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Villa Berg in Stuttgart

Was lange währt

Villa Berg in Stuttgart: Was lange währt
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Sechs Jahre ist es her, seit die Stadt Stuttgart die Villa Berg zurückgekauft und die Bürgerschaft Leitlinien für ihre Nutzung erarbeitet hat. Nun kommt endlich Bewegung in die Sache. Ein Gang durch das Haus mit Amos Heuss, dem Leiter des Planungsstabs.

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Gras wächst aus den Ritzen der Sandsteintreppen. Seit vielen Jahren ist die Villa Berg, das 1846 von Kronprinz Karl und Zarentochter Olga erbaute Schmuckstück im gleichnamigen Park, von einem Bauzaun umgeben. Selbst die Infotafeln, die zeigen, was aus Villa und Park einmal werden soll, sehen ein wenig angegammelt aus. Doch nun signalisiert eine bunte Bemalung der Fenster – genauer gesagt der Spanplatten, die vor die Fenster genagelt sind –, dass es weitergeht.

Eine Jury aus Bürger:innen und Kunstverständigen hat sich für die Arbeit der Wiener Künstlerin Andrea Lüth entschieden. Der Planungsstab Villa Berg und der Fachbereich Kunst im öffentlichen Raum, beide im Kulturamt, haben die Kunst auf den Weg gebracht. Amos Heuss, der den Anfang 2021 eingerichteten Planungsstab leitet, führt durch das Gebäude und gibt dabei Auskunft zum Stand der Dinge.

Kalt und stockfinster ist es – bei Außentemperaturen um die 25 Grad – im von Osten her ebenerdig zugänglichen Sockelgeschoss, wo sich in der Nachkriegszeit die Garderobe befand, als die Villa noch dem Süddeutschen Rundfunk (später SWR) gehörte. Siebzehn Jahre steht das Gebäude nun leer, eines der wichtigsten Baudenkmale Stuttgarts. Ein Jahrzehnt lang überließ die Stadt privaten Investoren das Feld. Ein Kuhhandel: Gegen das Zugeständnis, teure Wohnungen im Park bauen zu dürfen, sollte der Investor die Renovierung der Villa übernehmen.

Der Bau ist ein Labyrinth

Aber privat kann eben doch nicht alles besser. Der erste Investor ging pleite, dem zweiten musste zum Ausgleich ein Betriebsgelände des Garten- und Friedhofsamts abgetreten werden, das inzwischen mit Luxuswohnungen bebaut und dreimal weiterverkauft ist. Der grüne Fritz Kuhn, damals Oberbürgermeister von Stuttgart, mag nicht alles richtig gemacht haben, doch in Sachen Villa Berg zog er die richtigen Schlüsse. Er regte schon 2013 den Wiedererwerb durch die Stadt an, hörte auf die Vorschläge der Initiative Occupy Villa Berg und sorgte so dafür, dass die Stadt 2016 ein neues Kapitel aufschlug.

Das Sockel- oder Gartengeschoss war in den Leitlinien, die eine Projektgruppe interessierter Bürger:innen 2016 ausgearbeitet hat, für Jugendkultur vorgesehen. Ob es dabei bleibt, sei noch nicht sicher, sagt Heuss. Es muss sich zeigen, ob die Räume für diejenigen, die in diesem Bereich tätig sind, passen. Ein früherer Probenraum etwa, ein paar Stufen tiefer, hätte zwar die geeignete Größe, doch bei Veranstaltungen würden massive Säulen die Sicht einschränken.

Der Bau ist ein Labyrinth. Und Heuss ist sich auf dem Rundgang oft selbst nicht ganz sicher, wo die Besichtigungsgruppe sich befindet. Auf den ersten Blick scheint die Villa seit dem Wiederaufbau fast nur aus dem großen Sendesaal zu bestehen, den der Architekt Egon Eiermann in das ausgebombte, ausgebeinte Gebäude eingebaut hat. Doch auf allen Seiten gibt es Nebenräume: Treppen, Gänge, das Foyer, Büros, eine Regieloge mit Blick in den Saal, die Orgelempore.

