Ausgabe 59
Politik

Pirat Harald Hermann

Datum: 16.05.2012

Nickname: Banshee

Von einem Piraten-Politiker erwartet man eine mobile Internet-Komplettausstattung, Smartphone, Twitter-Account, Blog, allzeit bereit, allzeit online. Hat Harald Hermann nicht. Von einem Oberbürgermeisterkandidaten erwartet man Politiker-Sprechblasen. Ich will ... Wir werden ... Es muss endlich ... Macht Hermann nicht. Harald Hermann ist anders. Und er will das genau so. Zum Pressetermin kommt der 52-jährige Stuttgarter im schwarzen Sakko. Das knallorangene Piratenlogo leuchtet unter der Jacke hervor. "Ich hatte jahrelang das Gefühl, Politiker machen nur Mist", sagt er, "Parteipolitik hatte für mich etwas Abstoßendes." Und den Namen Piratenpartei fand er "irgendwie blöd". Doch dann kam der Wahlomat und machte aus Harald Hermann – ein Parteimitglied.

Der Wahlomat ist eine nützliche Seite im Internet. Die Bundeszentrale für politische Bildung speist darin die Wahlprogramm der einzelnen Parteien ein. Der Computer fragt einzelne Standpunkte ab und berechnet am Ende, welche Partei zu einem passt. "Üblicherweise kam ich so auf 60 Prozent Übereinstimmung", sagt Harald Hermann. Doch dann, vor der Europawahl 2009, spuckte das System 96 Prozent Übereinstimmung aus. 96 Prozent! Dabei kannte Hermann die ihm empfohlene Partei nicht einmal. Er beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen, und steuerte das nächste Piratentreffen an.

Der Wahlomat, ein Computerprogramm also, wies ihm somit den Weg zu Gleichgesinnten. Damit nahm der Rechner ein weiteres Mal eine wichtige Rolle im Leben des EDV-Experten ein. Nur wusste Hermann das damals noch nicht. Als Student hatte er sich in seiner Freizeit mit der damals neuen Technik beschäftigt, hatte Programme geschrieben. Bald wurde daraus ein Nebenjob, schließlich sein Hauptbroterwerb. Inzwischen betreut er für die Stadtverwaltung von Stuttgart die Servercomputer und kann "mehrere Programmiersprachen fließend". In seiner Freizeit bleibt der Rechner nun aber oft aus: Er liest lieber ein Buch oder geht spazieren. Manchmal nennt er sich selbst den "Offline-Piraten".

"Ich bin bei den Piraten auf eine Welt gestoßen, die so funktioniert wie ich", sagt Hermann mit einem Lächeln im Gesicht. Diese Welt ist zwar keine Computerwelt, aber sie ist von Computern geprägt. Kurz charakterisiert herrscht in dieser Welt die Ratio über das Gefühl, es wird diskutiert, und es geht um Sachargumente und Lösungen, Dogmen sind verpönt und alle offen für andere Ansichten. "Als EDV-ler ist man gewöhnt, sich zu fragen, ob etwas funktioniert oder nicht. Wenn man diese rationale Denkweise verinnerlicht hat, hält man Probleme auseinander und zerlegt sie, behält dabei aber trotzdem im Kopf, das dass, was man da vor sich hat, ein komplexes System ist."

Dieses Denken würde Hermann gerne auch in der Politik etablieren. "Wenn ich zum Bürgermeister gewählt werden würde, dann würde ich die Verwaltung piratiger machen", sagt er. Also lösungsorientiert und ohne Parteipolitik. Dass Hermann Bürgermeister wird, erwartet er aber trotz aller Euphorie um die Piraten nicht. "Es geht darum, den Leuten klarzumachen, dass wir so etwas können. Ein zweistelliges Ergebnis wäre eine Traumzahl." Manchmal hat die Ratio aber auch etwas Motivierendes, selbst wenn die Situation wenig Erfolg verspricht. "Es ist nicht unmöglich, gewählt zu werden", sagt Hermann. Eine Limes-Geschichte sei das, eine Frage der Mathematik.


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