Friedliche Münsterstadt? Ausgerechnet Ulm gilt als ein Zentrum des islamistischen Terrors. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 261
Politik

Die fiese Schwester Ignoranz

Von Hannah Stöckle
Datum: 30.03.2016
In Ulm, im Schatten des höchsten Kirchturms, hat sich über viele Jahre eine Terrorszene entwickelt. Deshalb verwundert es nicht, dass sich der mutmaßliche Paris-Attentäter Salah Abdeslam dort aufgehalten haben soll. Die Stadt hat sich damit nie auseinandergesetzt.

19. März, der französische Staatsfeind Nummer eins, Salah Abdeslam, wird im Brüsseler Stadtteil Molenbeek gefasst. Die Jagd nach einem Mann, der mal als Logistiker des Todes bezeichnet wurde, als Drahtzieher der Anschläge von Paris oder auch als doppelt erbärmlicher Feigling, weil er der einzige Attentäter des 13. November gewesen sein könnte, der seinen Sprengstoffgürtel wieder abschnallte und in eine Mülltonne warf, war also zu Ende.

Lange vorher schon beschäftigte Polizei und Justiz vor allem die Frage, wie verzweigt das Netzwerk gewesen ist, auf das sich die Terroristen gestützt haben. Und dann, nur Stunden nach der Festnahme Abdeslams, ist sowohl seitens der belgischen als auch der französischen Justiz der Name Ulm gefallen. Die schwäbischen Lokalbehörden hätten allen Grund gehabt, innerlich zusammenzuzucken. Denn die Geschichte der Stadt als deutsches Pendant des Molenbeeker "Vipernnestes" – auch das eine Wortschöpfung der Medien in der Zeit nach den Attentaten in Paris – ist noch sehr präsent.

Der Pariser Staatsanwalt Francois Molins teilte bei einer Pressekonferenz vorvergangene Woche mit, der 26-jährige Abdeslam sei vom 2. auf den 3. Oktober, also rund sechs Wochen vor den Paris-Anschlägen, zusammen mit einem Mann in Ulm gewesen, der mit gefälschten syrischen und belgischen Papieren reiste und sich mal als Munir Ahmed Alaadsch, mal als Amine Choukri ausgab. Der mutmaßliche Komplize wurde zusammen mit Abdeslam in Molenbeek gefasst. Die Bundesanwaltschaft will nun wissen, was die Radikalen in die Donaustadt getrieben hat. Auch die Deutschen führen ein Ermittlungsverfahren gegen Abdeslam. Eine Sprecherin sagte: "Es besteht der Verdacht, dass der Beschuldigte Abdeslam in Ulm gewesen ist."

Nach der vorläufigen Überzeugung der Belgier ist Abdeslam im vergangenen Herbst ein eifriger Chauffeur im Namen des Terrors gewesen, der radikale Gesinnungsfreunde vornehmlich von Ost nach West beförderte. Belegt ist beispielsweise eine Fahrt des 26-Jährigen vom 9. September. Er kam in einem Mietwagen mit belgischem Kennzeichen aus Ungarn und wurde von österreichischen Polizisten kontrolliert. Mit im Wagen saßen ein gewisser Najim Laachraoui alias Soufiane Kayal und ein Mohammed Aziz Belkaid alias Samir Bouzid. Wie die belgische Staatsanwaltschaft mitteilte, handelt es sich bei Laachraoui um den zweiten Selbstmordattentäter vom Brüsseler Flughafen. Belkaid war ein früherer IS-Kämpfer. Das Trio erklärte, auf Urlaubsfahrt zu sein, und durfte weiterfahren.

Auch in Ulm haben sich, den belgischen und französischen Angaben zufolge, Abdeslam und sein Komplize Amine Choukri offenbar aus einer Polizeikontrolle gewunden. Ihr Fahrzeug sei am 3. Oktober überprüft worden, dabei seien auch Fingerabdrücke genommen worden. Weil nach keinem der Männer offiziell gesucht worden sei, hätten sie weiterfahren können.

