Karikatur: Oliver Stenzel

Ausgabe 394
Politik

"Emil war mein Lieblingswahlkämpfer"

Von Josef-Otto Freudenreich (Interview)
Datum: 17.10.2018
Wenn ein Ex-Focus-Chef und der Hund (Emil) einer Ex-Bunte-Chefin Wahlprozente bringen, haben Linke in Bayern nichts mehr zu lachen. Söder-Biograf Roman Deininger wünscht sich deshalb eine "ganz große Koalition der Gaudimaxen". Und grüne Amtshilfe aus Ba-Wü wäre auch nicht schlecht.

Als Polit-Autor hat und hatte Roman Deininger von der "Süddeutschen Zeitung" kaum eine ruhige Minute. Schließlich hat in Bayern die Erde gewackelt, was einen journalistischen Seismographen echt herausfordert. Das Gespräch mit ihm musste deshalb zeitempathisch geführt werden, sprich immer dann, wenn er zum Beispiel in der CSU-Parteizentrale vor verschlossenen Türen stand und nachdachte. Über die nächste Frage, die ihn von Kontext per Mail erreichte.

Kollege Deininger, Sie kennen Markus Söder wie kaum ein anderer Journalist. Wenn Ihr Ministerpräsident sagt, er nehme das schmerzhafte Ergebnis "mit Demut" an, müsste er solche Gemütszustände in seinem Repertoire haben. Schwer zu glauben.

Demut ist tatsächlich nicht die erste Eigenschaft, die man mit dem Politiker Markus Söder verbindet. Oder mit der CSU. Aber wenn dieses Wahlergebnis nicht demütig macht – was dann?

Wer es gewöhnt ist, jahrzehntelang König in einer Wahlmonarchie zu sein, ist im Beugen seines Hauptes ungeübt.

Söder ist ja als Staatsschauspieler und Hobby-Comedian bekannt. Zumindest eine Demuts-Pose wird er also hinbekommen. Aber ob ihm die Leute das abnehmen? Diese Fragen begleiten Söder ja schon über weite Strecken seines politischen Lebens: Was ist echt? Und was ist nur taktisch motiviert?

Okay, als Söder-Biograf haben Sie eine gewisse Deutungshoheit. Wird er hart an seiner Rolle arbeiten müssen? Oder müssen wir wieder mit Kreuz-Aufhängen und Bavaria One rechnen?

Es läuft alles auf eine Koalition mit den Freien Wählern zu. Die sehen sich selbst als "Vertreter des gesunden Menschenverstands". Freien-Chef Hubert Aiwanger hat schon angekündigt, dass Extravaganzen wie eine bayerische Kavallerie oder ein Raumfahrtprogramm mit ihm nicht zu machen sind. Kann also gut sein, dass Aiwanger Söder ein bisschen einbremst. In Bayern wird man sich dann natürlich fragen: Gesunder Menschenverstand gut und schön, aber wo bleibt die Gaudi?

Wenn wir aus dem strengen Schwabenland drauf schauen, dann könnten bei Ihnen doch die Grünen den Gaudi-Part übernehmen. Die tanzen bis zum Abwinken und wollen dafür sorgen, dass sich alle wohl fühlen.

Die Wahlparty der Grünen am Sonntagabend hatte wirklich eine Ausgelassenheit, die Teile der CSU verstören würde. Anderseits haben die Grünen auch hier in Bayern eine gewisse moralische Strenge, die sie für die Spaß-Rolle nicht gerade prädestiniert. Ich glaube, da müssen jetzt alle politischen Kräfte beitragen, damit es im Freistaat weiter lustig zugeht. Die ganz große Koalition der Gaudimaxen.

Wie wir bei Ihnen gelesen haben, hat auch Theresia Schopper, die neue Staatsministerin von unserem MP Kretschmann, mitgetanzt. Droht da schon Amtshilfe aus Stuttgart?

Wenn Söder doch noch mit den Grünen über eine Koalition verhandelt, darf Kretschmann anfangen, sich Sorgen zu machen. So viele ministrable Figuren haben die bayerischen Grünen auch nicht, als dass sie auf diese Leihgabe nach Stuttgart verzichten könnten. Und Theresa Schopper könnte sich die anstrengenden Zugfahrten in Euren schönen Kopfbahnhof sparen.

Jetzt bitte nicht auf S 21 abbiegen. Das ist hier vermintes Gelände. Zumal die Grünen in Bayern doch angeblich eine Wohlfühlpartei sind. Stimmt das eigentlich?

Was die Grünen in diesem Wahlkampf echt geschafft haben: Lockerheit und Zuversicht verbreiten. Das hat sich schon angenehm von der CSU abgehoben. Die Kehrseite ist natürlich, dass die Grünen viele Fragen, deren Beantwortung ihr Wohlgefühl hätten stören können, lieber mal offen gelassen haben. Abschiebungen und so weiter.

