Jetzt hat er also geschafft, was er eigentlich gar nicht wollte: Der Grüne ist Baden-Württembergs längstdienender Regierungschef geworden. Zu verdanken hat er diese Ehre ausgerechnet Manuel Hagel, denn der CDU-Spitzenkandidat brach 2021 kaltschnäuzig eine bei den Koalitionsverhandlungen getroffene Vereinbarung, die einen geschmeidigen Ab- und Übergang sichern sollte. Wie in Wiesbaden und Mainz, in Hannover und Erfurt hatten die Regierungspartner auch in Stuttgart abgemacht, dass der jeweils kleinere den Personalvorschlag des jeweils größeren akzeptieren würde, falls der amtierende Regierungschef vorzeitig nicht mehr zur Verfügung stünde. Hagel wollte dazu nicht mehr stehen, Cem Özdemirs Grüne scheuten den großen Koalitionskrach, widerwillig machte Kretschmann weiter.
Als Ministerpräsident hat er inzwischen 15 Jahre auf dem Buckel, als Landtagsabgeordneter ab 1980 rund vier Jahrzehnte, mit zwei kurzen Unterbrechungen. Gerade erst, beim Aschermittwoch der Grünen in Biberach, spielte eine davon eine Rolle: Kretschmann war vorübergehend Grundsatzreferent im von Joschka Fischer geführten Bundesumweltministerium. Ein Denker traf auf ein eher machtorientiertes Alphatier mit bewegten Zeiten als Frankfurter Straßenkämpfer im Lebenslauf. Heute prägt Altersmilde die Perspektiven der beiden Männer aufeinander. "Lieber Joschka", sagte Kretschmann in Biberach, "du warst ein harter Chef, aber ich möchte das nicht missen, denn ohne die gesammelten Erfahrungen hätte ich das Land nicht so regieren können." Gut möglich, dass dieser Floretttreffer dem CDU-Mann Hagel signalisieren sollte, was der Amtsinhaber wirklich von ihm hält – und von der Idee, ohne jegliche Führungserfahrung in einem Ministerium erfolgreich eine Regierung durch komplizierte Zeiten zu navigieren.




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