Weshalb im Rahmen einer Verkehrskontrolle Fingerspuren genommen worden sein sollen, womit sich die Autoinsassen also derartig verdächtig gemacht haben, ist bis heute unerklärt. Die Anwesenheit Abdeslams in Ulm ist aber wohl zusätzlich durch die Auswertung der Navigationsdaten eines belgischen Mietautos belegt. Erst der "Südwestrundfunk", dann die "Süddeutsche Zeitung" berichteten mit Berufung auf Ermittlerkreise, der Wagen sei vor einem Hotel in der Nähe des Hauptbahnhofs geparkt worden, in dem Amine Choukri gewartet haben soll. Beide Männer hätten dann aus einer Flüchtlingsunterkunft in der Stadt – möglicherweise der zu dieser Zeit kurzfristig umgenutzten Messehalle – zwei weitere aus Griechenland eingereiste Syrer abgeholt. Vom bayerischen Feldkirchen aus, wo sie registriert worden seien, habe ihr Weg nach Ulm geführt.

Die Spur des Terrors führt immer wieder an die Donau

Ulm als Drehscheibe von Terroristen – es fällt schwer, dabei an einen Zufall zu glauben. So ist beispielsweise schon 2003 der ägyptischstämmige Deutsche Reda Seyam an die Donau gezogen. Er war, als mutmaßlicher Finanzbeschaffer der Terroranschläge von Kuta/Bali 2002, von deutschen Behörden aus einem indonesischen Gefängnis nach Deutschland gebracht worden und hatte sich als Aufenthaltsort für die Dauer des gegen ihn gerichteten Ermittlungsverfahrens die Stadt Neu-Ulm ausgesucht.

Erst sehr viel später wurde klar, was Seyam an die Donau zog: die Kumpanei zum ebenfalls aus Ägypten stammenden Yehia Youssif, radikalisierter Wissenschaftler aus Freiburg und heimlicher Starprediger in der Neu-Ulmer Moschee mit dem schönen Namen "Multikulturhaus". Womöglich deckte sich Seyams Interesse sogar mit dem deutscher Schlapphüte, denn Youssif war nebenher noch Spitzel des Verfassungsschutzamtes Baden-Württemberg, führte den südwestdeutschen Ermittlungsapparat jedoch nach Kräften an der Nase herum.

Nicht eine einzige Information von Wert ist je geflossen. Stattdessen saßen nun der charismatische Youssif und Seyam, der schon "gekämpft" hatte, in der Moschee beieinander und scharten eine wachsende Zahl junger Männer um sich. Die Rekrutierung vor allem junger deutscher Konvertiten übernahm ein zweiter Islamistenstützpunkt mit der nicht weniger verniedlichenden Bezeichnung "Islamisches Informationszentrum". Der erste Ulmer Konvertit, der in Tschetschenien auf Seiten muslimischer Rebellen von russischen Soldaten erschossen wurde, war Thomas "Hamza" Fischer. Sein Schicksal sollten noch mehrere andere in Ulm angeworbene kampfeswillige Söhne aus mehr oder weniger gutem Hause erleiden.

