Ausschnitt aus einem Schöbel-Werk. Weitere Werke kann man mit Klick aufs Bild entdecken.

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Schöbels Cartoonfigur "Körperklaus" beim Selfiemachen...

Schöbels Cartoonfigur "Körperklaus" beim Selfiemachen...

... und mit den drei "Wackeldackeln" im Auto.

... und mit den drei "Wackeldackeln" im Auto.

Aus der Serie "100 Jahre Oktoberrevolution": Revolutionär von einst mit als revolutionär angepriesenem Produkt von heute...

Aus der Serie "100 Jahre Oktoberrevolution": Revolutionär von einst mit als revolutionär angepriesenem Produkt von heute...

... und Genosse Lenin mit ebensolchem.

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Für die Kreuzberger Bar "Schurke" entwarf Schöbel eine Schurkenserie: Unter anderem mit "Herr der Ringe"-Figur Gollum,...

Für die Kreuzberger Bar "Schurke" entwarf Schöbel eine Schurkenserie: Unter anderem mit "Herr der Ringe"-Figur Gollum,...

... der Vampirchefin aus dem Horror-Trash-Klasssiker "From Dusk till Dawn"...

... der Vampirchefin aus dem Horror-Trash-Klasssiker "From Dusk till Dawn"...

... den Daltons aus den "Lucky Luke"-Comics...

... den Daltons aus den "Lucky Luke"-Comics...

... und der eigentlichen gar nicht so schurkischen US-Avantgarde-Band The Residents.

... und der eigentlichen gar nicht so schurkischen US-Avantgarde-Band The Residents.

Ausgabe 389
Schaubühne

Malender Musiker mit singenden Cartoonfiguren

Von Oliver Stenzel
Datum: 12.09.2018
Tanzende Kita-Onkel, stilisierte Schurken und modernisierte Revolutionäre: Auch wenn Udo Schöbel viele nur als Musiker kennen – der in Berlin lebende Ex-Stuttgarter hat auch ein umfangreiches grafisches Werk zu bieten. Ein paar Eindrücke davon zeigt jetzt eine Ausstellung im Kiosk "Michas Lädle".

Udo Schöbel ist ja quasi ein Nachbar von Kontext. Genauer gesagt, er wäre es gewesen, wenn er nicht rund 11 Jahre, bevor die Kontext-Redaktion in der Hauptstätter Straße 57 einzog, aus der Dachgeschosswohnung an eben dieser Adresse ausgezogen wäre. Das Haus am Rande des Heusteigviertels war ein vom Arbeitsweg her günstiger Wohnsitz: Jahrelang spielte Schöbel, stets montagabends, als Gitarrist und Sänger mit seiner Band Cleanin' Women schön scheppernden Sixties-Beat im Café Stella im Erdgeschoss, auch noch eine Zeitlang, nachdem er nach Berlin gezogen war. Das Café Stella ist nun auch schon fast drei Jahre Geschichte, Schöbel nicht mehr ganz so oft in Stuttgart, aber momentan ist er mal wieder ins Heusteigviertel zurückgekehrt. Ein paar hundert Meter von seinem einstigen Wohnort entfernt zeigt der Kiosk "Michas Lädle", dessen Schaufenster der Künstler und ehemalige Galerist Klaus Fabricius regelmäßig zu Ausstellungsflächen macht (Kontext berichtete), noch bis zum 22. Oktober Illustrationen, Cartoons und Plakate von ihm. Denn das ist, neben der Musik, das andere, etwas weniger bekannte Steckenpferd des 1961 in Stuttgart geborenen Künstlers.

Udo Schöbel live und wie er sich selber malt. Foto: privat
Udo Schöbel live und wie er sich selber malt. Foto: privat

"Ich bin eigentlich ein malender Musiker", sagt Schöbel, "ich habe schon immer gemalt, mich dann aber früh für die Musik entschieden, weil das für mich das unprätentiösere, das direktere Medium war". Und Stuttgarter, die sich schon einige Jährchen vor der Jahrtausendwende in der hiesigen Kulturszene bewegten, werden Schöbel vor allem als Musiker kennen, in fast unübersichtlich vielen Projekten und Stilrichtungen. Sozialisiert mit Punk und Reggae sagte er schon früh allzu engen Schubladen adieu.

