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Pirat Marco Rosenthal

Pirat Marco Rosenthal

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Nickname: Mac

An einem Piraten-Infostand hat Marco Rosenthal mal den ehemaligen Chauffeur von Papst Benedikt getroffen. Er fand, dass die Piraten schon recht haben: Kirche und Staat müssten mehr getrennt sein, weil der Staat der Kirche immer so viel reinrede. Rosenthal grinst. "So herum kann man es auch betrachten."

Marco Rosenthals Piratenlaufbahn begann vor etwa drei Jahren, als sich Ursula von der Leyen mit einem Stoppschild ablichten ließ, mit dem im Internet bedenkliche Seiten gekennzeichnet werden sollen. Kinderpornos zum Beispiel. Da war das Fass für Marco Rosenthal übergelaufen. Er sei auch gegen Kinderpornografie, natürlich, aber mit diesem Stoppschild wäre, hätte es sich durchgesetzt, das Zeitalter der potenziellen Internetzensur angebrochen. Das regte ihn auf, wie schon 2005 die Diskussion um die Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung oder die Diskussion über Übermittlung von Passagierdaten auf Flughäfen oder die Einführung von Software-Patenten, des biometrischen Ausweises. "Als Bürger wird man wie ein Verbrecher behandelt."

Seine Freundin, erzählt er, habe eines Abends beim Abendbrot gesagt, er würde dauernd nur meckern. Anstatt zu meckern solle er doch endlich mal was tun. Also tat er was und wurde Pirat.

Marco Rosenthal ist Software-Entwickler, 33 Jahre alt, einer, der weiß, wie das Internet tickt. Er war nie ein politischer Mensch, er hat gewählt, ja, vielleicht war er von allen Parteien am ehesten grün, sagt er. 2006 hatte er einen Artikel gelesen: "Deutsche Piratenpartei kämpft für die freie Wissensgesellschaft", den fand er gut. Drei Jahre später, an dem Tag, als seine Freundin sagte, er solle endlich aufhören zu jammern, rief er ihn sich noch einmal auf den Bildschirm. In einem anderen Browserfenster öffnete er das Grundsatzprogramm der Piratenpartei. "Ich konnte unter jeden Punkt meinen Haken setzen", sagt er. Partizipation des Bürgers, demokratische Gleichberechtigung, eine andere Verteilung der Macht im Staat durch die Möglichkeiten des Internet, Wissen und Bildung für alle, keine künstliche Verknappung von verfügbaren Daten durch Urheberrechte, Schutz der Privatsphäre, Internet für alle. 

Und so wurde er Mitglied. Ein Pirat 1.0, einer der ersten Stunde, als die Partei grade mal geschätzte 1000 Mitglieder hatte, vor der Bundestagswahl, vor dem ersten großen Hype. "Man muss alles hinterfragen", sagt er. Die Politik, die Presse, sich selbst informieren, statt infotaint zu werden, wo doch so vieles, ja fast alles, im Netz steht und man nur die Quellen anzapfen muss. Das müsse die Gesellschaft zwar noch lernen, aber es lohne sich, sich dafür einzusetzen.

Rosenthal ist eher ein ruhiger Typ. Häuslich, Reisen oder Wandern, Radtouren plant seine Freundin und nimmt ihn dann eben mit. Veränderungen sind nicht sein Ding, selbst eine Baustelle, die in seiner Nachbarschaft auftaucht, bringt sein strukturiertes Leben schon mal durcheinander, sagt er von sich selbst. Dann lacht er, weil er sich so stark verändert hat, seitdem er ein Pirat ist. Jetzt geht er raus, beteiligt sich, gestaltet, sagt er. 

Sein erstes Piratentreffen fand im Freiburger "Eimer" statt, da waren Leute mit und ohne Arbeit, Studenten, aber auch Ältere. Eine bunte Mischung voller Power, das hat ihm gefallen. Also begann er Plakate für die Partei zu kleben, und weil ihm das Spaß machte, organisierte er Infostände, gründete einen eigenen Emmendinger Stammtisch im Kreis Freiburg, an einem Mittwoch vor Weihnachten. Sie nennen sich die Elzpiraten, weil die Elz, ein Nebenfluss des Rheins, an Emmendingen vorbeifließt. 2010 haben sie einen Bezirksverband aufgebaut, 2011 ist er durch den Landkreis geradelt und sammelte Unterschriften für seine Landtagskandidatur, er wurde Ersatzkandidat. Am Anfang, sagt er, sei das komisch gewesen, wildfremde Leute mit "Hallo, wir sind die Piraten, was halten Sie von Bürgerrechten?" anzuquatschen und dann die vollständigen Adresse auf dem Klemmbrett einzutragen. "Und das als Datenschutzpartei!", sagt er. Mittlerweile ist er es gewohnt.

"Wenn man Pirat ist, muss man an Freiheit glauben", sagt er. Freiheit der Bildung, der Kunst und der Religion, Freiheit, dieser riesige Begriff, er kann ihn kaum mit Worten füllen. "Mischung" ist da einfacher: Homos, Heteros, Atheisten, Christen, Buddhisten, Selbstdarsteller, leise Leute, wo Piraten draufsteht, ist eigentlich alles drin, eine Volkspartei, findet Marco Rosenthal, das ist das Schöne an den Piraten.

Weil das Internet so was wie eine zweite Wirklichkeit neben der geworden ist, die man anfassen kann, findet Marco Rosenthal, dass es eine Partei geben muss, die sich damit beschäftigt. "Manchmal fragen mich die Leute, wie viele Stunden ich am Tag im Internet verbringe", sagt er. "Was soll ich sagen? Ich bin ständig im Internet." Er zieht sein Smartphone aus der Tasche, winkt damit. "Wir alle sind doch eigentlich ständig online."


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