Die örtliche Salafistenszene war nicht der Rede wert

Die Doppelstruktur über die Ländergrenze Donau hinweg hatte schon ihren Sinn. Hier stießen zwei oft disharmonische Polizeigesetzgebungen mit streng abgegrenzten Zuständigkeiten aneinander, der Informationsaustausch klappte schlecht oder gar nicht. Die Stadtverwaltungen, selbstbewusst und weit weg von den Landeshauptstädten, behandelten die örtliche Salafistenszene wie eine bizarre Rarität der Wirklichkeit, über die auch nur zu reden sich nicht lohnte. Es dauerte lange, bis sich Bayern und Baden-Württemberg zum Aufbau einer gemeinsamen Ermittlungsgruppe zur Bekämpfung der örtlichen Islamistenszene entschlossen hatten. Sie bekam den naheliegenden Namen "Donau" und Büros in den Räumen der Polizeiinspektion Neu-Ulm. Es war die Zeit, als Zeugen berichtet hatten, schon der New Yorker 9/11-Attentäter Mohamed Atta habe sich vor 2001 bei einem ägyptischen Arzt im Neu-Ulmer Donaucenter behandeln lassen. Der Arzt lebt längst im Ausland.

Eines Tages war der Prediger Youssif in ein unbekanntes Land geflohen, bemerkenswerterweise kurz bevor ihm eine Hausdurchsuchung wegen des Verdachts der Volksverhetzung bevorstand. Reda Seyam war, über einen Kurzaufenthalt im schwäbischen Laichingen, nach Berlin gewechselt, wo er Sozialhilfe bezog. Dann verschwand auch er, um 2013 als mutmaßlicher "Bildungsminister" des so genannten "Islamischen Staates" in den Sozialmedien aufzutauchen. Vorher aber spielte sich Kapitel zwei des Spuks von Ulm ab.

Zu den zornigen jungen Herren, die Youssif und Seyam im Multikulturhaus erlebten und verehrten, gehörte auch der Ulmer Student und Islam-Konvertit Fritz Gelowicz. Er wohnte in Ulm mit seinem Kumpel Attila Selek zusammen, gemeinsam joggten sie oft am Flüsschen Blau entlang. Zusammen mit Daniel Schneider und Adem Yilmaz gründeten die beiden Ulmer die so genannte "Sauerland-Gruppe", benannt nach dem Festnahmeort der Terroristen im Jahr 2007. Sie waren die zweite Ulmer Generation gewaltbereiter Radikaler und planten, auf deutschem Boden möglichst viele amerikanische Soldaten in die Luft zu sprengen. Die nötigen Chemikalien hatten sie bereits zusammengekauft, als die Zielfahnder zufassten.

Die Stadtverwaltung Ulm aber hatte dem in der Türkei geborenen Selek noch einen deutschen Pass ausgestellt, als die Ermittlungen gegen ihn wegen Terrorverdachts bereits liefen. Nach seiner Verurteilung als Terrorhelfer und Verbüßung einer fünfjährigen Haftstrafe widersetzte sich Selek seiner Abschiebung in die Türkei mit Berufung auf diese staatliche Anerkennung. Deutsche Behörden hatten ihre liebe Not, Selek in einem Zivilprozess nachzuweisen, er habe die Passbehörde bei der Beantragung der deutschen Staatsbürgerschaft arglistig getäuscht.

Behördenoptimismus: Terrorismus ist wie Grippe, geht wieder weg

In Ulm haben sie immer so getan, als sei das Auftauchen der Radikalen eine Art Grippe. Die kann, wie jedermann weiß, jeder bekommen. Wenn man sich still verhält, die Decke hochzieht und vor allem nicht so viel redet, geht sie wieder weg. Bis heute gab es seitens der Stadtpolitik nicht einen einzigen Versuch der Erklärung des Phänomens Terror an der Donau. Dabei gibt es durchaus Ansätze. Zum Beispiel den, dass die fiese Schwester der Weltoffenheit und Toleranz die Ignoranz ist. Noch als das "Islamische Informationszentrum" zusammen mit dem "Multikulturhaus" im Fokus des CIA und weiterer internationaler Geheimdienste stand, durften beispielsweise die bärtigen Radikalen auf dem Wochenmarkt vor dem Ulmer Münster unbehelligt ihre Glaubenswerbeblätter mit dem Titel "Denk mal islamisch" unters Volk bringen. Das Rechtsmittel des Platzverweises ist wohl nicht einmal in Erwägung gezogen worden.

