Ihm war's eine Ehre, dem VfB zu dienen: Präsident Wolfgang Dietrich tritt zurück. Fotos: Jens Volle

Ihm war's eine Ehre, dem VfB zu dienen: Präsident Wolfgang Dietrich tritt zurück. Fotos: Jens Volle

Ausgabe 433
Satire

Alles gegeben. Immer.

Von unserer Redaktion
Datum: 17.07.2019
Bisweilen erhält die Redaktion unglaubliche Post. Ein Brief von Wolfgang Dietrich, voller Wehmut und Abschiedsschmerz? Das wollen wir unseren Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten, auch wenn wir für die Echtheit nicht garantieren können.

Liebe Freunde des VfB und von Stuttgart 21,

ich gestehe, ich bin traurig. Tempi passati. Niemals wird es wieder sein, wie es einmal war. Wie damals im Juli 2018, als sich anlässlich meines 70sten Geburtstags eine ganze Reihe hochrangiger Gäste in der Würth Soccer Lounge traf. Von ihnen gibt es ein Bild, das ich immer wieder gerne anschaue. Es bildet ganz trefflich die Gesellschaft ab, die heute im Fußball zu Hause ist. Unter ihnen sind nicht die Geringsten.

Zunächst der leere Stuhl. Auf dem sitze ich, wenn ich nicht gerade rede. Das heißt also, ich spreche gerade und erzähle aus meinem Leben, das mir so viel Glück bereitgehalten hat. In meinen 46 Jahren als Unternehmer musste ich nie krumme Geschichten machen – und bin darüber Multimillionär geworden. Ich darf in der Edelimmobilie Cloud No. 7 wohnen – und muss nur im Winter, wenn es kalt wird, zum Golfspielen auf jene Plätze entfliehen, die mein Anwesen in Kapstadt umgeben. Das hat schon Gunter B. in den "Stuttgarter Nachrichten" sehr schön beschrieben.

Der Herr rechts neben meinem Stuhl teilt meine Leidenschaft für den kleinen Ball. Rüdiger Grube, der frühere Bahnchef, hat mich im Golfclub Leonberg kennen und schätzen gelernt und zum Mann fürs Grobe, sprich zum S-21-Sprecher gemacht. Für ihn habe ich die Kartoffeln (sic) aus dem Feuer geholt, wenn er wieder einmal behauptet hat, der Kostendeckel halte. Dann habe ich sofort eine Pressemeldung rausgehauen, in der ich alle Spekulationen als irreführend und nicht sachdienlich zurückgewiesen habe. Ich konnte auch sagen, was mein Freund Rüdiger nicht sagen durfte. Man wird doch wohl noch sagen dürfen, dass die Demonstranten am Schwarzen Donnerstag schuld sind! Ich denke, Rüdiger ist mir heute noch dankbar dafür, auch wenn er auf dem Foto nicht so aussieht. Heute muss er alles selber dementieren. Mir wäre die Geschichte mit dem jetzigen Kenntnisstand, nach dem er S 21 nicht mehr bauen würde, nicht passiert.

Hinter ihm sitzt, halb verdeckt, der Günther (Oettinger; d. Red.), der, wenn ich es richtig sehe, als einziger lacht. Wahrscheinlich habe ich gerade gesagt, ich sei ein Teamplayer, die Seele des VfB wäre unverkäuflich und das Vereinsschiff würde ich aus dem tosenden Meer wieder in ruhige Gewässer steuern. Der Günther ist ein Fuchs im politischen Geschäft. Er weiß, was man wie betonen muss, wenn die Menschen zu zweifeln beginnen. Wichtig ist dabei, dass man selbst keine hat. Darin werde ich auch bestärkt, wenn ich mich mit dem Anwalt von Alice Weidel treffe.

