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Verräterisch

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In der Affäre Wulff ist weiter eine "harte, ungeschönte Recherche" geboten, fordert der Publizist und "Stern"-Autor Hans Peter Schütz. Er antwortet damit auf Ex-Porsche-Sprecher Anton Hunger, der unter den Journalisten eine "mediale Hybris" ausgemacht hat, die beim Volk ein "flaues Gefühl" auslöse.

Medienrecherche oder inszenierte Wirklichkeit? Foto: Jo RöttgersIn der Affäre Wulff ist weiter eine "harte, ungeschönte Recherche" geboten, fordert der Publizist und "Stern"-Autor Hans Peter Schütz. Er antwortet damit auf Ex-Porsche-Sprecher Anton Hunger, der unter den Journalisten eine "mediale Hybris"ausgemacht hat, die beim Volk ein "flaues Gefühl" auslöse.

Die Überschrift über dem Text des Kollegen Anton Hunger ("Rote Linie") ist verräterisch – bezogen auf ihn selbst. Wer so lange wie er als Pressemanager eines renommierten Unternehmens gearbeitet hat, ist immer in Gefahr, dass er die Spielregeln des kritischen, unabhängigen Journalismus vergisst oder verdrängt. Und sich dann als heißer Befürworter dessen präsentiert, was in der Pressebranche als "embedded journalism" längst kritisch bis absolut negativ diskutiert wird.

Diese Form ist entstanden dadurch, dass die US-Amerikaner Journalisten in ihre militärischen Einheiten aufgenommen, quasi "eingebettet" haben, um eine positivere Darstellung ihrer Kriege in der Öffentlichkeit zu erreichen. Die psychologische Überlegung war: Wer so eingebunden wird, fühlt sich der kämpfenden Truppe näher, schreibt positiver, weil die Soldaten ja auch sein Leben und seine Gesundheit beschützen.

Verlangt wird gehobene Liebedienerei

Zugegeben: es ist ein etwas kühner Sprung, diesen Ansatz auch auf die Arbeit von Journalisten zu übertragen, die sich in den Dienst von Großkonzernen wie Porsche stellen. Aber "eingebettet" ist man dabei auch, und zwar ganz intensiv, wie Anton Hunger nach langen Jahren bei Porsche genau wissen müsste.

Denn verlangt wird dort kein freier, unabhängiger Journalismus, der sich kritischer Berichterstattung verpflichtet fühlt, sondern eine gehobene Form der Liebedienerei. Von wegen Wächterrolle, gar über die Produkte und das Geschehen bei Porsche. Skandalisierung, selbst wenn sie berechtigt wäre, wird dort überhaupt nicht gewünscht. Und um dieses Ziel zu erreichen, wird der Journalist bei Porsche richtig kommod "eingebettet".

Die neuen Porsche-Modelle werden allemal in schicker Umgebung irgendwo im sonnigen Süden in hocheleganten Hotels präsentiert. Flug, Übernachtung und Spesen sind meist ebenso gratis, wie es offenbar auch bei der Pflege der Kontakte der Wirtschaftsbosse zu Bundespräsident Wulff der Fall war. Zumal der im Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten ja auch in der Autobranche eine wichtige Rolle spielte, da er bei VW als Vertreter des Anteilseigners Niedersachsen ganz oben in der Macher-Etage saß.

Milde Gaben für Autojournalisten

Nun ist längst bekannt, dass vor allem die Autojournalisten die milden Gabe der Industrie überaus gerne und erwartungsvoll in Anspruch nehmen. Kostet ja alles nichts, die schöne, kommode Berichterstattung. Nur allzu kritisch darf man bei der Besprechung der neuen Modelle nicht sein. Sonst könnte es beim Ruf nach dem nächsten Testwagen vielleicht Probleme geben.

Denn wie Anton Hunger schreibt, verursacht es Ärger bei den Sponsoren, wenn offen und kritisch geschrieben wird, wie dies etwa bei den Redakteuren der "Wirtschafts-Woche" der Fall war. Und schon gar nicht akzeptiert wird, wenn diese Journalisten so frech sind, dass sie nicht mit braver Schreiberei abdienen, wenn ihnen bei einem Landespresseball ein Auto als Hauptgewinn zur Verfügung gestellt wird.

Wenn ihr schon umsonst saufen dürft ...

Das ist schon ein verräterisches Verständnis von kritischem Journalismus: Ihr Pressefuzzis, wenn ihr schon auf euren Bällen umsonst futtern und saufen dürft, dank der Sponsoren aus der Industrie, dann vergesst gefälligst eure "mediale Hybris" und fallt nicht über die ehrwürdige Institution des Bundespräsidenten mit überzogenen moralischen Maßstäben her.

Wenn Otto Normalbürger ganz genau wüsste, unter welch komfortablen Umständen bei Porsche Schönschreiberei produziert wird, so könnte er durchaus die "flauen Gefühle" bekommen, die Hunger in der Bevölkerung darüber ausmacht, dass Käßmann und Köhler, Zumwinkel und Kachelmann "unangemessen von den Medien angegriffen wurden". Frau Käßmann hat sich nirgendwo darüber beschwert, dass ihre Promille-Fahrt kritisch beschrieben wurde. Und Kachelmann ist zwar freigesprochen worden vom Vorwurf der Vergewaltigung seiner Freundin – aus Mangel an Beweisen. Es ist schlichtweg absurd, diese Fälle von kritischem Journalismus mit der Berichterstattung über den Fall Wulff zu verknüpfen.

