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Grüße von der NSA

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Stell Dir vor, du sagst am Telefon etwas, und der amerikanische Geheimdienst NSA hört mit. Oder du schickst eine E-Mail, und in Crypto City, Fort Meade, Maryland, USA, lesen sie mit. Unglaublich, aber wahr. Die Realität überholt die Fantasie. Seit Monaten versorgt der ehemalige Geheimdienst-Mitarbeiter Edward Snowden die Welt mit bestürzenden Informationen darüber, was die Schlapphüte dies- und jenseits des Großen Teichs alles so treiben. Und kaum einer regt sich darüber auf. Stattdessen gerät der Wistleblower selbst ins Visier von amerikanischen Behörden und unsäglich hilflosen deutschen Politikern.

Was hat der Mann verbrochen, außer die Welt über eine Bedrohung aufzuklären, die es in diesem Ausmaß und in dieser Absolutheit noch nie gab? Nun ist er auf der Flucht. Und sein temporäres Versteck in Moskau ist in der digitalen Welt nur einige Millisekunden von unserer Redaktion entfernt. Was würden wir machen, wenn Edward Snowden an unserer Redaktionstüre klopfen und um Asyl bitten würde, haben wir uns gefragt. Und andere prominente Persönlichkeiten im deutschen Südwesten auch. Antworten und Absagen sind der Aufmacher unserer heutigen Ausgabe.

Das Thema ist uns auch deshalb wichtig, weil es eine urdemokratische Bürgertugend betrifft: die Zivilcourage. Wo bleibt sie, wenn jeder fragt, was ihm persönlich nutzt und schadet, wenn alle Lebenslagen zu einer Frage des Kalkulierens und Taktierens werden? Eine sozial verantwortliche Zivilgesellschaft braucht diese Tugend, den Mut im Alltag, sich gegen alles zu wehren, was diese Gemeinschaft gefährdet. Zum Beispiel gegen die Späher aus Crypto City.

Zwei Sätze des Publizisten Heribert Prantl bringen es auf den Punkt: "Die Zivilgesellschaft ist dann stark, wenn sich viele Leute etwas trauen. Die Gesellschaft hat dann Halt, wenn viele Leute Haltung zeigen." Sein Aufsatz findet sich in dem Buch "Zivilcourage – Aufrechter Gang im Alltag", den Gerd Meyer und Siegfried Frech 2012 herausgegeben haben. Kontext ist darin mit einem Kapitel von Josef-Otto Freudenreich ("Engagierter Journalismus") vertreten.

Die Friedensgala der Anstifter – aller Ehren wert

Vorbildliches leisten in diesem Zusammenhang die Stuttgarter Anstifter, die Truppe um unseren Kolumnisten Peter Grohmann.

Am 10. November haben sie wieder einmal eine beeindruckende Friedensgala auf die Beine gestellt, die sie mit großem Einsatz vorbereitet haben. Zuerst die Reisen ins toskanische Sant'Anna di Stazzema, dann die Einladung der Dorfbewohner und schließlich als Höhepunkt die Preisverleihung an Enrico Pieri und Enio Mancini (der sich krankheitshalber vertreten lassen musste) – das ist aller Ehren wert. Nachdem er eine längere gedankliche Anlaufzeit benötigte, war auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann in seiner Amtsvilla zur Stelle und sagte, was gesagt werden musste: "Was am 12. August 1944 in Ihrem Heimatort geschehen ist, war ein bestialisches Verbrechen." Und dass für das Massaker der SS-Schergen bis heute kein einziger Täter bestraft wurde, sei empörend.

Von der Zivilcourage zur Notwehr

Weniger Zivilcourage als pure Notwehr ist das, was Journalisten ungern tun: Sie haben einen Streiktag eingelegt. 500 sind am Montag, den 11. November, in Ulm zusammengekommen, um ihrem Frust Luft zu verschaffen. Der ist verständlich. Seit Wochen verhandeln Verleger und Gewerkschaften über einen neuen Tarifvertrag, und nichts bewegt sich. Die Zeitungsherren bleiben bei ihrer Ansage, die Gehälter an die Kaufkraft der jeweiligen Region, in der die Zeitung erscheint, anpassen zu wollen, Weihnachts- und Urlaubsgeld erfolgsabhängig zu zahlen, in den Jahren 2013 und 2014 einen nicht bezifferten Einmalbetrag auszuschütten und 2015 den Mitarbeitern eine satte Lohnerhöhung um 1,4 Prozent zu gönnen. Und das in einem Gewerbe, in dem Verleger immer noch viel Geld verdienen und ihre Journalisten seit Jahren Reallohnverluste hinnehmen (müssen). Der nächste Streiktag soll vor dem Haus der "Süddeutschen Zeitung" stattfinden, deren Kollegen den Weg nach Ulm nicht gefunden haben.


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2 Kommentare verfügbar

  • Gelbkopf
    am 19.11.2013
    Antworten
    Zur NSA-Abhöraffäre eine kurze Episode von Anfang November im Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle: Ein Moderator, der die Musik der Gruppe ASCOLTA und das Programm des Abends erläutern soll, betritt die Bühne. Zum großen Erstaunen des Publikums bittet er nicht darum die Handys auszuschalten, ganz…
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