KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Berliner Linke verklagt Innenminister

Keine Rote Hilfe für Hagel

Berliner Linke verklagt Innenminister: Keine Rote Hilfe für Hagel
|

Datum:

Seit dem Wahlsieg der Linken in Berlin überziehen Opposition und konservative Medien die Partei und ihre Spitzenkandidatin Elif Eralp mit Vorwürfen. Auch Baden-Württembergs Innenminister Manuel Hagel (CDU) mischt mit. Der neueste Vorwurf: Eralp war früher in der Roten Hilfe. Aber ist das so schlimm?

An die Rote Hilfe wird sich Manuel Hagel (CDU) wohl nicht wenden, wenn die Berliner Linkspartei ihn jetzt auf Unterlassung verklagt. Der stellvertretende baden-württembergische Ministerpräsident beschimpfte die Berliner Wahlsiegerin Elif Eralp als "Clan-Bürgermeisterin" und wollte nach dem Erfolg der Berliner Linken Polizist:innen aus der Hauptstadt abwerben; die Berliner Polizei sei "zu schade" für Eralp, tönte der Innenminister. Die Linke wehrt sich nun juristisch gegen diese Äußerungen.

Vielleicht müsste Hagel daran erinnert werden, dass die Aussichten für Berliner Gesetzeshüter in Baden-Württemberg so rosig gar nicht sind. Erst Mitte September wandte sich die unter anderem für die Polizei zuständige Bürgerbeauftragte Beate Böhlen mit einem Brandbrief an den Innenausschuss des Landtags, um diesen über eine "tiefgreifende Führungs- und Kulturkrise" im Polizeipräsidium Ludwigsburg zu informieren. Zuvor hatte sie bereits über verschiedene andere Wege wochenlang erfolgslos versucht, den zuständigen Polizei-Staatssekretär Reiner Moser über Machtmissbrauch, eine Angst- und Misstrauenskultur, mangelnde Trennung von Privatem und Dienstlichem und Grenzüberschreitungen am Polizeipräsidium Ludwigsburg zu unterrichten.

Aber auch wenn keine Cops aus Berlin nach Baden-Württemberg wechseln, hat Hagel mit seinen Aussagen ja erreicht, was er wollte: seinen Teil dazu beitragen, Eralp und die Linkspartei zu diskreditieren.

Immer neue Anschuldigungen

Seit der Wahl in Berlin finden Konservative immer neue Anschuldigungen gegen die Frau, die mit dem Anspruch angetreten ist, die Berliner Mieten zu senken und den Volksentscheid von 2021 zur Enteignung großer privater Wohnkonzerne umzusetzen.

Maike Schollenberger, Landesbezirksleiterin von Verdi Baden-Württemberg, sagt dazu: "Diese beispiellose und teilweise weit unter der Gürtellinie befindliche Kampagne nach dem Sieg von rot-rot-grün in Berlin ist auch demokratiegefährdend", eine klare Mehrheit der Berliner:innen habe sich in dem Volksentscheid für die Vergesellschaftung entschieden und habe nun genau die Parteien bei der Wahl bestätigt, die das in ihren Beschlüssen teilen. "Jetzt wird regelrecht Front gemacht gegen alles, was links ist oder für links gehalten wird", so Schollenberger weiter. "Was kommt als nächstes? Wann steht Verdi auf der Liste?"

Ein neuer Vorwurf, der vergangene Woche aufgeploppt ist: Eralp war bis 2025 Mitglied in der Roten Hilfe. Ein Verein, der strömungsübergreifend linke Aktivist:innen bei Gesetzeskonflikten berät. Aus dieser Mitgliedschaft hat die Juristin nie ein Geheimnis gemacht. Sie war bis 2025 auf ihrer Seite des Berliner Abgeordnetenhauses genauso nachzulesen, wie es ihre anderen Mitgliedschaften auch noch sind: Skandal, könnte man genauso schreiben, Eralp ist ehrenamtliches Mitglied bei Amnesty International!

Aber ist es nicht doch vielleicht etwas anderes, sich bei Verdi oder in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes zu engagieren als in der Roten Hilfe, die immerhin vom Verfassungsschutz beobachtet wird?

"Die legale Solidaritätsstruktur Rote Hilfe ist notwendig und muss und wird erhalten bleiben", sagt Axel Oswald, Strafverteidiger aus Reutlingen. "Zentral ist die Erfahrung, dass immer noch die staatliche Verfolgung gegen links vorrangiges Ziel der Staatsschutzorgane in der BRD ist. Sowohl Verfassungsschutz als auch Polizei und Justiz sehen ihren Hauptfeind links."

Das polizeiliche Vorgehen im Zusammenhang mit dem NSU-Terror mache deutlich, "wie blind diese Strukturen auf dem rechten Auge sind", so der Anwalt weiter. "Nach wie vor wird jedoch mit akribischer Härte gegen links vorgegangen. Solidarische Unterstützung, auch durch spendenbasierte finanzielle Hilfen, sind unter diesen Verhältnissen notwendig. Das wird durch die Rote Hilfe als Solidaritätsstruktur gewährleistet. Die vereinsrechtliche Struktur entspricht dabei den rechtlichen Voraussetzungen für legales grundgesetzkonformes Handeln."

