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Zeitungsmonopol im Südwesten

In der Heimat der Heuschrecke

Zeitungsmonopol im Südwesten: In der Heimat der Heuschrecke
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Die Ulmer "Südwest Presse" feiert sich als Hort des Qualitätsjournalismus. Und mit ihr Minister Manuel Hagel (CDU). Dabei wird immer klarer, dass der neue Monopolist eher auf Kahlschlag und Zombie-Zeitungen setzt.

Und wieder ist das Wort gefallen. QUALITÄTSJOURNALISMUS. Alle, die es gut meinen mit der Demokratie, müssen es mindestens einmal gesagt haben. Autosuggestiv. Diesmal hat es Manuel Hagel, der baden-württembergische Vize-Ministerpräsident und Innenminister, in den Mund genommen. Vergangene Woche war es, bei der Einweihung des Medienhauses der "Neuen Pressegesellschaft" (NPG) in Ulm. Sie gibt seine Heimatzeitung, die "Südwest Presse", heraus, sieht sich als Heimstatt des guten Journalismus und hat Hagel sehr beeindruckt. Er verspricht, über eine Neuverteilung der Rundfunkgebühren nachzudenken.

Das Gebäude im Schatten des Münsters sei ein "tolles Ausrufezeichen" für Qualitätsjournalismus, lobt der CDU-Politiker aus Ehingen. Der werde mehr denn je gebraucht, genauso wie die "Medienvielfalt in der Fläche". Wegen der Demokratie und der Algorithmen, "die auf Empörung und Gewalt setzen". Zur Seite steht ihm Ulms Oberbürgermeister Martin Ansbacher (SPD), der in dem Neubau gar ein "Wahrheitszentrum" erkennt.

Etwas wundersam sind sie schon, diese Reden von der Qualität, der Vielfalt und der Wahrheit. Unbekannt war bisher, dass die "Südwest Presse" als ausgewiesenes Qualitätsblatt gilt, ebenso die Absicht, sich in ein solches zu verwandeln. Unsichtbar blieb auch ein Bemühen der Ulmer Verleger um Vielfalt. Ihr oberstes Interesse scheint eher, möglichst viele Presseerzeugnisse aufzukaufen und sie nach ihrem Gusto zuzurichten.

Vor einem Jahr waren die Stuttgarter Blätter StZ und StN, die "Eßlinger Zeitung", die "Böblinger Kreiszeitung" und der "Schwarzwälder Bote" an der Reihe und die NPG dem Ziel näher, ein Monopolist im Südwesten zu werden. Zwei Drittel des Marktes beherrscht sie bereits. Die Gewerkschaft Verdi sagt, die NPG sei eine als Familienunternehmen getarnte Heuschrecke.

Personalabbau per Videokonferenz

Diesen Verdacht auszusprechen hätte bei dieser abendlichen Feier gewiss gestört, ebenso die Hiobsbotschaft an die genannten Zeitungstitel, am Personal sparen zu müssen. Per Videokonferenz hatte die Geschäftsleitung Anfang Juli dieses Jahres verkündet, 40 Stellen abbauen sowie 50 bis 80 Kolleginnen und Kollegen im Oktober in die NPG-Tochter "Neue Berliner Redaktionsgesellschaft" (NBR) verschieben zu wollen. In Summe ist das fast die Hälfte der derzeitigen Belegschaft und so tricky wie perfide zugleich.

Der Berliner Laden mit 17 Beschäftigten hat keinen Betriebsrat, kennt keinen Streik, ist nicht tarifgebunden und ganz nach dem Geschmack des Vorsitzenden der Geschäftsführung: Andreas Simmet, 60, Bayer, Ex-Luftwaffenoffizier, Gewerkschaftsfresser. Juristisch an seiner Seite steht Johannes Weberling, 68, gebürtiger Biberacher, alter Herr der schlagenden Verbindung Frankonia Gießen, kompromissloser Arbeitgeberanwalt. Verglichen mit diesen beiden, verlautet es im Stuttgarter Betriebsrat, sei der Umgang mit der früheren Eigentümerin, der Südwestdeutschen Medienholding, ein Honigschlecken gewesen. Uwe Kreft, der zuständige Verdi-Sekretär, sagt, die Ulmer hätten nur zwei Interessen: Profit und Entsolidarisierung.

Für die Beschäftigten der von der NPG aufgekauften Blätter ist das schlimm. In den letzten zehn Jahren sind sie durch fünf Sparrunden gejagt und schon nahezu halbiert worden. Kreft hat zusammengezählt und ist auf 180 gestrichene Stellen gekommen – bevor die Ulmer übernommen haben. "Wahnsinn", bilanziert er.