Auf den punkigen Rock'n'Roll von Karl Anton & The Heartbreakers Anfang der Achtziger folgten ab 1986 Cleanin' Women mit ihrem von Motown gefärbten Sound und Bläsern, im gleichen Jahr gründete er mit Szene-Unikum und Gesinnungsgenossen G.A.W. die munter zwischen HipHop und anderen Genres marodierenden Homeboys, später in Sexangels umbenannt. Daneben in den 1980ern und 90ern weitere Projekte wie Hipshots oder Gummisoul oder die Comedy-Truppe Shy Guys. Und seit 2002, nun schon in Berlin, die Band Minibeatclub (Eigenbeschreibung: "zwischen Elektro-Chanson und Casio-Punk").

Fürs tägliche Brot wichtiger ist mittlerweile Musik für Kinder. Die macht er, anfangs für "Die Sendung mit der Maus", nun auch schon seit über 20 Jahren, am erfolgreichsten aber für die Sendung "Kikaninchen" des ARD-Kinderkanals Kika". Um die 70 Songs hat er dafür bislang komponiert, darunter das Kikaninchen-Titellied "Dibedibedab", das auf der Online-Plattform Youtube bislang schon über 43 Millionen Mal angeklickt wurde. Stilistisch tobt er sich auch hier aus, da kann dann schon mal zu Ramones-Punkrock "Will keine Prinzessin mehr sein" geträllert werden. "Ich wollte immer etwas machen, das sinnvoll ist und das bleibt", sagt Schöbel, "und es macht Sinn, Kindermusik zu machen, die ein bisschen anders ist."

Synthese aus beiden Talenten: Karl Anton und Körperklaus

Das grafische Talent lag in dieser ganzen Zeit nicht brach, entwickelte sich vielmehr in fruchtbaren Wechselwirkungen mit der Musik. Erst machte Schöbel die Musik für den 1991 erschienenen Animationsfilm "Mr Chocolate meets Miss Milk" von Thomas Meyer-Hermann, dann kreierte er selbst eine Trickfigur: Karl Anton, den, so sein Erfinder, "weltersten Cartoon-Popstar". Ein mit wenigen Strichen gezeichneter Musiker mit blonder Stirnlocke wie Hergés berühmter Tim, der sich in den Neunzigern im damals noch jungen Internet an seine Fans wandte, erst in Comics, dann in kurzen Clips, und irgendwann produzierte auch Meyer-Hermann einige "Karl-Anton"-Folgen. "Vieles kann man sich heute nicht mehr vorstellen", sagt Schöbel, "aber das war bahnbrechend damals".

Schöbels Kunstfigur "Körperklaus".
Schöbels Kunstfigur "Körperklaus".

Ähnlich im Grunde wie die virtuelle Band Gorillaz, die mit diesem Konzept international Furore machte - doch das war einige Jahre später und dahinter standen mit Britpop-Ikone Damon Albarn ("Blur") und dem australischen Comic-Zeichner Jamie Hewlett ("Tank Girl") auch etwas größere Namen und entsprechend eine andere Industrie. "Ich war in meinem Leben öfter mal zu früh", kommentiert Schöbel lachend.

Doch zu meckern gibt es keinen Grund, zumal Schöbel durch die Kika-Connection auch Musik und Illustration wieder verbinden konnte: 2014 schuf er die Figur "Körperklaus", adaptierte die Karl-Anton-Idee für Kinder. "Die Plattenfirma, die meine Sachen für Kika veröffentlicht hat, wollte von mir eine Kinder-CD außerhalb von Kikaninchen", erzählt er, "und ich wollte Cartoonfiguren, die singen, das hat mich immer schon interessiert."

Sein Körperklaus (der nichts mit dem Stuttgarter Musiker Körpa Klauz zu tun hat) ist nun "ein Elvis-mäßiger Kita-Onkel" mit Tolle und Sonnenbrille, der mit drei Kindern, den multikulturellen "Wackeldackeln", singt und Abenteuer erlebt. Mit unaufdringlicher Moral: "'Körperklaus' ist ja eigentlich ein Schimpfwort für jemanden, der sich nicht gut bewegen kann", so Schöbel, aber hier sei die Message, dass man tanzen soll wie es Spaß macht, und nicht, wie es gut aussieht. Tanzen können die Kids - mit Kopfhörer - nun auch in Michas Lädle, denn dort laufen die Video-Clips in Endlosschleife, dazu kommen fünf großformatige Körperklaus-Bilder im Schaufenster.

