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Büro Bloch & Guggenheimer, Stuttgart

Jüdische Architekten in der Nazi-Zeit

Büro Bloch & Guggenheimer, Stuttgart: Jüdische Architekten in der Nazi-Zeit
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Ein Buch von Dietrich W. Schmidt und eine Ausstellung im Stuttgarter Stadtarchiv erinnern an das Werk der beiden jüdischen Architekten Oscar Bloch und Ernst Guggenheimer, über die bisher kaum etwas bekannt war. Von ihren Bauten in und um Stuttgart sind erstaunlich viele gut erhalten.

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Wenig wusste Esther Walther bis zum Tod ihrer Großmutter 1987 von ihrem Großvater Oscar Bloch. Der Architekt war schon fünfzig Jahre zuvor bei einer Blinddarmoperation ums Leben gekommen. Bei der Auflösung der Wohnung ihrer Großmutter war eine Schachtel mit Fotos, Briefen und amtlichen Schriftstücken bei ihr gelandet, die sie sich jetzt erst genauer ansah. Darunter befanden sich Fotos von Häusern, die ihr Großvater gebaut hatte. Wo diese standen, wusste sie nicht.

Esther Walther ist Schweizerin wie ihr Großvater, der genau deshalb in der NS-Zeit nicht Mitglied in der Reichskammer der bildenden Künste sein musste und weiter bauen konnte, obwohl er jüdischer Konfession war. Ihre Großmutter Alice Bloch, geborene Rothschild, stammte aus der Region Stuttgart. Sie hat überlebt, weil sie als seine Ehefrau 1939 in die Schweiz emigrieren konnte.

Schließlich konnte Walther eines der Gebäude identifizieren: das ehemalige israelitische Waisenheim "Wilhelmspflege" in Esslingen, das heute nach seinem früheren Leiter Theodor-Rothschild-Haus genannt wird. Es war der erste große, prestigeträchtige Bau, den Bloch mit seinem ebenfalls jüdischen Partner Ernst Guggenheimer 1912/13 errichten konnte. Walther trat in Kontakt mit der Stolperstein-Initiative Bad Cannstatt und kam 2011 zum ersten Mal nach Stuttgart. Dort lernte sie auch den eben emeritierten Bauhistoriker Dietrich W. Schmidt kennen, der nun ein kundiges Buch über das Büro Bloch & Guggenheimer geschrieben hat.

Neu im Beruf, gezwungenermaßen

Rund 450 jüdische Architekten soll es vor 1933 in Deutschland gegeben haben. In Berlin gibt es eine Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten, die auf ihrer Homepage 32 Biografien und über 100 Namen aufführt, vorwiegend aus Berlin – Stuttgart findet sich allenfalls einmal als Studienort. Viele gehören zur selben Generation wie Bloch und Guggenheimer. Juden waren erst seit dem 19. Jahrhundert zum Architektenberuf zugelassen.

Jüdische Architekten in Stuttgart: Das war bisher ein unbearbeitetes Thema. Kurt Friedberg, seit 1925 Assistent von Paul Bonatz, emigrierte 1935 in die USA und nannte sich später Curtis Ralph Fremond. Auch Paul Schmitthenners bevorzugter Assistent, Karl Erich Loebell, galt der Nazi-Terminologie nach als "Halbjude". Anna Haag schreibt in ihrem Tagebuch von einem jüdischen Architekten, der 1943 mit 60 Jahren Straßen kehren musste und 1945 für den letzten Transport ins KZ Theresienstadt vorgesehen war. Der Name ist nicht bekannt.

Bloch & Guggenheimer war das führende jüdische Büro in Stuttgart von 1909 bis zum Tod Blochs 1937. Die Väter beider Architekten waren Textilhändler: Samuel Wolf Guggenheimer hatte 1871 in Stuttgart ein Baumwoll- und Leinengeschäft eröffnet; Joseph Bloch, Seidenhändler, war 1883 hierher gekommen. Es lässt sich als mutig bezeichnen, dass die Söhne sich 1909, gleich nach Bestehen der zweiten Staatsprüfung, im Alter von 28 und 29 Jahren selbstständig machten.