Ende 2014 glaubten auch die Länderpolizeien im Süden, das sei es gewesen mit dem Schrecken. Die Ermittlungsgruppe "Donau" wurde offiziell aufgelöst – weil es, wie begründet wurde, keine Ermittlungsansätze mehr gebe und der Platz in der Neu-Ulmer Polizeiinspektion anderweitig gebraucht werde. Diesmal immerhin gab es Protest aus der Politik, formuliert durch die bayerische Europaministerin und frühere Neu-Ulmer CSU-Oberbürgermeisterin Beate Merk. Die Auflösung sei ein "verheerendes Signal" an Kriminelle, sagte Merk, die als frühere bayerische Justizministerin manche interne Ermittlungsakte kennt.

Nun erweist sich der Behördenoptimismus an der Donau, wonach die Radikalenszene besiegt und in alle Himmelsrichtungen zersprengt sei, womöglich als verfrüht. Das ZDF verbreitete vergangene Woche mit Berufung auf Eigenrecherchen, in Ulm wohne "weiterhin ein Mann, der intensive Kontakte mit Islamisten auf dem Balkan pflegt". Während der Verdächtige Abdeslam in belgischer Auslieferungshaft sitzt und schweigt, baut beispielsweise der neue Ulmer CDU-Oberbürgermeister Gunter Czisch weiter tapfer auf die Grippetheorie. Der "Südwest Presse" sagte der Rathauschef in Bemühung alter Handlungsmuster, er wisse nur aus der Zeitung über die neuesten Terrorverbindungen nach Ulm. Man müsse aber "aufpassen, dass die Spekulationen das Klima nicht vergiften".


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2 Kommentare verfügbar

  • Dieter Kief
    am 31.03.2016
    Werte Hannah Stöckle - ich bin froh, diesen Artikel, so geschrieben, in KONTEXT: zu lesen.

    Ich würde allenfalls für ein Gran weniger Häme in Richtung Schlapphüte plädieren. Es kann immer mal etwas schief gehen. Das ist nicht das Problem.

    Wenn man mehr tun wollte, dann müsste man die bürgerliche, die kritische, die engagierte Öffentlichkeit in Ba-Wü und Bayern herausfordern.
    Die Qualitätszeitungen. Die es ja gibt. Den SWR und den BR.
    Von mir aus auch die Bloggerszene. ich sehe da aber in Ba-Wü nicht soviel Anlass zur Hoffnung.

    @ Zaininger: Der Salafismus ist offiziell toleriert. Erst der dschihadistische Salafismus macht strafrechtlich etwas her.
    Wir kommen um derlei Unterscheidungen nicht herum.
    Wer solche Fragen nicht diskutieren will, kann nach Polen ziehen. Dortige Muslimquote: 0,5 %. Die meisten Polen wollen, dass das so bleibt. Das ist eine zugegeben etwas simple Lösung des Problems, die aber bisher einwandfrei funktioniert.
    Ob unser Weg gangbar ist, wird entschieden davon abhängen, dass wir unsere Hausaufgaben machen. Beate Merk scheint das verstanden zu haben, die Ulmer Stadtpolitik (noch?) nicht.
    Und die Landesregierung?
    Kleiner Hinweis aus Konstanz: Dort gibt es ein Exzellenzcluster Integration an der Uni, das sich ab und an an die Öffentlichkeit wendet: Letztes Jahr mit der Mitteilung, in Konstanz laufe alles bestens, es gebe keine gravierenden Integrations-Probleme - während gleichzeitig Konstanzer im Dschihad mitkämpften.
  • Zaininger
    am 30.03.2016
    "Terrorismus ist wie Grippe" - wenn das wirklich die Grundhaltung mancher Behördenvertreter sein sollte, dann gute Nacht! Dabei ist Salafismus keine Religion, sondern eine gemeingefährliche Geisteskrankheit mit Seuchencharakter.

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