Warum der Fritz Kuhn da sitzt, erschließt sich mir eigentlich nicht. Okay, vom Status her muss ich mich dafür nicht schämen. Aber ich vergesse ihm nicht, dass er mich als S-21-Sprecher abschießen wollte, der grüne Pharisäer. Davon will er heute natürlich nichts mehr wissen, weil er ja kritisch begleiten muss und begriffen hat, dass meine Freunde vom Immobusiness ihr Ding durchziehen werden. Wenigstens hat er an diesem Abend nicht erzählt, dass er ein Fan des FC Bayern sei. Aber sein hohes Lied auf die gute Partnerschaft und die Schmeichelei, ich hätte ihn mit meiner Begeisterung für den VfB infiziert, habe ich ihm trotzdem nicht geglaubt. Zu durchsichtig.

Da ist der Kretschmann ein anderes Kaliber. Nachdem ich den grünen Kameraden die Meinung gegeigt habe mit meiner legendären Wutrede, hat der MP kapiert, dass er mit mir nicht Hugoles treiben kann. Danach war der Käs gessa und wir sind einträchtig in der VfB-Ehrenloge gsässa. In seiner Rede auf mich hat er gesagt, er hätte mit mir unzählige Male gejubelt und gezittert, ich sei ein fleißiger Schaffer, der immer auf dem Teppich geblieben sei, und ich hätte dem Verein, für den sein Herz gleichermaßen schlage, alles gegeben. Wie recht er hat! Besser hätte ich es auch nicht sagen können. (Dass er jetzt für Jürgen Klinsmann als Präsident plädiert, angeblich, weil sich hinter dem alle versammeln können, hat mich enttäuscht. Politiker eben. Auch er.)

Neben ihm Dieter Zetsche, damals Chef des besten Autokonzerns der Welt. Ihn habe ich ins Boot geholt, weil das Mercedes-Motto schon immer meines war: das Beste oder nichts. Dafür habe ich Tag und Nacht gearbeitet, den Daimler als Ankerinvestor gewonnen, weil Herr Zetsche mein Talent als Businessmann erkannt hat. Mein erfolgreicher Verkauf von Wurstbroten bei der ersten Mannschaft habe den Weg als Unternehmer vorgezeichnet, hat er gesagt. Das war natürlich lustig gemeint, aber irgendwo auch nicht falsch. Ich stamme nämlich aus kleinen Verhältnissen. Absolut wahr ist die Aussage von Herrn Zetsche, dass ich mit der Ausgliederung der Profiabteilung aus dem Verein die Zukunftsfähigkeit des VfB gesichert habe. Aber das bezweifeln nur ein paar Drecksäcke unter meinen Kritikern.

Über den Mann rechts neben Herrn Zetsche muss ich nicht viele Worte verlieren. Er war ja auch nur kurz da, der Tayfun Korkut. Nicht einmal ein dreiviertel Jahr, dann musste ich den Versager-Trainer entlassen wegen anhaltender Erfolglosigkeit. Das ist im Haifischbecken Bundesliga die logische Konsequenz. Wenn ich mir das Foto so anschaue, habe ich den Eindruck, dass er etwas geahnt haben muss.

Am aufmerksamsten, geradezu gebannt, verfolgt die Dame vorne links (mit Handtäschchen) meine Worte. Es ist Margit Mayer-Vorfelder, die Gattin meines legendären Vorvorvorvorgängers. Wahrscheinlich hat sie mein Bekenntnis ("es ist mir eine Ehre, diesem Verein dienen zu dürfen") an ihren Gerd erinnert, der immer für den VfB gekämpft hat. Bis zum Umfallen. Das hat mich gerührt, weil auch ein Mann empathisch sein muss.

Aus seinem Vermächtnis beziehe ich heute die Kraft, die bitteren Stunden nach der Mitgliederversammlung, die Feindseligkeit und Häme des Pöbels zu überstehen. Wenn die Lawine rollt, hat MV einst gesagt, musst du zur Seite treten. Ich habe es getan.


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1 Kommentar verfügbar

  • W. D.
    am 17.07.2019
    Ja, ich gehe mit erhobenem Haupt! Ich war dabei den Stuttgarter Bahnhof tiefer zu legen, ich habe den VfB tiefer gelegt und wenn irgendwo Tiefflieger gebraucht werden:
    auch mich kann man jederzeit anrufen!

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