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AfD-Verbot

Alle Mittel ausschöpfen

AfD-Verbot: Alle Mittel ausschöpfen
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Nach dem Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt werden die Bemühungen konkret, ein Verbot der gesichert rechtsextremen Landesverbände zu prüfen. Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir gehört zu den Befürwortern. Die Mitstreiter:innen werden zahlreicher.

Alexander Föhr (CDU), der neue Karlsruher Regierungspräsident, empfahl eine Doppelstrategie. Das in der Union vorrangig ausgegebene Ziel, die Alternative für Deutschland (AfD) politisch zu bekämpfen, ergänzte der ehemalige Bundestagsabgeordnete aus Heidelberg vor mehr als eineinhalb Jahren unmissverständlich: Nach reiflicher Überlegung und zahlreichen Gesprächen mit den Bürger:innen hielt er es für "geboten, die Erfolgsaussichten eines Parteiverbotsverfahrens gegen die AfD prüfen zu lassen". Denn: "Wir müssen bereit sein, alle Mittel auszuschöpfen, die unser Rechtsstaat und unsere Verfassung bieten."

In der Südwest-CDU sind Appelle wie dieser (noch) nicht mehrheitsfähig. Andere Landesverbände hingegen sind schon weiter: Der Landtag von Schleswig-Holstein hat schon vor fast einem Jahr einen parteiübergreifenden Antrag zu einem gestuften Verfahren hin zur Verbotsprüfung beschlossen. In der NRW-CDU gibt der Landeschef, Ministerpräsident Hendrik Wüst, die neue Tonlage vor mit seinem Verlangen nach einer Arbeitsgruppe von Bund und Ländern mit Fachleuten aus Verfassungsschutz und -recht. Ausdrücklich, weil er aus seinem Amtseid eine Handlungsbefehl abliest, "wenn eine Partei aggressiv-kämpferisch die freiheitlich-demokratische Grundordnung gefährdet und diese aus den Angeln heben will". 

Für Baden-Württemberg teilt das Staatsministerium auf Kontext-Anfrage mit, dass der Ministerpräsident im engen und regelmäßigen Austausch mit seinem Stellvertreter Manuel Hagel (CDU) stehe. Cem Özdemir (Grüne) verfolgt das Ziel, Belastbares zur radikalen Ausrichtung der AfD zu analysieren, und verweist auf das zweite NPD-Urteil des Bundesverfassungsgerichts auf dem Jahr 2017: Ein Verbot wurde nur deshalb nicht ausgesprochen, weil die Partei zu unbedeutend sei, um ihre Ziele erreichen zu können. Und Özdemir plädiert dafür, zu betrachten, wie früh der Siegeszug der AfD eingesetzt habe, und wie es ihr gelinge, Unterstützung aus dem Nichtwähler-Lager zu mobilisieren. "Wir hätten das alle früher sehen können und sehen müssen", sagt der frühere Bundesminister und Europaparlamentarier. 

Das AfD-Verständnis von Redefreiheit

Er selbst ist seit Langem einer der schärfsten Kritiker der AfD. Nach ihrem ersten Einzug in den Bundestag 2017 und der Drohung ihres Co-Parteichefs Alexander Gauland an die damalige Bundesregierung ("Wir werden sie jagen") sezierte er im Februar 2018 die Geisteshaltung der AfD. Anlass war ihr Antrag, Äußerungen des kurz zuvor aus türkischer Haft entlassenen deutschen Journalisten Deniz Yücel in zwei taz-Kolumnen "zu missbilligen". In der Bundesrepublik Deutschland, schleuderte Özdemir der AfD-Fraktion entgegen, "gibt es nicht die Gleichschaltung, von der Sie nachts träumen, bei uns gibt es Pressefreiheit, ein Wort, das in Ihrem Wortschatz ganz offensichtlich nicht vorhanden ist". Später ehrte ihn die Uni Tübingen für die "Rede des Jahres". 