Damals wie heute führten und führen geschmeidige Chefredakteure wie Joachim Dorfs die Befehle aus, und sie werden auch die sechste Runde als schiere Notwendigkeit verkaufen. Inzwischen ist der 62-Jährige, der 2008 angetreten ist, zum dienstältesten Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung" geworden. Und wenn sie ihm weiter vertrauen, wird er sicher noch das Kunststück fertigbringen, eine Zeitung ohne Journalisten zu fabrizieren.

Die Leiterin der Landespolitik geht zum SWR

Dass die Stimmung "unterirdisch" ist, wie der Deutsche Journalistenverband konstatiert, ist längst eingepreist. Wer kann, verlässt die sinkende Schaluppe. Aktuell sind es Annika Grah, die erst jüngst zur Chefin der Landespolitik im gemeinsamen Büro von StZ, StN, "Südwest-Presse", "Badischer Zeitung" und sieben weiteren Zeitungen aus dem Land gekürt worden war, und die langjährige Polizeireporterin Christine Bilger. Beide heuern beim SWR an, der offensichtlich zum Auffangbecken privatkapitalistischen Unglücks wird. Grah folgt auf Uschi Strautmann, der Ende 2025 verstorbenen Leiterin der Abteilung multimediale Landespolitik. Zuvor hatten sich Uwe Bogen, Thomas Faltin, Franz Feyder, Martin Gerstner und Bärbel Krauß von "Stuttgarter Zeitung" und "Nachrichten" verabschiedet. 

Die Übriggebliebenen flüchten sich in Sarkasmus, fragen, ob sie bald Kredite für die vielen Abschiedsgeschenke aufnehmen müssen? Sie dürfen sich wieder einmal für neue Thementeams bewerben, die sich um Stuttgarter Befindlichkeiten kümmern. Liebe und Partnerschaft, Essen und Trinken, Autos und Architektenvillen. Die Namen müssen sie sich nicht merken, weil sie bald wieder anders heißen.

Und über allem liegt die unbeantwortete Frage, wie man die Kundschaft von der Flucht abhalten kann. Im Gedruckten, dem Gestrigen, hat die Chefetage die Lösung schon gefunden: gar nicht. Entsprechend lieblos wird es gemacht. Wenn Martin Heidegger mit ck geschrieben wird, was soll’s? Erregt sich doch nur ein Restpublikum mit überschaubarer Lebenszeit. Im Netz, dem Morgen, überraschen die Fans des Digitalen mit gedanklichen Höhenflügen, die zum Grübeln verleiten, etwa wenn sie ihre in Ulm aufgesetzte Website mit dem Spruch bewerben: "Neuer Auftritt. Gleiche Haltung". Welche Haltung?

Alles schwierig, weil beliebig. Im NPG-Konzern sind derzeit die "User-Needs-Modelle" die Klopps des Gewerbes. Sie machen die Bedürfnisse der Nutzer zur Ultima Ratio. Danach wünscht sich das Publikum mehr Unterhaltung, Emotion, Inspiration und Lebenshilfe. Klassischer Politikjournalismus ("Der hat gesagt, die hat gesagt") interessiere wie Ostereier im Advent, heißt es in der Branche. Ein Ergebnis sind leere Pressebänke in den Kommunal- und Regionalparlamenten, wovor immer gewarnt wird, weil das Lokale doch als Kern der Demokratie gilt. 

Übrigens: Die Kontrollfunktion der Presse zählt nach diesem Modell nicht zu den "User Needs".

Nun sind die Menschen flatterhaft wie ihre Bedürfnisse. Sie abonnieren keine Zeitung mehr, sie hüpfen von App zu App und wollen nichts dafür bezahlen. Das bereitet der "Neuen Pressegesellschaft" großen Kummer, über den mit ihr zu sprechen schon mancher Journalist versucht hat. Erfolglos. Die NPG spricht nicht. Nur einmal hat Andreas Simmet eine Ausnahme gemacht. Im Podcast "Jetzt mal ehrlich" (3. Mai 2026) der hauseigenen Rundfunkstation "Radio 7". Und siehe da: Es ist ein Mensch.

