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Ministerpräsident Winfried Kretschmann

Bald isch over

Ministerpräsident Winfried Kretschmann: Bald isch over
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So richtig leise ist dieses Servus zum Abschied nicht. Winfried Kretschmann trommelt für seinen Wunschnachfolger Cem Özdemir. Ein Stabwechsel von dem einen Grünen zum anderen wäre der letzte Höhepunkt einer bemerkenswerten Ära. Kontext blickt zurück in Bildern.

Jetzt hat er also geschafft, was er eigentlich gar nicht wollte: Der Grüne ist Baden-Württembergs längstdienender Regierungschef geworden. Zu verdanken hat er diese Ehre ausgerechnet Manuel Hagel, denn der CDU-Spitzenkandidat brach 2021 kaltschnäuzig eine bei den  Koalitionsverhandlungen getroffene Vereinbarung, die einen geschmeidigen Ab- und Übergang sichern sollte. Wie in Wiesbaden und Mainz, in Hannover und Erfurt hatten die Regierungspartner auch in Stuttgart abgemacht, dass der jeweils kleinere den Personalvorschlag des jeweils größeren akzeptieren würde, falls der amtierende Regierungschef vorzeitig nicht mehr zur Verfügung stünde. Hagel wollte dazu nicht mehr stehen, Cem Özdemirs Grüne scheuten den großen Koalitionskrach, widerwillig machte Kretschmann weiter. 

Als Ministerpräsident hat er inzwischen 15 Jahre auf dem Buckel, als Landtagsabgeordneter ab 1980 rund vier Jahrzehnte, mit zwei kurzen Unterbrechungen. Gerade erst, beim Aschermittwoch der Grünen in Biberach, spielte eine davon eine Rolle: Kretschmann war vorübergehend Grundsatzreferent im von Joschka Fischer geführten Bundesumweltministerium. Ein Denker traf auf ein eher machtorientiertes Alphatier mit bewegten Zeiten als Frankfurter Straßenkämpfer im Lebenslauf. Heute prägt Altersmilde die Perspektiven der beiden Männer aufeinander. "Lieber Joschka", sagte Kretschmann in Biberach, "du warst ein harter Chef, aber ich möchte das nicht missen, denn ohne die gesammelten Erfahrungen hätte ich das Land nicht so regieren können." Gut möglich, dass dieser Floretttreffer dem CDU-Mann Hagel signalisieren sollte, was der Amtsinhaber wirklich von ihm hält – und von der Idee, ohne jegliche Führungserfahrung in einem Ministerium erfolgreich eine Regierung durch komplizierte Zeiten zu navigieren.

Apropos Biberach: ein Ort von historischer Bedeutung, nicht nur weil die Grünen 1996 die Tradition des politischen Aschermittwochs für alle Parteien im Land überhaupt erst begründeten. Zwei Jahre zuvor hatte Kretschmann überlegt, ob er sich nicht in Richtung Bundestag und -politik umorientieren sollte. Der Plan wurde verworfen, Kretschmann machte – erfolgreich – Wahlkampf für einen Newcomer namens Cem Özdemir. Für die Jüngeren: Auf dem Plakat ist nicht etwa Widerstand gegen eine Obstsorte formuliert, sondern Birne war der Spitzname von CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl.

Vor allem als Fraktionschef ab 2002 frönte der Pädagoge aus Laiz bei Sigmaringen seiner Leidenschaft, der Landesgeschichte auch ohne Regierungsamt in die Speichen zu greifen in der Überzeugung, dass eine gute Opposition immer mitregiert. 2006 wäre er gern Stellvertreter von Günther Oettinger (CDU) in der ersten schwarz-grünen Koalition bundesweit geworden ("Ich habe mich in der zweiten Reihe immer wohlgefühlt"). Gewichtige Teile der Südwest-CDU, angeführt von Stefan Mappus, verhinderten die Aufnahme ernsthafter Verhandlungen. Später als MP wird ihm Oettinger ein wichtiger Gesprächspartner in Brüssel – unter anderem mit dessen dringenden Empfehlung, gerade als Regierungschef eines Wirtschaftsstandorts vom Kaliber Baden-Württembergs auf der europäischen Ebene präsent zu sein.

Immer auf dem Teppich bleiben

Seit eh und je sind Spitzenpolitiker:innen aller Parteien immer am eigenen Aufstieg interessiert, jene in der Südwest-CDU erst recht. Kretschmann hingegen ist in seiner langen Zeit im Landtag nicht darauf erpicht, immerzu Karriereansprüche an Partei, Wählerschaft und nicht zuletzt sich selber zu stellen. Ein Satz, der in diesen Tagen kaum aktueller sein könnten, prägte 2011 die Wochen vor der Zäsur der Landtagswahl: "Wir bleiben auf dem Teppich, auch wenn der Teppich fliegt." Er flog. Grüne und SPD gingen "fast eine Liebesheirat" ein, wie der Wahlsieger in der ersten Euphorie irrtümlich weissagte.

Schon die 100-Tage-Bilanz verkam zur Heuchelei zwischen Kretschmann und seinem roten Vize Nils Schmid, weil das Megathema Stuttgart 21 und die anstehende Volksabstimmung wie ein Damoklesschwert über der Zusammenarbeit hing. Bis heute ist der Ministerpräsident im Sandwich, weil er das Ergebnis akzeptiert hat – obwohl die S-21-Befürworter mit vielen Zahlen operiert hatten, die sich nicht erst in neuerer Zeit als falsch erwiesen. Am Frust der Gegner:innen änderte selbst Kretschmanns Geste im Namen der Landesregierung nichts, den beim Polizeieinsatz am 30. September 2010 schwer verletzten Dietrich Wagner fünf Jahre danach im Staatsministerium zu empfangen.

Da war der (soweit bekannt) einzige grüne Regierungschef des Planeten schon auf dem Weg zum Kultstatus mit seinem Spagat zwischen Pragmatismus und grünen Überzeugungen, mit den stabilen Kontakten zu Wirtschaftsführer:innen und den noch stabileren zu Bundeskanzlerin Angela Merkel. Mit seiner zweiten Legislaturperiode hätte er gern einen Schlussstrich gezogen, allerdings fand sich kein Nachfolger: weder der damalige Freiburger OB Dieter Salomon noch sein Tübinger Kollegen Boris Palmer. Also trat er 2021 nochmals an und fuhr die historischen gut 32 Prozent ein.

In nicht einmal zwei Monaten ist die Legislaturperiode endgültig zu Ende, Kretschmanns Zeit isch bald over. Oft grübelt er mittlerweile über die Gestaltung der neuen Freiräume auf dem Altenteil. An sehr unterschiedlichen und anspruchsvollen Neigungen ist kein Mangel – Oper, Heimwerken, Mundart, Binokel, Religion, Regietheater, die Welt von Hannah Arendt oder Flora, Fauna und Fußball, konkret der VfB. Ferner könnte er mit seinem Bariton den Laizer Kirchenchor nach der langen Pause als Sänger wieder unterstützen.

Davor allerdings will der 77-Jährige seine Hinterlassenschaft geordnet wissen: Manuel Hagel möchte das Erbe bekanntlich antreten und sieht es bei sich selbst in besten Händen, der Pensionär allerdings hat im politischen Testament einen anderen bedacht: Cem Özdemir. Weil, so der hochbetagte Spruch: Die Grünen seien halt das Original, wenn es um die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie geht und darum, mit grünen Ideen schwarze Zahlen zu schreiben.

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