In dieser Debatte fiel ein bemerkenswerter Satz ausgerechnet des Berliner AfD-Abgeordneten Gottfried Curio, den alle, die die Partei nicht mit juristischen Mitteln, sondern politisch bekämpfen wollen, gründlich bedenken müssen. Der habilitierte Physiker und Kirchenmusiker meinte bei den anderen Parteien festgestellt zu haben, es solle "eine Zwei-Klassen-Redefreiheit eingeführt werden, eine für establishmentnahe Antideutsche und eine für patriotische Normaldeutsche". Und weiter: "Äußert der antideutsche Linke Hass, ist es Satire, äußert der Normalbürger Kritik an der Regierung, ist es Hass". Dabei sei die Übertreibung mit Verweis auf Satire "aber nur eine Tarnkappe für wirklichen Hass".

Seit ihrem Einzug in den baden-württembergischen Landtag 2016 versucht die AfD auf ähnliche Weise, Stimmung gegen die von ihr so titulierten Altparteien zu machen. Zugleich beschreibt Curio aber auch den Gemütszustand unter den eigenen Funktionsträger:innen, die so viel Abneigung und Böswilligkeit gegenüber den gesellschaftlichen Ist-Zuständen in der Bundesrepublik entwickelt haben, dass sie kein gutes Haar mehr an ihr lassen können. 

Steilvorlagen im Tagestakt

Politisch wollen Özdemir und alle Anhänger eines Verbotsverfahrens vor allem den deutsch-nationalen Flügel bekämpfen – mit seinen Forderungen zu einem Ausstieg aus dem Euro, der EU, der NATO, mit der Verleugnung des menschengemachten Klimawandels. Betrieben werde "eine hochgefährliche Politik, die Deutschland nicht nur tiefgreifende wirtschaftliche Schäden zufügen, sondern auch die inner- und außereuropäische Sicherheit aufs Spiel setzen würde", schreibt Özdemir in einem FAZ-Beitrag mit Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Dennoch könne "eine solche Politik unter bestimmten Voraussetzungen mit den obersten Zielen unseres Grundgesetzes noch vereinbar sein". Der völkische Teil stelle dagegen "ganz unverhohlen die Grundfesten und wesentlichen Schutzgüter unserer Verfassung infrage", indem er etwa die Würde eines Menschen von seiner kulturellen Prägung oder ethnischen Herkunft abhängig mache.

Im Tagestakt liefern Rechtsextremist:innen immer neue Steilvorlagen für den Ruf nach einer Verbotsprüfung. Der "Spiegel" berichtete, dass im Livestream des offiziellen YouTube-Kanals der Bundes-AfD am Magdeburger Wahlabend mehrere NS-Propagandalieder abgespielt wurden. Der Sieger Ulrich Siegmund (AfD) ließ seinen schrägen Visionen wenig später freien Lauf, als er im Zusammenhang mit Rüstungsgütern und einem israelischen Drohnenhersteller im Südharz auf eine "spätere Remigrations- und Abschiebeoffensive" zu sprechen kommt, bei der "natürlich auch entsprechende Hilfsmittel" gebraucht würden.

Der Stand der Dinge

Das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte die gesamte Alternative für Deutschland (AfD) im Mai 2025 als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Grundlage war ein gut tausendseitiges Gutachten, in dem ihr eine mit dem Grundgesetz unvereinbare völkisch-nationalistische Ausrichtung bescheinigt wird. Das Verwaltungsgericht Köln hat einem von der AfD gegen die Höherstufung angestrengten Eilantrag stattgegeben, damit bleibt die Partei vorerst Verdachtsfall. Der Verfassungsschutz verpflichtete sich bis zur Entscheidung im Hauptsacheverfahren, die AfD nicht mehr als gesichert rechtsextrem bezeichnen. Das Urteil wird bis Ende 2026 erwartet. Unabhängig davon sind aber einzelne Landesverbände – darunter Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen – als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.  (jhw)

Dass Siegmund mit militärischen oder paramilitärischen Mittel gegen Migranten vorgehen will, ist das eine, die längst selbstverständliche Verwendung des Begriffs "Remigration" das andere. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nennt das Wort jedenfalls "ein Synonym für ethnische Säuberung nach Herkunft und Hautfarbe". Würde dies Realität, "dann kann das Handwerk in Deutschland nicht mehr arbeiten, dann arbeitet kein einziges Pflegeheim mehr, dann arbeitet kein einziges Krankenhaus in Deutschland mehr, dann ist keine einzige Gaststätte mehr zu betreiben".