Hartmut Brückner, Bundesvorstand der Roten Hilfe, betont: "Die Rote Hilfe ist eine komplett legale und transparent arbeitende Organisation." Fälschlicherweise habe der Verfassungsschutz die Rote Hilfe als "gewaltbereit" geführt, aber der Verein habe die Streichung dieser Beschreibung durchsetzen können. Brückner betont: "Wir sind keine terroristische Vereinigung. Wir sind überhaupt gar keine politische Vereinigung, sondern wir sind eine Solidaritätsvereinigung. Wir enthalten uns jeder politischen Aktion und jeder politischen Meinungsäußerung." Es sei eine Mindestanforderung des Grundgesetzes, dass in Strafverfahren eine angemessene Verteidigung gewährleistet sein muss, betont Brückner. "Gewerkschaften beraten in arbeitsrechtlichen Fragen, wir tun das in strafrechtlichen Fragen."

An die Rote Hilfe können sich alle wenden, die sich selbst als links verstehen. Von Klimaaktivist:innen und Menschen aus der Palästinasolidarität bis hin zu Grüner Jugend und Jusos. Eine ähnliche Kampagne wie jetzt die gegen Eralp sorgte beispielsweise 2007 dafür, dass die damalige Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel aus der Roten Hilfe austrat.

Für die Beratung gibt es Ausschlusskriterien: "Wenn es sich etwa um antisemitische, sexistische oder rassistische Tatbestände handelt, können wir kürzen oder auch ablehnen", sagt der Rote Hilfe-Vorstand. Der Verein prüfe jede Beratungs- und Hilfsanfrage und entscheide einzelfallabhängig. Das sei zwar herausfordernd, aber eben auch bereichernd, da diese Abwägung auch dazu führe, Grabenkämpfe links liegen lassen zu müssen.

Mersedeh Ghazaei: Die Vorwürfe sind entlarvend

Die Rote Hilfe sieht sich historisch in der Tradition der Roten Hilfe Deutschland (RHD), einer der KPD nahestehenden Hilfsorganisation, die von 1924 bis 1936 existierte. "Die RHD wurde in der Weimarer Republik gegründet mit dem Ziel, vor allem kommunistische Aktivist:innen im Fall ihrer Verfolgung durch den rechtskonservativen Staatsapparat zu unterstützen", erklärt der Strafverteidiger Oswald. "Es ging dabei vor allem um juristische Hilfe wie der Vermittlung solidarischer Anwält:innen und im Fall der Inhaftierung auch um finanzielle und praktische Unterstützung von Familienangehörigen."

Nach dem Verbot der RHD durch die Nationalsozialisten 1933 arbeitete die Hilfsorganisation noch drei Jahre in der Illegalität unter erschwerten Bedingungen weiter. Die historische Rote Hilfe wurde von Intellektuellen wie Albert Einstein, Käthe Kollwitz, Magnus Hirschfeld und Thomas Mann unterstützt – allesamt Persönlichkeiten, über die FAZ und Springerpresse folglich nun auch investigativ enthüllen könnten, dass sie eine linksextreme Vergangenheit haben.

"Gäbe es die Rote Hilfe nicht, müsste man sie erfinden", sagt Mersedeh Ghazaei, Mitglied im Parteivorstand der Linken in Baden-Württemberg. "Was sie tut ist etwas, das in jedem Rechtsstaat selbstverständlich sein sollte: Menschen vor Gericht eine ordentliche Verteidigung zu ermöglichen." Ghazaei meint, dass auch Konservative, die an den Rechtsstaat glauben, da eigentlich nichts dagegen haben sollten. "Gerade die Vorwürfe, die Rote Hilfe würde Linken die Angst vor dem Rechtsstaat nehmen, entlarven eigentlich die Kritiker. Wer den Zugang zu Rechtshilfe skandalisiert, will keine Gerechtigkeit. Der will den Rechtsstaat tatsächlich für Repression gegen politische Gegner missbrauchen."

Verdi-Landesbezirksleiterin Schollenberger mahnt außerdem: "Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt ans Ruder kommt, werden vielleicht schon bald Menschen auf Unterstützung der Roten Hilfe angewiesen sein, die sich das bis vor Kurzem in ihren schlimmsten Träumen nicht vorstellen konnten." Und Strafverteidiger Oswald betont: "Letztlich geht es aktuell um die Verteidigung der – auch prozessualen – Grundrechte von verfolgten linken Aktivist:innen gegenüber einem Staat, der sich immer weiter politisch nach rechts orientiert."

Wir brauchen Sie!

Kontext steht seit 2011 für kritischen und vor allem unabhängigen Journalismus – damit sind wir eines der ältesten werbefreien und gemeinnützigen Non-Profit-Medien in Deutschland. Unsere Redaktion lebt maßgeblich von Spenden und freiwilliger finanzieller Unterstützung unserer Community. Wir wollen keine Paywall oder sonst ein Modell der bezahlten Mitgliedschaft, stattdessen gibt es jeden Mittwoch eine neue Ausgabe unserer Zeitung frei im Netz zu lesen. Weil wir unabhängigen Journalismus für ein wichtiges demokratisches Gut halten, das allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein sollte – auch denen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Eine solidarische Finanzierung unserer Arbeit ermöglichen derzeit 2.500 Spender:innen, die uns regelmäßig unterstützen. Wir laden Sie herzlich ein, dazuzugehören! Schon mit 10 Euro im Monat sind Sie dabei. Gerne können Sie auch einmalig spenden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:





Ausgabe 809 / Um den Verstand genormt / Armin / vor 4 Tagen 14 Stunden
Klasse Artikel!

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!