Von den mehr als 50 Bauten, die das Büro gebaut hat, und 13 weiteren, die Guggenheimer nach dem Krieg alleine realisieren konnte, steht noch ungefähr die Hälfte, zum Teil in veränderter Form. Die anderen sind im Krieg zerstört oder abgerissen worden. Immerhin elf, darunter einige der aussagefähigsten Gebäude, stehen unter Denkmalschutz, die meisten in Stuttgart und in der näheren Umgebung. Sie zeigen, wie das Büro im Lauf der Zeit immer den Anschluss an neueste Entwicklungen gesucht hat.

Von der Villa zum Waisenhaus

Am Anfang stehen zwei Privathäuser in der Hauptmannsreute, bis heute gut erhalten und denkmalgeschützt. Sie zeigen die reiche Formenwelt der Villenarchitektur nach der Jahrhundertwende mit Erkern und Balkonen, Satteldach, Sprossenfenstern und Fensterläden. Asymmetrisch angeordnet sind Anbauten, Eckschrägen, ein achteckiger Eckturm oder große, rundbogige Fenster am Salon im Erdgeschoss. In eine weitere Villa gleich nebenan zogen Bloch und einige Mitglieder seiner Familie selbst ein, bevor sie das Haus 1919 verkauften.

Der Durchbruch kam mit der Esslinger Wilhelmspflege. Waisen gilt in der jüdischen Sozialfürsorge ein besonderes Augenmerk. Bereits seit 1842 gab es in Esslingen ein Waisenhaus. Doch dann erwarb der Verein, der das Haus betrieb, 1911 einen neuen Bauplatz oberhalb der Esslinger Burg und lud fünf Architekturbüros zum Wettbewerb ein. Bloch & Guggenheimer kamen auf Platz eins gleichauf mit den Stuttgarter Architekten Eisenlohr & Pfennig. Nicht zuletzt durch die Loge Bnei Brith (B’nai B’rith), der Bloch angehörte, kam es zur Entscheidung für das jüdische Büro.

Auch das Theodor-Rothschild-Haus ist ein asymmetrischer Bau in den abwechslungsreichen Formen der Reformarchitektur, allerdings wesentlich größer und repräsentativer als die Villenbauten. Mit einem Honorar von 12.000 Mark – damals eine schöne Stange Geld – war es für die Architekten ein ökonomischer Erfolg. Aber noch mehr zählte das Prestige. König Wilhelm II. höchstselbst und seine Gemahlin Charlotte kamen zur Eröffnung. Weitere Aufträge wie ein ebenfalls gut erhaltenes und denkmalgeschütztes jüdisches Schwesternwohnheim in der Stuttgarter Dillmannstraße oder die Villa des Textilfabrikanten Albert Levi in der Lenzhalde ließen nicht lange auf sich warten.

Ab 1927 sehen die Bauten des Büros plötzlich ganz anders aus: weiße Kuben mit Flachdach wie in der Weißenhofsiedlung, das war nun der letzte Schrei. Der erste Bau dieser Art ist das gut erhaltene Wohnhaus des Fabrikanten Otto Frankenstein in der Bopserwaldstraße, der größte war eine Erweiterung der städtischen Wohnsiedlung Eiernest im Stadtteil Heslach. Die langgezogenen Blöcke mit Flachdächern, 89 Wohnungen, sieben Handwerksbetrieben und zwei Läden überstanden sogar die NS-Zeit und den Krieg ohne größere Schäden. Doch dann entschied sich die Stadt 1957 zu einer Aufstockung – mit Satteldächern.

Während die Eiernest-Erweiterung ein städtischer Auftrag war, ergriffen Bloch & Guggenheimer in der Weltwirtschaftskrise selbst die Initiative. Unweit ihrer ersten Wohnhäuser erwarben sie Grundstücke und planten eine kleine Villenkolonie von sieben Bauten, von denen allerdings nur drei in der ursprünglich vorgesehenen kubischen Form mit Flachdach realisiert wurden. Zwei weitere wurden um 1933 leicht verändert mit flachem Zeltdach gebaut. Wegen der vorwiegend jüdischen Bauherren erhielt das Ensemble den Spitznamen "Klein Palästina".

