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Wenn der Whistleblower zweimal klingelt

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Die Bundesregierung lehnt es ab, Edward Snowden in Deutschland aufzunehmen. Kontext hat Persönlichkeiten aus dem Land gefragt: "Was wäre, wenn der Ex-Geheimdienstmitarbeiter Sie um Hilfe bittet?" Eine eindeutige Antwort kam vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten. Winfried Kretschmann (Grüne) findet es richtig, Snowden hier Asyl zu gewähren.

"Würden Sie Edward Snowden Asyl gewähren, wenn er an Ihrer Haustüre darum bitten würde?", haben wir 25 Prominente aus Baden-Württemberg gefragt. Doch die Asylanfrage für den sich in der russischen Hauptstadt Moskau versteckenden Whistleblower scheint keine einfache gewesen zu sein. Am schnellsten reagierte Winfried Kretschmann. Der baden-württembergische Ministerpräsident würde seine Tür weit öffnen: "Ich fände es richtig, Edward Snowden auf Wunsch Asyl zu gewähren", so Kretschmann. Damit stellt sich der grüne Regierungschef gegen den offiziellen Kurs von Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

Ebenso eindeutig für eine Aufnahme von Snwoden hierzulande sprach sich auch Gaby Hauptmann aus. "Ganze Nationen haben von Edward Snowdens Aufdeckungen profitiert, also muss man ihm auch Schutz gewähren – gerade vor unseren amerikanischen 'Freunden'", sagt die Schriftstellerin, die in Allensbach am Bodensee lebt. "Er ist ein Mensch, der Hilfe braucht", würde auch Chorleiter Gotthilf Fischer Edward Snowden bei sich aufnehmen. Und mit ihm sofort das patriotische Lied der Amerikaner "Glory, glory, hallelujah!" anstimmen.

Ausweichender äußerte sich Gebhard Fürst. Der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart würde Snowden wie jeden anderen Menschen auch aufnehmen, wenn es um Leib und Leben geht. Der CDU-Landesvorsitzende Thomas Strobl und Torwart Sven Ulreich vom VfB Stuttgart sehen ein Asylersuchen des NSA-Aufklärers in Deutschland dagegen als relativ unwahrscheinlich. Dementsprechend fallen ihre Antworten abweisend respektive ausweichend aus.

Die Mehrzahl der Prominenten aus Politik, Kultur und Sport machte sich jedoch zumindest gegenüber Kontext keinen Kopf über die Asylsuche. Mancher entschuldigte sich, keine Zeit zur Formulierung von zwei bis drei Antwortsätzen zu haben. Keine Position beziehen wollten offenbar auch Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt und Daimler-Chef Dieter Zetsche. Auch Entertainer Harald Schmidt, gewöhnlich nicht auf den Mund gefallen, sah sich außerstande, die richtigen Worte zu finden. Absagen gab es außerdem von Schlagersängerin Andrea Berg und SWR-Fernsehmoderator Wieland Backes. Letzterer sah "keine zeitliche Möglichkeit", an der Umfrage teilzunehmen. Auch auf eine Stellungnahme von Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn wartete Kontext vergeblich. Die Pressestelle hatte bis Redaktionsschluss schlichtweg vergessen, das Stadtoberhaupt zu fragen, ob er Edward Snowden sicheren Unterschlupf bieten würde.

Die Kontext:Wochenzeitung fragte:

"Was würden Sie tun, wenn Edward Snowden vor Ihrer Haustüre stünde und um Asyl bitten würde? Würden Sie ihn einlassen oder nicht?"

Prominente Baden-Württemberger antworteten:

 

Winfried Kretschmann (Grüne), Ministerpräsident:

"Von Edward Snowden stammt die Aussage: 'Wer die Wahrheit ausspricht, begeht kein Verbrechen.' Das kann ich persönlich nur unterstreichen. Ich fände es richtig, Edward Snowden auf Wunsch Asyl zu gewähren. Wichtig ist ebenso, von seinen Informationen zu profitieren. Die Sicherheit von Snowden müsste selbstverständlich gewährleistet und die rechtliche Situation vorab genau analysiert sein."

 

 

 

Gebhard Fürst, Bischof

"Ich würde jeden Menschen aufnehmen, der bei mir unmittelbar in schwerer Gefahr für Leib und Leben um Aufnahme bittet. Ob dies im Fall von Herrn Snowden zutreffen würde, kann ich nicht beurteilen."

 

Sven Ulreich, Torwart VfB Stuttgart

"Das ist eine interessante Frage. Da es aber jedoch sehr unrealistisch ist, dass dieser Fall eintritt, beschäftige ich mich auch nicht damit, sondern konzentriere mich voll und ganz auf meine Arbeit beim VfB."

 

Gaby Hauptmann, Schriftstellerin

"Es spricht einer die Wahrheit aus und wird dafür bestraft? Ganze Nationen haben von Edward Snowdens Aufdeckungen profitiert, also muss man ihm auch Schutz gewähren – gerade vor unseren amerikanischen 'Freunden', die sich, wie wir nun dank Snowden wissen, auch uns gegenüber überhaupt nicht freundschaftlich gezeigt haben. Ich würde ihm eine gute Flasche Wein aufmachen und mich auf ein langes Gespräch freuen."

 

Gotthilf Fischer, Chorleiter

"Sollte Edward Snowden bei mir anklopfen, würde ich umgehend das Lied "Glory, glory halleluja" mit ihm anstimmen und ihn hereinbitten. Er ist ein Mensch, der Hilfe braucht. Ich würde mich zumindest bemühen, ihm zu helfen, ohne in politische Fragen eingreifen zu wollen."

 

Thomas Strobl, CDU-Landesvorsitzender in Baden-Württemberg

"Die Frage, ob Edward Snowden in Deutschland politisches Asyl bekommen soll, ist eine ganz andere als die, ob ich ihm meine Haustüre öffnen würde. Für ein politisches Asyl für Edward Snowden in Deutschland sehe ich keine Gründe, keine Rechtsgrundlage."

Inge Jens, Literaturwissenschaftlerin, Bestsellerautorin

"Was ich mit Snowden täte, weiß ich nicht – es ist auch nicht mein Problem, weil die Frage irrelevant ist. Generell: 'Flüchtlinge', die – aus welchen Gründen immer – Asyl brauchten und von denen wir wussten, die von vertrauenswürdigen Menschen 'gebracht' wurden, erhielten Unterkunft generell für eine Nacht. Dann entschieden wir, gemeinsam mit allen Beteiligten, wie's weitergehen sollte."


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12 Kommentare verfügbar

  • Liane
    am 20.11.2013
    Antworten
    danke Kontext:
    diese direkten Fragen müssen zum Dauer-Zustand erklärt werden!
    denn viel zu viele Institutionen-Menschen verstecken sich hinter diesen Beton-Mauern!
    die Antworten geben einen guten Blick auf die Schieflage in unsere angeblichen Schein-Demokratie!
    Sportler und ihre Funktionäre,…
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