Viele Planbüros beteiligt

Was ist in den sechs Jahren passiert, seit die Projektgruppe die Leitlinien ausgearbeitet hat? Warum ist, von den Fenstern abgesehen, immer noch nichts zu sehen? Das Nürnberger Büro 2-bs hat eine Machbarkeitsstudie erstellt. Dann dauerte es zwei Jahre, bis sich der Gemeinderat für die umfangreichste von drei Varianten entschied: mit unauffälligen Neubauten zwischen der Villa und dem Rundfunkgebäude von Rolf Gutbrod, damit alles, was vorgesehen ist, Platz findet.

Zugleich hat das Garten- und Friedhofsamt mit dem herausragenden Landschaftsarchitektur-Büro Planstatt Senner aus Überlingen ein Parkpflegewerk erarbeitet. Und die Stadt hat einige wichtige Entscheidungen getroffen. Während in den Leitlinien noch offen geblieben war, wer den Konzert- und Veranstaltungsbetrieb in der Villa in die Hand nehmen soll – eine Stiftung etwa oder ein Verein –, führt das Kulturamt nun selbst Regie. So kommt auch Heuss zu seinem Job, der vorher das Jugendzentrum Komma in Esslingen geleitet hat.

Klar ist auch schon, dass das Atelier Brückner die Villa instandsetzen soll. Ende September hat Michel Casertano in der Projektgruppe, die innerhalb der Initiative Stöckach 29 weiter besteht, bereits erste Ideen vorgestellt. Doch bevor das Büro richtig loslegen kann, muss zuerst die Nutzungskonzeption beschossen sein. Darüber befindet am 17. November der Gemeinderat.

Ausgearbeitet hat das Konzept die Unternehmensberatung Metrum aus München, die auch die Konzeption für das Haus für Film und Medien entwickelt und in München unter anderem das viel gerühmte Kulturzentrum Gasteig beraten hat. Büros wie Metrum und Planstatt Senner müssen hier deshalb hervorgehoben werden, weil ihre Beauftragung zeigt, dass sich die Stadt bemüht, für jeden Bereich die besten zu finden. Zugleich bleibt es beim partizipativen Verfahren: Die Projektgruppe bleibt in alle Entscheidungen eingebunden. Zu den Treffen kann jede:r kommen.

Ein atemberaubender Ausblick

Von der Regieloge geht es wieder eine Treppe hinab, um von hinten in den großen Sendesaal zu gelangen. Alles im Dunkeln, mit Taschenlampe, denn es gibt keinen Strom. Dabei verschiebt sich die Aufmerksamkeit aufs Gehör – und damit auf die hervorragende Akustik des Saals. Es empfiehlt sich allerdings, die Füße zu heben: Nach hinten hin steigt der Boden an, und an einer Stelle wölbt sich das Parkett.

Ins Foyer fällt wieder etwas Tageslicht. Von hier aus führt der Weg nach Westen, in Richtung Innenstadt, in die halbrunde Apsis, die einmal zum Ballsaal des Kronprinzenpaars, dem Herzstück der Villa gehörte und in den 1920er-Jahren, als die Stadt schon einmal das Gebäude erworben hatte, als Café diente. Dies ist auch der Wunsch der Bürger:innen, dass dort wieder ein Café hin soll – und im Fall der Villa Berg ist die Bürger:in der Souverän.

Aber was ist mit der Orgel passiert? Sie war im Saal nicht zu sehen, da sie hinter einer Schiebewand verborgen war. Vor sechs Jahren waren Unbekannte in das Gebäude eingedrungen, hatten sinnlos um sich geschlagen und dabei auch die bedeutende Walcker-Orgel beschädigt, auf der der Komponist Olivier Messiaen in der Nachkriegszeit sein "Livre d’orgue" uraufgeführt hat. Ein Blick in die obere Etage zeigt: Ja, einige Pfeifen sind arg zerbeult, aber das Meiste ist noch an Ort und Stelle. Die Orgel muss ohnehin restauriert werden, von dem Unternehmen, das sie einst gebaut hat.

Über dem Foyer befinden sich Büroräume. Einbaumöbel mit schönem Furnier, ein Waschbecken in einer Nische. Heuss gefällt das gut, er kann allerdings nicht sagen, ob auch die Einrichtung der 1950er-Jahre unter Denkmalschutz steht. Im Zweifelsfall werde gegen andere Gesichtspunkte wie Brandschutz und heutige Anforderungen abgewogen werden müssen, meint er. Aus dem Fenster fällt der Blick auf die farbig gekachelte Brunnenanlage der Nachkriegszeit, die wieder instandgesetzt werden soll.

