsmöglichkeiten.

Dreher baut das Buch in kurzen Kapiteln auf, die das Geschehen aus Sicht der verschiedenen Akteure beschreiben. Da teilt das Oberhaupt der Vitales seinen erwachsenen Kindern genaue Aufgaben zu: wirtschaftliche Analyse, Lokalpolitiker:innen nahekommen, Stimmung in Horb austesten.

Der Kämmerer will gestalten

Parallel schauen in Horb Menschen Spiele des VfB Stuttgart (Dreher ist Fan), im Mittelpunkt steht die Kneipenclique mit dem älteren Karl und seiner Frau Sissi, dem aus Thüringen zugezogenen Ex-Kommissar Bodo und dem Wirt Egit. Die Gäste jubeln und trauern mit ihrem Verein in Haags Bistro, einer Horber Kneipe, die es tatsächlich gibt. Oft verschränkt der Autor hier Spielzüge mit den kriminellen, wirtschaftlichen und politischen Ereignissen in Horb. Und in die Debatten am Kneipentisch drängen immer wieder Aspekte wie Fremdenfeindlichkeit, schlechte Gesundheitsversorgung und auch Medienkonzentration.

Haags Bistro liegt auch in Wirklichkeit direkt gegenüber vom Bahnhof, Chef hier ist Hidir Özer, laut Dreher "der beste Wirt von Horb". Der Kurde ist seit fast 50 Jahren in Deutschland und ein wenig stolz darauf, dass er im Krimi als verdeckter Barkeeper-Ermittler in die Schweiz geht, wo die Familie Vitale mit dem Ort St. Anton bereits einen Geldwäsche-Prototypen aufgebaut hat. "Stefan hat mir das Buch vor der Veröffentlichung gegeben", erzählt Özer. "Ich war überrascht und fand es gut. Vor allem, weil es so politisch ist. Ich bin auch ein politischer Mensch."

Als im Roman-Horb die ersten Gerüchte über das italienische Engagement die Runde machen, nimmt die Vierer-Kneipenclique ihre Nachforschungen auf, spricht mit Finanzexperten, dem örtlichen SPD-Chef, diskutiert, was es bedeuten würde, wenn die Stadt über komplizierte Firmengeflechte dem italienischen Clan zufallen würde. Und der Kämmerer Rolf Maurer? Der hat zwar auch kein gutes Gefühl bei dem italienischen Angebot, das ihm gemacht wird, aber er will nicht nur Mangel verwalten, sondern gestalten.

Das ist nicht typisch für Horb

"Das ist natürlich alles komplett erfunden", sagt Dreher über die Machenschaften der Mafia. Nicht erfunden sind dagegen die konkreten Probleme der Stadt: das Haushaltsloch, der Ladenleerstand, die steigende Kreisumlage – auch wegen der defizitären Kreisklinik –, der Kampf gegen steigende Kita-Gebühren, die etwas verloren wirkende SPD, die es mit ihren vier Gemeinderät:innen nicht leicht hat im bürgerlich-konservativ dominierten Gemeinderat.

All das sind nicht nur Horber Probleme. Dreher war sein Leben lang politisch aktiv in der Gewerkschaft, bei der Linken und nun in der SPD in Horb. Er kennt die große und die kleine Politik und weiß: Konkret wird es vor Ort. In der Kommunalpolitik müssen die gewählten Gemeinderät:innen irgendwann entscheiden, wofür oder wogegen sie stehen. Das ist oft kompliziert und manchmal geht gar nichts mehr. Wenn dann jemand auftaucht, der die perfekte Idee zu haben scheint und investieren will – wer würde da nicht zugreifen wollen?

Wahrscheinlich erkennen manche Horber:innen in dem Krimi manche realen Personen, die hinter den Figuren stehen. Der SPD-Vorsitzende kommt ebenso vor wie der Taxifahrer Feilenschmidt, der im Taxi viel erfährt. Zu rätseln, wer hier wer ist – so etwas freut Horber Leser:innen. Für alle Nicht-Horber:innen ist das egal. Wer kennt schon den echten Horber Kämmerer, Oberbürgermeister oder bestimmte Stadträte? Die Figuren stehen zugleich für Typen, die es in jedem Ort gibt: ehrgeizige oder ignorante Lokalpolitiker, Investoren, die viel versprechen, Kulturhippies, Alt-Linke, die Wert auf ihre tägliche Lokalzeitung legen.

