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Björn Höcke in Reutlingen

Auftritt um 19.33 Uhr

Björn Höcke in Reutlingen: Auftritt um 19.33 Uhr
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 Fotos: Julian Rettig 

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Datum:

Draußen mehr als 4.000 Protestierende, drinnen um die 700 AfD-Fans: Vergangenen Samstag sprach der völkische Nazi Björn Höcke in Reutlingen-Rommelsbach.

Rommelsbach, Samstagnachmittag gegen 17 Uhr: Eine junge Mutter mit zwei kleinen Kindern an den Händen zieht es zur Anti-AfD-Demo auf dem Pausenhof des Berufsschulzentrum-Nord. Die Kinder wenden sich immer wieder nach hinten, schauen zu den Leuten, die vor der Wittumhalle auf Einlass zur Veranstaltung mit Björn Höcke warten. "Nein", sagt die Mutter. "Das sind die schlechten Menschen. Wir gehen da vorne hin, da sind die Guten, die sind für Demokratie." 

Und da sind auch deutlich mehr als später in der Sporthalle, in die der AfD-Kreisverband Reutlingen zum Wahlkampfabschluss geladen hat. Mehr als 4.000 Demonstrierende, also fast so viele wie Rommelsbach Einwohner:innen (5.000) hat, gehen vom Kreisverkehr in der Ortsmitte zu dem am Ortsrand gelegenen Schulzentrum. In der Halle jubeln später um die 700 Menschen dem Faschisten Höcke zu.

Mehrere Hundert Polizist:innen trennen die Rechtsextremen von den Gegendemonstrierenden. Bei denen wehen Antifa-, Regenbogen- und Gewerkschaftsfahnen, Parteifahnen von Linke, SPD und MLPD, Plakate von Grüne und Volt sind zu sehen. Sie sind vor allem aus Reutlingen, Tübingen und Stuttgart angereist, nachdem viele Gruppen und Bündnisse mobilisiert hatten. Linksradikale und Bürgerliche, Jugendliche und Rentner:innen, Eltern mit ihren Kindern zeigen Plakate mit Aufschriften wie "Björn Höcke ist ein Nazi", “Pfui Höcke” oder etwas kreativer: "Abtreibung bis zum 655. Monat" zusammen mit einem Bild des Thüringer AfD-Landesvorsitzenden. Der wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem bezeichnet, ist Leitfigur des pro forma aufgelösten völkischen Flügels der Partei. 

Während es draußen bunt zugeht, nehmen drinnen langsam die AfD-Anhänger:innen unter den Basketballkörben Platz. Wie üblich für diese Partei sind es deutlich mehr Männer als Frauen, die meisten hier wirken gutbürgerlich. Die rechte Influencerin "Mädel mit Meinung" ist da und postet später ein Selfie mit Höcke, einer trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Remigration" plus Flugzeugen, ein anderer hat sich den Spruch "Deitsch on frei wolln mer sei" auf die Kleidung gedruckt. Manche weisen sich per blauer Jacke mit entsprechender Aufschrift als Mitglieder anderer AfD-Kreisverbände aus, einer trägt die Jacke der rechten Pseudogewerkschaft Zentrum, mit der die Partei bis vor Kurzem offiziell nichts zu tun haben wollte.

Um 19 Uhr soll es losgehen. Doch Höcke ist unpünktlich. Offenbar zur Beruhigung klingt merkwürdig sphärische Meditationsmusik durch die Sporthalle. Doch dann: Genau um 19.33 Uhr wird Höcke in die Halle geleitet. Die Menge springt auf, klatscht rhythmisch, "Hö-cke! Hö-cke!"-Rufe ertönen. Viele strahlen beseelt.

Am besten kommt Beschimpfung der anderen an

Der Redemarathon beginnt. Zunächst beschimpft der örtliche Direktkandidat Maximilian Gerner in zackigem Ton die "Altparteien", redet über den seiner Ansicht nach desaströsen Zustand des Landes, das die AfD retten wird. Wie seine Partei das machen will, sagt der 28-Jährige nicht. Damit nimmt der Referent der AfD-Landtagsfraktion voraus, was auch seine Nachredner auszeichnet: Beschimpfung der anderen Parteien, des Staats, von Migranten, der Presse, des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, von Windrädern. Die Lösung: Patriotismus.

Als nächstes betritt Christian Zaum, AfD-Bundestagsabgeordneter aus Nordrhein-Westfalen, die Bühne. Der klagt über "teuren Flatterstrom" von Windkraftanlagen, über Migration und fehlende Fachkräfte – diese kämen "in der Regel nicht im Schlauchboot". Das deutsche Vaterland wolle er erhalten, da dürfe man sich auch nicht scheuen, das Wort "Remigration" in den Mund zu nehmen.