Guggenheimer entkommt dem NS-Regime

"Liest sich Guggenheimers Lebenslauf bis hierher noch wie eine gewöhnliche Biografie irgendeines deutschen Architekten", schreibt Schmidt, "so ändert sich das 1933 durch die mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten verknüpften einschneidenden Veränderungen in Staat und Gesellschaft." Wie andere jüdische Architekten hatten Bloch & Guggenheimer ihre Aufträge auch bisher überwiegend aus der jüdischen Community erhalten. Auch jetzt waren sie für jüdische Bauherren tätig, unter anderem bauten sie eine jüdische Privatschule neben der Synagoge, da die Kinder staatliche Schulen nicht mehr besuchen durften.

Nach Blochs Tod 1937 wurde Guggenheimers Situation prekär. Während sein Bruder 1939 emigrierte, blieb er allerdings in Stuttgart, musste sich aber als Bauhilfsarbeiter durchschlagen und mehrfach umziehen. 1943 wurde er in die Gestapo-Zentrale "Hotel Silber" vorgeladen. Das bedeutete normalerweise Deportation und fast sicher den Tod, doch erstaunlicherweise schrieb ihn ein SS-Arzt krank, was auf Protektion hinzudeuten scheint. Seine nicht-jüdische Frau Frieda hatte sich bereits 1939 von ihm scheiden lassen und war mit ihren beiden Kindern ins Tannheimer Tal jenseits der österreichischen Grenze gezogen. Guggenheimer tauchte nun unter, folgte ihr dorthin und überlebte so die NS-Herrschaft.

Guggenheimer war nie ein religiöser Mensch gewesen. 1946 heiratete er zum zweiten Mal eine Protestantin. Doch dann erhielt er nach dem Krieg den Auftrag zum Neubau der Synagoge. Dabei konnte er zwei originale Bestandteile der alten Synagoge von 1861 wieder einsetzen, die er 1938 hatte zur Seite schaffen können, als er nach der Reichspogromnacht gezwungen war, die Trümmer zu beseitigen: eine Gedenktafel für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten und die Tora-Tafeln, die ursprünglich an der Ostfassade zur Hospitalstraße mittig oben auf dem Dach angebracht waren.

Bei seinem Neubau aus hellem Stein, in schlichten, kubischen Formen setzte Guggenheimer die geretteten Tafeln wieder aufs Dach, diesmal aber über dem Eingang, der sich weiterhin an der Firnhaberstraße befand. Zwei Seitenflügel umschlossen einen kleinen Vorhof mit einer Brunnenschale, der ein wenig an die Alhambra erinnerte – auch wenn sonst von den maurischen Formen des Vorgängerbaus nichts übrig blieb. Inzwischen hat die Gemeinde ein betreutes Seniorenheim davor gesetzt, sodass die Tafeln nur noch durch einen Spalt zwischen zwei Gebäuden teilweise zu sehen sind. Der Eingang befindet sich an der Hospitalstraße: eine geschlossene Wand, kameraüberwacht, die Tora-Tafeln nur aufgemalt, die Bronzeskulptur eines brennenden Dornbuschs davor.


Dietrich W. Schmidts Buch "Bloch & Guggenheimer. Ein jüdisches Architekturbüro in Stuttgart", herausgegeben vom Stadtarchiv Stuttgart und 2020 im Verlag Regionalkultur erschienen, umfasst 150 Seiten, zeigt 145 Abbildungen und ist für 24,80 Euro zu haben.

Im Hof des Stadtarchivs eröffnet am 9. Juni um 18 Uhr virtuell eine Ausstellung über das Büro Bloch & Guggenheimer, ab 10. Juni kostenfrei zu besuchen montags bis freitags zwischen 8 und 20 Uhr und sonntags von 10 bis 17 Uhr, Bellingweg 21 in Stuttgart-Bad Cannstatt.


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