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Pirat Michael Krause

Pirat Michael Krause

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Nickname: KrauseMi

Als die Wende kam, war er ein bisschen stinkig, weil er in genau diesem Jahr endlich das rote Jungpionier-Halstuch bekommen hätte, das er sich so sehr gewünscht hatte. Michael Krause, Neu-Pirat, 33 Jahre alt, Industriekaufmann, ist in der DDR aufgewachsen, in Eisenhüttenstadt. Seine Eltern hatten Arbeit, er selbst oft Ferienlager und eine schöne Kindheit, sagt er. Die Tragweite der Indoktrination der DDR begriff er erst später, aber als Elfjähriger erlebte er, wie die Wende seine Eltern arbeitslos machte, wie immer weniger Geld da war für die Familie, wie die sich verschuldete und er zum Geburtstag plötzlich keine Geschenke mehr bekam.

Die Eltern versanken in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, und irgendwann stand der 15-Jährige in einer Bankfiliale und ließ sich beraten, wie er seine Familie aus der kniffligen Finanzlage befreien könnte. Arbeiten war eine Möglichkeit, aber er ging ja noch zur Schule. So hat er angefangen, sich für Politik zu interessieren und für das soziale System, durch dessen Maschen seine Eltern immer wieder rutschten.

Mit 18 ließ er sich für die PDS in den Eisenhüttenstädter Gemeinderat wählen, weil er glaubte, dass dies die einzige Partei sei, in der man sich frei entfalten konnte. Er ackerte sich durch Gemeinderatsvorlagen und fand irgendwann, dass Politik ganz gut zu ihm passte. Er gründete eine regionale Jugendgruppe, später gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des linken Jugendverbands Solid, war Mitglied im Länderrat Brandenburg. Er arbeitete zeitweise mit den Jusos zusammen, aber, sagt er, er habe schnell gemerkt, dass sie immer nur nach Parteienkalkül agierten und sich weniger für die Sache interessierten. Da ließ er es bleiben. Jugendliche, findet er, sollen Begeisterung für Politik entwickeln, sich engagieren, ohne an eine Partei gebunden zu sein. Zumindest, bis sie 18 sind, dann könnten sie frei entscheiden. Auch heute, betont er, sei er gegen Fraktionszwang und Parteidisziplin, weil dadurch so viele gute Ideen flöten gingen.

2008 zog er nach Mühlhausen-Ehingen unterm Hohentwiel, nicht weit entfernt vom Bodensee. Dort wurde er ein "Linker", weil er mit der SPD nach Hartz IV nichts mehr anfangen konnte, ihm die Grünen zu schwarz waren und ihm die Linke nach der PDS einfach am Nächsten stand.

Er trat mit einer Menge Ideen im Gepäck an, aber irgendwie, sagt Krause, habe sich die Partei auf kommunaler Ebene mehr mit sich selbst beschäftigt als mit allem anderen. Er wollte aktiv sein, für günstigeren öffentlichen Nahverkehr, für verbilligte Tickets für Arme und Studenten. "Aber", sagt er, "die meisten anderen Parteimitglieder waren es nicht."

Zur Landtagswahl im vergangenen März traf er zum ersten Mal auf Piraten. Da habe er sie aber kaum wahrgenommen, weil er zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen sei, mit Stammtischen und Infoständen und Wahlkampf an sich. Die Linke hievte ihn später in den Kreistag. Vor zwei Monaten trat er aus der Partei aus und wurde Pirat. Sein Kreistagsmandat hat er behalten. 

Die Grundwerte der Piraten würden denen entsprechen, mit denen er vor 15 Jahren Politik gemacht habe, sagt Michael Krause. Mitbestimmung, Meinungsfreiheit, Begeisterung, was reißen, anstatt rumzusitzen und zu warten, bis von selber was passiert. Genau seins, weil die Piraten von allem ein bisschen haben, eine bunte Mischung aus allen mögliche Strömungen und Tendenzen seien, ideal für einen, der für sich beansprucht, immer mehr für Ideen zu stehen als für Parteien. 

Einige Linke warfen ihm vor, er hänge sein Fähnchen nach dem Wind, ihn habe gekränkt, dass die Linke ihn nicht zum Bürgermeisterkandidaten für Konstanz gemacht habe, er sei ein Karrierist. Das findet er "lächerlich". Einige Piraten fanden, ein "SED-ler" habe bei den Piraten nichts zu suchen. Da lacht Michael Krause nur, weil er von Kommunismus nichts hält und findet, wer Geld verdient, solle sich auch was leisten können.

Krause begreift sich als Ideengeber, vielleicht ein bisschen als potenziellen Kopf der Piraten in seiner Ecke des Bodensees, zumindest als einen, von dessen politischer Erfahrung sie profitieren können. Sie sind das Gefäß, er könnte den Inhalt mitgestalten. Das klingt schon nach Karriere? Nein, sagt er, er sei weder scharf auf Geld noch auf Posten. "Es ist die Vollendung meiner Wünsche und Träume, wenn ich es nach oben schaffe." Weil man da eben manchmal doch mehr erreichen kann als unten.


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