Mittlerweile ist eine Dreiviertelstunde vergangen, Sandro Scheer tritt ans Mikro. Zunächst wird aber ein Video mit Redeausschnitten von Markus Frohnmaier abgespielt. Das ist insofern interessant, als Frohnmaier zunächst auch für diese Veranstaltung angekündigt war, dann aber plötzlich nicht mehr. Der AfD-Bundestagsabgeordnete, der in Baden-Württemberg den Spitzenkandidaten der AfD gibt (aber nicht für den Landtag kandidiert), war im Wahlkampf bemüht, seine Partei als bürgerlich-konservativ darzustellen. Das Image lässt sich mit Höcke nicht bedienen, also bleibt er diesem Abend fern.  

Scheer ist erst seit dem 1. April im Landtag, weil er nachgerückt ist für Hans-Jürgen Goßner, der in den Bundestag gekommen ist. Er gilt als Rechtsaußen unter Rechtsaußen, seine Rede besteht vorwiegend aus Anekdoten, Verächtlichmachung politischer Gegner und für die Forderung "GEZ abschaffen" bekommt er viel Applaus. Landespolitik kommt nicht vor.

Patriotismus ist hier die Lösung für alles

Und dann Höcke. Mit Headset steht er auf der Bühne, oft legt er die Handflächen wie zum Gebet vor seine Brust, beugt sich nach vorne mit geöffneten Armen: ein Demütiger, einer, der mit seiner meist ruhigen und beschwörenden Tonlage genau weiß, wie er die Leute kriegt – mit Gefühlen, nicht mit Fakten. Die Nazi-Keule interessiere ihn nicht, sagt Höcke, hat aber das Bedürfnis, seine zweimalige Verurteilung für die Verwendung einer Naziparole "einzuordnen". Wenig überraschendes Ergebnis: Das sei ein politischer Prozess gewesen, natürlich "eines Rechtsstaats unwürdig". Die Parole selbst sagt er nicht, dafür ruft eine Zuhörerin aus den vorderen Reihen "Alles für Deutschland!" – eine Losung der SA, die gerne in Dolche graviert wurde.

Höcke meint: "Wir kämpfen einen völlig moralischen Kampf", die Altparteien aber seien allesamt unmoralisch. So geht es nun etwa eine Stunde lang weiter. Hier die Guten, da die Bösen. Und warum ist die AfD gut? Weil da die Patrioten sind. Die "Kartellparteien" machten Politik gegen die Bevölkerung und wenn das so weitergehe, sei "in zehn, zwanzig Jahren von Deutschland nichts mehr übrig". Er sei kein Ideologe und ein Freund der Meinungsfreiheit, behauptet der 54-Jährige, um zehn Minuten später anzukündigen, dass eine AfD an der Macht "die bunten Ideologen aus Kitas und Schulen vertreiben" würde.

Höcke tut, was er immer tut: Angst verbreiten und Erlösung bieten. "Wir stehen an einem Scheideweg", "die Migrationskrise" sei gewollt und "Völkermord", Corona sei eine "Diktatur" gewesen und die AfD stellt er als armes, unterdrücktes Opfer dar. Doch Rettung naht! Durch Patrioten. Außer "Remigration, ja was denn sonst?!" kommt nicht viel Habhaftes. Höcke schafft es, von der Kameraüberwachung öffentlicher Plätze, die er ablehnt als "ersten Schritt in einen Überwachungsstaat", einen Bogen zu schlagen in ein unbestimmtes Früher, in dem vermeintlich alles besser war: Er möchte zurück in "unsere über Jahrhunderte gewachsene Vertrauensgemeinschaft". Großer Applaus.

Vertrauensgemeinschaft? Egal, hört sich irgendwie gemütlich an und Hauptsache, nicht nachdenken. In einer vorderen Reihe sitzt ein kräftiger Mann mit AfD-Basecap. Bei jedem Szenenapplaus hebt er drei gehäkelte Wollfiguren hoch ("Die hat meine Frau gemacht.") und wedelt damit herum: eine in schwarz-rot-gold, eine blaue mit dem roten AfD-Pfeil und eine soll Alice Weidel sein. Tja. 

Der Püppchenmann gehört zu den ersten, die nach der Rede nach vorne eilen, denn Höcke steht noch eine halbe Stunde für Selfies und Autogramme parat. Viele andere verlassen nach den fast drei Stunden die Halle, holen sich ein Bier, wollen an die Luft oder nach Hause. Drinnen wird derweil die Nationalhymne abgespielt. Allzu viele sind nicht mehr da zum Mitsingen.

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