Haben Sie das Gefühl, bei der Kehrseite könnte unser tiefgründelnder Kretschmann helfen?

Ein Kretschmann wird ja praktisch überall gebraucht. Die bayerischen Grünen haben einen Riesensprung gemacht bei dieser Wahl, aber sie sind außerhalb der großen Städte noch nicht ganz so grasverwurzelt wie die Freundinnen und Freunde in Baden-Württemberg. Und es fehlt ihnen eine überragende Figur wie eben Kretschmann. Sepp Daxenberger hätte das werden können, der Bürgermeister von Waging am See und Landtagsfraktionschef, der 2010 viel zu früh verstorben ist.

Meinen Sie, dass Kretschmann auch Ratgeber für Söder und Seehofer sein könnte? Bei Schwarz-Grün kennt der sich aus.

Ja, er müsste nur bald intervenieren, bevor Söder die Koalition mit den Freien Wählern klar macht. Seehofer wird eh nachgesagt, er habe 2008 Sympathie für eine Landtagskoalition mit den Grünen gehabt, sei aber von der übrigen Parteispitze gebremst worden. Für die CSU-Basis wäre es allerdings ein weiter Weg zu Schwarz-Grün. Und für die Grünen-Basis natürlich auch. Das kommt davon, wenn man über Jahrzehnte Feindbilder pflegt, die eigentlich längst überholt sind.

Ihre Zeitung schreibt, die alte CSU sei tot, und der Seehofer sagt, man könne über alles diskutieren.

Ziemlich tot wirkt jedenfalls die alte CSU, die glaubte, das Land gehöre der Partei. Seehofer dagegen ist ein politischer Überlebenskünstler. Der alte Spieler ist immer noch im Spiel – das ist schon mal mehr, als er vor dem Wahltag hat erwarten dürfen. Die neue CSU werden aber über kurz oder mittellang andere prägen. Manfred Weber vielleicht, der Europapolitiker, der dem liberalen, christlichen Flügel um Theo Waigel und Alois Glück entstammt.

Dann gibt's auch keine "konservative Revolution" à la Dobrindt mehr? Was machen dann bloß der Gauland und seine AfD? 

Dobrindt ist in der CSU so etwas wie der konservative Gegenspieler des liberalen Weber. Auch persönlich sind sich die beiden in herzlicher Abneigung verbunden. Ich würde mal tippen, dass die "konservative Revolution", was immer das genau sein sollte, nach dieser Wahl erst mal abgeblasen ist. An die AfD im Landtag werden wir uns in Bayern erst gewöhnen müssen. Wie läuft das bei Euch drüben so?

Die AfD ist ein echter Kotzbrockenverein. Die schrecken wirklich vor keiner Schmutzelei zurück, wie ihr zu sagen pflegt. Lehrer online denunzieren heißt derzeit die Parole. Also obacht: die Brüder, auch Schwestern, sind brandgefährlich. Wir streiten uns gerade mit einem besonders appetitlichen Kameraden vor Gericht herum.

Jessas, da kommt ja was auf Bayern zu. Hier ist die AfD ein ziemlich zerstrittener Haufen, der sich nicht mal auf einen Spitzenkandidaten für die Landtagswahl hat einigen können. Trotzdem hat die AfD mehr als zehn Prozent bekommen, was wieder mal zeigt, dass es ihren Wählern um Protest geht und sonst um nichts. Immerhin: Im Vergleich zur Bundestagswahl hat die AfD in Bayern etwa zwei Prozent verloren.

Da wäre ich vorsichtig. Zum einen ist das womöglich noch das FJS-Erbe, also rechts von uns gibt's nix. Zum andern wird der Verdruss über die sogenannten Altparteien nicht kleiner. Apropos Altparteien: Mit der SPD ist es ja ganz schlimm.

Ach, die SPD. Die muss was aushalten: Jetzt sagt sogar der Söder, er bedauere ihren Absturz, Bayern brauche eine starke SPD. Ihr Wahlkampf war auch respektabel, sie hat das Thema Wohnen gut besetzt. Aber gegen die großen Dynamiken kommst du halt nicht an. Viele SPD-Funktionäre wollten in der Flüchtlingspolitik die besseren Grünen sein, viele alte SPD-Wähler wollten das nicht. Da ist die Partei nicht mit sich im Reinen. Jetzt bleiben den Roten noch ihre populären Oberbürgermeister, vor allem die in München, Nürnberg und Fürth. Die treffen dort ein großstädtisches Lebensgefühl. Aber sie halten sich nicht ohne Grund fern von der Landesebene.

