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Oben schneiden

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Man muss mit Bäumen pfleglich umgehen: Das hat Boris Palmer von seinem Vater, dem Remstalrebellen und Pomologen, gelernt. Heute greift der grüne Politiker selbst zur Schere. Dabei berücksichtigt der Tübinger Oberbürgermeister die rebellische väterliche Baumphilosophie: "Man muss die oben stutzen, damit die unten genügend Licht bekommen." Auch mit den Platanen im Schlossgarten verbindet den überzeugten S-21-Gegner eine ganz persönliche Geschichte.

Palmers Schnitt macht Bäume fit: Boris Palmer bei der Arbeit. Foto: Uli RippmannMan muss mit Bäumen pfleglich umgehen: Das hat Boris Palmer von seinem Vater, dem Remstalrebellen, gelernt. Heute greift der grüne Politiker selbst zur Schere. Dabei berücksichtigt der Tübinger OB die rebellische väterliche Philosophie: "Oben stutzen, damit die unten genügend Licht bekommen." Auch mit den Platanen im Schlossgarten verbindet den überzeugten S-21-Gegner eine ganz persönliche Geschichte.

Es gibt Orte, die werden Teil einer Biografie. Für Boris Palmer ist dies der Stuttgarter Schlossgarten. Dort traf er sich als Mitzwanziger mit seinem Vater. Der Sohn war aus Tübingen angereist, wo er studierte, der Vater von einem seiner rastlosen Ausflüge ins Land, wo er als Bürgermeister kandidierte und skandierte gegen verschnittene Trauerweiden, zu Elefantenrüsseln verhunzte Äste und die Ignoranz von "denen da oben". Was Boris Palmer unter den Platanen zu hören bekam, machte den Schlossgarten zu einem Symbol des Umbruchs: Es gebe, so der Vater, einen Halbbruder, der bisher verschwiegen worden war. "Ich denke beim Schlossgarten deshalb mehr an meinen Vater als an die Bäume", sagt der grüne Oberbürgermeister heute. Vor acht Jahren ist der Vater gestorben.

Helmut Palmer war der Gottschalk des Obstbaus

Die Palmers haben eine besondere Beziehung zu Bäumen. Palmer senior, Bürgerrechtler und Rechthaber in Sachen Baumschnitt, lehnte seine Leiter immer wieder an Obstbaumstämme, um seinen Öschbergstil zu demonstrieren. Auch als er schon schwer krank war, wetterte er dabei gegen den Idiotenknick bei den Bäumen ebenso wie gegen die Idioten in der Politik. Das war große Unterhaltung, pomologisch lehrreich, politisch bissig, Kabarett vom Feinsten. Wenn der alte Palmer atemlos dozierte, verzog mancher der Zuhörer den Mund, als hätte er in einen sauren Apfel gebissen. Doch es gab immer zu lachen. Helmut Palmer war der Gottschalk des Obstbaus, dazu ein notorischer Bruddler und Querkopf, einer, der die Bäume liebte und mit den Menschen nur schwer zurechtkam.

Der Sozialdemokrat Erhard Eppler sagte ihm einmal etwas hilflos: "Ich bin von Ihnen hin- und hergerissen und weiß nicht, was ich davon halten soll." So ging es vielen. Helmut Palmer beherrschte wie kein Zweiter die Kunst, zwischen den Stühlen zu sitzen. Und er fühlte sich von allen unverstanden. "Ich liebe dieses Land", klagte er, "aber man lässt mich hier nicht wurzeln." Die Bäume, die er liebte, wurden zum Symbol seines verzweifelten Kampfes gegen Bevormundung und Bürokratie. "Ich sterbe aufrecht wie ein Baum", kündigte er, gezeichnet vom Krebs, auf einem seiner letzten Kurse an.

Die Palmerschen Lichtbäume sind berühmt

Für seinen Sohn Boris sind die Bäume weniger emotional besetzt. Der bald 40-Jährige packt anders als der Vater nicht sofort die Schere aus, wo immer ein "verkrüppelter" Obstbaum sein Auge beleidigt. Doch auch Palmer junior hat den Obstbaumschnitt genutzt als Werbeveranstaltung in eigener Sache. Und wenn die kleine Tochter, der die Wochenenden gehören, einmal größer ist und mitkommen kann, will der Oberbürgermeister wieder einmal im Jahr den Bäumen in die Krone steigen, um das legendäre Balkondach zurechtzustutzen, für das die palmerschen Lichtbäume berühmt sind. 

Interessierte und Vergnügungssüchtige beim Palmerschen Baumschnittkurs. Foto: Uli Rippmann"Du wirst etwas über Licht und Zeit lernen, wenn du einen Baum schneidest": So liest sich dies in einer philosophisch-praktischen Schnittanweisung der britischen Performancegruppe Propeller. Oder: "Achte darauf, dass du genug Raum zwischen den Ästen schaffst, dass eine Amsel hindurchfliegen kann." Boris Palmer lacht: "Das ist mir zu poetisch. Eine Amsel findet ihren Weg auch ohne mich." Doch er ist überzeugt: Palmers Schnitt macht Bäume fit. Und für Lichtspiele und die Schönheit der Bäume ist der studierte Mathematiker durchaus empfänglich. An den blühenden Obstbaumwiesen im Remstal kann er sich genauso "ästhetisch ergötzen" wie an Stadtbäumen, die Räume gliedern.

Der Wille der Bäume wird nicht gebrochen

Es sei schwer, sich einen Namen zu machen, hat ihm einmal ein Landrat gesagt. Es ist noch schwerer, sich einen Vornamen zu machen. Das ist Boris Palmer bei der Schlichtung um das Stuttgarter Bahnhofsprojekt gelungen. Dem Rebellensohn, der nach Boris Pasternak benannt wurde, war klar: Wenn Bäume fallen für ein Projekt, für das es keine Akzeptanz gibt, eskaliert die Situation. Er hat für einen besseren Bahnhof gekämpft, wurde der Star des Protestes. Doch auch er ist mit seinen Argumenten gescheitert. Boris Palmer akzeptiert das Votum der Volksabstimmung.

Ein Baum ist mehr als der Ertrag, den er an Früchten abwirft. Da sind sich Vater und Sohn einig: Bäume sind Lebewesen. Der palmersche Baumschnitt berücksichtigt den Willen der Bäume. Und deshalb haben der Apfelbaum und die Platane durchaus Gemeinsamkeiten. "Der eine ernährt mich", sagt Boris Palmer, "die andere spendet mir Schatten und Freude." In einer Überflussgesellschaft ist beides gleich wichtig.


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2 Kommentare verfügbar

  • Norbert Chmelar
    am 18.09.2016
    Antworten
    Helmut Palmer hat mit der Versenkung von Leitplanken in die Erde vielen Autofahrern das Leben gerettet! Dafür hätte er das Bundesverdienstkreuz bekommen sollen - aber die Baden-Württembergische Justiz sperrte Palmer dafür ein, mit der jämmerlichen und verfassungswidrigen Begründung: "dass…
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