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Andreas Schwarz

Der große Unbekannte

Andreas Schwarz: Der große Unbekannte
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Ein halbes Jahrhundert war es CDU-Tradition in Baden-Württemberg, dass der jeweilige Vorsitzende der Landtagsfraktion über kurz oder lang Ministerpräsident wurde. Bei den Grünen ist vieles anders. Winfried Kretschmann beerben könnte Andreas Schwarz trotzdem.

Jetzt sitzen sie nebeneinander, Sonnenblumen markieren den Abstand, diskutieren, virtuell wie real. Vor der traditionellen Klausur zum Start in den landespolitischen Herbst probiert die grüne Landtagsfraktion Corona-bedingt eine neue Variante ihres Dialogs mit BürgerInnen ("Lokal, digital, überall") aus: Der Regierungs- und der Fraktionschef stellen sich in Münsingen auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz  unter Wahrung von Hygieneregeln Fragen aller Art. Der eine ist der landesväterliche Publikumsliebling, der andere ein trotz der bald 25 Jahre in Kommunal- und Landespolitik ein weitgehend unbeschriebenes Blatt, auch wenn ihn Thekla Walker, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende, als "grüne Politprominenz" begrüßt.

Tatsächlich ist der 41-jährige Wirtschaftsjurist so etwas wie die Inkarnation des Stilwechsels. Jeder der Vorgänger hat sich auf Kosten des Regierungschefs und seiner Partei profiliert, jeder wurde außer vom eigenen Ehrgeiz auch von Teilen der Basis dazu gedrängt. CDU-Fraktionschef Lothar Späth zwang 1972 Hans Filbinger die erste Ministerin auf, die es überhaupt jemals gab in Baden-Württemberg. Nicht etwa, weil er mehr Gleichberechtigung gewollt hätte, sondern weil er wusste, dass er den Ministerpräsidenten damit maximal ärgern konnte. Erwin Teufel suchte Distanz zum Regenten Späth, indem er viel früher als andere die Atomkraft problematisierte oder nach der doppelten Staatsbürgerschaft für die erste Gastarbeitergeneration rief. Günther Oettinger versuchte sich als gesellschaftspolitischer Erneuerer im Kontrast zum als konservativ verschrienen Teufel, Stefan Mappus gab den rechten Haudegen – alle vier schafften den Weg vom Sessel des CDU-Fraktionschefs hoch in die Villa Reitzenstein.

Auf der Charismatikerleiter ist noch Luft nach oben

Und Andreas Who? Der macht vieles schon seit vielen Jahren richtig, aber so gar nichts von sich her. Und zwar derart konsequent, dass vermutet werden darf, sein Bekanntheitsgrad im drittgrößten Bundesland liegt irgendwo im einstelligen Prozentbereich. Anders als die der Vergangenheit angehörenden Christdemokraten drängt es ihn nicht an die Rampe, und wenn doch, drängt es diskret. Schwarz ist ein langer Lulatsch, aber kein großer Redner. Seine Auftritte im Landtag zwingen zu der Feststellung, auf der Charismatikerleiter sei noch genügend Luft nach oben. Schwarz ist auch keiner, der zum Boulevard rennt, um populär zu werden. Karriere hat er dennoch gemacht, und zu Ende ist die so oder so noch nicht.

Schwarz, der 1998 nach drei Jahren im Jugendgemeinderat den Grünen beitrat, kam so früh in den Gemeinderat seiner Heimatstadt Kirchheim unter Teck, dass er nicht nur als jüngster Rat begrüßt, sondern zwölf Jahre später als jüngstes Mitglied wieder verabschiedet wurde. Er war Fraktionschef, er saß im Kreistag, er hat seinen Zivildienst bei der Freiwilligen Feuerwehr abgeleistet und während des FH-Studiums bei Bosch gearbeitet, später – nach seiner Masterarbeit zur Finanzierung des öffentlichen Personennahverkehrs – beim Verband Region Stuttgart. 2006, bei seinem ersten Antreten bei einer Landtagswahl, kam er auf gut zwölf Prozent, fünf Jahre später zog er mit doppelt so vielen Stimmen ins Landesparlament ein, 2016 holte er mit gut 30 Prozent das Direktmandat. Seit Gründung des Südweststaats war es immer in den Händen der CDU. "Eine Investition in die Zukunft" nannte die "Badische Zeitung" den damals 36-Jährigen. Politisch leiten lässt er sich von dem – fälschlich Martin Luther zugeschriebenen – Spruch "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen". 

