KONTEXT:Wochenzeitung
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Dachterrasse des Widerstands

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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Was tun mit der Zeit, von der man wegen Corona jetzt unverhofft viel hat? Die einen lesen mehr, die anderen räumen den Keller auf oder gehen in den Baumarkt, um endlich ein Regal zu zimmern. Johannes Rauschenberger beflaggt seine Terrasse über den Dächern von Stuttgart neu.

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Man muss in der Zeit der Kontaktbeschränkungen ja nicht gleich Mandarin, Isländisch oder Suaheli lernen, wie es der Autor Nils Markwardt vor einigen Wochen ironisch in einem Tweet nahegelegt hat. Nein, den Menschen, die jetzt tatsächlich mehr Zeit haben und diese nicht vollständig fürs Bespaßen des zwangskasernierten Nachwuchses aufwenden müssen, bieten sich mannigfaltige Möglichkeiten, bislang vor sich her prokrastinierte Sachen zu erledigen: endlich mal den Dachboden entrümpeln, den Garten umgraben, das Fahrrad reparieren. Oder eine ausgefranste Fahne erneuern. So wie Kontext-Vorstand Johannes Rauschenberger das getan hat.

Wobei hier zunächst mal klargestellt werden muss: Der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater hat momentan nicht mehr Zeit als sonst, im Gegenteil. "Wir sind gerade eher mehrbelastet, wegen der Soforthilfe des Landes für Künstler und Kulturschaffende – da beraten wir viele." Und das geschieht in Rauschenbergers Büro in der Libanonstraße im Stuttgarter Osten, das er nach wie vor an (mindestens) jedem Arbeitstag aufsucht. Homeoffice kommt für ihn nicht in Frage, zum einen, "weil ich irgendwann verrückt werden würde, wenn ich nur zuhause bleiben würde." Zum anderen, "weil mir die vielen Akten aus dem Büro viel zu schwer wären."

Die Fahne, um die es geht, ist eine lindgrüne K-21-Fahne, das Logo des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, das die Agentur von Rainer Benz vor über zehn Jahren entworfen hat. Die alte war von der Sonne gebleicht und vom Wind zerzaust und ausgefranst, kein Anblick mehr für leidenschaftliche Obenbleiber. Die neue erstrahlt in leuchtendem Grün. Sie ist bereits die dritte K-21-Fahne, die auf Rauschenbergers Dachterrasse flattert. Direkt neben dem Futterhäuschen für die Eichhörnchen übrigens, die am Kastanienbaum hochklettern und sich dort oben bedienen. Das gute Wetter am vergangenen Wochenende hatte den überzeugten Kopfbahnhof-Befürworter dazu bewogen, das schon gut zwei Monate herumliegende Stück Stoff endlich an die Fahnenstange zu zimmern. "Ich wollte einfach eine Fahne, die im Wind flattert", sagt Rauschenberger grinsend, "um die Leute darauf hinzuweisen, dass da noch ein Aufrechter wohnt."

Aktivistische Fahnen haben auf dieser Terrasse eine gewisse Tradition. In den 1990ern, als es eine große Protestbewegung gegen den Bau der Fildermesse gab, hing hier die Fahne der Schutzgemeinschaft Filder. Und mindestens ein Mal im Jahr tönt von Rauschenbergers Balkon auch akustischer Aktivismus: An jedem 1. Mai wird die Nachbarschaft mit der Internationalen beschallt, aus der Konserve, nicht selbst gesungen. Die Nachbarn haben das bislang zwar ohne lautstarkes Mitsingen oder geballte Fäuste am Fenster, aber auch (weitgehend) ohne lautstarke Proteste hingenommen. Und so werden wohl auch in gut drei Wochen wieder die Verdammten dieser Erde in der Mittelstraße im Heusteigviertel zum Aufwachen gerufen.

Ob's an jenem Tag danach auch noch zu einer 1.-Mai-Demo gehen kann, bleibt virusbedingt abzuwarten. Wegen Corona verwendet Rauschenberger den traditionellen Kopfbahnhofbefürworter-Gruß momentan jedenfalls in leicht erweiterter Form: "Gesund und oben bleiben!"


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1 Kommentar verfügbar

  • Waldemar Grytz
    am 14.04.2020
    Antworten
    Ja ist den schon "saure Gurken-Zeit" oder war das der Auftakt einer KONTEXT-Serie wie man/frau die Corona-Zeiten so verbringen kann?
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