KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Der Brückenabbauer

|

Datum:

Alle lieben Fritz Kuhn. Könnte man glauben, wenn die Loblieder bei seinem 60. Geburtstag stimmen. Nur die S-21-Gegner mögen ihn nicht mehr, seitdem er ihnen die kalte Schulter zeigt. Für sie ist der letzte prominente Grüne von der Fahne gegangen und zur feinen Gesellschaft übergelaufen.

Was muss der Fritz vor 31 Jahren für ein Kerl gewesen sein. Da ist er ins SDR-Studio gestürmt, offenes Hemd, freche Klappe, und Lothar Späths Lippen sind noch dünner geworden. Wer er denn sei und was er wolle, hat der Moderator gefragt und zur Antwort gekriegt, dass er, Fritz Kuhn, den verschnarchten Laden hier aufmischen wolle. Ein "Outlaw" sei er gewesen, erzählt Winfried Kretschmann, und schmunzelt in sich hinein, als habe er sich gerade an seine KBW-Zeit erinnert. Und heute? Ja heute sei der Fritz Oberbürgermeister und er Ministerpräsident. Wer hätte das gedacht?

Eine große Heiterkeit erfüllt den großen Ratssaal der Stadt Stuttgart, in dem sich 400 Festgäste zum 60. Geburtstag ihres Oberbürgermeisters eingefunden haben. Wir waren doch alle mal jung. Wolfgang Schuster (CDU), sein Vorgänger, ist darunter, Volker Kefer, der Bahnvorstand, Fraktionschef Martin Körner (SPD), Fraktionschef Alexander Kotz (CDU), sein Stellvertreter Michael Föll (CDU), und alle sind voll des Lobes über den Jubilar. Föll sagt, er habe Kuhn "ganz außerordentlich" schätzen gelernt, Kotz sagt, mit ihm könne man ein "Eis auf dem Marktplatz" schlotzen. Es ist, als gäbe es keine Parteien mehr im Saal. Fritz Kuhn und Winfried Kretschmann sind angekommen.

Es kommt keiner mehr auf Rollschuhen

Solche Szenen sind in letzter Zeit häufiger zu beobachten. Grünes Spitzenpersonal umarmt und wundert sich darüber, dass es heute MP, Minister oder OB ist, wird umarmt und freut sich, wenn die Society bei ihrem Einzug Spalier steht. Es kommt ja auch keiner mehr auf Rollschuhen.

Der schwarze Föll stellt Kuhn in eine Reihe der Stuttgarter Oberbürgermeister. Klett, der Wiederaufbauer, Rommel, der Weltgeist, Schuster, der Sanierer, und Kuhn, der "Brückenbauer in einer gespaltenen Stadt". Jeder der Richtige zu seiner Zeit, meint Föll.

Einen Tag zuvor, an einem brutheißen Donnerstagnachmittag, sitzt Kuhn mit Anzug und Krawatte im Ratssaal. Seine Bürgermeister sind casual, seine Bürgermeisterinnen luftig gekleidet. Auf der Besuchertribüne stehen Gegner des Tiefbahnhofs und rufen "Schämen Sie sich" und "Schlimmer als Schuster". Für sie heißt die neue Linie Kuhn-Kotz-Körner. Der Gemeinderat spricht über die Bürgerbegehren zu Stuttgart 21. Jeweils 20 000 Menschen haben zwei Anträge unterschrieben, mit denen die Stadt aufgefordert wird, aus dem Projekt auszusteigen. Der eine, "Storno 21", verlangt den Ausstieg wegen falscher Zahlen im Vertrag, der andere wegen eines "Leistungsrückbaus" im tiefbahnhöflichen Zugverkehr. Kuhn hat bereits im Vorfeld angekündigt, dass er davon nichts hält. Ein Vertrag sei einzuhalten, hat er betont, eine Kündigung rechtswidrig, und für Illegales sei er nicht zu haben.

Das sehen die meisten seiner Räte auch so. Außerdem hängt ihnen das Thema zum Hals raus. Die CDU mag die "alte Litanei" nicht mehr hören, die SPD ödet die "Showveranstaltung" an, die Grünen wussten schon immer, dass das Bürgeransinnen "scheitern wird". Nur die AfD fragt, ob die plötzlich auftauchenden Mehrkosten in Milliardenhöhe nicht die Grundlage des Vertrags von 2009 änderten und ihn damit kündbar machten? Aber die Rechten im Rat sind auch noch nicht so lange dabei und müssen das Konsensprinzip noch üben. Für die anderen ist Mails checken auf dem Smartphone spannender.

Das Konsensprinzip stört nur einer: Hannes Rockenbauch

Bis Hannes Rockenbauch in kurzen Hosen ans Pult tritt, Folien an die Wand geworfen haben will, dies verwehrt bekommt, und dann behauptet, er habe etwas zu sagen. Murren bei CDU, SPD und FDP, weil ihnen der Rotschopf auf den Senkel geht. Der 34-Jährige ist zu viel in der Presse. Der Neu-Linke von der SÖS sagt dann so Sachen wie, Kuhn verwechsle die Interessen der Deutschen Bahn mit jenen seiner BürgerInnen, was den Gescholtenen noch intensiver die Brillenbügel bearbeiten lässt. Doch der coole Politprofi koffert nicht zurück, merkt nur an, dass er nie versprochen habe, Stuttgart 21 zu stoppen.

