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Kill, kill, kill

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Seit Ende der Neunzigerjahre wird in Deutschland ein Verbot von Killerspielen diskutiert. Besonders heftig jeweils als Reaktion auf Amokläufe. Und jedes Mal, nach Bad Reichenhall, nach Erfurt oder Winnenden, nimmt mit der Erschütterung auch das Interesse jener ab, die in Bund und Ländern Fakten schaffen könnten.

Wieder ist der Aufschrei gewaltig. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) hat sich nach dem Amoklauf von München erdreistet, alte unerfüllte Forderungen in neue Überlegungen zu gießen. Dabei geht er mit größter Vorsicht vor, ein sofortiges Verbot von Killerspielen schließt er aus, weil das "nicht der richtige Weg" sei und schwer umzusetzen obendrein. "Aber wir müssen uns intensiv darüber Gedanken machen, wie wir zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit solchen Medien kommen – damit Kinder und Jugendliche nicht ungeschützt Gewalterfahrungen ausgesetzt sind, deren längerfristige Folgen wir nicht sicher abschätzen können", verspricht der Vater von drei Kindern.

Den Lobbyisten der Branche liegt eine differenzierte Replik nicht am Herzen. Sofort wird zurückgeballert: dass der Minister die Debatte anheize – das ist noch einer der harmloseren Vorwürfe – oder dass er widerlegte Vorurteile reanimiere. "Er hat tief in die Neunzigerjahre geblickt und zieht flugs die sogenannten Killerspiele als Ursache für diese Taten aus dem Hut", erklärt Kristos Thingilouthis, politischer Geschäftsführer der Piratenpartei Deutschland. Und weiter: "Killerspiele spielt man zu Hause auf seinem Computer oder seiner Spielkonsole, Herr Minister. Man verwendet dafür keine scharfen Waffen, außer Pixeln wird dabei niemand verletzt oder gar getötet."

"Wie ich meine Tochter beim Amoklauf in Winnenden verlor"

Falsch, denn die Szenen bleiben im Kopf und in der Seele der Spieler. Und damit kann die weit überwiegende Zahl der Betroffenen umgehen, zu viele eben aber auch nicht. De Maizière reanimiert keine Vorurteile, sondern er belebt eine notwendige Diskussion. Jahrelang hatten sich Eltern von in Winnenden getöteten Schülern und Schülerinnen dafür starkgemacht, das Radikalisierungs- und Destabilisierungspotenzial von Ego-Shootern ernst zu nehmen. Am vergangenen Sonntag berichtete Hardy Schober, der frühere Vorsitzende des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden, live in den "Tagesthemen", wie er irgendwann entnervt aufgegeben hat. Die Lobby der Hersteller sei noch um einiges mächtiger als die der Waffenhersteller, sagt der Betriebswirt, der letztere schon als unbesiegbar einschätzt und darüber ein 2012 erschienenes Buch geschrieben hat ("Mein Sonnenkind: Wie ich meine Tochter beim Amoklauf in Winnenden verlor und nun gegen die Waffenlobby kämpfe").

Hämisch wird bis heute unter den Verteidigern von Krieg und Terror im eigenen gerne abgedunkelten Zimmer darüber berichtet, dass der von den erschütterten Eltern im Oktober 2009 in der Stuttgarter Innenstadt aufgestellte Müllcontainer, in den Jugendliche ihre Spiele, vor allem "Counter-Strike" werfen sollten, ziemlich leer blieb. Als könnte das nicht ein Argument gerade für härtere Maßnahmen sein, dafür, dass sich freiwillig zu wenige abwenden von der Freizeitbeschäftigung mit hohem Suchtpotenzial. Ein Agitator eines Spielerverbands war damals übrigens auch vor Ort, um gegen die Ächtung von Computerspielen und die "Vernichtung von Kulturgut" zu demonstrieren. Davon, den Eltern doch wenigstens nicht das Plakat "Stoppt den Trauer-Terror" entgegenzuhalten, mussten ihn Passanten erst überzeugen.

Schon seit Anfang des Jahrtausends leistet die Lobby ganze Arbeit. 1999 bringt ein 16-jähriger Schlosserlehrling in Bad Reichenhall wahllos und mit Dutzenden Schüssen vier Menschen um. Die Polizei ermittelt, dass er Fan brutaler Videospiele war. Der damalige bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) eröffnet die Verbots- oder zumindest Einschränkungsdiskussion. Nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium flammt die Debatte 2002 erneut auf. Wieder stellt sich heraus, dass der 19-Jährige Täter einschlägige Spiele spielte.

Die Innenminister fordern einstimmig Konsequenzen

2009, nach dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen, definiert die Innenministerkonferenz von Bund und Ländern Killerspiele als Spiele, "bei denen ein wesentlicher Bestandteil der Spielhandlung die virtuelle Ausübung von wirklichkeitsnah dargestellten Tötungshandlungen oder anderen grausamen oder sonst unmenschlichen Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen ist". Einstimmig werden Konsequenzen gefordert, der Bundesgesetzgeber könnte sofort aktiv werden. Das ZDF-Magazin "Frontal 21" nimmt sich des Themas an. Der Beitrag ist bis heute einer der größten Aufreger in der Geschichte. Immer noch wird im Internet gegen Tendenz und Macher der Sendung agitiert. Auch wabern unzählige Drohungen durchs die Spielewelt: Wer nicht hören wolle, könne den Unterschied zur realen gern am eigenen Leib erleben. Oder einfach nur: "Kill, kill, kill." Der damalige Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) hat sogar ein Verbot von realen Gewaltspielen, wie "Paintball" und "Gotcha", angeregt hat. Passiert ist nichts. Statt dessen tauschen sich aktuell auch im Großraum Stuttgart in Chats Jugendliche angeregt darüber aus, wie die Altersgrenze von 18 am besten zu umgehen ist, wo die Kontrollen eher lasch sind.

