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Fotoausstellung "Tschernobyl" in Ulm

Leben in der Sperrzone

Fotoausstellung "Tschernobyl" in Ulm: Leben in der Sperrzone
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Vierzig Jahre nach der Explosion des Reaktorblocks 4 im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl begibt sich eine Ausstellung im Stadthaus Ulm auf die Spuren der Katastrophe. Die Gefahren sind noch längst nicht alle gebannt.

Die amerikanisch-israelischen Angriffe auf die iranische Atomanlage Natanz und der Gegenschlag auf das Kernforschungsgelände bei Dimona im Süden Israels führen, auch wenn beide ohne gravierende Folgen blieben, die Brisanz des Themas erneut vor Augen: Wie sicher sind nukleare Anlagen? Auch Russland spielt in der Ukraine mit dem Feuer. Vier Kernkraftwerke versorgen das Land mit Strom. Das von Saporischschja hat Russland 2022 besetzt. Das berüchtigste, Tschernobyl, ist seit 2000 abgeschaltet.

40 Jahre ist es her, dass passierte, was angeblich gar nicht passieren konnte: Am 26. April 1986 ereignete sich im Block 4 des ukrainischen, damals sowjetischen Atomkraftwerks der Super-GAU, schlimmer als der größte anzunehmende Unfall. Wer Anfang der 1980er-Jahre geboren ist, wird sich vielleicht noch erinnern, dass er oder sie plötzlich nicht mehr im Sandkasten spielen durfte. Die Regierungsmaßnahmen sollten wohl eher der Beruhigung dienen. Denn die Strahlung lässt nicht so schnell nach. Doch wie sieht es vor Ort, in Tschernobyl aus? Eine Ausstellung im Stadthaus Ulm nimmt das Gebiet um den havarierten Reaktor in den Blick.

Plattenbauten, umgeben von Bäumen, offenbar unbewohnt: Volker Kreidlers großformatige Schwarzweifotos zeigen eine seltsame, hybride Szenerie. Geisterhaft stehen die Hochhäuser im Wald, wie eine versunkene Welt. In vierzig Jahren sind Bäume gewachsen, bis dicht an die Wände heran. Fenster stehen offen, Scheiben sind zu Bruch gegangen. Im Inneren ist der Putz von der Decke gefallen. Ein paar Flaschen stehen noch auf dem Fenstersims herum, so als hätten ein paar Gäste soeben erst den Raum verlassen.

"Dritte Landschaft" nennt der Fotograf seine Serie aus der Sperrzone um Tschernobyl. Die Vegetation setzt sich durch, die Natur erobert die menschengemachte Umgebung zurück. Das könnte auch als Motto über einem Teil der Ausstellung stehen, die Kreidler kuratiert hat. Doch der Mensch bleibt, auch wenn er die Sperrzone eigentlich nicht mehr betreten darf, auf zweifache Weise präsent: Da sind die Spuren menschlichen Lebens aus der Zeit vor dem 26. April 1986. Und auch danach sind dort immer noch lebende Menschen zu sehen.

Vergnügungspark bleibt geschlossen

Maxim Dondyuk hat nicht selbst fotografiert. Er hat in den verlassenen Häusern der Sperrzone Negative von rund 500 Familienfotos geborgen. Sie sind mehr oder weniger stark beschädigt: nicht durch die Radioaktivität, sondern durch Feuchtigkeit, Wettereinwirkungen, den Zahn der Zeit. Auf einigen großformatigen Abzügen ist nur noch die Silhouette einer Person erkennbar. Andere wirken wie aus einer fremden, historischen Zeit: nicht nur, weil die Schäden an der Oberfläche auf einen Alterungsprozess hindeuten, sondern auch, weil es sich um Szenen aus der Sowjetunion handelt, einer längst vergangenen Epoche. Fröhlich blicken die Menschen in die Kamera. Doch wir wissen: Die Katastrophe hat sie aus ihrem Alltag gerissen und wahrscheinlich ihr Leben zerstört.

