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Mitgliederentscheid der SPD Baden-Württemberg

Die Knallpaarung

Mitgliederentscheid der SPD Baden-Württemberg: Die Knallpaarung
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Baden-Württembergs SPD hat in den vergangenen Jahrzehnten einen bemerkenswerten Sinkflug hingelegt. Tiefpunkt: das Wahldesaster vom 8. März. Jetzt wollen es Robin Mesarosch und Isabel Cademartori richten in der verwegenen Hoffnung, dass sich ihre Gegensätze ausreichend anziehen.

Die Ausgangslage ist komplizierter als je zuvor, denn die Sozialdemokratie im Südwesten hat nicht mehr viel und zugleich alles zu verlieren. "Worauf warten wir noch bei 5,5 Prozent?", fragt Robin Mesarosch, Bundestagsabgeordneter von 2021 bis 2025 vom linken Flügel und aus dem Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen, in seinem Appell an die 30.000 Genoss:innen, die es gibt hierzulande und die nun über die neue Führung abstimmen dürfen. Mit 5,5 Prozent ist die SPD bei der jüngsten Landtagswahl nur knapp am Rauswurf aus dem Parlament vorbeigeschrammt. Der 35-Jährige, von "Bild" zum "Instagram-Star" ernannt und von Fans auf Facebook zum "Erklärbär", kann im Netz tatsächlich mit enormen Klickzahlen und mit der größten Reichweite aller SPD-Politiker:innen aufwarten. Er scheut selbst große Worte nicht: Mesarosch will der Sozialdemokratie ihren Stolz zurückgeben und den Landesverband entfesseln.

So weit, so ambitioniert. Und das ist noch nicht alles: Der Hoffnungsträger mit dem Bekanntheitsgrad weit über Partei und Blase hinaus tritt im Doppelpack an mit Isabel Cademartori, einer ausgewiesenen Vertreterin vom SPD-rechten "Seeheimer Kreis". Das Duo versucht zwei Strömungen abzudecken, deren Schnittmengen im roten Markenkern traditionell schwierig auszutarieren waren und sind. Die Vorsitz-Aspirant:innen können dennoch bereits welche vorweisen: zum Beispiel beim Thema Erbschafts- und Vermögenssteuern oder dem Festhalten am Verbrenner-Aus als klimapolitisch gerechtfertigt. Außerdem weil bei 5,5 Prozent die innerparteiliche Profilschärfung ohnehin in den Hintergrund tritt. Die Linke in der SPD weiß, dass sie ihren Favoriten nur durchsetzen kann, wenn sie Cademartori akzeptiert. Und sogar Jusos orten nach einschlägigen Gesprächen mit letzterer eine "durchaus progressive Agenda".

An der politischen Vita der beiden lässt sich der Niedergang der Partei zwischen Main und Bodensee exemplarisch darstellen. Mesarosch zog 2021 bei der Wahl des Genossen Olaf Scholz zum Kanzler mit fast zwanzig Prozent in den Bundestag ein und hat vier Jahre später mit einem Minus von 8,5 Prozent die Wiederwahl verpasst. Und Cademartori holte 2021 das vorerst letzte Direktmandat für die Südwest-SPD, mit gut 25 Prozent im tiefroten Wahlkreis Mannheim, wo die Partei mit so unterschiedlichen Promis wie Carlo Schmid und Werner Nagel bis in die 1980er-Jahre 50 und mehr Prozent einfuhren.

In der Analyse der Ursachen des Abschwungs ist das Bewerberpaar gut. Der smarte Kommunikationsberater ohne Studienabschluss, aber mit viel Input (Kommunikation, Rechtswissenschaften, Philosophie und Geschichte), erklärt am Beispiel Miete, "warum die SPD-Ergebnisse so unfassbar unterirdisch geworden sind". Wenn ihre Wahlplakate "Mieten runter" verkünden und sich dann gar nichts ändert durch eine Regierungsbeteiligung der SPD, dann macht ihn das erkennbar wütend. Oder wenn die SPD sogar von der "sozialen Frage des 21. Jahrhunderts" spricht, aber einen Koalitionsvertrag unterschreibt, der keinerlei Lösungen anbietet. Er selbst kommt über ein Wortspiel allerdings kaum hinaus, denn wichtig sei nicht, "wofür die SPD steht, sondern wofür die SPD stehen bleibt". Mit Blick auf den Mitgliederentscheid liegt die Pointe auf der Hand: Es brauche "die richtigen Leute, die stehen bleiben", und darum wolle er Landesvorsitzender werden. Die Frage, wie Mehrheiten für reale politische Entscheidungen zustande kommen, umschifft der bemerkenswert eloquente Mesarosch mehr oder weniger elegant.