Der planvolle Umgang mit der Vokabel steht für die Radikalisierung. Im Stuttgarter Landtag, selbst von der AfD-Bundesvorsitzenden Alice Weidel, wurde "Remigration" lange nicht verwendet. Ursprünglich bezeichnete der Begriff die Rückkehr beispielsweise von emigrierten Wissenschaftler:innen nach Deutschland nach 1945. Vor gut zehn Jahren wurde er von Rechtsextremen zweckentfremdet, allen voran vom Österreicher Martin Sellner. Den stuft das Bundesamt für Verfassungsschutz als "Leitfigur der 'Identitären Bewegung' im gesamten deutschsprachigen Raum" ein. Er verfüge über eine breite Vernetzung in der neurechten Szene und über vielfältige Möglichkeiten, um seine rechtsextremistischen Ideen und Theorien zu propagieren, darunter zum sogenannten "Großen Austausch" oder eben der "Remigration".

Merz wird sich erklären müssen

Alle Beschlüsse zur Unvereinbarkeit von AfD und rechtsextremen Organisationen sind ohnehin längst Makulatur. Thesen und Forderungen sind übernommen, "Remigration" ist im Alltagsdeutsch gelandet. Ruben Rupp zum Beispiel, früher Landtags- und heute Bundestagsabgeordneter, fordert schon 2025 eine starke Begrenzung der Migration: Die sei "ein Fass ohne Boden", deshalb "brauchen wir Remigration". Die Migration geht deutlich zurück, die AfD schlägt immer schrillere Töne an. 

Nach den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern wird schon allein deshalb eine neue Dynamik in die Verbotsdebatte kommen, weil sie der Bundeskanzler gleich zweifach erklären muss. Wenn Merz tatsächlich davon ausgeht, dass die AfD eine "ethnische Säuberung" anstrebt, wird er logischerweise ins Lager derer wechseln müssen, die eine Prüfung durch Gutachter befürworten. Und er wird erläutern müssen, wie er seinen Hinweis auf Artikel 37 Grundgesetz verstanden wissen will. Darin geregelt ist der "Bundeszwang", den die Bundesregierung nach einer Zustimmung des Bundesrats mit absoluter Mehrheit gegen Länder und Behörden anwenden kann, wenn diese gegen Bundesrecht verstoßen. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) lieferte schon konkrete Beispiele: Sollten in Sachsen-Anhalt unter einer AfD-Regierung Eheschließungen gleichgeschlechtlicher Paare nicht mehr möglich sein oder blieben Einbürgerungsanträge vorsätzlich unbearbeitet, läge ein klarer Bruch vor.

Im Südwesten starten die Landtagsfraktionen traditionell mit getrennten Klausuren in den politischen Herbst. Auf der offiziellen Tagesordnung der Grünen und der CDU steht das Thema Prüfung nicht. Informell wird aber darüber diskutiert. Und vielleicht finden auch unter baden-württembergischen Schwarzen Stimmen wie die von Alexander Föhr immer mehr Gehör. Der hat seine Haltung noch in seiner Zeit im Bundestag auf abgeordentenwatch.de nochmals konkretisiert. "Die jüngsten Entwicklungen in der AfD – insbesondere die Beschlüsse des Parteitags im Januar – zeigen eine immer weitergehende Radikalisierung dieser Partei", schrieb er im Februar 2025. Und er schaute in die Zukunft: Bei einer Hochstufung der Partei durch den Verfassungsschutz will Föhr die Einleitung eines Verbotsverfahrens unterstützen.

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