Kreidler hat selbst auch Hinterlassenschaften aus der Sperrzone mitgenommen: keine Fotos, sondern ein Herbarium. Blätter von Platanen, Eukalyptus, Buchsbaum, Lorbeer, Rhododendron und anderen Bäumen und Sträuchern, ordentlich gerahmt und beschriftet: Lehrmaterial, gefunden in einer Schule, doch unwillkürlich stellt sich die Frage: Was mag aus den Kindern geworden sein? Heute sind oder wären sie um die 50 Jahre alt. 

Victoria Ivleva hat fünf Jahre nach dem Unglück als erste Frau im Inneren des zerstörten Reaktors fotografiert. Ihre Bilder gingen um die Welt – und sind nun auch in Ulm zu sehen. Neben diesen Aufnahmen hängen vier weitere Fotos von ihr aus derselben Zeit, die etwas Gespenstisches haben. Vor dem im Nebel verschwimmenden Reaktor steht eine mutierte Kiefer. Ein Wissenschaftler hat für das Foto seine Atemschutzmaske abgenommen. Frauen in Unterwäsche stehen in einer Art Umkleidekabinen. Es sind Liquidatorinnen, die im Atomkraftwerk aufräumen und dafür ihre Kleidung gegen Schutzanzüge austauschen. In Hintergrund eine Sees mit radioaktiv verseuchtem Wasser ist klein ein Riesenrad zu sehen. Fünf Tage nach der Katastrophe hätte ein Vergnügungspark eröffnen sollen.

Katastrophentourismus mit Tschernobyl-Tour

Schmetterlinge auf blühenden Kornblumen, Vögel, züngelnde Schlangen, seltene Wildpferde, die Äpfel fressen, die ein Mann vom Baum geschüttelt hat: Anna Jermolaevas einstündiger Film "Chernobyl Safari" zeigt ein lebendiges Biotop, ein Naturparadies könnte man sagen, wenn man nicht ab und zu an die frühere Anwesenheit des Menschen erinnert würde. Die russische Künstlerin, die heute in Linz lehrt, hat auch Kameras an Futterständen für Rehe angebracht. Nichts deutet darauf hin, dass die Tiere Schaden genommen hätten. Es sieht aus, als ginge es ihnen, Radioaktivität hin oder her, besser ohne Menschen.

Doch auch das menschliche Leben ist nicht gänzlich aus der Sperrzone gewichen. Dies zeigen auf schöne und anrührende Weise die Aufnahmen des italienischen Fotografen Pierpaolo Mittica, der ab 2014 mehrfach nach Tschernobyl gereist ist. Mehrere alte Frauen sind dageblieben, sie haben ihre Häuser nicht aufgegeben. Tschernobyl war auch ein Zentrum des chassidischen Judentums. Schwarz gekleidete, bärtige Männer mit Hut beten in der verlassenen Synagoge und pilgern zum Grab von Rabbi Menachem Nachum Twersky, einem der Begründer der Glaubensrichtung aus dem 18. Jahrhundert.

Während mitten in der Stadt Pripyat ein Fuchs in die Kamera blickt und im Theater noch die Inschrift CCCP (SSSR, Sowjetunion) zu sehen ist, sandstrahlen Arbeiter Metalle, um sie, von den äußeren, kontaminierten Schichten befreit, profitabel zu verkaufen. Viele arbeiten ungeschützt, die Gesundheitsrisiken nehmen sie in Kauf. "Chernobyl Tour" steht an einem Kiosk: Es gibt einen regelrechten Katastrophentourismus. Weniger gut geht es vielen der hier noch lebenden Menschen. Eine 23-jährige Frau hält ihr sechsmonatiges Kind auf dem Arm, das an Hydrozephalus (Wasserkopf) leidet: eine häufige Folge der radioaktiven Strahlung. Eines der letzten Bilder Mitticas zeigt einen Kontrollposten am Rand der Sperrzone, die 2022 von, russischen Streitkräften besetzt wurde.