Dreher hat schon viel im Leben ausprobiert, ein Dutzend ganz unterschiedliche Berufswelten hat er kennengelernt – vom Sozialhelfer bis zum Taxifahrer, Systemingenieur, Gewerkschaftssekretär. Nun versucht er sich also als Krimiautor. Anfangs, so erzählt er beim Spaziergang durchs mittelalterlich geprägte Horb, habe er einfach aus Spaß geschrieben. Meistens im Garten, der als Treffpunkt der vier Aufrechten auch im Roman eine Rolle spielt. "Rechts lag die Zeitung, links der Kicker, in der Mitte stand mein Laptop." Als er fertig war, ließ er den Kriminalroman in Ringfassung binden und verteilte ihn an Bekannte, darunter Andres Hackenberg, seines Zeichens Antiquar und Verleger in Horb.

Verleger und Lokalpresse sind angetan

Ihm gefiel das Buch auf Anhieb, erzählt Hackenberg beim Besuch in seinem kleinen Laden in der Altstadt. "Die Stärke von Stefan ist, wie er die Personen psychologisch charakterisiert und wie er sie aufbaut. Und die Handlung ist spannend." Er lese viele Lokalkrimis. "Dieser gehört zu den Besseren." 

Also ging Dreher nochmal über den Text, fragte am Ende die KI, ob der Roman logische Fehler habe. "Die hat tatsächlich vier gefunden", sagt er und versichert schnell: "Aber geschrieben habe ich ihn selbst." Der Text wurde gesetzt und erschien schließlich in diesem Juli als richtiges Buch.

Die Lokalpresse griff den Krimi auf und lobte ihn. So weit, so gut. Wäre da nicht diese Provinzposse mit dem Gemeinderat und dem Verkaufsverbot in der städtischen Tourist-Info. Für Verleger Hackenberg ein Skandal: "Das hat mein innerstes Selbstverständnis als Verleger getroffen. Dass ein politisches Gremium über Literatur abstimmt! Okay, das kennt man von Kulturstaatssekretär Weimer (Kontext berichtete) – aber so etwas hier in Horb! Ich habe lange in Ludwigsburg gearbeitet, dort wäre so etwas nie vorgekommen." Der 67-Jährige, der 50 Jahre in verschiedenen Verlagen tätig war, redet sich in Rage. Mittlerweile sammelt er Unterschriften gegen das Verkaufsverbot. Die Reaktionen seien positiv: "Die Leute fragen sich, ob die im Rathaus nichts Besseres zu tun haben."

Für den Verleger geht es auch um eine wirtschaftliche Frage: Der Horber Markt sei mehr oder weniger gesättigt, das Buch wäre nun für Touristen interessant. "Und da ist die Tourist-Info die erste Anlaufstelle." So kenne er das aus anderen Städten.

Können Romanfiguren beleidigt sein?

In Horb wird über so etwas nichtöffentlich im Gemeinderat verhandelt. Aber warum eigentlich? In der baden-württembergischen Gemeindeordnung heißt es, das sei nur erlaubt, "wenn es das öffentliche Wohl oder berechtigte Interessen Einzelner erfordern". Wie das bei einer Debatte über einen Roman der Fall sein könne, hat Kontext beim Horber Oberbürgermeister Michael Keßler (CDU) angefragt. Antwort der Pressestelle: "Da verschiedene Gemeinderäte im Roman mehr oder weniger erkennbar vorkommen, hat die Verwaltung in diesem speziellen Fall in der Sitzung des Gemeinderats vom 24.3.2026 nichtöffentlich den Gemeinderat informiert und ein Stimmungsbild im Gremium erfragt. Ein förmlicher Beschluss wurde jedoch nicht gefasst. Aufgrund dieses Stimmungsbildes hat die Verwaltung in eigener Zuständigkeit entschieden, vom Verkauf des Romans im Stadtmarketing abzusehen."

Das Verkaufsverbot kommt also offensichtlich direkt vom Oberbürgermeister. Für Verleger Hackenberg weiter unverständlich: "In dem Krimi wird niemand verhöhnt oder beleidigt, die meisten kommen sehr gut weg." In seinem Antiquariat sammelt er mittlerweile Unterschriften gegen das städtische Verkaufsverbot, bis zum Horber Büchermarkt am 26. September will er mindestens 100 zusammen zusammen haben und dann das Gespräch mit dem Oberbürgermeister suchen.

Stefan Dreher sitzt derweil an seinem zweiten Horb-Krimi, der im nächsten Frühjahr erscheinen soll. Worum geht's? Dreher grinst und sagt: "Im Neckarkanal wird die Leiche eines Lokaljournalisten gefunden, die Spur führt in die Immobilienbranche." Arbeitstitel: "Häuserkampf am Neckar". Mal sehen, wer sich darin wiedererkennen wird.


Am Sonntag, 18. September liest Stefan Dreher aus "Disneyland am Neckar" im Antiquariat Hackenberg, Neckarstraße 40 in Horb am Neckar, Beginn ist um 19.30 Uhr. Wer den Krimi nicht in der Buchhandlung bekommt, schreibt an mail--nospam@stefandreher.de.

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