Revolutionäre werden zu inhaltsleeren Icons

Die Stuttgarter Ausstellung zeigt aber auch Schöbels, nun ja, dunklere Seite: Im gegenüberliegenden Schaufenster stehen seine "Schurkenbilder", mit Motiven von Darth Vader bis zu den Comicfiguren Daltons - eine Serie, die er für eine Bar namens "Schurke" in Berlin-Kreuzberg entworfen hat. Und nur zur Ausstellungseröffnung (und jetzt hier in der Kontext-Schaubühne) zu sehen: Zwei in ähnlichem Stil gehaltene, großformatige Bilder der Serie "100 Jahre Oktoberrevolution", die er im vergangenen für eine Gruppenausstellung in Berlin schuf. Es sind stilisierte Originalmotive von Plakaten aus der russischen Revolution, einmal Lenin, einmal ein namenloser kommunistischer Kämpfer, doch beide tragen Smartphones. Nicht bloß ein billiger Gag: "Ich hab mir überlegt: Was ist Revolution im Jahr 2017, was wird uns heute als Revolution verkauft? Zum Beispiel das neueste I-Phone", sagt Schöbel. "Und es geht um die Frage: Was ist von Revolution übrig geblieben? Die Icons werden weiter verkauft, aber sie haben ihren tieferen Grund verloren."

Einer von Schöbels Schurken: Darth Vader.
Einer von Schöbels Schurken: Darth Vader.

Im Comicgenre wird Schöbels klarer, von durchgehenden Konturen geprägter Stil Ligne Claire genannt, der Strich des Ex-Stuttgarters ist zudem recht dick, was eine sehr direkte, prägnante Optik ergibt. Eine Gemeinsamkeit mit der musikalischen Herangehensweise: "Ich begeistere mich für Sachen, die reduziert sind und gerade dadurch Tiefe geben", sagt Schöbel. "Ein gutes Kunstwerk hat immer eine leichte Einstiegsebene, aber wenn man sich länger damit beschäftigt, kommt immer noch etwas und noch etwas".

Deswegen gefällt ihm auch der unkonventionelle Ausstellungsort Michas Lädle, "weil hier Kunst im öffentlichen Raum stattfindet, es kommen Leute vorbei, die morgens ihre Kinder in die Schule bringen, oder die nachts um zwei besoffen heimwanken und dann vor den 'Schurken' stehen bleiben."

Auch wenn Schöbel immer mal wieder, wie jetzt zur Ausstellungseröffnung, gerne in seine frühere Heimat zurückkehrt, seine Entscheidung, Ende 1999 nach Berlin gegangen zu sein, bereut er nicht. "Für mich sind in Berlin in 18 Jahren Sachen entstanden, die in Stuttgart in 300 Jahren nicht passieren würden." Nach zwei Jahren in der Hauptstadt etwa waren er und sein Minibeatclub schon die Band der Kurt Krömer Show, er machte die Trickfilm-Trailer für die Sendung des Berliner Komikers.

Und 2005 lief auch mal ein Schöbel-Song zur Bundestagswahlberichterstattung. Das kam so: "Ich hab zwischen 2000 und 2007 immer wieder in so kleinen illegalen Clubs in Berlin gespielt", und am Tag nach so einem Gig im September 2005 sei auf einmal ein Anruf vom ZDF gekommen: Ob man für die Wahlsendung den Song "Ich bin einfach gut" haben könnte. "Zwei Stunden später war der Kurier da und hat die CD abgeholt, und abends, als im 'Bericht aus Berlin' Merkel und Schröder zu sehen waren, lief im Hintergrund 'Ich bin einfach gut'."

In all den Stuttgarter Jahren, in denen er auch täglich ein Bild gemalt und einen Song komponiert habe, sei er dagegen nur zweimal in die "Abendschau" gekommen. Nicht ohne Grund, glaubt Schöbel. "Es ist in Stuttgart einfach so, dass die Leute nicht erkennen, dass Kultur aus Subkultur entsteht".

Michael Schmidt vor seinem Lädle und Udo Schöbels Plakaten. Foto: Joachim E. Röttgers
Michael Schmidt vor seinem Lädle und Udo Schöbels Plakaten. Foto: Joachim E. Röttgers


Info:

Udo Schöbels Ausstellung "Die ART des schwarzen Schafes" ist noch bis 22. Oktober zu sehen in "Michas Lädle", Weißenburgstraße 8, Stuttgart-Mitte.


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