Oberchef Simmet will eigentlich nett sein

Der AC/DC-Fan berichtet von seiner Lieblingsspeise (Rinderfilet mit Spargel), seinem Bemühen, nett zu sein, alle Beschäftigten wertzuschätzen, und von seinem Hauptproblem, dem "Kostenloch", dem Personal. Allein 25.000 Zeitungszusteller:innen wollen einen Mindestlohn, den er ihnen natürlich gönnt, der aber seine Ausgaben steigen lässt, während die Einnahmen sinken. Noch teurer ist das journalistische Personal, das er als "künstlerisch angehaucht" wahrnimmt und über ganz Deutschland verteilt ist. Von Offenburg über Stuttgart und Ulm bis Cottbus und Frankfurt (Oder). Damit dieses Loch kleiner wird, muss er über Zukäufe wachsen, das Gewachsene wiederum über Synergien effizienter und kleiner machen, Menschen ins Gras beißen lassen, und daraus entsteht dann eine "Flurbereinigung in der Presselandschaft".

Ab Oktober werden das auch die Leserinnen und Leser merken. Spätestens. Die Einheitszeitung wird kommen. Federführend wird die "Neue Berliner Redaktionsgesellschaft" sein, die ihre Standorte in Berlin, Stuttgart und Oberndorf haben wird. Sie ist für die überregionalen Mantelseiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport zuständig. Die Layouts werden der "Südwest Presse" angepasst, die Produktion soll KI-gesteuert automatisch erfolgen, die Lokalteile werden von den örtlichen Verlagen nach Vorgaben aus Ulm gestaltet. Man sagt auch Zombie-Zeitungen dazu. Zeitungen, die so tun als wären sie eigenständig.

Damit sind Blätter wie die "Stuttgarter Zeitung", einst ein geachteter Titel in Deutschland, endgültig dort gelandet, wo sie heute angesiedelt sind: im Schrebergarten. Die Quittung könnte ein massiver Einbruch der Zahl der Abonnenten sein, von denen sie überwiegend leben.

Parallel dazu monopolisieren Simmet & Co. auch die Baden-Württemberg-Berichterstattung. In ihrem Büro in der Stuttgarter Calwer Straße drängeln sich inzwischen die Korrespondent:innen von elf Landeszeitungen, die alle auf die Texte von allen zugreifen können. Zusammen kommen sie auf eine Printauflage von knapp einer Million. Nicht zum Verbund gehören nur noch der "Reutlinger Generalanzeiger", die "Pforzheimer Zeitung" und die "Ludwigsburger Kreiszeitung", die gemeinsam knapp 100.000 Exemplare drucken. So viel zur Vielfalt in der freien Presse.

Am Ende stirbt ein Geburtshelfer beim Essen

Welche Macht daraus entsteht, wer sie wie nutzt, wie sie politische Verhältnisse, den gesellschaftlichen Diskurs beeinflusst – das sind alles Fragen, die noch keine Antworten kennen. Vieles wird abhängig davon sein, wie die "User-Needs-Modelle" klappen, ökonomisch wie ideologisch. Einer wie Manuel Hagel hat dafür ein Gespür. Er war der erste Politpromi in der neuen Machtzentrale, dem "tollen Ausrufezeichen" für Qualitätsjournalismus.

Das Beste zum Schluss: Die "Neue Pressegesellschaft" konnte nur zum größten Pressekonzern im Südwesten werden, weil es die "Neckar-Chronik" (Auflage 3.300) in Horb gab. Als unabhängiges Blatt habe sie die marktbeherrschende Stellung der "Südwest Presse" (200.000) verhindert, befand das Bundeskartellamt im vergangenen Jahr und winkte den Deal mit den Stuttgarter Blättern durch.

Der Retter war Alexander Frate. Als Rentner hatte er 2025 die "Neckar-Chronik" gekauft, die er zwei Jahre vorher an die NPG verkauft hat, weil er keine Lust mehr auf Arbeit hatte. So wurde er, zeitlich passend, zum unabhängigen Verleger. Am 27. April 2026 ist Frate beim Essen verstorben, worauf die NPG den Wanderpokal flugs wieder zurückerworben hat. Sie würden die Zeitung mit der "gleichen Liebe zur Region" weiterführen, versprach Simmet in einer Pressemitteilung vom 23. Juli 2026.

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5 Kommentare verfügbar

  • Thomas
    vor 3 Stunden
    Antworten
    Deshalb halte ich dem Reutlinger Generalanzeiger weiter die Treue, auch wenn er den Trend zur Verflachung mitgeht und die Kommentare oft irgendwo zwischen FDP und kurz vor rechtsaußen (Cvrlje & Co.) schwanken.
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