Auweia, schlimmer geht's eigentlich nimmer. Mitleid von Söder. Hat die SPD keinen Vogel mehr oder eine Renate Schmidt? Die hat mal 30 Prozent gekriegt.

Oder zumindest einen Christian Ude. Doch auch bei dem hat sich bei der Landtagswahl 2013 gezeigt, dass kommunaler Erfolg schwer aufs Land zu übertragen ist. Der Niedergang der Bayern-SPD hat aber nicht entscheidend mit dem Personal zu tun. Die bayerischen Genossen werden halt von einem europäischen und nun auch deutschen Trend besonders gebeutelt: dem Zerfall der alten Volksparteien.

Mein Gott, gibt's denn nichts, woran sich das Herz eines Linken in Bayern erwärmen könnte?

Vielleicht am Sozialflügel der CSU? Den gibt es wirklich. Leider scheidet mit dem Pflegeexperten Hermann Imhof nun einer der wichtigsten Vertreter aus dem Landtag aus. Okay, neuer Anlauf: Ates Gürpinar, der Spitzenkandidat der Linken, war so was wie der heimliche Sieger der großen TV-Runde vor der Wahl. Erfrischend untaktisch. Da ist auch bei Tiefschwarzen mal angekommen, dass es im weiß-blauen Wunderland Menschen gibt, die auf ein Eis für ihre Kinder einen Monat sparen müssen.

Danke für den Trost. Aber 3,2 Prozent für die Linke sind schon verdammt wenig. Gibt es in Bayern wirklich mehr 1000-Euro-Trachtenjankerträger, die alle FDP wählen, als Kinder, die kein Eis kriegen?

Es ist ja ein großes Glück, als Bayer geboren zu sein, aber einen Nachteil hat es: Dass man sich ständig für andere Bayern rechtfertigen muss. Den Hoeneß! Den Söder! Und jetzt also auch noch die Bayern-FDP. Ich versuche es mal neutral: Bei der Landtagswahl lag die FDP mit knapp mehr als fünf Prozent nicht wirklich weit über der Linken. Die entscheidenden Stimmen hat der FDP übrigens womöglich Helmut Markwort gebracht, Ex-Focus-Chef und jetzt Promi-Kandidat. Emil, der Hund seiner Lebensgefährtin Patricia Riekel, war so was wie mein Lieblingswahlkämpfer 2018: sehr zugewandt am Infostand, dennoch nicht aufdringlich mit politischen Botschaften.

Die Vorstellung, dass ein 81-jähriger Ex-Focus-Chef und der Hund der Ex-Bunte-Chefin Prozente bringen, stimmen wenig zuversichtlich, was ein linkes Bayern anbelangt.

Der große Sozialdemokrat Peter Glotz hat in den Siebzigerjahren mal den Begriff des "anderen Bayern" geprägt, des Landes hinter den Bierzelt- und Schuhplattler-Klischees. Das politische Problem an so einer Vision war immer, dass Menschen, denen es grundsätzlich gut geht, für etwas ganz Anderes schwer zu begeistern sind. Die CSU hat sich auch lange erfolgreich inszeniert als Partei, die das schöne Bayern erfunden hat – so hat das der legendäre SZ-Journalist Herbert Riehl-Heyse geschrieben. Erst den Grünen ist es in den vergangenen Jahren gelungen, der CSU den Heimatbegriff ein Stück weit streitig zu machen. Und der grüne Erfolg bei der Landtagswahl hat auch zu tun mit einer jungen, alternativen Szene, die sich ihr Bayern-Bild nicht aufpressen lassen will. "Reclaim Bavaria", heißt da der Slogan. 

Ich sehe es schon kommen: Bayern wird wie Baden-Württemberg. Söder wird Hannah Arendt als Hörbuch in seinem Auto haben, Seehofer wird mit Schäuble-Schwiegersohn Strobl ins Sonnenstudio gehen, und Uli Hoeneß wird Mayer-Vorfelder als Vorbild angeben.

Obacht, man kann es auch übertreiben mit der Südschiene! Ich habe ja vier Jahre in Stuttgart gelebt, und eine Eigenschaft war mir besonders sympathisch an den Schwaben: Dass sie wie die Bayern in einem glücklichen, wohlhabenden Land zuhause sind, aber keine so große Sache daraus machen.

Roman Deininger (40) ist politischer Reporter bei der "Süddeutschen Zeitung". Aufgewachsen ist er in Ingolstadt, studiert hat er in München, Wien und New Orleans, promoviert über Politik und Religion in den USA. Im Stuttgarter SZ-Büro hat er von 2010 bis 2014 gearbeitet. Die Biografie über Markus Söder hat er zusammen mit seinem Kollegen Uwe Ritzer geschrieben.


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