In den vierzig Jahren, seit der Reaktor explodiert ist, hat sich die Welt mehrfach von Grund auf verändert. Zuerst endete unerwartet schnell die Ära des real existierenden Sozialismus, gefolgt von der Unabhängigkeit des Landes. Die orange Revolution, die Maidan-Proteste, der Krieg mit Russland ab 2014 und die weitere Eskalation acht Jahre später: Man kann sagen, die Lage ist weiterhin alles andere als stabil. Wer fragt da noch nach dem Schicksal der Menschen, die aus der Sperrzone fliehen mussten oder dort noch leben? Wer könnte garantieren, dass die einmal beschlossenen Sicherheitsmaßnahmen immer noch greifen?

Gefahr kennzeichnen?

Der Schweizer Fotograf Marcel Rickli, der die ganze obere Etage des Stadthauses bespielt, stellt mit seinen Aufnahmen die Frage nach den Langzeitwirkungen der friedlichen Nutzung der Atomenergie. Er hat das weltweit erste Endlager für hochradioaktive Abfälle auf der finnischen Ostseeinsel Olkiluoto besucht und das Sperrgebiet um den havarierten Reaktor von Fukushima, wo die obersten fünf Zentimeter des Bodens stellenweise abgetragen wurden und in Plastiksäcken am Straßenrand lagern. Er zeigt Versuchsanlagen im Schweizer Jura, wo getestet wird, ob sich Granit oder Opalinuston für ein Endlager eignen.

Rickli konzentriert sich auf die Materialien, das was an den realen und potenziellen Endlagerstätten oder an der kontaminierten Zone um Fukushima zu sehen ist. Weder den Ton- und Gesteinsschichten, noch den Kunststoffsäcken ist jedoch die Gefahr anzusehen, die von ihnen ausgeht. In einer Reihe weiterer Aufnahmen beschäftigt er sich mit verschiedenen Vorschlägen, diese Orte so zu kennzeichnen, dass die Gefahr auch nach Hunderten von Jahren noch erkennbar bleibt: von Piktogrammen über bildliche Darstellungen bis hin zur Züchtung von Katzen, die auf die Strahlung reagieren, indem sie sich verfärben.

Etwas mehr als 35 Kilometer östlich von Ulm liegt Gundremmingen. Dort ereignete sich 1977 der bis heute größte Störfall in einem deutschen Kernkraftwerk. Der Fotograf Andreas Thaler fuhr hin, bevor die zwei neuen, um ein Vielfaches größeren Blöcke B und C in Betrieb gingen. Vor dem Hintergrund der im Nebel versunkenen Kühltürme nahm er ein steinernes Kreuz aus dem 18. Jahrhundert auf: ein sprechendes Symbol für die potenziell tödliche Wirkung der atomaren Energiegewinnung im katholischen Bayern.

Das Steinkreuz ging, wie er dreißig Jahre später erfuhr, bei einem Militärmanöver zu Bruch. Die Reaktoren sind heute abgeschaltet, der letzte soll Ende dieses Jahres von Brennelementen frei sein. Doch Gundremmingen bleibt weiterhin Deutschlands größtes Zwischenlager für die Castor-Behälter mit den abgebrannten Brennstäben. Wo sie einmal gelagert werden sollen und wie diese Lager über Jahrtausende hinweg gesichert werden sollen, bleibt vollkommen unklar. "Atomkraft", so zitiert der Journalist Michael Seefelder in einem kleinen Katalog zur Ausstellung den Historiker Frank Uekötter, "ist eine Wette auf einen sehr langen Zeitraum."


Die Fotoausstellung "Tschernobyl" im Stadthaus Ulm läuft bis 25. Mai 2026. Das Stadthaus ist montags bis samstags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von 11 Uhr bis 18 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei. Der 52-seitige Katalog kostet 5 Euro.

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