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Sondierungsgespräche Baden-Württemberg

Ausgesperrt

Sondierungsgespräche Baden-Württemberg: Ausgesperrt
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Maßgebliche Leute in der Landes-CDU, allen voran Parteichef Manuel Hagel, wollen in ihrer Verzweiflung über den Ausgang der Landtagswahl vorerst nur geheime Sondierungsgespräche mit den Grünen führen. Medien werden nach Gutsherrenart informiert. Früheres Spitzenpersonal war souveräner. Szenen einer Ehe in Bildern.

Leicht hatten Schwarze und Grüne es nie miteinander in den vergangenen zehn Jahren Koalition in Baden-Württemberg. Aber es soll ja für Verbindungen sprechen, wenn sie trotz allem immer wieder zusammenfinden, zum Wohle des drittgrößten Bundeslandes und nicht zuletzt auch der beiden Parteien. Womöglich hilft es, dass Sondierungen zur dritten Amtszeit von Grün-Schwarz auch diesmal, wie vor zehn Jahren, wieder in der segensreichen Nähe der Domkirche St. Eberhard stattfinden. Damals traf die Selbstbeschreibung des Orts zu: "Ein offenes Haus mitten in der Stadt, geprägt von Gastfreundschaft, Seelsorge, Information, Bildung und Kultur." 

Diesmal geht die Partei mit dem C im Namen nicht sehr fürsorglich um mit dem guten Ruf, den das "Haus der Katholischen Kirche" genießt weit über den Stuttgarter Talkessel hinaus. Gegenwärtig ist es für den Publikumsverkehr gesperrt, das traditionsreiche Café steht vor einem Neuaufgang, Pächter:innen dringend gesucht. Manuel Hagel und sein Team sind deshalb auf die seltsame Idee verfallen, den Prozess der Annäherung zweier im Umgang miteinander seit zehn Jahren geübter Parteien als eine Art geheime Kommandosache vorzuführen. Nur die baden-württembergische AfD hat Pressemenschen bisher ähnlich konsequent ausgesperrt. Handwerker:innen haben Zugang an diesem denkwürdigen Dienstagvormittag ebenso die Teilnehmerinnen am Englisch-Auffrischungskurs, die Journaille muss draußen bleiben.

Störgeräusche machen die Runde

Mit guter Miene zum bösen Spiel versuchen die Grünen den Karren ins Laufen zu bringen, damit das Unternehmen Regierungsbildung nicht gleich zu Beginn scheitert. Bis in den späten Vorabend stand keineswegs fest, dass es am Dienstagmorgen um zehn tatsächlich losgehen würde. Störgeräusche machen die Runde, etwa, dass sich CDU-Abgeordnete bei der planmäßig im Mai anstehenden Wahl von Cem Özdemir zum Ministerpräsidenten einer wenig vornehmen Zurückhaltung befleißigen könnten und den Wahlsieger krachend durchfallen lassen.

Hagels Parteifreund Thomas Strobl war da anno 2016 aus anderem Holz geschnitzt. Der hatte zwar auch gar keine Lust aufs Regieren mit den Ökos, wollte seine Partei aber nicht noch einmal für fünf Jahre auf Oppositionsbänken schmoren lassen. Er fügte sich, sorgte dafür, dass Winfried Kretschmann und Co. in ihre Ämter kamen und die sogenannte Komplementärkoalition mit Freiraum für beide Partner entstand.

Dergleichen zähneknirschend zu akzeptieren, fällt Hagel – ganz offenkundig und angesichts der tagelangen Hinhaltetaktik – ähnlich schwer wie eine korrekte Erklärung des Treibhauseffekts noch im Wahlkampf (siehe Video). Mit der Folge, dass ihn Experten inner- und außerhalb der Politik bis in seine Partei hinein nun nicht nur in Sachen Kampf gegen die Erderwärmung eher für ein Leichtgewicht halten.

Schon als Generalsekretär hätte Hagel bei den Sondierungen 2021 Erfahrung sammeln können im Verhindern oder Beseitigen von Konflikten, im Austarieren von Lösungen. Stattdessen muss er jetzt lernen, dass kein Staat zu machen sein wird mit der Idee, Özdemir in die Bredouille zu bringen angesichts von Aussagen aus seinem Wahlkampf, die belegen sollen, wie weit er sich von seiner Partei entfernt hat. Richtig tief und schmerzhaft soll er werden, der Keil zwischen den Grünen und ihrem Spitzenkandidaten, von der Migrationspolitik bis zur KI-gestützten Videoüberwachung.

Wirklich belastbar sind die angeblichen Widersprüche aber nicht. Die Zeit der Suche wäre mal besser investiert worden in eine konstruktive Vorbereitung der Gespräche: produktiv und professionell statt Fallstricke ziehen zu wollen mit der Gefahr, selber ins Stolpern zu geraten.

Ein grünes Buffet für die Presse

Im Maschinenraum der alten grün-schwarzen Koalition werkeln derweil miteinander vertraute Kombattanten, die wieder Partner sein wollen, an einer Sammlung von Gemeinsamkeiten. Ob sie die gläserne Decke zum Sondierungsteam durchstoßen können, war zum Auftakt genauso unklar wie die Frage, ob die CDU irgendwann zur Vernunft kommt und von ihrem Nachrichtenembargo ablässt.

Vorerst jedenfalls blieb es den Grünen vorbehalten, mit einer einzigen Geste den guten Ruf des Hauses der Katholischen Kirche in Sachen Gastfreundschaft zu retten: Direkt davor bauten sie in der Königstraße ein kleines Buffett auf für die wartenden Medienmenschen. Die schwarzen Verhandler:innen sollen nicht amused gewesen sein, die Stimmung insgesamt soll nicht dem sonnigen Frühlingstag entsprochen haben. Aber vielleicht wird alles doch noch gut, wenn die zahlreichen Sondierer:innen ganz ohne Erfahrung im CDU-Team ihre erste Lektion absolviert haben und die nächste Niveaustufe wartet. Vor zehn Jahren hat geholfen, einfach mal gemeinsam zu lachen – sogar oder gerade so unterschiedlichen Charakteren wie Thomas Strobl und der damaligen Grünen-Landeschefin Thekla Walker.

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