Ausgerechnet eine Strippenzieherin

Auch seine Mitstreiterin weiß viel zu sagen. Cademartori beklagt ebenfalls das große Glaubwürdigkeitsproblem ihrer SPD, das als erstes angegangen werden soll. Zugleich ist die Deutsch-Chilenin mit dem kommunistischen Großvater, der Wirtschaftsminister unter Salvador Allende war, in einer sehr speziellen Lage. Falls sie zur Co-Landesvorsitzenden gewählt wird, muss sie aufräumen, was sie vor sechseinhalb Jahren mit angerichtet hat: Sie war eine der wichtigsten Steigbügelhalter:innen von Lars Castellucci, der – per Mitgliederentscheid übrigens – die linke Landesvorsitzende Leni Breymaier aus dem Wege räumte.

Schlechte Erfahrungen 

Dem schon angelaufenen Basisentscheid stellen sich neben Isabel Cadematori und Robin Mesarosch die Landtagsvizefraktionschefin Dorothea Kliche-Behnke und der Gomaringer Theologe Carsten Lotz als Einzelkandidierende. Zur historischen Wahrheit gehört jedoch, dass die SPD über Jahre keine wirklich guten Erfahrungen mit dieser Form der innerparteilichen Mitbestimmung gemacht hat: In Baden-Württemberg wurde Nils Schmid 2009 durch Urwahl zum Vorsitzenden gekürt, konnte aber bei rund 40.000 Mitgliedern damals und einer Beteiligung von 55 Prozent mit der relativen Mehrheit von 47 Prozent nur rund zehntausend Genoss:innen für sich gewinnen. Noch dramatischer waren die schlechten Erfahrungen im Bund: 1993 wurde Rudolf Scharping mit seinen innerparteilichen Mitte-rechts-Positionen bei einer Beteiligung von rund 56 Prozent zum Bundesvorsitzenden gewählt – von gut einem Fünftel der damals halben Million Mitglieder. 1995 stürzte ihn eine Delegiertenmehrheit beim Bundesparteitag in Mannheim und kürte Oskar Lafontaine zum Nachfolger – nach einer einzigen legendären Rede, einer vielbejubelten rhetorischen Meisterleistung, die dazu noch eines war: stramm linksorientiert. 

Dem endgültig über die neue Führung entscheidenden Sonderparteitag am 20. Juni in Ulm liegt ein Antrag vor, der zwar den Mitgliederentscheid nicht aushebeln kann. Verlangt wird aber, "den Zeitplan für die Wahl des/der Landesvorsitzenden nach dem festgestellten Ergebnis auszusetzen". Zwar hätten – übrigens nicht öffentlich – Regionalkonferenzen bereits stattgefunden. Der größte Teil der Mitgliedschaft sei aber weiterhin "nicht ausreichend informiert und einbezogen, Resignation und Gleichgültigkeit drohen". Gewählt werden solle deshalb nur ein "klein gehaltener Übergangsvorstand", der bis zu einem ordentlichen Parteitag zum Jahresende oder im nächsten Frühjahr die inhaltliche Debatte organisiert und daraus Vorschläge für Veränderungen erarbeitet. Wie schnell strömungsübergreifendes Vorgehen Schule machen kann, belegt die Liste der Unterstützer:innen: Von Herta Däubler-Gmelin (ehem. stv. Bundesvorsitzende, ehem. Bundesjustizministerin und MdB) bis Reinhold Gall (ehem. Innenminister des Landes Baden-Württemberg und ehem. MdL), von Hilde Mattheis (ehem. MdB und ehem. stv. Landesvorsitzende) bis Rainer Stickelberger (ehem. Justizminister und MdL) sind alle Flügel prominent vertreten.  (jhw)

Cademartori organisierte seine Unterstützer:innen und war da schon bestens vernetzt, zumal bei den damals programmatisch am rechten Parteirand einzuordnenden Landesjusos. Die Mannheimer Stadträtin trommelte mächtig und erfolgreich, brachte Parteipromis wie Ute Vogt oder Katja Mast auf Castelluccis Seite. Erstmals spielten soziale Medien eine zentrale Rolle in dem innerparteilichen Machtkampf. Der sei "den zivilisatorischen Standards entglitten", rüffelte die "Stuttgarter Zeitung".

Breymaier gewann so knapp, dass sie gehen musste, aber ihrem Kontrahenten misslang der Griff nach dem Vorsitz. Der Verdacht war zu ausgeprägt, er und seine Truppe wollten weiter an den ohnehin schon tiefen Gräben im Landesverband graben, anstatt sie zuzuschütten. Andreas Stoch bewarb sich als Alternative und wurde vom Parteitag in Sindelfingen zum Landesvorsitzenden gewählt – mit ganzen acht Stimmen Vorsprung. Als Kultusminister im grün-roten Kabinett von Winfried Kretschmann galt auch Stoch sehr wohl als mitverantwortlich für die Landtagswahlpleite von 2016, als seine Partei von 23 auf nicht einmal 13 Prozent abstürzte.