2013 schaffte es eine Formulierung in den Koalitionsvertrag von Unionsparteien und SPD, die manchen Hinterbliebenen die Tränen in die Augen treibt: "Digitale Spiele prägen den Alltag vieler, insbesondere jüngerer Menschen in unserem Land. Wir anerkennen die Vielfalt hochwertiger Angebote, insbesondere pädagogisch wertvoller Computerspiele, sowie die große kreative Leistung und hohe technische Kompetenz der Entwickler." Keine Problematisierung mehr, keine Erwähnung von Forschungsergebnissen auf nationaler und internationaler Ebene, keine Initiativen. Schon damals heißt der Innenminister Thomas de Maizière.

Immer weiter dürfen die Fans von Ballern, Töten oder Vergewaltigen in der virtuellen Welt damit argumentieren, dass davon ja von da keine reale Gefahr ausgehen könne, weil sonst Millionen von Amokläufern herumliefen in der Bundesrepublik. Seriöse Studien werden verdreht oder negiert. Eine neue Untersuchung der Uni Gießen differenziert zwischen der Tatsache, dass die Öffentlichkeit "Ego-Shooter, Gewaltvideos und hasserfüllte Liedtexte häufig als Ursache missversteht", und der "besonderen Bedeutung", die solche Angebote für anfällige junge Menschen haben: "Als Inspiration und Verstärker für die schon vorhandenen Gewaltfantasien haben sie eine Rolle bei der Selbstdarstellung der im realen Leben erfolglosen, überforderten und sich ständig gekränkt fühlenden Täter." Auch darüber wird gekübelt.

Auch im Stuttgarter Landtag wird viel Wind gemacht

Nach den Taten von Winnenden und Waiblingen hatte der baden-württembergische Landtag den Sonderausschuss "Konsequenzen aus dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen: Jugendgefährdung und Jugendgewalt" eingesetzt. Die Mitglieder waren unter anderem im Stuttgarter Jugendhaus, um sich im Gespräch mit erfahrenen Heranwachsenden ein "differenziertes Bild" zu machen. Eingang in den fast 900-seitigen Abschlussbericht fand immerhin dieser Auftrag: "Wirksamkeit, Umsetzbarkeit und Sinnhaftigkeit einer Verschärfung der Altersgrenzen und/oder genereller Verbote sollen geprüft werden." Festgestellt wurde, dass "Amoktäter mit Computerspielen die Treffsicherheit einüben und sich das Mitleid systematisch abtrainieren können", dass 99 Prozent der Nutzer männlich sind, oder wie unreflektiert die Industrie gewalttätige Maskulinität einsetzt, vor allem um die Angebote in der hochproblematischen Ich-Perspektive attraktiver zu machen.

Schon in der Debatte der Empfehlungen vom März 2010 im Landtag tauchen mögliche Verbote aber kaum mehr auf. Sabine Kurtz, die heute noch für die CDU im Landtag sitzt und aktiv werden könnte, verspricht seinerzeit, "die Problematik grundsätzlich, langfristig und nachhaltig anzugehen". Der FDP-Abgeordnete Hagen Kluck verweist blauäugig darauf, dass "gewalthaltige Computerspiele, die wir gemeinhin als Killerspiele bezeichnen, keine Freigabe für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben", dass sie also "nicht gespielt werden dürfen". Und dass weiter gehende Maßnahmen, "Millionen erwachsener Menschen in ihrer Freiheit ungerechtfertigt einschränken, ganz gleich, ob man bestimmte Computerspiele für abartig hält".

Wieder hat am Freitag der Vorwoche ein Jugendlicher neun Menschen umgebracht. Wieder hat er auch gespielt, wieder soll abgewogen und geprüft werden. Und wieder will ein Verantwortlicher keine entscheidenden Konsequenzen ziehen aus einer unstrittig Erkenntnissen, die er selber formuliert. "Es gibt ganz sicher sinnvollere Freizeitbeschäftigungen", weiß Baden-Württembergs neuer Innenminister Thomas Strobl (CDU). Er sei bei dem Thema "sehr ernst", denn er kenne "keinen einzigen Fall eines sich selber radikalisierenden Täters, der nicht vorher einen Bezug zu solchen Spielen in Anführungszeichen gehabt hat". Was daraus folgt? O-Ton Strobl: "Es wird außerordentlich schwierig, solche Dinge zu verbieten." Und dann folgte noch die übliche Lobby-Binse obendrauf, schließlich werde auf der anderen Seite ja auch nicht jeder Spieler zum Attentäter.


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17 Kommentare verfügbar

  • Henrik Neufelder
    am 22.08.2016
    Antworten
    Ich möchte die Videospiele nicht von Gewaltverherrlichung freisprechen, jedoch bin ich mir sicher, dass sie weder alleinige oder teilweise Ursache noch Auslöser von Gewaltakten und Amokläufen in der Realität sind.
    Sicher haben viele der Täter (99% junge Männer) solche Spiele gespielt. Ich denke…
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