Weitere Büroräume in der obersten Etage befinden sich in einem desolaten Zustand, zurückzuführen auf einen Wassereinbruch, der schon länger zurückliegt. Dann folgt der abenteuerliche Teil der Tour. Im Bereich über der abgehängten Decke des großen Sendesaals ist der Weg beschwerlich. Balken versperren den Weg, Eisenbänder, die schräg von der Decke herabhängen, zwingen, sich tief zu bücken. Am Ende stellt Heuss fest, dass sich der Ausstieg aufs Dach doch an einer anderen Stelle befand. Also zurück auf Los, allen Hindernissen zum Trotz.

Dann aber bietet sich vom Dach der Villa bei strahlendem Herbstwetter ein unvergleichlicher Blick: das Neckartal hinauf, hinüber zur Grabkapelle auf dem Württemberg; zum Rosensteinpark – das Schloss bleibt hinter Bäumen verborgen; zur Stadtmitte. Man begreift, warum Karl und Olga sich genau diesen Ort für ihr Domizil ausgesucht haben.

Bunter Veranstaltungsmix geplant

Drei Wochen später, am vergangenen Montag, ist der "lang ersehnte Moment" gekommen, wie Heuss unter eifrigem Kopfnicken in der ersten Reihe bemerkt: Endlich kann er – in Form einer fiktiven Website – das Nutzungs- und Betriebskonzept in der Projektgruppe vorstellen. Benötigt wird es aus zwei Gründen: Um die Vorstellungen der Bürger und der Stadt mit den Erfahrungen in ähnlichen Einrichtungen anderswo abzugleichen und um alle weiteren, detaillierteren Planungen, der Nutzung wie der Architektur, durch einen Gemeinderatsbeschluss auf eine sichere Grundlage zu stellen.

Das Konzept sieht unter anderen einen ausgewogenen Mix aus kommerziellen Fremdveranstaltungen – die durch Mieteinnahmen zur Finanzierung beitragen –, eigenen Veranstaltungen des Kulturamts und vor allem Kooperationen mit der Stuttgarter Kulturszene vor. Ungefähr zwanzig Personalstellen für Programmgestaltung, Veranstaltungsmanagement und Verwaltung hält die Agentur Metrum für notwendig.

Jupiter und Antiope

Älter als die Villa selbst ist die 1828 entstandene Skulptur "Jupiter und Antiope" des italienischen Bildhauers Francesco Pozzi, die sich bis 2010 in der Grotte der halbrunden Westapsis befand. Bevor der SWR aus dem Gebäude auszog, hat er sie für 66.500 Euro versteigert. Nun hat sie die Stadt aus einem Londoner Auktionshaus für ein Mehrfaches zurückerworben. Sie befindet sich derzeit im Innenhof des Alten Schlosses.  (dh)

Der Frontalunterricht provoziert auch Widerspruch. Sie wolle nicht betreut werden, sondern selbst Zugang haben, meint eine Bürgerin. Das Konzept setze genau das um, was die Bürger in zehn Jahren erkämpft hätten, finden andere. Die Mehrzahl der Anwesenden nimmt an dem Prozess schon seit längerer Zeit teil. Einige der geübten Redner:innen sitzen auch im Bezirksbeirat, wo das Konzept am heutigen Mittwoch vorgestellt wird.

Während einer sich nicht nur Kultur, sondern auch ein Heim für die Vereine des Stuttgarter Ostens wünscht, vermisst ein Musiker des Radio-Sinfonieorchesters, der zum ersten Mal dabei ist, aber die Villa seit langer Zeit kennt, eine klare programmatische Linie. Es gibt viel Lob, aber auch Kritik. Und genau das zeigt, dass die Beteiligung funktioniert. Jörg Trüdinger, Ansprechpartner der Stöckach-29-Initiative, bringt es auf den Punkt: "Das Konzept steht und fällt mit uns." Gemeint sind die aktiven Bürgerinnen und Bürger.


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Ausgabe 609 / Über den Gleisen / Andreas Spreer / vor 2 Tagen 22 Stunden
Sehr interessant!


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