Zumindest einmal – noch gar nicht im Landtag – brachte Schwarz den heutigen Ministerpräsidenten doch gegen sich auf. Kretschmann wäre 2010 gerne alleiniger Spitzenkandidat, die Parteispitze stellte ihm allerdings ein flügelübergreifendes Team zur Seite. Darunter auch den Jungspund, mit dem der Gründungsgrüne wenig anzufangen wusste. Dabei stand für dessen thematische Bandbreite schon damals die kommunalpolitische Erfahrung und wie sattelfest er zahlreiche andere Themen besetzte, in der Schul-, der Verkehrs-, der Finanzpolitik und natürlich zum Megathema Stuttgart 21. 

Kaum aus der Reserve zu locken

Im Parlament wird er sofort Fraktionsvize. In seiner ersten Rede geht er hart mit der DB ist Gericht, verlangt – begleitet von wütenden Zwischenrufen aus den Reihen des  Koalitionspartners –, "der Öffentlichkeit und dem Land Baden-Württemberg eine transparente Darstellung der aktuellen Projektkosten, der fortgeschriebenen Baukostenvolumina vorzulegen. Schließlich bestehe "der dringende Verdacht, dass der Kostendeckel von 4,5 Milliarden Euro nicht zu halten ist". In zwei weiteren Plenardebatten in Folge wird er fordern und mahnen, warnen und werben fürs Nein zum Projekt bei der Volksabstimmung. Danach macht er ein Versprechen, das er nicht halten kann: "Wir werden darauf achten, dass das Projekt im verbindlich festgelegten Kostenrahmen bleibt." Und er muss sich von einigen in der CDU unterstellen lassen, dass er sich die – das Ergebnis akzeptierende – Rede habe im Staatsministerium schreiben lassen. Da wird er fuchtig, was an seinem typischen, pastoralen Duktus aber auch wenig ändert: Er schreibe seine Reden selber. 

Schon damals zeigt sich, dass er kaum aus der Reserve zu locken ist. Nicht einmal, als ihn die CDU im April 2012 untergriffig ankoffert, weil er keine Krawatte trägt. Der frischgebackene Vater einer Tochter war pflichtbewusst direkt vom Kreiß- in den Plenarsaal geeilt. "Ich bin nicht nachtragend", sagt er später, entschuldigt habe sich aber auch niemand. Wirklich standfest ist er allerdings ebenfalls nicht, noch nicht jedenfalls. Im Winter 2017 versemmelte er sein landespolitisches Gesellenstück gehörig, als er einer Nacht- und Nebel-Aktion zustimmte, die er besser gestoppt hätte. Auf Druck von FraktionskollegInnen, die zurück zur für sie lukrativeren Staatspension wollten, segnete der Vorsitzende eine Reform der Altersversorgung für die Abgeordneten ab, die so fehlerbehaftet war, dass sie schon bald wieder zurückgenommen werden musste. "Wir haben das Empfinden der Bürgerinnen und Bürger ausgeblendet", sagt er. Das sei ein Fehler gewesen. Und er macht schon wieder ein Versprechen: "Wir haben verstanden."