Das stimmt. Aber er hat angekündigt, bei seinem Amtsantritt im Januar 2013, Alternativen zu S 21 zu prüfen und die Bahn zu stoppen, wenn sie die Wahrheit biegt und beugt. Der gelernte Linguist, dem die genaue Wortwahl so wichtig ist, nannte das damals "Desinformationen", die es zu bekämpfen gelte. Und damals waren Rockenbauch, sein politischer Ziehvater Gangolf Stocker sowie Ewig-Sozialdemokrat Peter Conradi ganz happy, wie eigentlich viele in der Gegnergemeinde. Plötzlich war da ein Grüner, der sich nicht wegduckte wie Kretschmann, einer, der glaubhaft versichern konnte, schon 1996 dagegen gewesen zu sein. Zweieinhalb Jahre später bekämpft Kuhn eher Rockenbauch. Der letzte prominente Grüne geht von der Fahne.

Das hat Gründe. Rockenbauch hält ein Thema im Gemeinderat am Leben, das die Grünen am liebsten beerdigt sähen. Der Bahnhofsprotest, der ihnen die Regierung beschert hat, bringt sie immer wieder in Erklärungsnöte, wenn sie begründen sollen, warum sie jetzt fürs Tunnelbohren sind. Und er bringt ihnen keine Punkte mehr, weil er sich zu großen Teilen von der Ökopartei verabschiedet hat. Aus Verdruss über den Sinneswandel, den manche auch Verrat nennen. In diese Glaubwürdigkeitslücke springt Rockenbauch, der so eine Art Symbol für den Widerstand geworden ist, der schon immer gesagt hat, dass Stuttgart 21 ein Beschiss ist, nur zum Nutzen finsterer Gesellen, die sich in Politik, Wirtschaft und Mafiakneipen herumtreiben. Das ist schwer zu kontern, gerade jetzt wieder, wie bekannt wird, dass Kanzleramtschef Ronald Pofalla (heute Deutsche Bahn) die Staatssekretäre der Bundesregierung im DB-Aufsichtsrat auf Weiterbaulinie gebracht hat.

Wer es genauer wissen möchte, möge die Montagsrede von Eisenhart von Loeper nachlesen.

Kuhn könnte für andere Mehrheiten kämpfen – will er aber nicht

Kuhn weiß um diese Schwierigkeit, und er weiß, dass Rockenbauch in vielem recht hat. Aber wie sagte doch der Großgrüne Kretschmann? Mehrheiten sind in der Politik entscheidend, nicht Wahrheiten. Andere sagen auch schlicht Realpolitik dazu, und das ist die Welt des Fritz Kuhn, des Sohnes eines Bundeswehr-Beamten. Deshalb verweist er stets auf die Mehrheit der Tunnelparteien in den Parlamenten und darauf, dass er sie, als Demokrat versteht sich, zu respektieren habe. Was er nicht sagt, ist, dass er als Oberbürgermeister, dem die Gemeindeordnung eine sehr starke Stellung gibt, und als Politiker, dem das Stimmenbeschaffen vertraut ist, für andere Mehrheiten kämpfen könnte. Wenn er wollte. Will er aber nicht.

So hat er es ganz kommod in seinem Rathaus. Intellektuell steckt er sie in den Sack, beeindruckt offenbar dermaßen, dass der CDU-Fraktionschef und Handwerksmeister Kotz seine "Dilemmas" schnell in "Dilemmata" ändert. Strategisch packt er sie in die Kiste, weil er als grüner Realo die Mechanik der Macht von der Pike auf gelernt hat. Das Blöde ist nur, dass er so gar nichts von seinem Kumpel Rezzo hat. Mal einen raushaut und dann guckt, was passiert. Kuhn muss immer vom Ende her denken, jeden Fettnapf erkennen, der auf dem Weg dahin lauert, und alles vermeiden, was ihn überraschen beziehungsweise überraschend sein könnte. Warum wohl kündigt er den Vertrag mit der Bahn nicht? Warum haut er den Hausbesitzern, die ihre Wohnungen leer stehen lassen, nicht auf die Finger? Warum sagt er nicht, was er von Läden wie Milaneo und Gerber wirklich hält oder von den Managern im Stuttgarter Pressehaus? Das enttäuscht nicht nur die Bahnhofsgegner.

Der junge Rockenbauch würde jetzt wahrscheinlich sagen: weil Kuhn kein Linker ist, der noch fragt, was oben und unten ist, warum das so ist und wie es zu ändern ist. Und Kuhn wird sich, womöglich, wenn er den frechen Kerl erlebt, daran erinnern, wie er vor 31 Jahren ins SDR-Studio gestürmt ist. Ob's wehtut, weiß nur er selbst.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


26 Kommentare verfügbar

  • Justin Broadrick
    am 15.07.2015
    Antworten
    Vor der OB-Wahl habe ich mir nicht vorstellen können, dass es noch (bzw. schon wieder) ein Verlangen geben könnte, sich grün einseifen zu lassen. Ich habe mich getäuscht ...

    Ein kurzer Text von Wiglaf Droste (junge Welt vom 14. Juli 2015) handelt teilweise vom OB Fritz Kuhn:

    "Stuttgart, grün…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!