Im Fall Wulff wird doch die Pressefreiheit, wie Hunger behauptet, nur noch hochgehalten, weil sie Selbstzweck sei und daher die notwendige Aufklärungsarbeit zunehmend ihre Legitimation verliere. Genau diese harte, ungeschönte Recherche ist geboten. Dass die Bundesrepublik neuerdings einen Präsidenten, immerhin höchster Repräsentant des Staates, an der Spitze hat, den man einen "Lügner" nennen darf, für den sich die Staatsanwaltschaft brennend interessiert und der ein Schnäppchenjäger par excellence zu sein scheint, obwohl er so schlecht nicht lebenslang bezahlt wird, das kann man nur mit einem voll ausgebremsten Verständnis für die Pressefreiheit à la Porsche skandalös finden.

Warum kein Spielzeug-Porsche für die Wulffs?

Klar, sagt Anton Hunger, diesen Präsidenten muss man doch verteidigen. Weshalb hat eigentlich Porsche diesem Präsidentenehepaar kein Spielzeugauto in den Garten gestellt, wie dies die Konkurrenz gemacht hat? Ein arger PR-Fehler! Vielleicht hätte dies den Porsche-Geschäften in Richtung VW ganz gut getan? Dieser Präsident hat sich immer gerne im Sinne seiner Gönner engagiert. Wenn er heute "Fehler" einräumt, dann geschah dies doch nicht aus eigener Erkenntnis, sondern weil die deutschen Medien ihrer Pflicht nachgegangen sind.

Immerhin räumt auch Anton Hunger ein, dass dieser Wulff "große und unverzeihliche Fehler" gemacht hat. Und zitiert dann hoch moralisch den überaus kritischen Journalisten Heribert Prantl, wonach die Forderung nach einem Rücktritt nicht die Aufgabe von Medien sei. Ganz vorsichtig gesagt, hat dieser Kollege Prantl in seinem journalistischen Leben garantiert schon weit mehr als ein Dutzend Mal auf Rücktritte hingeschrieben und sie in seinen Kommentaren auch stramm gefordert. Wenn einer kein Befürworter und Förderer des "eingebetteten Journalismus" ist wie Anton Hunger, dann ganz bestimmt Prantl.

Diese Form des Journalismus kann bei der Absatzförderung von Porsche nützlich sein, der Förderung der Demokratie dient sie gewiss nicht. Wieso hält dann inzwischen eine Mehrheit der Deutschen diesen Mann für unwürdig, im Schloss Bellevue zu residieren? Sollte er nicht leuchtendes Beispiel "für Gemeinsinn sein"? Fragt dieser Tage das Online-Magazin stern.de und will wissen, ob die "unbarmherzige Scharfrichterei der Medien" doch nicht Verständnis verdiene in der Auseinandersetzung mit einem Mann, der kein "Präsident des Gemeinsinns" sei, sondern ein "Präsident der Politikverdrossenheit".

Der Journalismus hat seine Unschuld nicht verloren

Sagen wir es einmal so: Die "verlorene Unschuld" sehen wir zunächst einmal bei Anton Hunger. Er schließt konsequent die Augen davor, dass längst in der Branche kritisch hinterfragt wird, was er "akzeptierte journalistische Spielregeln nennt". Dazu gehört zum Beispiel, dass es praktisch unmöglich ist, ein gedrucktes Interview zu veröffentlichen, das nicht Wort Für Wort mit dem interviewten Politiker abgesprochen werden musste. Dieselben Politiker äußern sich nur noch im Fernsehen im Originalton. Schrecklich auch die Spielregel, dass Informationsgespräche oft nur noch unter Regel geführt werden, dass man alles, was dort gesagt wird, als "unter drei gesagt" bezeichnet und damit jedwede Berichterstattung über einen Vorgang verhindert. Damit ist ein breites Einfallstor für Gefälligkeits-Journalismus geöffnet.

Spielregeln solcher Machart brauchen wir nicht in der Medienwelt des demokratischen Journalismus. Denn wer dafür plädiert, ruft nach blinder Gefolgschaft und nicht nach kritischem Journalismus. Politische Kommunikation, die nur noch organisiert und abgesprochen daherkommt, brauchen wir auch nicht. Sieht man das bei Porsche nicht so? Dann muss man schon sagen: Diese Autos sind so gut, dass sie derartige Manipulation gar nicht brauchen, um verkauft zu werden.

Der politische Journalismus hat in der Affäre Wulff eine harte Prüfung erfolgreich bestanden: Er hat nämlich seine Unschuld eben nicht verloren, sondern seinen Test dahingehend bestanden, dass er sich Drohungen und üblen Abwehrlügen nicht gebeugt hat.

 

Die Kontext:Wochenzeitung hat diese Debatte mehrere Tage vor dem Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff initiiert und publiziert. Der Text des Stern-Autors und Publizisten Hans Peter Schütz ist eine Antwort auf den medienkritischen Beitrag des früheren Porsche-Kommunikationschefs Anton Hunger: Rote Linie

 

 

 


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1 Kommentar verfügbar

  • Anton_Hunger
    am 15.02.2012
    Antworten
    Mein Debattenbeitrag („Rote Linie“) thematisiert Grenzüberschreitungen im Journalismus und elementare Spielregeln in diesem Gewerbe. Er ist keine Betrachtung über Christian Wulff. Hans-Peter Schütz´ Rundumschlag verrät: Selbstkritik scheint seine Sache nicht zu sein.

    Erstens. Die Kernthese im…
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