Mit weitreichenden Konsequenzen jedenfalls für die Zusammenarbeit in der Koalition. "Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit sind wichtige politische Tugenden für mich", bekennt Schwarz, der dazu eine kaum erschütterliche Geduld entwickelt, die seine CDU-GesprächspartnerInnen mal verblüfft, mal ratlos oder verärgert zurücklässt. Über den Tisch lasse er sich jedenfalls nicht mehr ziehen, lobt einer der Weggefährten. Was im Umkehrschluss allerdings heißt, dass der Vorsitzende andere Kompromisse selber wollte, allen voran die hochumstrittene Verschiebung der Neuregelung des Wahlrechts zur Beseitigung des bundesweit einmaligen Männerüberhangs im Landtag. Aber der Fraktionschef weiß eben auch, dass Kretschmann wenig hält von Veränderungen. "Mehr grünes Profil" wünschen sich deshalb selbst Wohlgesonnene, und dass er sich freischwimmt im Umgang mit dem Ministerpräsidenten. Weil, wie ein Abgeordneter sagt, "in den Kreis der Nachfolger nur Kandidatinnen und Kandidaten gehören, die nicht in Winfrieds Schatten stehen". 

Mehr grünes Profil erwünscht

Jedoch ist die grüne Personaldecke bedenklich dünn. Immer wieder genannt wird zwar Cem Özdemir, der frühere Bundesvorsitzende und heutige Stuttgarter Bundestagsabgeordnete. Allerdings macht der so gar keine Anstalten, in der Landespolitik stärker Fuß zu fassen. Die Folge: Auf die Frage, wer denn eines Tages Kretschmanns Nachfolge antreten werde, wenn er weiter regiert, fallen vielen Grünen keine Namen mehr ein, nachdem einstige Favoriten wie Boris Palmer, Edith Sitzmann und Theresia Bauer aus sehr unterschiedlichen Gründen ausgeschieden sind. 

Bleibt also der große Unbekannte Schwarz, für den Fleiß und Bescheidenheit sprechen. Und nicht zuletzt sogar sein Ansehen beim Koalitionspartner CDU – schließlich ist ohne ihn eine handlungsfähige Landesregierung nach der Wahl im nächsten März möglicherweise nicht zu bilden. Emsig wie eh und je ist er in seinem Wahlkreis unterwegs, auch hier gern ohne Riesentross und Aufhebens. In einem anspruchsvollen Bereich weitab von der Politik weiß er, wie es ist, ganz hoch hinaus zu wollen: Der Rennradfahrer – nicht zu verwechseln mit Radrennfahrer, wie er sogleich klarstellt, um nicht im falschen Licht des Höchstleistungssportlers zu erscheinen, der er gar nicht ist – sammelt Alpenpässe. Im Corona-Sommer war er auf dem Stilfser-Joch, auf immerhin 2757 Metern, einen flotten Spruch auf den Lippen, der dafür stehen könnte, wie er andere Kronprinzen und -prinzessinen gegebenenfalls zu überholen gedenkt: "Wenn das gelbe Trikot in Sichtweite ist, dann spornt das einen noch mehr an." 

In Münsingen allerdings bleibt es unerreichbar davongezogen: Selbst auf einer Veranstaltung, die die Landtagsfraktion und nur die Landtagsfraktion organisiert, spielt der Gastgeber traditionell bestenfalls die zweite Geige. Kretschmann fällt gar nicht mehr auf, dass und wie er dem Andreas die Show stiehlt, wenn er von seiner Kindheit in der Region erzählt, davon wie ihm sein Vater die erste Märklin-Eisenbahn geschenkt hat, vor allem – selten genug – von seiner Zeit als Soldat, vom Zielschießen hier in der Nähe oder davon, wie ihm im Quartier die Ratten über das Kochgeschirr gelaufen sind: "Die Erinnerung ist nicht sehr positiv." Wie soll sich der große Unbekannte da aus dem Schatten des großen Bekannten spielen? Die Frage treibt niemanden um bei den Grünen, nicht an diesem Abend und auch sonst kaum. Aber Andreas Schwarz kann Winfried Kretschmann am Ende beerben. Dennoch.


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