Heute nimmt Cademartori für sich in Anspruch, gerade aus dieser Spaltungerfahrung die richtigen Lehren gezogen zu haben. "Wir wollen den Laden doch nicht zu machen", sagt sie im Kontext-Gespräch und sieht gute Chancen, gerade gemeinsam mit Mesoarosch für "die notwendige größere Sichtbarkeit der SPD" selbst bei magerem Wahlergebnis zu sorgen.

Das Tandem im maximalen Spagat verspricht im Bewerbungsschreiben grundsätzliche und lebensnahe Lösungen statt "fünf Euro hier, fünf Euro da und komplizierter Anträge". Und weiter: "Das kriegen wir hin, wenn wir die vielen klugen und erfahrenen Leute in und außerhalb unserer Partei richtig beteiligen." Zukünftig dürfe nicht mehr entscheiden, "in welchem Gremium Ihr sitzt, welchem Flügel Ihr angehört oder aus welchem Kreisverband Ihr kommt, einzig und allein muss zählen, was Ihr für die Sozialdemokratie tun könnt."

Wieder organisiert die 38-Jährige mit dem Master in Wirtschaftspädagogik Unterstützung: Elf Bürgermeister:innen und vier Oberbürgermeister aus dem ganzen Land werben bereits für die Doppelspitze und behaupten einigermaßen tapfer angesichts von Cademartoris Vergangenheit, beide stünden für Erneuerung, gesellschaftliche Vielfalt und moderne Sozialdemokratie. Sie ergänzten sich sehr gut durch ihre unterschiedlichen Hintergründe und politischen Erfahrungen und verkörperten gemeinsam eine Mischung, die genau jetzt richtig sein könne, heißt es in einem Wahlaufruf. Zugleich brächten beide "Sichtbarkeit, kommunikative Stärke und Präsenz mit – Eigenschaften, die für die SPD in der aktuellen politischen Lage besonders wichtig sein werden".

Unerwähnt bleibt die (noch) beträchtliche Entfernung der beiden zur Landespolitik. Um seine Ansichten zu promoten, zieht Mesarosch gerne vors Berliner Reichstagsgebäude. Cademartori ist verkehrspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, Mitglied in deren Vorstand, Vorsitzende eines Gesprächskreises Lateinamerika und Karibik und eine von nur zwei Vizes der baden-württembergischen Landesgruppe. Beide sind landespolitisch bisher nicht wirklich aufgefallen. Vielmehr hat der Klimaschutz-, Energie- und Digitalexperte sich sogleich angelegt mit Sascha Binder. Der sei als Generalsekretär und Wahlkampfleiter mitverantwortlich für das Debakel der Landtagswahl, findet er, und habe sich dennoch sofort zum Fraktionschef wählen lassen.

Jetzt können die Genoss:innen entscheiden

Abgesehen von solchen Animositäten drängt sich eine weitere Frage auf: Braucht eine 5,5-Prozent-Partei, die mit nur zehn von 157 Abgeordneten im neuen Landtag die einzig demokratische Opposition stellt, tatsächlich ein Trio (mit Binder) an der Spitze? Oder wäre eine schlanke Führung der kurzen Wege zwischen einer Parteichefin Dorothea Kliche-Benke und dem Fraktionsvorsitzenden Binder nicht deutlich schlagkräftiger? Immerhin wollen Cademartori und Mesarosch mit ihrem Personalvorschlag für das Amt des Generalsekretärs die Brücke zur Fraktion schlagen: Der Ex-Landtagsabgeordnete Jan-Peter Röderer, der den Wiedereinzug am 8. März verpasst hat, will "den Neustart der SPD Baden-Württemberg an dieser zentralen Stelle mitgestalten".

Ob daraus was wird, dürfen die 30.000 Mitglieder entscheiden. Bis 15. Juni um 18 Uhr müssen die Stimmzettel in der Stuttgarter Landesgeschäftsstelle eingegangen sein. Erst die Wochen und Monate danach werden zeigen, ob nicht schon allein das gewählte Verfahren ein Missgriff war. Aus der Sicht von Andreas Stoch hat die Urwahl einen großen Nachteil, weil sich Anhängerschaften, "die hinter den Kandidaten stehen, voneinander entfernen können". Leni Breymaier hält dagegen: Nicht trotz, sondern wegen des strömungsübergreifenden Angebots könnte tatsächlich "ein neuer Aufbruch in neuer Einigkeit" möglich werden. Immer unter der Voraussetzung, den beiden gelinge wirklich, sich gemeinsam auf den Weg zu machen raus aus der Talsohle. Die Ausgangslage ist komplizierter als je zuvor – denn Baden-Württembergs Sozialdemokratie hat nicht mehr viel zu verlieren. Und zugleich alles.

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2 Kommentare verfügbar

  • Ulrich Staets
    vor 12 Stunden
    Antworten
    Danke für die MItteilung, wer der beiden Held:innen auf dem Foto wo zu finden ist!
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