Und über allem liegt die unbeantwortete Frage, wie man die Kundschaft von der Flucht abhalten kann. Im Gedruckten, dem Gestrigen, hat die Chefetage die Lösung schon gefunden: gar nicht. Entsprechend lieblos wird es gemacht. Wenn Martin Heidegger mit ck geschrieben wird, was soll’s? Erregt sich doch nur ein Restpublikum mit überschaubarer Lebenszeit. Im Netz, dem Morgen, überraschen die Fans des Digitalen mit gedanklichen Höhenflügen, die zum Grübeln verleiten, etwa wenn sie ihre in Ulm aufgesetzte Website mit dem Spruch bewerben: "Neuer Auftritt. Gleiche Haltung". Welche Haltung?
Alles schwierig, weil beliebig. Im NPG-Konzern sind derzeit die "User-Needs-Modelle" die Klopps des Gewerbes. Sie machen die Bedürfnisse der Nutzer zur Ultima Ratio. Danach wünscht sich das Publikum mehr Unterhaltung, Emotion, Inspiration und Lebenshilfe. Klassischer Politikjournalismus ("Der hat gesagt, die hat gesagt") interessiere wie Ostereier im Advent, heißt es in der Branche. Ein Ergebnis sind leere Pressebänke in den Kommunal- und Regionalparlamenten, wovor immer gewarnt wird, weil das Lokale doch als Kern der Demokratie gilt.
Übrigens: Die Kontrollfunktion der Presse zählt nach diesem Modell nicht zu den "User Needs".
Nun sind die Menschen flatterhaft wie ihre Bedürfnisse. Sie abonnieren keine Zeitung mehr, sie hüpfen von App zu App und wollen nichts dafür bezahlen. Das bereitet der "Neuen Pressegesellschaft" großen Kummer, über den mit ihr zu sprechen schon mancher Journalist versucht hat. Erfolglos. Die NPG spricht nicht. Nur einmal hat Andreas Simmet eine Ausnahme gemacht. Im Podcast "Jetzt mal ehrlich" (3. Mai 2026) der hauseigenen Rundfunkstation "Radio 7". Und siehe da: Es ist ein Mensch.
Oberchef Simmet will eigentlich nett sein
Der AC/DC-Fan berichtet von seiner Lieblingsspeise (Rinderfilet mit Spargel), seinem Bemühen, nett zu sein, alle Beschäftigten wertzuschätzen, und von seinem Hauptproblem, dem "Kostenloch", dem Personal. Allein 25.000 Zeitungszusteller:innen wollen einen Mindestlohn, den er ihnen natürlich gönnt, der aber seine Ausgaben steigen lässt, während die Einnahmen sinken. Noch teurer ist das journalistische Personal, das er als "künstlerisch angehaucht" wahrnimmt und über ganz Deutschland verteilt ist. Von Offenburg über Stuttgart und Ulm bis Cottbus und Frankfurt (Oder). Damit dieses Loch kleiner wird, muss er über Zukäufe wachsen, das Gewachsene wiederum über Synergien effizienter und kleiner machen, Menschen ins Gras beißen lassen, und daraus entsteht dann eine "Flurbereinigung in der Presselandschaft".
Ab Oktober werden das auch die Leserinnen und Leser merken. Spätestens. Die Einheitszeitung wird kommen. Federführend wird die "Neue Berliner Redaktionsgesellschaft" sein, die ihre Standorte in Berlin, Stuttgart und Oberndorf haben wird. Sie ist für die überregionalen Mantelseiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport zuständig. Die Layouts werden der "Südwest Presse" angepasst, die Produktion soll KI-gesteuert automatisch erfolgen, die Lokalteile werden von den örtlichen Verlagen nach Vorgaben aus Ulm gestaltet. Man sagt auch Zombie-Zeitungen dazu. Zeitungen, die so tun als wären sie eigenständig.
3 Kommentare verfügbar
-
Antworten
Im Rahmen der Gleichschaltung der südwestdeutschen Presselandschaft fällt mir auf, dass nun auch Blätter-übergreifend die gleichen Bugs stattfinden. Ich habe ja das Privileg, in Horb zu leben, wo ja bekanntlich das Bundeskartellamtsfeigenblatt zu Hause war. Anyway: In den Online-Ausgaben kann man…
Kommentare anzeigenStefan Dreher, Horb
vor 2 Stunden